Guirlanden um die Urnen der Zukunft, eine interessante, originelle Familiengeschichte aus dem drei und zwanzigsten Jahrhunderte

Siebentes Kapitel. Der Flüchtling in der Jammerburg.

Siebentes Kapitel.

Der Flüchtling in der Jammerburg.

 

Aus allen Provinzen Germaniens waren Menschen nach der Stadt gereist, um

den Helden und die beneidenswürdigen Sieger zu sehen. Ein undurchdringliches

Gemenge der Menschen regte sich auf den Plätzen und in den Strassen, wo das

Heer durchziehen sollte. Alle Fenster waren gefüllt mit Menschen, und Bäume

der Alleen in den Gässen und die Dächer der Gebäude trugen Zuschauer, die voll

der gespanntesten Erwartung ihre Blicke dahin hefteten, wo die Tapfern zogen.

Im tellmannischen Pallaste waren die Wallingauer und ihre Freunde, mit

klopfenden Herzen und unaufhörlich forschenden Augen den geliebten Helden

zu ersehen; denn sie bezweifelten, daß Salassin das Heer doch verlassen habe,

wiewohl sie keinen andern Grund dazu hatten, weil es ihre Herzen nicht glauben

konnten, Salassin würde so übereilt seyn.

Die donnerngleich schmetternden Trompeten und Pauken erhallten und

schallten endlich in der ersten Strasse beim Thore, das Volk rief laut sein

kosendes Willkommen! Es lebe der Kaiser! Es lebe der Held!

Die Musiken erklangen, und das Heer stimmte sein Triumpflied an, daß es wie

ein Strom durch die Stadt sich wälzte:

 

Triumpf! Triumpf! Triumpf! Erschallt

Ihr Siegeshymnen tönt und hallt

Durch Lüfte hoch empor!

Der vor den Feinden uns erhob

Dem Gott des Sieges Ruhm und Lob

Erhalle Jubelchor!

 

Triumpf! Erklinge Liederklang!

Wir ziehen unter Jubelsang

In unser Vaterland!

Um unsre Häupter grünt das Reiß

Vom Eichenbaum, der Helden Preis,

Der Tapferkeit Gewand!

 

Wir standen in dem Schlachtgewühl

Ein Fels im Wogenschaumgespühl

Und standen fest und kühn.

Die Brust vom hohen Muth geschwellt

Ein Gott war unsers Kaisers Held,

Er schlägt, die Feinde fliehn!

Sie fliehn zerschlagen durch die Fluth

Der Brüder schwarzgeronnen Blut,

Ersiegt ist Heil und Ruh!

Wir kämpften ja in Gottes Sold,

Der Tapferkeit mit Siegen zollt,

Uns floß sein Segen zu!

 

Triumpf! Wir kommen im Gewand

Der Sieger heim ins Vaterland,

Wo unsre Lieben sind!

Mit doppelt hohem Brustgefühl

Vertauschen wir das Schlachtgewühl,

Und unser Friede grünt!

 

Triumpf! Triumpf! Triumpf! Erschallt

Ihr Siegeshymnen, tönt und hallt

Im Vaterland empor!

Der vor den Feinden uns erhob,

Dem Gott des Sieges Ruhm und Lob!

Erhalle Jubelchor.

 

So sangen die Helden in den wiederhallenden Klang der Kriegsmusiken, und das

Volk stimmte mit ein.

Der Kaiser mit den vornehmern Führern voran, das Heer nach über den

großen Platz zur Residenz des Monarchen, an den sich die lärmende

Menschenmenge unaufhörlich mit dem lauten Ruf ihres Jubels drängte.

Schon zog der letzte Trupp in schöner Ordnung bei dem Fürstenpallaste

Tellmanns vorüber, und noch hatten die Freunde Salassins vergebens ihre Blicke

in die Glieder des Heeres gelenkt. Salassin schloß mit einem zweiten Theil der

vornehmern Offiziers den ganzen Zug.

Alle wähnten nun sicher und gewiß: Salassin ist doch fort! Der Kaiser ritt

voran, und wenn Salassin das Heer nicht verlassen hätte, warum wäre er denn

nicht an der Seite der Majestät, als ein so berühmter Held? — So glaubten die

Guten und zogen traurig die Blicke zurück, als sie im Gefolg des Monarchen den

Ersehnten nicht gesehen hatten.

Nun spähen wir schon vergebens! — rief Jadilla an Wellys Seite, und drehte

sich vom Fenster.

So hat ihn doch sein Sturm in die Fremde verschlagen! — sprach Bengler!

Ach! — Wenn er mich so liebte wie ich ihn — er wäre gewiß da! — seufzte

Lolly traurig, und sah noch ganz allein auf den Zug hinab.

Aber welch ein süsser Schrecken übergoß plötzlich ihre blassen Wangen mit

Morgenröthe, als der letzte Trupp näher rückte, und Salassin in der Mitte der

Offiziers auf einem stolzwiehernden Fuchse ritt! Ihr lautes Freudengeschrey:

Salassin! Salassin! riß schnell alle wieder zum Fenster, und die Freunde

erblickten ihn endlich. Er saß sinnig in sich gekehrt auf dem Pferde, und schien

des Volkes Geschrey nicht zu hören, nicht zu sehn das Gedränge um ihn, und das

Winken der Freunde, der Eltern, und Geliebten.

Ach! — sein kämpfendes Herz befürchtete nur zu sehr, wie wehe es ihm

werde, blickte er auf den tellmannischen Pallast, und sähe Lolly mit Sebalden

da!

Dem Himmel sey Dank! Da ist er doch! — riefen die Versammelten und

schwammen in Entzücken.

Wie traurig er auf dem Pferde sitzt! Er sieht nicht einmal her auf uns. Er hört

unsre Grüsse nicht! Sprachen sie wechselweise, und Lolly lief von einem Fenster

zum andern.

Endlich stand der Zug grade vor Tellmanns Fenstern. Salassin war in der

regesten Bewegung. Er warf einen flüchtigen Blick auf den Pallast, und — wäre

beinahe vom Gaule gesunken; denn Jilla lag neben Sebald im Fenster, er hatte

diese sogleich erblickt, und die ungemeine Aehnlichkeit mit Lolly machte, daß

er nun für ganz gewiß ihn mit Lolly glücklich und eins hielt.

Wie von Donner gerüttelt ermannte er sich, spornte das Roß, und gallopirte

aus der Reihe heraus der kaiserlichen Residenz zu, mit dem festen Willen,

sogleich die Stadt und das Land zu verlassen.

Noch war der Monarch mit dem herum sich drückenden Volke beschäftigt, das

ihn Salassins Worte gar nicht einmal hören ließ, als Salassin Pflicht vergessend

fortrannte, um durch das erste beste Thor in das Freye zu kommen.

Seine hitzige Eile machte alles aufmerksam — Ein grosser Theil sah ihm

nach, der größere drängte sich an ihn, hielt ihm des Pferdes Zaum und er mußte

halten. Zwar that dies das Volk blos aus leidenschaftlicher Begeistrung, das den

Retter des Vaterlandes vergötterte, und Salassin hatte Mühe das nächste

Stadtthor zu erreichen.

Wohin? — fragte der Thorsteher, und hielt den Zügel des Pferdes mit Mühe.

Salassin spornte den Renner, und wollte gewaltsam durchdringen. Jener

winkte und die Thore schlossen sich.

„Nicht weiter! Wir dürfen heute Niemanden herauslassen.“

„Ich bin Salassin.

„Schon gut! So muß ich meinem Befehle gehorchen, und dich in dieses

Gebäude da führen.“ Er zeigte auf ein nahes Haus.

Mich? Warum? —

Der Thorsteher wies ihm des Kaisers Handschrift, und Salassin mußte sichs

gefallen lassen, ihm zu folgen.

Im Vertrauen — begann sein Verhaftsnehmer, als er den Helden in ein ganz

artiges Zimmer geführt hatte — Du wirst bald in Freiheit kommen. Sey so gut

und bleibe hier — mein Leben haftet für dich — Du sollst alle Bequemlichkeit

haben. Bis ich es dem Kaiser vorgezeigt habe, nur so lange verhalte dich da —

Es ist ohne Zweifel zu deinem Besten gemeint. Ich zeig es sogleich an.

Salassin warf sich in einen Sessel, und war zufrieden, wenigstens allein, und

ungestört von allem, was ihm lästig fiel, worunter sogar des Volkes

Freudenäußerungen waren, mit sich selbst zanken zu können.

So eben war der Monarch in den Gesellschaftssaal der Residenz getreten:

Tellmann und seine Gäste nebst unzähligen Andern Edlen standen da, als der

Thorsteher mit einem Papiere in der Hand hereintrat, und es Tellmann als dem

Vorsteher der Polizey zur Seite gewinkt ins Ohr flüsterte, was mit Salassin

vorgegangen war.

Warte nur! Du Wildfang! sprach Tellmann für sich. Du sollst uns entschädigen

für die Streiche, die du machst. — Er theilte den Vorfall seinen Freunden mit,

mit denen er bald darauf den Residenzsaal verließ.

Alle brannten vor Begierde, den geliebten Flüchtling einmal wieder zu

umarmen; am meisten was am wenigsten zu verargen ist — Lolly.

Mädchen überzieht euch geschwinde! Aber ihr müßt Beide so ähnliche

Kleider nehmen als ihr nur immer habt! Wir wollen uns zu gutem Ende mit dem

Erstaunen Salassins ergötzen. — So sprach Tellmann, und Lolly und Jilla

thatens. Sie kleideten sich einfach und kunstlos, ein blaues Gewand mit

rosenrothen Schleifen, Herbstveilchen im natürlich gelockten Haare — kurz mit

dem Zauber der Grazien geschmückt standen die Mädchen da, ähnlich daß ihren

Eltern beinahe schwer zu rathen wurde, welches Jilla, welches Lolly sey.

„Ihr fahrt in dem Wagen, der hier unten vorm Pallaste steht — fuhr Tellmann

fort, als die beiden Anadyomenen fertig waren — dahin wo der Kutscher euch

führen wird. Das Zimmer, wo Salassin ist, wird man euch deuten. Ihr überreicht

ihm diesen Verhaftsbefehl, und bringt den unbändigen Flüchtling in der Kutsche

hieher. Doch die Fensterchen müßt ihr verschliessen, und wann er aussteigen

soll, ihm die Augen verbinden. Nur stellt es hübsch klug an, und macht als

kenntet ihr ihn nicht!“

Die Beiden fuhren dahin, das Zimmer ward ihnen gezeigt, sie traten hinein als

Salassin eben in einer schwermüthigen Stellung Lollys Bildniß, das er damals

mit forttrug, als er in den Krieg zog, in seinen Händen hielt. Eine Thräne stand

dem Helden im Auge, und er drückte das Bildniß an seinen Mund.

Er erschrak bei dem Anblick der beiden Grazien so sehr, daß er das Bild aus den Händen fallen ließ.

Leb ich in einer Feenwelt? stotterte er vor sich hin, unentschlossen ob er ihnen

entgegen kommen sollte oder nicht.

Wie nach einem Traumbild, das seine ganze Seele mit magischen Zauber

verwirrte, streckte er unwillkührlich seine Arme aus; aber zog sie eben so

schnell zurück, denn hier waren zwei Mädchen und eine nur konnte Lolly seyn,

wenn es ja nicht etwa gar Geister sind.

Die Mädchen kicherten halb laut auf einander, als sie Salassin in seiner

Verlegenheit sahen. Er starrte sie an, wie ein Träumer, der sein Traumbild

plötzlich, wenn er erwacht, in Wirklichkeit sieht.

Kommt ihr aus den Gefilden der Feenwelt, Mädchen! — fieng er endlich

lächelnd an, als er sich von seinem Erstaunen erholt hatte: Die Mädchen blieben

stumm. Nehmt mich auf in eure seeligen Fluren! Wer seyd ihr? Schwebt ihr

hernieder aus Griechenlands Götterthum, oder aus Geßners Hirtenwelt? Führt

mich, führt mich dahin woher ihr kommt! Wer seyd ihr?

Jilla wies schalkhaft auf Lolly, und diese auf jene, als wollten sie sagen, ich

bin sie, und sie ist ich.

Redet, redet — fantasirte Salassin trunken vom Zauberwein der schönen

Empfindung fort — Redet — wo bin ich? Oder könnt ihr nicht sprechen?

Lolly hatte das Bildniß, so Salassin aus der Hand fallen ließ, aufgehoben,

zeigte es Jillan und warf einen Blick auf den wirren Salassin, als wollte sie

fragen, wer das sey?

Das bist du — antwortete Salassin, indem er auf Jilla zeigte, welche das

Köpfchen schüttelte, und auf Lolly wies.

O so mußt du es seyn! — wandt er sich nach Lolly, die lächelnd nickte. Mit

herzlichem Ungestümm wollte sie Salassin umarmen, aber sie sträubte sich mit

erborgten Unwillen von ihm, und zog den Verhaftsbefehl aus dem Busen.

Salassins Augen verschlangen das Papier, das er kaum durchlesen betäubt

fallen ließ.

Ich als ein Flüchtling gegen des Monarchen Gebot in die Jammerburg? Beim

Himmel, fast glaub ich, mein Verstand ist dahin! O bringt mich, bringt mich nur

immerhin in dies Gefängniß — wenn ihr mir zur Seite bleibt, dann bin ich der

seligste der beneidenswertheste Wahnsinnige.

Die Beiden lächelten und verbanden ihm die Augen, führten ihn in den

Wagen, und rollten fort in den tellmannischen Pallast, wo alle mit

unbeschreiblicher Spannung harrten.

Endlich kamen die Mädchen mit dem Flüchtling zurück, die Thüre öffnete

sich, und sie führten den Augenverbundenen Salassin auf den Gesellschaftssaal,

wo Welly und Jadilla, Bengler, Jehnsen und Marlon mäuschenstill saßen, und trotz der stürmenden Wonne, die ihnen im Innern arbeitete, kaum freien Athem

schöpften, um Salassin nicht zu verrathen, daß er unter mehrern Menschen sich

befände.

Als er in der Mitte des Saals stand, erhob sich Bengler, und sprach mit

verstellter Stimme:

Junger Mann, diese Wohnung sey dein künftiger Aufenthalt! Du handeltest

wider das Gebot deines erhabenen Monarchen, man hat Beweise von deiner

Narrheit — hier wirst du dein Leben verbringen.

Ich bins zufrieden — antwortete Salassin mit etwas ernsthafter Stimme —

Nehmt mit nur die Binde ab, damit ich doch meine Wohnung sehen kann.

 

Beng. Gleich! Deine Freiheit hast du gesezmäßig verloren — du wirst zwar alle

Bequemlichkeiten des Lebens hier finden, aber aus diesem Gefängnisse kömmst

du nie heraus. Des Monarchen Großmuth giebt dir überdies eine von den beiden

stummen Führerinnen zur Pflegerinn, damit du bei ihrem Anblicke für das

gestraft werdest, was du gegen Lolly deine ehmalige Geliebte verbrachst.

Sal. Das ist eine grausame Großmuth!

Beng. Nicht wieder voreilig! Bist du zufrieden mit dieser Strafe? Willst du

nimmer entweichen diesen Banden, so dich jetzo umschlingen?

Sal. (den Lolly ihren Armen umschlang) Was bleibt dem Gefangenen übrig!

Beng. (Indem er Salassin die Binde vom Auge nimmt) Nun bleibe lebenslänglich in dieser

Gefangenschaft.

 

Die Binde fiel ihm von den Augen, und Lolly hielt ihn in ihren Armen, indem

sie sich zärtlich an ihn preßte, und Salassin! mein Geliebter! rief.

Sprachlos stand Salassin, die Ueberraschung tödtete alle Worte, er warf einen

Blick auf die aufstehenden Freunde, und schloß Lolly in seine Arme.

Noch immer fand er die Sprache nicht, als seine Mutter und sein Vater und die

Andern ihn brünstig umhalsten. Eine marmorne Bildsäule stand er da, als fühlt er

nichts, als wäre das Bewustseyn auf immer entflohen.

Endlich erholte er sich, und eine heiße Freudenthräne rann über seine blasse

Wange als Sebald ihn an sein Herz drückte. „Mein Sebald! vergieb! ich that dir

Unrecht. Ja hielt dich mit Lolly einverstanden, und wollte mein Vaterland auf

immer fliehen!“ So sprach er und nun — bricht die Urkunde aus dem Archiv der

Zukunft ab, vermuthlich sah der Autor ein, daß seine Feder eben so schwach wie

die meine sey — alle die herzlichen Ergüssungen der namenlosen Freuden zu

schildern, die hier jegliches Herz, wie die Frühlingssonne die verjüngten Gefilde

durchstrahlten; wie Welly und Jadilla dem Bruder die Schwester, die er einst in

der Fieberfantasey der Liebe in Sebalds Armen für Lolly hielt, zuführten; wie Salassin erstaunte, als man ihm alles enträthselte.

Soviel als ich vermuthen kann, dachte von itzo an Salassin nie wieder nach

fremden Ländern zu fliehen, und es war ihm in der That wunderlich und banger

zu Muthe als in der gefährlichsten Schlacht.

„Kinder!“ — sagte Bengler lächelnd — „Wenn euch des Priesters Band wird

umschlungen haben, irrt euch ja nicht einmal mit den Weibern. Du Salassin, daß

du nicht Jilla für Lolly, und du Sebald, daß du nicht Lolly für Jilla in die

Schlafkammer führst.“

 

E n d e .