Guirlanden um die Urnen der Zukunft, eine interessante, originelle Familiengeschichte aus dem drei und zwanzigsten Jahrhunderte

Sechszehntes Kapitel. Der neue Krieger.

Sechszehntes Kapitel.

Der neue Krieger.

 

Germaniens Feinde drangen mit Allgewalt in die nördlichen Provinzen, und

des deutschen Kaisers Heere rückten bereits entgegen. Morgen mit der

aufsteigenden Sonne sollte auch das Heer des Lagers bei jener Stadt aufbrechen,

wo Sebald und Salassin unlängst waren, und die Erscheinungen der Mädchen

hatten.

Der Kaiser hatte vom Feste zurück in die Residenz sich begeben, Salassin,

flog in den Audienzsaal wo er bald vorgelassen ward.

Der Kaiser kam ihm freundlich entgegen, und grüßte den verstört sich

verbeugenden Jüngling.

Vergönne mir Vater des Landes — begann Salassin etwas verwirrt, weil er

sich nicht einmal auf das vorbereitet hatte, was er sprechen wollte — des

Monarchen milder Anblick machte ihn, der ihn oft sah und wohl kannte, etwas

gefaßter —

Sal. Vergönne dem Jüngling, dem deutsches Blut in den Adern glüht, der für

sein Vaterland zu leben und sterben gelobte — vergönn ihm eine Bitte erhabener

Kaiser!

Der Kaiser. Rede!

Sal. Die Normänner wie ich vernommen, verwüsten den obern Theil deines

Reichs — laß o laß, mich unter deinen Kriegern gegen die Feinde ziehen, ich

brenne vor Eifer dem Vaterland zu dienen.

Der Kaiser. Jüngling, ist deine Bitte kalter Ueberlegung Frucht, oder der

flüchtige Wunsch einer ehrgeizigen Seele?

Sal. (verwirrt) Mein erlauchter Kaiser — ich —

Der Kaiser. Getrauest du dich nicht auf andern Wegen deine Kraft dem Lande zu

verwenden? Reizt dich nicht blos der lockende Ruhm, der im Schlachtgewühle

so leicht zu verdienen scheint? Wisse, nicht jedem lächelt das Glück und läßt den

Lorbeer ihn pflücken — Mancher dir ähnliche Jüngling feurig, entschlossen, der

diese Bahn wandelte, fiel unberühmt.

Sal. Er fiel für das Vaterland — die Seinen beweinen ihn — Ruhmes genug.

Aber, erlaube mein Vater! Nicht der lockende Ruhm, nicht des Ehrgeizes

quälender Durst, treibt mich deine Majestät anzuflehn um die Gewährung

meiner Bitte — das Wohl der Mitmenschen ist der Sporn, der mich spornt, auch

meinen Arm gegen die Störer unsers Friedens zu erheben. Ich will helfen zu

siegen, von meinem Bewustseyn, recht gehandelt zu haben belohnt, oder fallen,

unberühmt und vergessen.

Der Kaiser. Jüngling — ist dein Entschluß fest, unerschütterlich?

Sal. Ein Fels.

Der Kaiser. Jüngling — noch einmal — ich gönne dir Ueberlegung! Laß dich

von Raschheit und feurigem Muthe nicht zu einem Schritt reissen, den du einst

bereuen dürftest — überlege — der Pfade dem Vaterland ruhmvoll zu dienen

sind noch unzählige.

Sal. Dieser für itzo der wichtigste.

Der Kaiser. Wohlan denn! Morgen mit dem dämmernden Tage bricht das Heer

auf — du hast nicht Zeit dich von Allem so dir theuer ist zu beurlauben —

vielleicht auf immer — zagst du nicht?

Sal. Entschlossen und muthig, will ich gegen Feinde kämpfen.

Der Kaiser. (legt ihm die Hand auf die Schulter mit forschendem Auge) Ich gewähre dir die

rasche Bitte nicht!

Sal. (entflammt) Mein Kaiser! Vergönne — vergönne mir dies einzige — erbarme

dich meines Jammers — ich will der letzte im Rang, der erste im Vordringen

seyn!

Der Kaiser. Wohl! Es sey dir gewährt — aber sogleich, ehe eine Stunde

vorübereilt, sollst du in das Lager!

Sal. (fällt dankend auf die Knie, und faßt ungestüm und stumm des Kaisers Hand) Mein gütiger

—

Der Kaiser. (der Kaiser sieht ihn mit einiger Verwunderung an) Ist dir alles das erwünscht?

Du willst fort, sogleich fort, dahin, wo Tod in jedem Pulverstäubchen lauert,

woher du vielleicht nie zurückkehrst — und doch willst du nicht erst von deinen

innigsten Freunden dich zum Lebewohl umarmen lassen? Entzückest über den

schnellen Raum einer Stunde?

Sal. Deine Güte — deine väterliche Weisheit löscht meine Flamme nicht!

Der Kaiser. So zieh denn hin! Jüngling — ich wollte dämpfen die Glut, die leicht

auflodernd und eben so leicht verglimmend schien — ist dein Entschluß die

Frucht eines nicht ganz edlen Gefühls — dann büsse für die Folgen — ich

warnte dich.

 

Der Kaiser trat an ein Schreibpult, schrieb, und gab Salassin, der halb froh,

halb harmbetäubt, auf seinen Knien lag, das Billet.

Morgen, wie gesagt, bricht das Heer auf — wenn es dir Ernst ist — so zieh

dahin — und komm als Held zurück.

Der Kaiser reichte dem Jünglinge das Papier, der trunken vor Freude und

Harm nach einer ehrfurchtsvollen Verbeugung dem Antliz des Monarchen

entschwand.

Schnell durch das Volksgewimmel dem tellmannischem Pallaste zu, rannte er

das Papier in der Hand, so ihm einige der niedern Militärstellen bestimmte —

In seinem Zimmer ergriff er hastig Diente und Feder, und schrieb einige

Briefe in wenigen Minuten. Seinem Vater und seiner Mutter, dem Fürsten von

Tellmann und Sebalden. Er empfahl sich, allen dankte u. s. w. sagte aber Keinem

wohin er gehe.

An Sebalden schrieb er folgendes:

S e b a l d !

„Sey glücklich! Ich wünsche das dir — Du liebst Lolly, ich sah euch beide im

Garten in einer Laube vertraut, — Lolly liebt auch dich. Die Freundschaft muß

meine Flamme, die für Lolly brennt, verlöschen. Noch einmal — sey glücklich

— und weine dem Freunde eine mitleidige Thräne, dem eine wohlthätige Hand

bald Ruh und Frieden geben wird.“

Salassin.

 

Keine Seele war in dem Hause — alles bei dem Feste noch — das war dem

Stürmischen lieb: er konnte sich unbemerkt wegbegeben. — Die Briefchen ließ er auf dem Tische liegen: Lollys Bildniß hieng an der Tapetenwand ob seinem

Ruhebette — schon stand er in der Thüre, ein Blick auf das Bildniß und er blieb

wie eingewurzelt stehen. Unwillkührlich langte seine Hand darnach — seine

Seele ward mächtig erschüttert.

Lolly! Mädchen — der schönsten schönstes — edelstes der edelsten — Ach

ich darf dich nicht lieben — Vielleicht wirst du gerührt einst meiner Urne eine

Thräne schenken, wenn mich des Krieges Schlund verschlungen haben wird —

dann sprichst du vielleicht mit nassem Auge: „Er war auch ein guter Jüngling!

Er liebte mich — und opferte sich meinem Heile.“ Ja — Unendlich Geliebte —

dein Heil — deins ist mir theurer als meines — Sebald ist ein edler Mann — der

dich ganz mit voller Seele liebt — du wirst glücklich in seinen Armen seyn.

Salassin ergriff das Bildniß, drückte es glühend an seine Lippen, blickte es

noch einmal an — gierig — stand wieder — ein Geräusch flüsterte in den

Tapeten — schnell flog er aus dem Zimmer: sattelte sich ein Roß, und entfloh

mit unbeschreiblichem Drang im Herzen der Residenzstadt. — Die Strassen die

er unlängst geritten — die Erinnerung der kleinen Vorfälle auf der Reise damals

mit Sebalden — die Urnen im Walde wurden nur schwach durch den Anblick

der Plätze erregt — wo es geschah und er nun vorüberritt — so betäubend war

das Gewitter in seinem Innern.

Mächtiger war der Eindruck des im Schlachtdampfe gefallenen Felsthals, der

mit Salassins itziger Lage viel Nahes hatte. Ihn trieb einst Verzweiflung in den

Krieg — sich den Adel zu erkämpfen, und die Geliebte des Herzens dadurch zu

erringen — und ach! er fand den Tod —! Ich will Ruhe finden — ich muß

Sebalden glücklich wissen —

Noch stand die Sonne am Himmel, die Wölkchen spiegelten wie blanke

Muscheln an dem Gewölbe des Firmaments — als Salassin im schnellsten

Galopp in das Lager an seinen Posten kam.

Mit der ersten Röthe des Tages brach das Heer auf, und Salassin ritt

schweigend in sich gekehrt in dem Zuge. Die muthigen Helden sangen zum

Musikhall ihre Kriegslieder, und glühten vor Eifer nach Schlacht und Tod oder

Sieg, ihre Gesänge weckten den mit sich ringenden Salassin nur selten.