Heinrich von Kleist's politische Schriften und andere Nachträge zu seinen Werken

2. Die Heilung. (29. November.)

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2. Die Heilung.

(29. November.)

 

In den Zeiten des höchsten Glanzes der altfranzösischen Hofhaltung unter

Ludwig XIV lebte ein Edelmann, der Marquis de Saint Meran, der die Anmuth,

Geistesgewandheit und sittliche Verderbniß der damaligen vornehmen Welt im

höchsten Grade in sich vereinigte. Unter andern unzählbaren Liebesabentheuern

hatte er auch eines, mit der Frau eines Procuratoren, die es ihm gelang, dem

Manne sowohl, als dessen Familie und ihrer eigenen gänzlich abzuwenden, so

daß sie deren Schmach ward, deren Juweel sie gewesen war, und in blinder

Leidenschaft das Hotel ihres Verführers bezog. Er hatte zwar nie so viel bei einer

Liebesgeschichte empfunden, als bei dieser, ja, es regten sich bisweilen Gefühle

in ihm, die man einen Abglanz von Religion und Herzlichkeit hätte nennen

mögen, aber endlich trieb ihn dennoch, wenn nicht die Lust am Wechsel, doch

die Mode des Wechsels von seinem schönen Opfer wieder fort, und er suchte

nun dieses durch die ausgesuchtesten und verfeinertsten Grundsätze seiner

Weltweisheit zu beruhigen. Aber das war nichts für ein solches Herz. Es schwoll

in Leiden, die ihm keine Geisteswendung zu mildern vermochte, so gewaltsam

auf, daß es den einstmals lichtklaren und lichtschnellen Verstand verwirrte, und

der Marquis, nicht bösartig genug, die arme Verrückte ihrem Jammer und dem

Hohn der Menschen zu überlassen, sie auf ein entferntes Gut in der Provence

schickte, mit dem Befehl, ihrer gut und anständig zu pflegen. Dort aber stieg,

was früher stille Melancholie gewesen war, zu den gewaltsamsten phrenetischen

Ausbrüchen, mit deren Berichten man jedoch die frohen Stunden des Marquis zu

unterbrechen sorgsam vermied. Diesem fällt es endlich einmal ein, die

provenzalische Besizzung zu besuchen. Er kommt unvermuthet an, eine

flüchtige Frage nach dem Befinden der Kranken wird eben so flüchtig

beantwortet, und nun geht es zu einer Jagdparthie in die nahen Berge hinaus.

Man hatte sich aber wohl gehütet, dem Marquis zu sagen, daß eben heute die

Unglückliche in unbezwinglicher Wuth aus ihrer Verwahrung gebrochen sei, und

man sich noch immer vergeblich abmühe, sie wieder einzufangen. Wie mußte

nun dem Leichtsinnigen zu Muthe werden, als er auf schroffem Fußgestade an

einer der einsamsten Stellen des Gebirges, weit getrennt von alle seinem

Gefolge, im eiligen Umwenden um eine Ecke des Felsens, der furchtbaren Flüchtigen grad in die Arme rennt, die ihn faßt mit alle der unwiderstehlichen