Heinrich von Kleist's politische Schriften und andere Nachträge zu seinen Werken

Kapitel II

 

Die vier satirischen Briefe bilden gewissermaßen ein dramatisches Ganzes, sehr

verschiedene Personen sprechen sich über dieselben Ereignisse, jede in ihrer

Weise aus. Der rheinbündische Officier, das Landfräulein, der Burgemeister;

diesen ironischen Charakteren steht der politische Pescherü mit seinen einfachen

Betrachtungen als Chor gegenüber. Der erste Brief ist in kurz abschneidender

französirender Standessprache geschrieben. Das Landfräulein schreibt, wie

schon der Eingangssatz beweist, in der verschlungenen Weise Kleist’s;

architectonisch durchgeführt sind Perioden wie die „Allein, wenn die Ansicht u.

s. w.“ oder: „Aber die Beweise, die er mir, als ich zurückkam u. s. w.“, denen die

beiden letzten des Briefes, mit ihrem „inzwischen“ und „gleichwohl“ an die

Seite gestellt werden können. In dem Schreiben des Burgemeisters (I, 1, 3) gilt

es, die pedantische Langstiligkeit amtlicher Erlasse darzustellen; der

Wortschwall ironisirt sich selbst, er soll betäuben und über die Schmählichkeit

des Inhalts täuschen. Bezeichnend ist die unübersehbare Periode: „Indem wir

euch nun diesem Auftrage gemäß u. s. w.“

Der Brief des politischen Pescherü (I, 1, 4) stellt neun genau abgefaßte Fragen

auf; in der fünften heißt es: „Ist er es, der den König von Preußen — zu Boden

geschlagen hat, und auch selbst nach dem Frieden noch mit seinem grimmigen

Fuß auf dem Nacken desselben verweilte“? Diese Bezeichnung vollständigster

Vernichtung ist ein Lieblingsbild Kleist’s. Im fünften Auftritt der Penthesilea

sagt Asteria:

Den Fußtritt will er, und erklärt es laut,

Auf deinen königlichen Nacken setzen;

 

im neunten Auftritt wiederholt Penthesilea:

 

Laßt ihn den Fuß gestählt, es ist mir recht,

Auf diesen Nacken setzen!

 

Und die Hermannsschlacht beginnt mit den Worten:

 

Rom, dieser Riese, der —

Den Fuß auf Ost und Westen setzet,

Des Parthers muthgen Nacken hier,

Und dort den tapfern Gallier niedertretend.

 

Unter 7 heißt es im Briefe: „Ist er es, der — Preußen, den letzten Pfeiler

Deutschlands sinken sah“ —? Und in den ersten Versen der Hermannsschlacht:

 

Und Hermann der Cherusker endlich,

Zu dem wir, als dem letzten Pfeiler uns

Im allgemeinen Sturz Germanias geflüchtet —

 

Endlich in der neunten Frage wird auf den Kaiser Franz folgendes Gleichniß

angewendet: „der wie Antäus, der Sohn der Erde, von seinem Fall erstanden ist,

um das Vaterland zu retten.“ In dem Gedichte vom 1. März 1809 an denselben

singt Kleist:

 

O Herr, du trittst, der Welt ein Retter,

Dem Mordgeist in die Bahn,

Und wie der Sohn der duftgen Erde

Nur sank, damit er stärker werde,

Fällst du von Neu’m ihn an.[12]

 

Die Fabel „die Bedingung des Gärtners“ entspricht in ihrer Fassung den beiden

Fabeln, die 1808 im Phöbus erschienen.

In ganz anderem Ton ist das „Lehrbuch der französischen Journalistik“

gehalten. Obgleich die knappe Form dieser geschlossenen Reihe von

Erklärungen, Lehrsätzen, Aufgaben und Beweisen der entfalteten Rede keinen

Raum gestattet, so haben sich doch auch hier die Lieblingswendungen

eingeschlichen. Es ist bekannt, welche Neigung Kleist für diese

Darstellungsweise und den strengen Beweis hatte. Wie er zuerst meinte, seine

Lebensaufgabe auf dem Gebiete der Mathematik gefunden zu haben, so ist er

auch später, namentlich in den Briefen, geneigt, wo die Leidenschaft nicht

durchbricht, seine Gedanken in streng logische Formeln zu bringen. Leider ist

das Lehrbuch der Journalistik in 25 Paragraphen unvollständig. Wahrscheinlich hatte er es zu Ende geführt, doch sind die letzten Blätter verloren gegangen. Den

obersten Grundsätzen und Definitionen folgt im Paragraph 10 die Eintheilung

der Journalistik mit dem ersten Capitel: „Von der Verbreitung der wahrhaftigen

Nachrichten“ in zwei Artikeln „von den guten und den schlechten Nachrichten“;

ein zweites Capitel von der Verbreitung falscher Nachrichten mußte folgen, und

dieses fehlt.

In dem „Katechismus der Deutschen“ hat Kleist die Einförmigkeit des

katechisirenden Tons, in dem die Antwort das Echo der Frage ist, so zu beleben

gewußt, daß er durchaus charakteristisch wird, und einzelne Redewendungen

von Vater und Sohn an den dramatischen Dialog, etwa die einfachen Gegenreden

Käthchens in der ergreifenden Scene mit ihrem Vater erinnern.[13] Auch andere

Anklänge fehlen nicht. Die Schilderung des Erzfeindes findet an mehr als einer

Stelle ihr Seitenstück. Sie lautet 7: „Als einen der Hölle entstiegenen

Vatermörder, der herumschleicht in dem Tempel der Natur und an allen Säulen

rüttelt, auf welchen er gebaut ist.“ Im Käthchen von Heilbronn schleudert der

alte Theobald dem Grafen Strahl folgende Worte zu:

 

Ein glanzumflossener Vatermördergeist,

An jeder der granitnen Säulen rüttelnd,

In dem urewigen Tempel der Natur,

Ein Sohn der Hölle, den u. s. w.

 

In der Hermannsschlacht sind Raub, Brand und Mord ein „höllenentstiegener

Geschwisterreigen“ und in dem Gedichte „Germania an ihre Kinder“ ist es

„eines Höllensohnes Rechte“, die das eiserne Joch der Knechtschaft auferlegt.

Im Katechismus 9 soll, wer weder liebt noch haßt, wenn es sich um die Freiheit

des Vaterlandes handelt, in die tiefste, siebente Hölle, in der Hermannsschlacht

der Verräther in die neunte Hölle stürzen. Dort wird die Frage verneint, ob nicht

„das Blut vieler tausend Menschen nutzlos geflossen, die Städte verwüstet und

das Land verheert worden sei“, wenn man im Kampf unterliege. In dichterischer

Sprache wird derselbe Einwand abgewiesen „Germania und ihre Kinder“:

 

Nicht die Flur ist’s, die zertreten

Unter ihren Rossen sinkt,

Nicht der Mond, der in den Städten

Aus den öden Fenstern blinkt,

Nicht das Weib, das mit Gewimmer

Ihrem Todeskuß erliegt.[14]

 

Die drei folgenden Stücke (I, 2, 1-3) sind nicht blos ein persönlicher

Gefühlserguß, sondern Aufrufe an das Volk, die Kampf und Rache erwecken

sollen. Das erste kündet sich als „Einleitung“ einer Zeitschrift an, und ist im

Tone der glühendsten vom Hasse eingegebenen Beredsamkeit geschrieben; der Erzherzog Karl ist der volksthümliche Held, „der Bezwinger des

Unbezwungenen“, oder, wie er in dem Siegesliede nach der Schlacht von Aspern

genannt wird, „der Ueberwinder des Unüberwindlichen.“ Germania soll der

Name dieser Zeitschrift sein; „Hoch auf den Gipfel der Felsen soll sie sich

stellen, und den Schlachtgesang herabdonnern ins Thal“, wie in dem Gedichte

Germania ihren Kindern zuruft:

 

Mit dem Spieße, mit dem Stab

Strömt ins Thal der Schlacht hinab!

— —

Das Gebirg hallt donnernd wieder —

— —

Und vom Fels herab der Ritter,

Der sein Cherub, auf ihm steht.

 

Die Germania der Zeitschrift will singen: „Vaterland, — welch ein Verderben

seine Wogen auf dich heranwälzt.“ In dem letzten Lied

 

Kommt das Verderben mit entbundenen Wogen

Auf Alles, was besteht, herangezogen.

 

Jene will „die Jungfrauen des Landes herbeirufen, wenn der Sieg erfochten ist,

daß sie sich niederbeugen über die, so gesunken sind“; und das Lied an den

Erzherzog Karl nach der Schlacht bei Aspern singt:

 

Siehe, die Jungfraun rief ich herbei des Landes,

Daß sie zum Kranz den Lorbeer flöchten.[15]

 

Der Grundton der Einleitung ist in dem Gedicht Germania zum gewaltigen

Schlachtgesang geworden, und kaum wird man sich der Ueberzeugung

verschließen können, gerade für die Eröffnung dieser Zeitschrift sei es

geschrieben worden. Der Schluß der Einleitung fehlt; dagegen scheint das

folgende Stück, das ohne Ueberschrift mit dem aus einer andern Schrift

entlehnten Aufrufe „Zeitgenossen!“ beginnt, von Kleist selbst nicht

abgeschlossen zu sein, wenigstens die Abschrift ist nicht vollständig, denn mit

dem Ausrufe „Was?“ bricht der Text mitten auf der Seite ab. Es sollen

diejenigen, die sich auf den Trümmern des Vaterlandes in die bequeme Ruhe der

Ungläubigkeit einwiegen, aufgeschreckt und ihnen die Augen über den

Abgrund, an dem sie stehen, geöffnet werden. Das Ziel des Kampfes wird

bezeichnet in dem Aufruf „Was gilt es in diesem Kriege?“ Wenn es heißt:

„Deren (der deutschen Nation) Unschuld selbst in dem Augenblick noch, da der

Fremdling sie belächelt oder wohl gar verspottet, sein Gefühl geheimnißvoll

erweckt, dergestalt daß“ — so giebt dazu die Hermannsschlacht ein treffendes

Beispiel, wo der Römer von dem Deutschen sagt:

In einem Hämmling ist, der an der Tiber graset,

Mehr Lug und Trug, muß ich Dir sagen,

Als in dem ganzen Volk, dem er gehört.[16]

 

Erst im Zusammenhange mit den früheren Stücken erscheint dieser Aufruf, der

weder abgeschlossen noch auch das bedeutendste Stück ist, im rechten Lichte;

um so weniger ist zu begreifen, wie Bülow gerade dies zur Probe mittheilen

konnte, um dadurch seine Verurtheilung der anderen gehaltreicheren Blätter zu

rechtfertigen.

Mit den bekannten politischen Gedichten Kleist’s stehen diese Aufsätze in

nächster Verbindung; sie sind der Ausdruck derselben Zeit und Stimmung, wie

die Hermannsschlacht von 1808, die Gedichte an den Kaiser Franz und den

Erzherzog Karl aus dem Frühjahr 1809, und Germania an ihre Kinder. Der erste

satirische Brief ist unter der Einwirkung des beginnenden Krieges von 1809

geschrieben, wie die Hindeutung auf die unglücklichen Kämpfe um und in

Regensburg vom 19. bis 23. April beweist; Napoleons siegverkündendes

Bülletin, dessen erwähnt wird, ist vom 24. April datirt. Der vierte Brief schließt

sich an einen Artikel des Nürnberger Korrespondenten aus denselben Tagen an.

Die österreichischen Landwehren, welche die Fabel anredet, waren durch Erlaß

vom 9. Juni 1808 ins Leben gerufen; die Erhebung der Spanier, auf welche die

Ueberschrift des Katechismus anspielt, hatte im Mai 1808, der Tiroler, deren im

Text gedacht wird, am 9. April 1809 begonnen. Dagegen findet sich nichts, was

auf den Sieg von Aspern am 21. und 22. April 1809 hinwiese. Also diese fünf

Stücke werden Ende April oder Anfang Mai entstanden sein. Ganz anders lautet

der Ton nach der Schlacht von Aspern in der Einleitung zur Germania; der erste

Athemzug der deutschen Freiheit sollte diese Zeitschrift sein. Derselben Zeit

gehören auch die beiden andern Nummern an. Da folgte die Schlacht von

Wagram, und Sieg und Hoffnung, Muth und Zuversicht, Kraft und Begeisterung

sind wiederum mit einem Schlage vernichtet.

Den Versuch, den Kleist in Prag 1809 machen wollte, durch eine Zeitschrift

auf die Volksstimmung zu wirken, hat er einmal vorher 1808 in Dresden, ein

anderes Mal nachher 1810 in Berlin wirklich gemacht. Dort sollte es eine

künstlerisch wissenschaftliche, hier eine vaterländische sein. Jenes ist der

Phöbus, „ein Journal für die Kunst,“ zu dessen Herausgabe er sich mit Adam

Müller und dem Maler Ferdinand Hartmann verbunden hatte, dieses die

„Berliner Abendblätter.“ Prächtig ausgestattet, auf weißem Papier in Quart, groß

gedruckt, mit kupfergestochenen Umrissen erschien der Phöbus in monatlichen

Heften, auf deren Umschlag der emporsteigende Sonnengott mit seinem

Viergespann zu sehen war. Kleist erblickte wirklich eine neue Hoffnungssonne

in diesem Unternehmen. Aus der Zeitschrift sollte eine Buch-, Karten- und Kunsthandlung erwachsen, in die er und seine Freunde nach dem Vorbilde der

Fugger und Medici alles hineinwerfen sollten, was man auftreiben könne.

Dichter und Buchhändler zugleich zu sein, darin lag die Hoffnung des großen

Looses; außerdem war Novalis Nachlaß, Beiträge von Goethe und Wieland

zugesagt. Ruhmredig pries Adam Müller seinem Freunde Gentz, daß es wohl

noch keine ähnliche Verbindung der Poesie und Philosophie und der bildenden

Kunst gegeben, und meinte jede Vergleichung mit den Horen, als „einer Art von

sonntäglicher Retraite oder Ressource“, und selbst mit dem Athenäum abweisen

zu können. Dennoch war es kein Treffer; die gehofften Mittel und Beiträge

blieben aus, mit der Mißgunst der Buchhändler waren die noch mißgünstigeren

Zeitumstände im Bunde, und schon im August 1808 ward es Kleist deutlich, das

Journal werde sich auf die Dauer nicht halten. Am Ende war man zufrieden, es

der Waltherschen Buchhandlung in Dresden überlassen zu können, und mit dem

zwölften Monatshefte des Jahres 1808 hörte es auf. Für uns liegt der

überwiegende Werth desselben darin, daß Kleist es zur ersten Niederlage seiner

bedeutendsten Dichtungen gemacht hat.[17]

In dem unscheinbarsten Gewande, der Zeit angemessen, wo man alle

Veranlassung hatte, geräuschlos zu wirken, traten die Berliner Abendblätter seit

dem 1. October 1810 auf. Klein Octav, graues Löschpapier, stumpfe Lettern, die

von mittlerer Größe, unter Anwendung aller Hülfen der Raumersparniß, bis zu

den kleinsten Augentödtern hinabstiegen, durch zahllose Druckfehler entstellt,

bieten sie einen ungemein kümmerlichen Anblick dar; äußerlich stehen sie auf

einer Stufe mit dem bekannten Berliner Localblatte, der Beobachter an der

Spree. Kein Programm war vorangeschickt, das über den Zweck des Blatts

Andeutungen gegeben hätte, selbst in der ersten Nummer nannten sich weder

Redacteur noch Buchdrucker, und erst unter dem 22. October trat Kleist in einer

von ihm unterzeichneten Erklärung aus dem Dunkel hervor, während die

buchhändlerische Spedition von J. E. Hitzig übernommen wurde. Diese

dürftigen Blätter haben einige bekannte Dichtungen Kleist’s in die Welt zuerst

eingeführt; sie enthalten aber noch weit mehr, theils unter seinem Namen, theils

unter verschiedenen Zeichen, was nachher im Sturm eines halben Jahrhunderts

verweht und vergessen worden ist. Damals wenig beachtet, sind sie jetzt ein

wichtiges Hülfsmittel zur Litteratur und Würdigung des Dichters. Doch gehört

ein vollständiges Exemplar zu den größten Seltenheiten des Büchermarkts. Tieck

muß sie bei der Herausgabe des Nachlasses noch gehabt haben; in der Vorrede

sagt er, daß sie „ungleich und oft flüchtig von verschiedenen Verfassern

geschrieben, doch manches Erfreuliche von ihm (Kleist) enthalten,“ doch geht er

auf eine Ausscheidung desselben nicht ein.[18] Bülow erhielt beim Abschlusse

seines Buchs, wie er in der Vorrede sagt, noch ein Exemplar; doch ist es entweder nicht vollständig gewesen oder von ihm nicht vollständig benutzt

worden, denn in dem Anhange giebt er nur zwei Stücke „über das

Marionettentheater“ und „eine Anekdote aus dem letzten preußischen Kriege“;

das Uebrige bezeichnet er „als unbedeutende gelegentliche Aufsätze und

Bemerkungen.“[19] Auch der neueste Herausgeber Julian Schmidt hat der

Abendblätter nicht habhaft werden können. Ich würde mich in gleicher Lage

befinden, wenn mich nicht Herr Freiherr W. v. Maltzahn durch die

freundschaftliche Mittheilung derselben aus seinem reichen Bücherschatze in

den Stand gesetzt hätte, diese verschüttete Quelle durch eigene Untersuchung

wieder zu öffnen. Vor mir liegen 75 Blätter vom 1. October bis 28. December

1810, ein volles Quartal. Aber wie sich aus dem Briefe Kleist’s an F. v. Raumer

vom 21. Februar 1811 in dessen kürzlich erschienenen Lebenserinnerungen und

Briefwechsel ergiebt, sind die Abendblätter erst gegen Ende dieses Monats

eingegangen; die letzten Nummern scheinen ganz verschollen zu sein.

Mitarbeiter waren Adam Müller, A. v. Arnim, Brentano, Friedrich Schulz,

Fouqué und einige andere. Doch litt das Unternehmen an innerer Planlosigkeit,

es brachte bunt zusammengewürfelte Artikel über Fragen der innern Politik und

das Theater, dichterische Beiträge und Polizeiberichte, und scheiterte zuletzt an

dem Zerwürfniß mit den obersten Staatsbehörden, auf deren Unterstützung

Kleist nicht ohne Selbsttäuschung gerechnet hatte, wie seine leidenschaftliche

Anklage F. v. Raumers beweist.

Er selbst hat zahlreiche und sehr verschiedenartige Beiträge geliefert. Aus der

Ermittelung und Zusammenstellung derselben wird sich eine nicht ganz geringe

und kaum noch gehoffte Nachernte ergeben, die ich mit den vorher

besprochenen handschriftlichen Bruchstücken zu einem Ganzen verbinde.

Einiges steht durch die Unterzeichnung, anderes durch den Inhalt fest. Durch

sein offenkundiges H. v. K. bekennt er sich am 5. October zu der „Ode auf den

Wiedereinzug des Königs im Winter 1809“; am 17. October zu dem Artikel

„Theater. Unmaßgebliche Bemerkung“; am 12. December zu dem Aufsatze

„über das Marionettentheater.“ Anerkannt hat er durch Aufnahme in den zweiten

Band der Erzählungen 1811 „das Bettelweib von Locarno“ vom 11. October, und

„die heilige Cäcilie oder die Gewalt der Musik, eine Legende“ hier mit dem

Zusatze „Zum Taufangebinde für Cäcilie M....“ vom 15. November, die erste mit

mz, die andere yz unterzeichnet. Er wandte also verschiedene

Schriftstellerzeichen an, je nachdem er erkannt, errathen oder verborgen bleiben

wollte. Die Wahl solcher Chiffern ist freilich durchaus willkürlich, und der

Versuch ohne anderweitige Bürgschaft aus ihnen einen Schluß auf den Verfasser

zu ziehen, wäre sehr mißlich. Doch sollte der Schriftsteller in diesen Dingen

auch kein entschiedenes System gehabt haben, dennoch wird man irgend eine Art von Folgerichtigkeit annehmen dürfen; wahrscheinlich werden die einmal

gebrauchten Zeichen, sei es in etwas abweichender oder derselben Verbindung

wiederkehren. Auch Kleist wird die Buchstaben m, x, y, z wiederholt

angewendet haben, und wenn ihnen Auffassung und Darstellung zustimmen,

wird man mit annähernder Gewißheit aussprechen können, ob ein Stück von ihm

sei oder nicht.

Zunächst nach diesen äußeren Zeichen stelle ich die Aufsätze zusammen: xy

ist unterzeichnet der Artikel „Theater“ vom 4. October (I, 4, 4 dieser Nachlese).

x: die „Einleitung, Gebet des Zoroaster“ vom 1. October (I, 2, 4); „Anekdote aus

dem letzten Kriege“ vom 20. October (I, 3, 6); „von der Ueberlegung, eine

Paradoxe“ vom 7. Decbr. (I, 2, 5). y: „Brief eines Mahlers an seinen Sohn“ vom

22. October (I, 4, 2); „Schreiben aus Berlin vom 28. October“ unter dem 30. Oct.

(I, 4, 6); „Brief eines jungen Dichters an einen jungen Mahler“ 6. November (I,

4, 3). z: „Betrachtungen über den Weltlauf“ 9. October (I, 2, 6). xyz: „Der

Branntweinsäufer und die Berliner Glocken, eine Anekdote“ 19. October (I, 3,

7). Das Zeichen mz erscheint in Verbindung mit r. rmz ist gezeichnet „Nützliche

Erfindungen, Entwurf einer Bombenpost“ 12. Octbr. (I, 5, 2); rm „Aëronautik“

29., 30. October (I, 5, 4). rz: „Der verlegene Magistrat, eine Anekdote“ 4.

October (I, 3, 9). r: „Muthwille des Himmels, eine Anekdote“ 10. October (I, 3,

5). Ein anderes Mal gesellt sich zu x noch p. xp erscheint unter drei

Epigrammen, 24., 31. October (II, 3, 3).

Hier verlassen uns diese Spuren; doch nehme ich für Kleist noch eine Anzahl

Stücke, die entweder völlig abweichende oder gar keine Zeichen haben, aus

inneren Gründen in Anspruch. Zwei gereimte Epigramme, 12., 30. Octbr. (II, 3,

3) unter st. Zu dem Aufsatz „Empfindungen vor Friedrich’s Seelandschaft“ (I, 4,

1) cb unterzeichnet, hat er sich in der folgenden Erklärung vom 22. October

selbst bekannt: „Der Aufsatz der Hrn. L. A. v. A. und C. B. über Hrn. Friedrich’s

Seelandschaft (S. 12te Blatt) war ursprünglich dramatisch abgefaßt; der Raum

dieser Blätter erforderte aber eine Abkürzung, zu welcher Freiheit ich von Hrn.

A. v. A. freundschaftlich berechtigt war. Gleichwohl hat dieser Aufsatz dadurch,

daß er nunmehr ein bestimmtes Urtheil ausspricht, seinen Charakter dergestalt

verändert, daß ich zur Steuer der Wahrheit, falls sich dessen jemand noch

erinnern sollte, erklären muß: nur der Buchstabe desselben gehört den genannten

beiden Hrn.; der Geist aber und die Verantwortlichkeit dafür, so wie er jetzt

abgefaßt ist, mir. H. v. K.“

In dieser Erklärung liegt ein Widerspruch. Hatte er Arnim’s und Brentano’s

Dialog (denn das allein kann mit der „dramatischen“ Form gemeint sein) in diese

Betrachtung umgesetzt, so gehörte ihm sicherlich auch der Buchstabe an; sein

Stil ist es unverkennbar. Durch das Zeichen cb wollte er, wie es scheint, Clemens Brentano’s Autorschaft wahren.

Kleist gehören ferner an: vaa bezeichnet die Erzählung „Warnung gegen

weibliche Jägerei“ 5., 6. November (I, 3, 1); ava, eine Umstellung des vorigen,

„die sieben kleinen Kinder“ 8. Nov. (I, 4, 7); M. F. die beiden Erzählungen „die

Heilung“ vom 29. November und „das Grab der Väter“ 5. December (I, 3, 2. 3);

und „Allerneuester Erziehungsplan“ unterzeichnet Levanus 29. October (I, 5, 1).

Ohne jedes Zeichen sind folgende Stücke: „Der Griffel Gottes“, eine Anekdote

5. October (I, 3, 4); „Anekdote aus dem letzten preußischen Kriege“ 6. October

in Bülow’s Nachtrag; „Charité-Vorfall“ 13. October (I, 3, 10); „Schreiben aus

Berlin“ 15. October (I, 5, 3); „Anekdote“ 24. October (I, 3, 11); „Räthsel“ eine

Anekdote, 1. Novbr. (I, 3, 12); „Tages-Ereigniß“ 7. Novbr. (I, 3, 8); „von einem

Kinde, das kindlicher Weise ein anderes Kind umbringt“ 13. November (I, 4, 8);

„Legende nach Hans Sachs. Gleich und Ungleich“ 3. November; und „Legende

nach Hans Sachs. Der Welt Lauf.“ 8. December (II, 1, 2); endlich zwei

Anekdoten, 22. November und 27. November (I, 3, 13. 14).

Diese Aufsätze, nach Werth und Inhalt sehr ungleich, gehen von der höchsten

Betrachtung bis zur niedrigen Tagesanekdote hinab. Mit manchem Beitrag ist es

ihm durchaus Ernst, andere sind nichts als Raumfüller und Lückenbüßer. Um

den Beweis anzutreten, sie alle seien von einem Verfasser, und zwar von Kleist,

war es nöthig, das Gleichartige in eine Klasse zu bringen; schon daraus mußte

sich manches ergeben, was für die innere Zusammengehörigkeit spricht. Ich

habe sie nach der prosaischen und dichterischen Form in zwei Abtheilungen

geschieden, deren erste enthält: 1. Politische Satiren, 2. Politische Aufrufe und

Betrachtungen, 3. Erzählungen und Anekdoten, 4. Kunst und Theater, 5.

Gemeinnütziges; worauf die wenigen versificirten Stücke unter dem zweiten

Haupttitel folgen.

Zu dem Politisch Historischen gehören drei Beiträge: die „Einleitung, Gebet

des Zoroaster“, „von der Ueberlegung, eine Paradoxe“ und „Betrachtungen über

den Weltlauf“ (I, 2, 4-6). Daß der Führer des Blattes die Einleitung geschrieben

habe, läßt sich ohne Weiteres annehmen; sie athmet ganz seinen Geist in dem

Ingrimm über das Elend des Zeitalters, die Erbärmlichkeit, Halbheit,

Unwahrhaftigkeit und Gleißnerei, zu deren Bekämpfung er um Kraft betet.

Denselben praktischen Zweck hat die Paradoxe; sie gilt den Deutschen, und

findet im Gegensatze zu den Franzosen den Quell ihres Elends in dem

unverhältnißmäßigen Uebergewicht der gepriesenen Ueberlegung, die den

lähmenden Zwiespalt zwischen Denken und Handeln hervorruft. Wie im

Katechismus richtet ein Vater diese Rede an seinen Sohn. „Die Ueberlegung,“

sagt er „scheint nur die zum Handeln nöthige Kraft, die aus dem herrlichen

Gefühle quillt, zu verwirren, zu hemmen und zu unterdrücken.“ Aehnlich im Katechismus 9: „Sie (die Deutschen) reflectirten, wo sie empfinden, oder

handeln sollten, meinten alles durch ihren Witz bewerkstelligen zu können, und

gäben nichts mehr auf die alte geheimnißvolle Kraft der Herzen.“ Dort wie hier

spielt das Gleichniß vom Ringer durch. In der Paradoxe heißt es: „Der Athlet

kann in dem Augenblick, da er seinen Gegner umfaßt hält, schlechterdings nach

keiner andern Rücksicht — verfahren — aber nachher, wenn er gesiegt hat oder

am Boden liegt, mag es zweckmäßig sein — zu überlegen, durch welchen Druck

er seinen Gegner niederwarf.“ Und im Katechismus 7: „Das wäre ebenso feig,

als ob ich die Geschicklichkeit, die einem Menschen im Ringen beiwohnt, in

dem Augenblick bewundern wollte, da er mich in den Koth wirft und mein

Antlitz mit Füßen tritt.“ Derselbe Gedanke endlich, Kraft und That seien früher

als Erkenntniß und Betrachtung, das politische Handeln älter als dessen

Darstellung durch die Kunst, die Reflexion das Zeichen des Verfalls und der

Ohnmacht, erhebt sich in den „Betrachtungen über den Weltlauf“ zur

geschichtsphilosophischen Höhe. Stilistisch sprechen die langen Perioden, in

dem letzten Stück der indirecte Satz mit seinem fünfmaligen — „daß“ — für

Kleist.

Unter I, 3, 1-3 folgen drei etwas ausgeführtere Erzählungen „Warnung gegen

weibliche Jägerei“ vaa, „die Heilung“ und „das Grab der Väter“, beide M. F.

gezeichnet. Das könnte etwa auf Fouqué zu deuten scheinen, doch hat dieser nur

wenige unbedeutende Zeilen unter d. l. M. F. beigesteuert; auch hat der Stil

durchaus nichts von seiner Manier. Diese drei Erzählungen gehören zusammen,

sie sind von einem Verfasser; in allen dieselbe Anschaulichkeit, dieselbe

Lebendigkeit der Darstellung, verschlungene Perioden und indirect wiederholte

Reden und Betrachtungen. Mit ungemeiner Kraft, höchst ergreifend ist in der

„Heilung“ die Spitze der ganzen Begebenheit in eine einzige Periode

zusammengedrängt: „Wie mußte nun dem Leichtsinnigen zu Muthe werden“, u.

s. w. die in wenigen Strichen ein Grauen erregendes Bild vorführt. Auch

„dergestalt daß“ fehlt hier nicht. In gleicher Weise wird in dem „Grab der Väter“

die Summe des Ganzen in einem Bilde, in einer Periode ausgesprochen. „Da

standen sie aber plötzlich“ u. s. w. Die erste Erzählung ist mehr humoristischer

Natur. Alle drei stehen auf der Grenze der Erzählung und Anekdote und

schließen sich insofern dem „Bettelweib von Locarno“ an, einer Anekdote

spukhaften Inhalts, welche die Reihe dieser kleinen Skizzen, die den Rahmen

des Blattes füllen, eröffnet.

Es folgt eine Gallerie von elf Anekdoten verschiedenen Inhalts, zum Theil als

solche bezeichnet; einige sehr charakteristisch und unmittelbar dem Leben

entlehnt, der Form nach Papierschnitzel, die nebenher vom Schreibtisch

abgefallen waren. Manche mochten Züge sein, die zu künftiger Verwendung in irgend einem größeren Bilde vorläufig hingeworfen waren. „Der Griffel Gottes“

(I, 3, 4), ohne Unterzeichnung, trägt das Gepräge einer solchen Notiz zu einer

später auszuführenden Erzählung. Ins Lächerliche wird das Grausige verkehrt in

der Anekdote „Muthwille des Himmels“ r., in der man Kleist’s Feder wieder

erkennen wird. Auch spricht der Schauplatz dafür, seine Vaterstadt Frankfurt an

der Oder, wo er dies Geschichtchen gehört haben mochte. Es ist wie die

folgenden 6 bis 9 eine der beliebten Militairanekdoten. Kleist war diesen

Kreisen, seiner abweichenden Denk- und Lebensweise ungeachtet, nicht

entfremdet; noch 1810 war von seinem Rücktritt in den Dienst in allem Ernst die

Rede.[20] Bei der lebhaften Theilnahme, die man nach altpreußischer

Ueberlieferung an militairischen Dingen nahm, und der Beschränkung, der die

Tagesblätter damals doppelt unterlagen, war es nicht zu verwundern, wenn

kleine Soldatengeschichten, Witze und Disciplinarfälle einen willkommenen

Stoff darboten. War doch der Soldat neben dem Schauspieler der einzige

öffentliche Charakter! Eine eigenthümliche Art dieser Anekdoten bilden die

Züge der Tapferkeit Einzelner, die man aus den Nachrichten des letzten Krieges

zu sammeln begann. Zum Troste über die Vergangenheit, daß der alte Geist

wieder erwachen werde, suchte man sie auf. In dem Sinne nahm Kleist diese

kleinen Geschichten; den unter der Asche glimmenden Funken dachte er wohl

mit solchen Erinnerungen, soweit er vermochte, zu unterhalten. Von den beiden

Anekdoten aus dem letzten preußischen Kriege ist die erste, die Bülow bereits

mitgetheilt hat, gar nicht, die zweite x unterzeichnet. Mit dieser dramatischen

Lebendigkeit konnte nur Kleist den preußischen Husaren vorführen, der in der

Nähe des siegreichen Feindes seinen Danziger mit größter Seelenruhe trinkt,

sich schnäuzt, die Pfeife anzündet, über die Feinde herfällt, daß sie die

„Schwerenoth kriegen“ sollen, und auf drei französische Chasseurs „dergestalt“

einhaut, „daß“ sie aus dem Sattel stürzen. Die Umständlichkeit des dramatisch

gehaltenen Gesprächs, das regelmäßig wiederkehrende „spricht er“ für „sagte er“

erinnert lebhaft an den Dialog zwischen Eva und dem Dorfrichter in der zweiten

Bearbeitung des zerbrochenen Krugs. Wenn er sagt, auf der Reise nach Frankfurt

habe er diese Geschichte in einem Dorfe bei Jena gehört, so konnte das damals

geschehen sein, als er im Frühjahr 1807 nach Joux als Gefangener geführt

wurde. Verwandt (und wieder nicht ohne „dergestalt daß“) aber cynisch und

hoch humoristisch ist die Anekdote 6. Gleichgültiger sind die drei folgenden

Geschichten, militairische Disciplinarfälle; 7 xyz, 8 ohne Zeichen, 9 rz.

Komischen Inhalts sind die fünf letzten Anekdoten; 10, eine Tagesneuigkeit,

zugleich eine Satire auf die Aerzte; 11 bis 14 sämmtlich ohne Zeichen, doch

durch „gleichwohl“ und „dergestalt daß“ hinreichend kenntlich gemacht.

Der vierten Abtheilung „Kunst und Theater“ gehören acht Nummern an. Die beiden Briefe „eines Mahlers an seinen Sohn“, und „eines jungen Dichters an

einen jungen Mahler“, mit y bezeichnet, gehören zu einander. Der erste, der

ironisirend in dem einfachen Stil des kunstliebenden Klosterbruders beginnt, um

cynisch zu enden, ist ein Ausfall gegen die junge Malerschule, der Gemüth und

Andacht, Beruf und Studium ersetzen soll. Im zweiten fordert der Dichter den

Maler auf, von dem verhimmelnden Nachbilden alter Meister abzustehen, weil

der Künstler sein eigenes Innerste zur Anschauung bringen solle, da das

wesentlichste Stück der Kunst „die Erfindung nach eigenthümlichen Gesetzen“

sei. Die Dichtung soll mit der Malerei auseinandergesetzt werden. Schon im

Phöbus hatte Kleist in einer Anmerkung zu dem Gedichte nach Hartmanns

Gemälde „der Engel am Grabe des Herrn“ etwas Aehnliches angekündet; er

wollte in dieser fortgesetzten Verbindung zweier so verschiedener

Kunstleistungen eine Sammlung von Beispielen geben, an denen vielleicht die

alte wichtige Frage von den Grenzen der Malerei und Poesie erörtert werden

könne.[21] Die folgenden Nummern dieses Abschnitts sind, mit Ausnahme der

letzten Abhandlung „über das Marionettentheater“, gelegentliche Bemerkungen,

die durch das Berliner Theater veranlaßt wurden. Die erste „Theater“ xy (I, 4, 4)

ist eine feine Kritik Iffland’s, der sehr vorsichtig als Manierist bezeichnet wird.

Die Hinweisung auf Kant’s Kritik der Urtheilskraft an dieser Stelle läßt den

Kantianer Kleist sogleich errathen. In der „unmaßgeblichen Bemerkung“ (I, 4, 5)

tritt er in seinem H. v. K. mit einem Angriffe auf die Theaterleitung offen hervor.

Die Direction soll wahre Kritik üben; ist sie geneigt, der Menge zu schmeicheln,

muß sie unter die Aufsicht des Staats gestellt werden. Nicht ohne Gereiztheit

spricht er gegen Iffland, dem er in Folge der Zurückweisung des Käthchen von

Heilbronn schon am 12. August 1810 einen sarkastisch bittern Brief geschrieben

hatte. Das „Schreiben aus Berlin 28. Oktober“ y („dergestalt, gleichwohl“) bei

Gelegenheit der Oper Aschenbrödel; „die sieben kleinen Kinder“ ava, worin

vom Theater größere Berücksichtigung des Volksthümlichen, besonders

norddeutscher Dialecte gefordert wird; der Artikel ohne Zeichen „Von einem

Kinde, das kindlicher Weise ein anderes Kind umbringt“, der an eine Anekdote

geknüpft eine anerkennende Erwähnung des Vierundzwanzigsten Februar von Z.

Werner enthält; das Alles sind mehr oder weniger Anklagen der Direction des

Berliner Theaters, in denen sich das feindliche Verhältniß Kleist’s und Iffland’s

abspiegelt.

Endlich gemeinnützigen Inhalts sind die vier Nummern der fünften

Abtheilung: „Allerneuester Erziehungsplan“, „Entwurf einer Bombenpost“ rmz

(„dergestalt daß“), „Schreiben aus Berlin 15. Oktober“ ohne Zeichen

(„gleichwohl“), „Aëronautik“ rm („dergestalt daß“). Der erste Aufsatz trägt

freilich nur die Maske der Gemeinnützigkeit, denn er ist eine Satire gegen die neuesten Erziehungsreformatoren; gegen Ende werden Pestalozzi und Zeller

namentlich genannt. Schon in seinem Epigramme hatte Kleist den Pädagogen

das bittere Wort gesagt:

 

Setzet, ihr träft’s mit eurer Kunst und erzögt uns die Jugend

Nun zu Männern wie ihr: lieben Freunde, was wär’s?

 

Hier stellt er allen Plänen, die zum Heil der Menschheit gemacht werden, den

originellen und humoristischen Gedanken entgegen, statt der Tugendschulen zur

Abwechselung einmal Lasterschulen zu gründen und durch die Macht des

Gegensatzes zu wirken. Daß Kleist der Verfasser sei, obgleich er in den

einleitenden Worten und in den Anmerkungen als Kritiker dieser

„abentheuerlichen Unternehmung“ spöttisch und vorsichtig auftritt, beweist

unzweifelhaft der periodisch ausgeführte Stil, namentlich in den erzählenden

Episoden, wo er einmal sogar auf sein zeitweiliges Zusammenleben mit seiner

Schwester anspielt. Die Unterschrift Levanus ist eine ironische Hinweisung auf

Jean Paul’s Levana, das Ganze kein geringer Beweis für seine satirische Ader. In

den drei folgenden Aufsätzen werden Telegraphie und Post, die Frage, ob der

Luftballon gelenkt werden könne, besprochen. Es sind Actenstücke zu Kleist’s

Leben, der als Techniker und erfindungslustiger Planmacher seine früheren

Studien auf dem Gebiete der Naturwissenschaften praktisch zu verwenden sucht.

Eine viel geringere Ausbeute bieten die Abendblätter für die zweite

Hauptabtheilung; Beiträge in Versen sind die Ausnahme. Unter den drei Stücken,

als deren Verfasser ich Kleist erkenne, sind die beiden Legenden nach Hans

Sachs „Gleich und Ungleich“ und „der Welt Lauf“, ohne Zeichen, Holzschnitte

in der Art des alten Meisters, dem nur die Grundzüge angehören, und deren freie

Behandlung nicht minder meisterhaft ist.[22] Diese Verse erinnern an das Gedicht

der Engel am Grabe des Herrn; nur sind sie, dem Stoffe gemäß, in den

humoristischen Ton umgebogen. Der Dialog mit dem regelmäßig eingeschalteten

„spricht er“, die dramatisch lebendigen Gestalten des tölpelhaften Knechts und

der flinken Magd lassen Kleist’s Hand nicht verkennen. In den fünf Epigrammen

xp und st wechseln, wie in seinen anerkannten, Frage und Antwort; die

Distichen sind metrisch hier wie dort gleich unbeholfen.