Heinrich von Kleist's politische Schriften und andere Nachträge zu seinen Werken
6. Betrachtungen über den Weltlauf. (9. October.)
hält, schlechthin nach keiner andern Rücksicht, als nach bloßen augenblicklichen
Eingebungen verfahren; und derjenige, der berechnen wollte, welche Muskeln er
anstrengen, und welche Glieder er in Bewegung sezzen soll, um zu überwinden,
würde unfehlbar den Kürzern ziehen, und unterliegen. Aber nachher, wenn er
gesiegt hat oder am Boden liegt, mag es zweckmäßig und an seinem Ort sein, zu
überlegen, durch welchen Druck er seinen Gegner niederwarf, oder welch ein
Bein er ihm hätte stellen sollen, um sich aufrecht zu erhalten. Wer das Leben
nicht, wie ein solcher Ringer, umfaßt hält, und tausendgliedrig, nach allen
Windungen des Kampfes, nach allen Widerständen, Drücken, Ausweichungen
und Reactionen, empfindet und spürt: der wird, was er will, in keinem Gespräch,
durchsetzen; vielweniger in einer Schlacht.“
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6. Betrachtungen über den Weltlauf.
(9. October.)
Es giebt Leute, die sich die Epochen, in welchen die Bildung einer Nation
fortschreitet, in einer gar wunderlichen Ordnung vorstellen. Sie bilden sich ein,
daß ein Volk zuerst in thierischer Rohheit und Wildheit daniederläge; daß man
nach Verlauf einiger Zeit, das Bedürfniß einer Sittenverbesserung empfinden,
und somit die Wissenschaft von der Tugend aufstellen müsse; daß man, um den
Lehren derselben Eingang zu verschaffen, daran denken würde, sie in schönen
Beispielen zu versinnlichen, und daß somit die Aesthetik erfunden werden
würde: daß man nunmehr, nach den Vorschriften derselben, schöne
Versinnlichungen verfertigen, und somit die Kunst selbst ihren Ursprung nehmen
würde: und daß vermittelst der Kunst endlich das Volk auf die höchste Stufe
menschlicher Cultur hinaufgeführt werden würde. Diesen Leuten dient zur
Nachricht, daß Alles, wenigstens bei den Griechen und Römern, in ganz
umgekehrter Ordnung erfolgt ist. Diese Völker machten mit der heroischen
Epoche, welche ohne Zweifel die höchste ist, die erschwungen werden kann, den
Anfang; als sie in keiner menschlichen und bürgerlichen Tugend mehr Helden
hatten, dichteten sie welche; als sie keine mehr dichten konnten, erfanden sie
dafür die Regeln; als sie sich in den Regeln verwirrten, abstrahirten sie die
Weltweisheit selbst; und als sie damit fertig waren, wurden sie schlecht.
z.