Heinrich von Kleist's politische Schriften und andere Nachträge zu seinen Werken
6. Anekdote aus dem letzten Kriege. (20. October.)
letzten Willens zu übernehmen. Der Feldprediger P... versprach es ihm: er
verpflichtete sich, um jedem Zufall vorzubeugen, bis zu seiner Bestattung, von
dem Augenblick an, da er verschieden sein würde, nicht von seiner Seite zu
weichen. Darauf nach Verlauf mehrerer Wochen, kömmt, bei der ersten Frühe
des Tages, der Kammerdiener in das Haus des Feldpredigers, der noch schläft,
und meldet ihm, daß der General um die Stunde der Mitternacht schon, sanft und
ruhig, wie es vorauszusehen war, gestorben sei. Der Feldprediger P... zieht sich,
seinem Versprechen getreu, sogleich an, und begiebt sich in die Wohnung des
Generals. Was aber findet er? — Die Leiche des Generals schon eingeseift auf
einem Schemel sitzen: der Kammerdiener, der von dem Befehl nichts gewußt,
hatte einen Barbier herbeigerufen, um ihm vorläufig zum Behuf einer
schicklichen Ausstellung, den Bart abzunehmen. Was sollte der Feldprediger
unter so wunderlichen Umständen machen? Er schalt den Kammerdiener aus,
daß er ihn nicht früher herbeigerufen hatte; schickte den Barbier, der den Herrn
bei der Nase gefaßt hielt, hinweg, und ließ ihn, weil doch nichts anders übrig
blieb, eingeseift und mit halbem Bart, wie er ihn vorfand, in den Sarg legen und
begraben.
r.
6. Anekdote aus dem letzten Kriege.
(20. October.)
Den ungeheuersten Witz, der vielleicht, so lange die Erde steht, über
Menschenlippen gekommen ist, hat, im Lauf des letztverflossenen Krieges, ein
Tambour gemacht; ein Tambour meines Wissens von dem damaligen Regiment
von Puttkammer; ein Mensch, zu dem, wie man gleich hören wird, weder die
griechische noch römische Geschichte ein Gegenstück liefert. Dieser hatte, nach
Zersprengung der preußischen Armee bei Jena, ein Gewehr aufgetrieben, mit
welchem er, auf seine eigne Hand, den Krieg fortsetzte; dergestalt, daß da er, auf
der Landstraße, Alles, was ihm an Franzosen in den Schuß kam, niederstreckte
und ausplünderte, er von einem Haufen französischer Gensdarmen, die ihn
aufspürten, ergriffen, nach der Stadt geschleppt, und, wie es ihm zukam,
verurtheilt ward, erschossen zu werden. Als er den Platz, wo die Execution vor
sich gehen sollte, betreten hatte, und wohl sah, daß Alles, was er zu seiner
Rechtfertigung vorbrachte, vergebens war, bat er sich von dem Obristen, der das
Detaschement commandirte, eine Gnade aus; und da der Obrist, inzwischen die Officiere, die ihn umringten, in gespannter Erwartung zusammentraten, ihn