Heinrich von Kleist's politische Schriften und andere Nachträge zu seinen Werken

4. Einleitung [zu den Berliner Abendblättern]. Gebet des Zoroaster. (Aus einer indischen Handschrift, von einem Reisenden in den Ruinen von Palmyra gefunden.) (1. October 1810.)

herein Schönes in ihr[71] selber wäre; in deren Schooß gleichwohl (wenn es zu

sagen erlaubt ist!) die Götter das Urbild der Menschheit reiner als in irgend einer

andern aufbewahrt hatten. Eine Gemeinschafft, die dem Menschengeschlecht

nichts in dem Wechsel der Dienstleistungen[72] schuldig geblieben ist, die den

Völkern, ihren Brüdern und Nachbarn, für jede Kunst des Friedens, welche sie

von ihnen erhielt, eine andere zurückgab; eine Gemeinschafft, die an dem

Obelisken der Zeiten stets unter den Wackersten und Rüstigsten thätig gewesen

ist; ja, die den Grundstein desselben gelegt hat, und vielleicht den Schlußblock

darauf zu setzen bestimmt war. Eine Gemeinschafft gilt es, die den Leibnitz und

Guttenberg gebohren hat, in welcher ein Guericke den Luftkreis wog,

Tschirnhausen den Glanz der Sonne lenkte, und Keppler der Gestirne Bahn

verzeichnete; eine Gemeinschafft, die große Namen, wie der Lenz Blumen,

aufzuweisen hat; die den Hutten und Sickingen, Luther und Melanchthon,

Joseph und Friedrich auferzog; in welcher Dürer und Cranach, die Verherrlicher

der Tempel, gelebt, und Klopstock den Triumph des Erlösers gesungen hat. Eine

Gemeinschafft mithin gilt es, die dem ganzen Menschengeschlecht angehört;[73]

die die Wilden der Südsee noch, wenn sie sie kennten, zu beschützen

herbeiströmen würden; eine Gemeinschafft, deren Dasein keine deutsche Brust

überleben, und die nur mit Blut, vor [dem] die Sonne verdunkelt, zu Grabe

gebracht werden soll!

 

4. Einleitung [zu den Berliner Abendblättern].

Gebet des Zoroaster.

(Aus einer indischen Handschrift, von einem Reisenden in den Ruinen von Palmyra gefunden.)

(1. October 1810.)

 

Gott, mein Vater im Himmel! Du hast dem Menschen ein so freies, herrliches

und üppiges Leben bestimmt. Kräfte unendlicher Art, göttliche und thierische,

spielen in seiner Brust zusammen, um ihn zum König der Erde zu machen.

Gleichwohl, von unsichtbaren Geistern überwältigt, liegt er, auf

verwundernswürdige und unbegreifliche Weise, in Ketten und Banden; das

Höchste, von Irrthum geblendet, läßt er zur Seite liegen, und wandelt, wie mit

Blindheit geschlagen, unter Jämmerlichkeiten und Nichtigkeiten umher. Ja, er

gefällt sich in seinem Zustand; und wenn die Vorwelt nicht wäre und die

göttlichen Lieder, die von ihr Kunde geben, so würden wir gar nicht mehr

ahnden, von welchen Gipfeln, o Herr! der Mensch um sich schauen kann. Nun

lässest du es, von Zeit zu Zeit, niederfallen, wie Schuppen, von dem Auge Eines

deiner Knechte, den du dir erwählt, daß er die Thorheiten und Irrthümer seiner Gattung überschaue; ihn rüstest du mit dem Köcher der Rede, daß er, furchtlos