Guirlanden um die Urnen der Zukunft, eine interessante, originelle Familiengeschichte aus dem drei und zwanzigsten Jahrhunderte
Vierzehntes Kapitel. Die Verzweiflung.
Vierzehntes Kapitel.
Die Verzweiflung.
Die Tage flogen allmählig dahin, wie die Gedanken des Menschen, immer
höher und höher stieg Salassins Hoffnung und Furcht.
Er saß eben einsam und traurig in seinem Zimmer, und klagte dem
vertraulichen Euphon des wühlenden Herzens Qualen. Ein Diener bracht ihm
einen Brief; die Schrift war ihm nicht ganz unbekannt, doch sagt ihm sein
Gedächtniß nicht so ganz deutlich, wo er sie einmal gesehen! Er erbrach ihn —
„Vielleicht ließ ihn Sebald, wenn er wieder kränker ward, durch eine zweite
Hand schreiben!“ — Er las.
S a l a s s i n !
„Verschmähe meiner Bitten letzte mir nicht! Das schamdurchdrungene
Mädchen wagt es zum letztenmale mit dir zu sprechen. Ich zittre — in meinen
Adern raset ein stürmendes Blut — mir schwindelts — in meiner Seele tobt
Verzweiflung — ein wilder Kampf — ein wüthender Streit des verschmähten
Herzens und des beleidigten Ehrgefühls — Ha Verzweiflung — Verzweiflung
raset in mir! Jüngling habe Mitleiden mit mir Verächtlichen — Verächtlich — ja
— das bin ich — das ward ich — du edler — mußt mich verachten. Ha Liebe —
wohin hat mich deine Wuth verschlagen — was war ich einst — und was bin ich
durch dich — O Salassin, wenn ein Fünkchen Mitleid in dir glimmt — o
gewähre mir die letzte Bitte — eine kleine Bitte, zu der mich mein wahrer
Wahnsinn kühn macht! Du — den ich so tief gekränkt, beleidigt — o vergieb,
vergieb mir — in meinem Kopfe flirren blutige Gespenster — ich kenne mich
nimmer — Heute wenn der Mond vom bläulichten Himmel seinen blassen Glanz
verstreut — erscheine mir — sey ruhig, ich verachte mich selbst — ich bereite
dir keine Gefahr mehr — erscheine auf dem hochbuschichten Wall gegen die
Citadelle, bei der jener Strom vorüberrauscht, an dessen Ufern ich
Schamvergeßne einst im unnennbaren Seelentaumel dir meine Liebe gestand!
Salassin — nur diese einzige Bitte dem verzweifelnden Mädchen, das zu tief
gefallen seine beschämten Blicke nimmer im Tageshell auf dich werfen kann! Komm, komm, meine Seele erliegt dem wüthigen Krampf — nur ein Wörtchen
noch von deinem Munde will ich hören — nur einen mitleidigen Blick — einen
leichten Seufzer — daß ich der Verzweiflung, die kralligt mich geißelt — daß
ich der Furie nicht erliege. Verschmähe diese kühne Bitte mir nicht.“
Wellmine
Salassin staunte. In seiner Seele mengten sich Abscheu, Mitleid, Stolz und
Rührung bunt wie in den Träumen eines Kranken die Fieberbilder.
Sie ist wirklich wahnsinnig! Sie dauert mich! — Was kann ihr das helfen —
wenn sie noch einmal mit mir spricht? Kann sie mich noch ansehen? Warum an
diesem Orte? — Was hat sie vor? Die blutigen Gespenster in ihrem Kopfe — sie
raset wirklich! — Ich will dir die Schande ersparen mir noch einmal unter die
Augen zu treten! Aber sie verzweifelt in der Verachtung ihrer selbst! — Kann
ich sie — darf ich ihr die Bitte gewähren? — Sie ist so niedrig, ja doch nicht!
Denn sie fühlt sie fühlt tief und quälend ihre Schande — sie schämt sich vor sich
selber — Mädchen; Du rührst mich — ich will doch an den Ort, wohin du mich
bestelltest.
Salassin irrte den ganzen Tag mit sich selber im Streit umher. Des Briefes
gräßliche Worte empörten ihn bald — bald durchdrang ihn inniges Mitleid mit
der jammervollen Lage der Unglücklichen.
Der Mond streute endlich seinen blassen Todtenglanz vom trüben Himmel
durch zertheilte Gewölke. Salassin erstieg den Wall, auf dem hochbuschichte
Hecken grünten. Wie ein Felsenberg hoch war der Wall aus Felsen gehauen. Der
Strom wälzte sich unter ihm majestätisch in schaumvollen Wirbeln über
hervorragende Klippen — Schwindln und Schauern ergriff den Jüngling, und in
ihm drängte sich eine fürchterliche Ahndung auf.
Stille wars rund um ihn her — eine tiefe grauenvolle Todtenstille — Kröten
und Eidechsen hüpften an seinen Füssen — und in den schwarzen Löchern des
Felsen pfiffen Eulen ihr schauerlich Todtenlied.
Salassin sah niemanden, und schauerte vor Ahnungen.
Endlich schimmerte aus naher Ferne eine weiße Gestalt, die die Stiege des
Walls kletterte. Ihr Kleid flatterte im Wind — die Gestalt sah Salassin und
näherte sich zagend.
Wellmine wars, mit zerrauftem Haare, ein weißflornes Kleid mit schwarzen
Krepinen beblümt. Der Mond erhellte das mit sich selber ringende Mädchen,
und Salassin erschrak über das Gespenst. Blaß und eingeschrumpft die sonst
blühenden Wangen — hager und matt von Westhauch umzuwehn. Die
Feueraugen erloschen, hohl und tief eingesunken — ihre Kniee schlotterten —
sie sank ohnmächtig zu Salassins Füssen.
Salassin bebte und hob sie auf.
Wellmine wachte wieder auf, mit gräßlichen Zuckungen — sie stönte — der
Thränenquell des Auges war versiegt— ihre heischre Stimme kaum vernehmlich
— ein tief aus der tobenden Brust gestossener Seufzer — sie konnte lange nicht
sprechen. Salassin bebte, und blickte mit einer heißen Thräne des Mitleids auf
die Dulderinn.
Endlich stammelte sie mit der Anstrengung ihrer letzten Summe Kraft:
Jüngling vergieb — ich büsse schwer! Vergieb mir niedrigen Kreatur.
Salassin ward erschüttert — die Zunge tödtete seine Sprache.
Well. Vergieß mein Vergehen! Vertilge jedes Gedächtniß an mich! Vergieß was
du gehört und — gesehen hast, Fluche mir — ich verdien es —
Sie stürzte leblos nieder — Salassin stand ohne Fassung. Gott des
Sternenhimmels, wie gräßlich rächt sich das verlezte Gefühl der Scham! — rief
er mit einem grossen Blick auf die Ohnmächtige — drückte sie vergebens in
seine Arme — ihr qualvolles Leben zurückzupressen. Sie schlug die matten
Augen auf!
Wellmine — ich vergesse — ich verzeihe — ich
Well. Fluche mir!
Sal. Beim Himmel! nicht! So tief sankst du nicht — Lebe, lebe — ich will dich
schätzen — achten —
Well. Achten — ich verachte mich selbst —
Sal. Nein! nein! Du fühlst dein Vergehn — dein Herz war edel —
Well. Aber ich vergaß mich, und büße — ich bin eine verworfne Kreatur —
überall verfolgen mich die Gespenster — Jüngling! ich war eine Schlange — die
dich vergiften wollte — und sich selbst vergiftete —
Sal. Ich habe vergessen — Wellmine — um Gotteswillen — dein Wahnsinn ist
fürchterlich — dein Gehirn ist zerrüttet — komm, komm hinweg von dieser
Stelle! Fort! Fort! Hier wütet Todtenluft.
Well. Todtenluft? Der Odem der Ruhe — Jüngling! Schau hinab in den Strom
— schau — wie flimmern die Sterne — da ist der Himmel — dort wohnt Ruhe
— Ruhe — hörst du wie der Strom mein Schlaflied rauscht?
Sal. Wellmine — bei aller Seeligkeit — du willst mich morden — dein
Wahnsinn ergreift mich mit — Fort! fort! von diesem Abgrund — (er will sie
forttragen — sie zieht einen Dolch und zückt ihn —)
Well. Halt! Willst du mir zu sterben verbieten? Hast du mir die Schale des
Lebens nicht mit sprudelndem Jammer gefüllt? — Soll deine Verzeihung — deine Großmuth wie dürstende Blutigeln an meiner Seele, an meinen
Bewustseyn saugen? — Schau hinab — da winkt mein Freund — er nimmt mich
in seinen Schoos — und tödtet meine Nattern! (sie fällt Salassin zu Füssen) Jüngling!
Noch einmal — vergieb — vergiß — fluche mir nicht — ich liebte dich — wie
kein menschliches Herz dich je liebte — ich rang um dich verzweiflungsvoll —
ich vergaß — (Sie springt auf) Ha fluche mir! fluche! Ich will nicht Verzeihung —
nicht Vergessen — donnre laut allen — allen meines Gelichters die gräßliche
Rache — die ich mir selbst nehme! Fluche mir! (Sie rennt von dem Wall in die Fluth hinab,
indem sie Salassin, da er sie halten wollte, mit dem Dolch die Hand durchstieß.)
Sal. (Auf das heftigste erschüttert) Wellmine! Rasende — Gott! Sie ist verloren! Wie
ist mir — durch mich — durch mich —! (Er ringt die Hände, und steht in dumpfer Betäubung
am Abhang! Wellmine wimmert aus dem Strom und untersinkt. Salassin rennt Bewustlos fort, und stürmt:)
Rettung! Rettung! Sie ist verloren! Menschliche Hilfe ist zu schwach — sie ist
zerschmettert an den Klippen! Weh mir weh, ihr Gespenst verfolgt mich —
durch mich ist sie wahnsinnig — ich bin ihr Mörder! —
Er lief in schrecklicher Raserey in seine Wohnung — und stieß den Kopf an
die Wand. Sein Gehirn mahlt ihm das gräßliche Bild — die Schuld warf ihm sein
heiklich Gewissen vor — er wüthete gegen sich selber, bis er erschöpft in ein
hitziges Fieber sank.
Das ganze Haus wurde wach von seinem Getöse. Vom Ruhebette sprang Fürst
Tellmann, Sebalds Mutter, die Diener schwärmten herbei — alles zitterte beim
Anblick des Tobenden; der keinen sah und hörte — halbe Worte schrie — Alle
bebten über seinen Wahnsinn — und kaum einer wagte zu fragen, was ihm
fehlte? was ihm geschehen sey?
Wellmine! — in den Strom! sie hat sich zerschmettert! Durch mich! — das
war noch das Verständlichste, und die schnellgeruffnen Aerzte wandten lange
ihre Mühe vergebens an.
Nach einem fürchterlichen Schlummer, den die erschöpfte Natur erzwang;
ward er endlich ruhiger, so, daß er mit einigen Zusammenhang die fürchterliche
Begebenheit erzählen konnte.
Jeder, der es hörte, weinte der Verzweifelten Mitleid — und bangte um
Salassin — der sich unaufhörlich die Schuld beimaß, keine Gegenvorstellung
hörte — und sich als ihren Mörder in die Jammerburg setzen lassen wollen.
Lange fruchtlos waren Aller vernünftige Gegengründe. — Man schrieb
Sebalden den Vorfall — er reiste schnell aus den Armen der zärtlich ihn
liebenden Jilla ab — und traf den unglücklichen Freund vom Fieber ergriffen im
Bette.
Ihm gelang es eher Salassin zu heilen von seiner wilden Narrheit — der Kranke erholte sich wieder — die trefflichen Wirkungen der Arzneien, der
Aerzte Bemühungen und Sebalds Seelentinkturen machten den Unglücklichen
bald genesen.
Zwar konnte der mächtige Eindruck nicht so ganz aus seiner Seele gelöscht
werden — oft sprach er noch davon — aber Sebald wußte den Wurm zu fassen,
und wenn er ihn doch nicht ganz vernichtete, so zerstörte er ihn wenigstens und
machte ihn unschädlich.