Heinrich von Kleist's politische Schriften und andere Nachträge zu seinen Werken
4. Brief eines politischen Pescherü über einen Nürnberger Zeitungsartikel.
Kauf- und Gewerksleute, die mit diesen Combustibeln handeln oder sie
verarbeiten, aufs Strengste und Eigensinnigste zu durchsuchen, damit, dem
Entschluß Sr. Excellenz gemäß, unverzüglich die Pechkränze verfertigt und mit
Debarrassirung des Glacis verfahren werden möge.
Nichts ist nothwendiger, als in diesem Augenblick der herannahenden Gefahr
Alles aufzubieten, und kein Opfer zu scheuen, das im Stande ist dem Staat
diesen für den Erfolg des Kriegs höchst wichtigen Platz zu behaupten. Sr.
Excellenz haben erklärt, daß wenn ihr auf dem Markt befindlicher Pallast vor
dem Glacis läge, sie denselben zuerst niederbrennen und unter den Thoren der
Vestung übernachten würden. Da nun unser, sowohl des Burgemeisters, als auch
Euer, des Unterbeamten, Haus, in dem angegebenen Fall sind, indem sie von der
Q...schen Vorstadt her mit ihren Gärten und Nebengebäuden das Glacis
beträchtlich embarrassiren, so wird es bloß von Euren Recherchen und von dem
Bericht abhangen, den Ihr darüber abstatten werdet, ob wir den Andern ein
Beispiel zu geben, und den Pechkranz zuerst auf die Giebel derselben zu werfen
haben.
Sind in Gewogenheit u. s. w.
4. Brief eines politischen Pescherü über einen Nürnberger Zeitungsartikel.
Erlaube mir, Vetter Pescherü, daß ich Dir in der verwirrten Sprache, die kürzlich
ein Deutscher mich gelehrt hat, einen Artikel mittheile, der in einer Zeitung
dieses Landes, wenn ich nicht irre, im Nürnberger Correspondenten gestanden
hat, und den ein Grönländer, der in Island auf einem Kaffeehause war, hierher
gebracht hat. Der Zeitungsartikel ist folgenden sonderbaren Inhalts:[43]
„Es sind nicht sowohl die Franzosen, welche die Freiheitsschlacht, die bei
Regensburg gefochten ward, entschieden haben, als vielmehr die Deutschen
selbst. Der tapfere Kronprinz von Bayern hat zuerst an der Spitze der
rheinbündischen Truppen die Linien der Oesterreicher durchbrochen. Der Kaiser
Napoleon hat ihn am Abend der Schlacht auf dem Wahlplatz umarmt, und ihn
den Helden der Deutschen genannt.“[44]
Ich versichere Dich, Vetter Pescherü, ich bin hinausgegangen auf den
Sandhügel, wo die Sonne brennt, und habe meine Nase angesehen stundenlang,
und wieder stundenlang, ohne im Stande gewesen zu sein den Sinn dieses
Zeitungsartikels zu erforschen. Er verwischt Alles, was ich über die
Vergangenheit zu wissen meine, dergestalt, daß mein Gedächtniß wie ein weißes
Blatt aussieht, und die ganze Geschichte derselben von Neuem darin angefrischt werden muß.
Sage mir also, ich bitte Dich:
1. Ist es der Kaiser von Oesterreich, der das deutsche Reich im Jahre 1805
zertrümmert hat?[45]
2. Ist er es, der den Buchhändler Palm erschießen ließ, weil er ein dreistes
Wort über diese Gewaltthat in Umlauf brachte?[46]
3. Ist er es, der durch List und Ränke die deutschen Fürsten entzweite, um
über die Entzweiten nach der Regel des Cäsar zu herrschen?
4. Ist er es, der den Kurfürsten von Hessen ohne Kriegserklärung aus seinem
Lande vertrieb, und einen Handlungscommis — wie heißt er schon? — der ihm
verwandt war, auf den Thron desselben setzte?[47]
5. Ist er es, der den König von Preußen, den ersten Gründer seines Ruhms, in
dem undankbarsten und ungerechtesten Kriege zu Boden geschlagen hat, und
auch selbst nach dem Frieden noch mit seinem grimmigen Fuß auf dem Nacken
desselben verweilte?[48]
6. Ist es dagegen der Kaiser Napoleon, der durch unglückliche Feldzüge
erschöpft, die deutsche Krone auf das Machtwort seines Gegners niederzulegen
genöthigt war?[49]
7. Ist er es, der mit zerrissenem Herzen Preußen, den letzten Pfeiler
Deutschlands, sinken sah, und, so zerstreut seine Heere auch waren, herbei geeilt
sein würde ihn zu retten, wenn der Friede von Tilsit nicht abgeschlossen worden
wäre?[50]
8. Ist er es, der dem betrogenen Kurfürsten von Hessen auf der Flucht aus
seinen Staaten einen Zufluchtsort in den seinigen vergönnt hat?[51]
9. Ist er es endlich, der sich des Elends, unter welchem die Deutschen seufzen,
erbarmt hat, und der nun, an der Spitze der ganzen Jugend, wie Anteus, der Sohn
der Erde, von seinem Fall erstanden ist, um das Vaterland zu retten?
Vetter Pescherü, vergieb mir diese Fragen; ein Europäer wird ohne Zweifel,
wenn er den Artikel liest, wissen was er davon zu halten hat. Einem Pescherü
aber müssen, wie Du selbst einsiehst, alle die Zweifel kommen, die ich Dir
vorgetragen habe.
Bekanntlich drücken wir mit dem Wort Pescherü Alles aus, was wir
empfinden oder denken, drücken es mit einer Deutlichkeit aus, die den andern
Sprachen der Welt fremd ist. Wenn wir z. B. sagen wollen: es ist Tag, so sagen
wir: Pescherü; wollen wir hingegen sagen: es ist Nacht, so sagen wir: Pescherü.
Wollen wir ausdrücken: dieser Mann ist redlich, so sagen wir: Pescherü; wollen
wir hingegen versichern: er ist ein Schelm, so sagen wir: Pescherü. Kurz,
Pescherü drückt den Inbegriff aller Erscheinungen aus, und eben darum, weil es
Alles ausdrückt, auch jedes Einzelne.