Heinrich von Kleist's politische Schriften und andere Nachträge zu seinen Werken

2. [Aufruf.]

sie sich niederbeugen über die so gesunken sind, und ihnen das Blut aus der

Wunde saugen. Möge jeder, der sich bestimmt fühlt dem Vaterlande auf diese

Weise zu — — —

 

2. [Aufruf.]

 

Zeitgenossen! Glückliche oder unglückliche Zeitgenossen — wie soll ich euch

nennen? daß ihr nicht aufmerken wollet, oder nicht aufmerken könnet.

Wunderbare und sorgenlose Blindheit, mit welcher ihr nichts vernehmt! O, wenn

in euren Füßen Weissagung wäre, wie schnell würden sie zur Flucht sein! Denn

unter ihnen gährt die Flamme, die bald in Vulcanen herausdonnern, und unter

ihrer Asche und ihren Lavaströmen Alles begraben wird. Wunderbare Blindheit,

die nicht gewahrt, daß Ungeheures und Unerhörtes nahe ist, daß Dinge reifen,

von welchen noch der Urenkel mit Grausen sprechen wird, wie von atridischen

Tischen und Pariser und Nanter Bluthochzeiten? Welche Verwandlungen nahen!

Ja, in welchen seid ihr mitten inne und merkt sie nicht, und meint, es geschähe

etwas Alltägliches in dem alltäglichen Nichts, worin ihr befangen seid! — G. v.

J. S. 13.[68]

Diese Prophezeiung — in der That, mehr als einmal habe ich diese Worte als

übertrieben tadeln hören. Sie flößen, sagt man, ein gewisses falsches Entsetzen

ein, das die Gemüther, statt sie zu erregen, vielmehr abspanne und erschlaffe.

Man sieht um sich, heißt es, ob wirklich die Erde sich schon unter den Fußtritten

der Menschen eröffne; und wenn man die Thürme und die Giebel der Häuser

noch stehen sieht, so holt man, als ob man aus einem schweren Traume

erwachte, wieder Athem. Das Wahrhaftige, was darin liegt, verwerfe man mit

dem Unwahrhaftigen, und sei geneigt die ganze Weissagung, die das Buch

enthält, für eine Vision zu halten.

O du, der du so sprichst, du kömmst mir vor wie etwa ein Grieche aus dem

Zeitalter des Sülla, oder aus jenem des Titus ein Israelit.

„Was? dieser mächtige Staat der Juden soll untergehen? Jerusalem, diese Stadt

Gottes, von seinem leibhaftigen Cherubime beschützt, sie sollte, Zion, zu Asche

versinken? Eulen und Adler sollten in den Trümmern dieses salomonischen

Tempels wohnen? Der Tod sollte die ganze Bevölkerung hinwegraffen, Weiber

und Kinder in Fesseln hinweggeführt werden, und die Nachkommenschafft in

alle Länder der Welt zerstreut, durch Jahrtausende und wieder Jahrtausende[69]

verworfen, wie dieser Ananias prophezeit, das Leben der Sclaven führen? Was?“