Guirlanden um die Urnen der Zukunft, eine interessante, originelle Familiengeschichte aus dem drei und zwanzigsten Jahrhunderte
Fünftes Kapitel. Der Gasthof.
Fünftes Kapitel.
Der Gasthof.
Jadillchen fuhr inzwischen mit der fremden Dame immer weiter von der
heimischen Flur. Sobald ihr Wundenschmerz nachgelassen hatte, wurde das
Mädchen sehr munter, sie plauderte mit der Dame, die ihr allerlei Näschereien
gab und mit ihr spielte. Die niedliche Schwätzerinn behagte jener immer mehr
und mehr, so daß in der Seele der Fremden der Wunsch sich regte: Wenn doch
das liebe Kind bei mir bleiben könnte.
Endlich wekte der Anblik eines fremden Schlosses sie aus dem Spiele, und
Jadillchen schlug vor Freuden die Händchen zusammen: Mütterchen!
Mütterchen da ist! Vater und Salassin.
Das unbekannte Frauenzimmer mochte es aber nur zu gut merken, daß
Jadillchen durch die noch ungesehnen Bilder nicht wisse, wo es sey. Sie ließ vor
dem Schlosse den Wagen halten, stiegen ab, ein finstrer grämlicher Mann trat
tiefsinnig aus dem Gebäude, und gieng dem Garten zu, ohne beide eines Blickes
zu würdigen.
Ist das der Vater? — fragte die Dame, die Jadillchen bei der Hand hielt.
Jadillchen schüttelte bestürzt den Kopf, und sah bald das Haus, bald ihre
Gefährtin an.
So müssen wie weiter fahren!
Jadillchen schluchzte. „Da ist nicht Vater und Mutter und Salassin!“
Wir werden sie schon finden! tröstete sie die Dame, und hob sie wieder in den
Wagen, wo das Mädchen durch den Reitz artiger Spielwerke bald wieder allen
Kummer vergaß, und nur dann es fallen ließ und Mütterchen! rief, wenn sie ein
Weib irgendwo oder ein Gebäude, dem väterlichen Schlosse ähnlich, erblikte.
So fuhren sie ungefähr, bis der heiße Mittag allmählig seine segnenden
Strahlen auf die Fluren warf. Der Staub wirbelte in leichten Wolken unter den
Hufen den Rosse und Rädern des Wagens, und die schwüle Luft länger zu
athmen, war der Reisenden zu beschwerlich — Sie kehrten in einem der
nächsten Gasthöfe an der Landstrasse grade zur Zeit schon ein, als Willot dem Grafen anzeigte, Jadillchen könne er nicht finden.
Der Wirth des prächtigen Gasthofes, ein höflicher artiger Mann, kam ihnen
sogleich entgegen, und half den Ankommenden aus der Kutsche: faßte die Dame
beim Arme und erschrak als er ihr ins Gesicht blickte. Doch verbarg ers und
wies ihr ein Zimmer an, worinn alles war, was der bedürfnißvolleste Mensch
nicht gebraucht hätte, und doch war es blos ein noch ganz gewöhnliches
Zimmer. Tapeten üppiger an Gold und Seide als vor 500 Jahren Persiens
Monarchen sie besaßen, dekten die Wände: grünsamtne Ottomanen zum
Ausruhn, niedliche mit den schönsten Holzgattungen ausgelegte Tische,
Spiegeln in den Fensterläden und an den Wänden mit silbernen Rahmen. — Ein
Wink und zwei geschäftige Diener flogen um das Verlangte.
Jadillchen machte große Augen. Außer den Gemächern des väterlichen
Schlosses, die zwar weit schöner und geschmakvoller waren, hatte das Mädchen
noch keine andern gesehn, und der Reitz der schönen Neuheit bezauberte sie,
daß Mütterchen spät erst wieder ihr in Erinnerung kam.
Sie genossen beide das Mahl. Die Reise hatte den Hunger erregt, und der ist
wie bekannt, nicht nur bei armen Poeten und Schuhflickern unsers Jahrhunderts,
sondern auch im 23. bei Damen und Kindern.
Nach dem Mittagsessen kam der Gastwirth und fragte nach einigen
gewöhnlichen Komplimenten.
Meine Dame, du scheinst mir nicht unsers Landes zu seyn?
„Ich bin hier fremde.“
Vergieb — daß ich fragen muß, woher? wohin? wer? in welchen Geschäften?
— aber es ist Landessitte.
„Ich komme aus dem roten Kreise Deutschlands, von meinem Bruder dem
Edlen von Winzor, und reise zurük in meine Heimath nach England.
Und das ist ohne Zweifel — deine Tochter? oder Enkelin das kleine Mädchen
da?
Die Dame nickte halbverlegen: Ja!
Der Gastwirth reichte ein großes Quartbuch mit stark vergoldetem Einbunde
der Dame hin, brachte Schreibzeug, und fuhr fort: — Ich bitte, sey so gut, deinen
Namen hineinzuschreiben. Es ist Sitte bei uns, alle Durchreisenden wo sie
einkehren aufzuzeichnen. Theils der Ehre wegen, viele Gäste und vorzüglich
Edle aufweisen zu können, theils um aus der Menge der Passagiers den
Standwerth des Gasthofs taxiren zu können.
Die Dame schrieb ihren Namen in das Buch.
Wie? Saline Melson? Aus England?
„Ja! mein Herr!“
Dein Bruder — Edler von Winzor?
„Ja! wie fragst du so auffallend?“
Und hast du deinen Bruder getroffen?
„Mein Herr —“
Erlaube — wenn ich nicht irre — ich habe dich, meine Dame jemal schon
gesehen.
„Sehr möglich wenn du in England vielleicht gewesen —“ Sollte dir denn
meine Phisognomie gar nicht eine bischen bekannt vorkommen?
„Wie das? Ich —“
(Der Gastwirth küßt ihr bewegt die Hand) Kennst du —
(Die Dame ward frappirt) Wen?“
(Zu ihren Füssen stürzend) Deinen verstoßnen Sohn nimmer?
„Gott im Himmel mein Sohn! mein Jehnson! — Die Stirnnarbe!“ Sie
umarmten sich zärtlich, und als die erste Begeisterung des Entzückens verflogen
war, rief die Dame:
„Welch frohes Wiedersehen nach langen Jahren!“
Der Gastw. (im Erguß seiner Freude) Ja wohl nach langen, langen Jahren! Wie so
unverhoft! O meine Mutter was hab ich gelitten, was hab ich erduldet, seit ich
aus deinen mütterlichen Armen verstossen bin. Tausendmal wollt ich zurük an
dein Herz, das mich immer zärtlich geliebt, tausendmal zurück in mein Vaterland
fliehen, aber — ach, mein Vater —
Die Dame. Sohn — er ist — gestorben! Er hat —
Der Gastw. Gestorben? Gestorben? Ach, und hat auf seinem Sterbelager —
Die Dame. Den Fluch zurükgenommen, dich gesegnet!
Der Gastw. (freudig) Gesegnet? Gesegnet? O denn Ruhe, Ruhe seiner Asche — er
hat mir ja verziehen, mich gesegnet! O meine Mutter! wie hat mich sein Fluch in
der weiten Welt herumgejagt! Irrend in fremden Ländern, aus meinem Vaterland
gestossen, lebte ich nur zur namenlosen Qual. Von einem Orte zum andern trieb
es mich unaufhörlich, überall und überall verfolgte mich sein entrüstet Bild.
Ueberall und immer klangen in meinen Ohren die Worte des Grimes: Fluch dir,
Schande deines Vaters! Wo ich gieng und stand, wo ich schlief und wachte, und
saß und eilte, klangs um mich und peitschte Ruhe und Frieden aus mir. Lange,
lange, nach vielen Monden konnt ich Fremdling der Welt keinen Reiz meinem
Leben abgewinnen: melankolisch war meine Seele und durchstürmt von tausend
Martern, die mich oft zum verzweifelten Gedanken des Selbstmordes brachten.
In dieser namenlos elenden Lage, meine Mutter! irrt ich umher in Gottes weiter
Welt, ohne Obdach ohne Vater, ohne Mutter, ohne einem tröstenden Freunde;
keine Seele nahm Antheil an meinem stillen Jammer, der noch immer folternder
wurde, je länger ich aus meinem Vaterlande, von meinen Eltern verstossen, von Marlon getrennt, und vielleicht, ach vielleicht verwünscht in fremden Ländern
herumschweifte. Bis ich endlich nach Norland kam, wo man mich unter das
Kriegsheer steckte, das gegen meine itzige Heimath Germanien Krieg führte, bis
ich hier im Schlachtgewühl betäubt nur den Retter verlangte, der meine Wunden
heilen auf immer heilen konnte, den Tod. Aber ich fand den Ersehnten nicht. Zu
meiner Stirnnarbe, die mir damals der entflammte Vater mit dem Schwerte
schlug, als er mich fortjagte, gesellten sich neue Wunden — gefährlich, tödtlich
nennt man sie, aber ich nannte sie heilsam, denn ich meinte der Tod würde diese
Wunden bald heilen.
Die Dame. Mein armer, armer Jehnson!
Jehnson. Aber ich hatte falsch gerechnet — die Wunden bluteten noch als ich
von den Deutschen gefangen ward. Doch welch eine Gefangenschaft! Freyheit,
Freyheit war sie in diesem teutschen Lande! Die Normänner wurden einmal um
das andermal geschlagen, und zum Frieden gezwungen. Ich ward wieder gesund,
die Gefangenen erhielten die Willkühr, sich zurük zu begeben, oder wenn sie
fleisige Glieder seyn wollten, da sich anzusetzen. Ich blieb da, man gab mir in
wenig Monden das Bürgerrecht, und ich arbeitete für dies Land. Die Erinnerung
an meine Unfälle ward nach und nach schwächer, ich fand Beruhigung und
einige Vergessenheit in meinen Arbeiten. Die Baukunst war meine liebste
Beschäftigung. Man gab mir Mitteln an die Hand, mich zu bilden, ich bemühte
mich mit Freuden dieser Grosmuth gegen mich Fremdling werth zu seyn, und es
gelang mir in einigen Jahren mich auszuzeichnen. Ich machte einen Riß für ein
Gasthaus, und ward aufgemuntert das Gebäude nach der Angabe aufzuführen.
Glüklicherweise stellt ich es her, und es übertraf an Simetrie, Feste und
Bequemlichkeit des Baues alle noch stehenden Gasthöfe; das Kollegium der
Edlen belohnte mich mit diesem besten Gasthofe da, wo ich nun seit vier Jahren
in Frieden, aber doch nicht glüklich lebe. O wie oft sehnte ich mich, wenn es mir
auch am besten gieng, an die Brust meiner Eltern — wie oft war ich schon auf
der Reise zu dir gute Mutter; aber ich kannte des Vaters unversöhnliche Härte —
ich empfand, daß mein Tropfen Freude dann nur noch gar vertroknen würde,
wenn er erbittert mich nicht hätte sehen wollen; dann ward ich trübsinniger und
gab mich meiner Melankolie preis. Ich segne die Stunde, die mich, Mutter! dich
wiedersehen ließ. Sey mir tausendmal willkommen! Ich darf ja wieder mich an
dein Herz drücken, der Vater nahm ja den Fluch von mir, er segnete mich!
Jehnson umarmte mit Sohnes Zärtlichkeit die gerührte Mutter, die den vielen
Leiden ihres Jehnson manche Thräne weinte; sie erwiederte mütterlich und
freudenvoll des Sohnes Umarmungen.
Glaube, mir lieber Sohn! — sprach sie nach einer Pause, in der sich beide den süssesten Gefühlen stumm überlassen hatten — Glaube mir, daß ich nie des
Vaters harten übereilten Endschluß billigte. Ich sprach laut für dich, und gab
mich dadurch seinem Ungestüm und vielen Vorwürfen blos. Nur zu oft dachte
ich deiner. Wie wird es ihm ergehn? Wo irrt er herum, was wird er leiden, den
ich unter meinem Herzen trug? So sprach ich zu mir in vielen bangen Stunden;
und weinte im stillen Dunkel um dich. Vielleicht seh ich ihn nie wieder vor
meinem Tode, nimmer der Mutter geliebten Sohn. Also ängstigte sich mein
Herz. Marlon —
Jehnson. Meine Marlon — was ward aus Marlon?
Die Dame. Sie rang über deine Trennung mit der Verzweiflung. Kaum warst du
wenige Wochen entwichen als in unsrer Monarchie ein fürchterliches Wetter los
brach. Lohnstohn ihr Vater ward einiger Verbrechen wegen in die Jammerburg
gesezt, die beiden Kinder nebst der ganzen Familie des Landes verwiesen.
Marlon hatte einen Knaben gebohren; und ehe ihr Bruder noch als Geächteter
das Land verließ, war sie bereits mit ihrem Kinde fort. Niemand wußte wohin?
Man sprach, sie sey dir nachgefolgt, du hättest ihr den Vorschlag schriftlich
gethan, mit dir in einem andern Lande sich zu vermählen, darüber ward dein
Vater wüthend, und zog sich eine dreijahrwährende Krankheit zu. Seit dem wußt
ich kein Sterbenswörtchen von euch Allen.
Jehnson. Barmherziger Himmel! Wo irrt nun Marlon mit dem Geschöpf herum,
das meiner Schwachheit sein kümmerlich Leben verdankt! Wo soll ich sie
finden? Ich hörte nie von ihr! Aber suchen will ich die Leidende! Suchen in aller
Welt! Vielleicht führt mir ein seeliger Augenblik die Unvergeßliche zu, und ich
kann den Kummer, den ich ihr bereitet habe, in Freude verwandeln! Aber —
ach! vielleicht hat er sie schon lange getödtet!
Das ist nicht der Vater! unterbrach die Schwätzerinn Jadilla die Pause,
nachdem sie lange Jehnson scheu angeblikt, und die Dame beim Kleide gezerrt
hatte. — Gelt, du bist nicht Vater?
Liebliche Unschuld! — sprach Jehnson und nahm sie auf seine Arme, und
küßte Jadillchen, die sich mit kindlichen Unwillen sträubte.
Du bist nicht Väterchen! — küssen — ey!
Die Dame lächelte, und Jehnson fragte:
Meine Mutter — du scherzest — ist das wirklich mein Schwesterchen?
Nein, lieber Jehnson!
Jehnson. Als ich damals England verließ, war Sara schon zehn Jahr alt. Was
macht Schwester Sara?
Die Dame. Sie vermählte sich mit einem braven Manne, und ist bereits Mutter
von zwei Kindern, vielleicht wenn ich sie in acht Tagen wieder sehe, treffe ich
sie zum Drittenmale im Wochenbette.
Jehnson. O meine Mutter — Sobald willst du wieder von mir. Kaum sind es ja
zwei Stunden, seit wir uns fanden. Bleibe, bleibe bei deinem Jehnson — theile
mit ihm! Ich will dein Sohn, nur dir, nur dir leben! Will kindlich und so gut wie
Sara dich pflegen, den Kummer, die Tage des Alters dir erfreulich machen, will
all meine Kraft anwenden, deine mütterliche Sorgfalt einigermassen zu
vergelten. Bleibe bleibe bei deinem Jehnson!
Die Dame. Dringe nicht in mich Lieber! So gerne ich dir willfahren möchte —
Jehnson. O was kann dich abhalten? Du sollst sehen, wie froh mein neues Leben
—
Die Dame. Hör auf! Man stirbt so gerne da wo man gebohren ist, und
Mutterherzen hängen doch immer mehr an Töchtern. Sara bedarf meiner — drei
Monde schon bin ich fern. Ich bin überdies schon sehr schwach — krank —
vielleicht folg ich bald dem Vater.
Jehnson. Das wird der Himmel verhüten! Aber eben weil du alt und schwach
bist — meine Mutter! bleibe, die Reise möchte dir schaden!
Die Dame. Laß ab, ich kann von Sara fern nimmer ruhig seyn. Morgen zeitlich
muß ich fort, vermehre meine Sorgen nicht.
Jehnson. Das ist traurig — und darf ich nicht mehr bitten. Aber sobald es
möglich, sehen wir uns wieder.
Sie verplauderten noch die kurze Zeit, und als der Morgen den Osthimmel
röthete, lauer der kühle Nachtwind wehte, und die Schwalben ihr Morgenlied
schmetterten, trennten sie sich bewegt. Jehnson führte seine Mutter und
Jadillchen, um die er in seiner Wonne gar nicht mehr gefragt hatte, auf die
Strasse. Sieh da! Die Kutsche war nicht hier, aber eine Luftgondel flatterte mit
den ausgespannten Seegeln.
In diesem Reisewagen, wirst du bequemer und schneller heim kommen, meine
Mutter! — sprach Jehnson und schied tief gerührt von seiner geliebten Mutter!
Leb wohl! mein Sohn! leb wohl, meine Mutter! riefen sie sich nochmal zu, und
die Gondel trug auf den Fluthen des Aethers die Dame und Jadilla fort. Jadilla
— so nannte sich das verlohrne Mädchen, wenn es die Dame um ihren Namen
fragte. — Die Fluren Germaniens dämmerten allmählig wie durch einen Flor,
und der unten nachsehende Jehnson bemerkte bald nichts, als einen schwarzen
Punkt von der hohen Gondel, bis sie endlich ganz verschwand.
Jadilla weinte und rief. Mutter! Vater! Salassin! Ach wo sind sie denn? — Die
Dame tröstete das arme Kind, so gut sie konnte.