Heinrich von Kleist's politische Schriften und andere Nachträge zu seinen Werken

2. Eine Legende nach Hans Sachs. Der Welt Lauf. (8. December.)

2. Eine Legende nach Hans Sachs.

Der Welt Lauf.

(8. December.)

 

Der Herr und Petrus oft, in ihrer Liebe beide,

Begegneten im Streite sich,

Wenn von der Menschen Heil die Rede war;

Und dieser nannte zwar die Gnade Gottes groß,

Doch wär’ er Herr der Welt, meint er,

Würd’ er sich ihrer mehr erbarmen.

Da trat, zu einer Zeit, als längst, in beider Herzen,

Der Streit vergessen schien, und just,

Um welcher Ursach weiß ich nicht,

Der Himmel oben auch voll Wolken hieng,

Der Sanctus mißgestimmt, den Heiland an, und sprach

„Herr, laß, auf eine Handvoll Zeit,

Mich, aus dem Himmelreich, auf Erden niederfahren,

Daß ich des Unmuths, der mich griff,

Vergess’ und mich einmal, von Sorgen frei, ergötze,

Weil es jetzt grad’ vor Fastnacht ist.“

Der Herr, des Streits noch sinnig eingedenk,

Spricht: „Gut; acht Tag’ geb’ ich dir Zeit,

Der Feier, die mir dort beginnt, dich beizumischen;

Jedoch, so bald das Fest vorbei,

Kommst du mir zu gesetzter Stunde wieder.

Acht volle Tage doch, zwei Wochen schon, und mehr,

Ein abgezählter Mond vergeht,

Bevor der Sanct zum Himmel wiederkehrt.

„Ei, Petre,“ spricht der Herr, „wo weiltest du so lange?

Gefiel’s auch nieden dir so wohl?“

Der Sanctus, mit noch schwerem Kopfe, spricht:

„Ach, Herr! Das war ein Jubel unten —!

Der Himmel selbst beseeliget nicht besser.

Die Erndte, reich, du weißt, wie keine je gewesen,

Gab alles was das Herz nur wünscht,

Getraide, weiß und süß, Most, sag’ ich dir, wie Honig,

Fleisch fett, dem Speck gleich, von der Brust des Rindes;

Kurz, von der Erde jeglichem Erzeugniß

Zum Brechen alle Tafeln voll.

Da ließ ich’s, schier, zu wohl mir sein,

Und hätte bald des Himmels gar vergessen.“

Der Herr erwiedert: „Gut! Doch Petre sag’ mir an,

Bei soviel Seegen, den ich ausgeschüttet,

Hat man auch dankbar mein gedacht?

Sahst du die Kirchen auch von Menschen voll?“ —

Der Sanct, bestürzt hierauf, nachdem er sich besonnen:

„O Herr,“ spricht er, „bei meiner Liebe,

Den ganzen Fastmond durch, wo ich mich hingewendet, Nicht deinen Namen hört’ ich nennen.

Ein einz’ger Mann saß murmelnd in der Kirche:

Der aber war ein Wucherer,

Und hatte Korn, im Herbst erstanden,

Für Mäus’ und Ratzen hungrig aufgeschüttet.“ —

„Wohlan denn,“ spricht der Herr, und läßt die Rede fallen,

„Petre, so geh; und künft’ges Jahr

Kannst du die Fastnacht wiederum besuchen.“

Doch diesmal war das Fest kaum eingeläutet,

Da kömmt der Sanctus schleichend schon zurück.

Der Herr begegnet ihm am Himmelsthor und ruft:

„Ei, Petre! Sieh! Warum so traurig?

Hat’s dir auf Erden denn danieden nicht gefallen?“

„Ach, Herr,“ versetzt der Sanct, „seit ich sie nicht gesehn,

Hat sich die Erde ganz verändert.

Da ist’s kurzweilig nicht mehr, wie vordem,

Rings sieht das Auge nichts, als Noth und Jammer.

Die Erndte, ascheweiß versengt auf allen Feldern,

Gab für den Hunger nicht, um Brod zu backen,

Viel wen’ger Kuchen, für die Lust, und Stritzeln.

Und weil der Herbstwind früh der Berge Hang durchreift,

War auch an Wein und Most nicht zu gedenken.

Da dacht ich: was auch sollst du hier?

Und kehrt ins Himmelreich nur wieder heim.“ —

„So!“ spricht der Herr. „Fürwahr! das thut mir leid!

Doch, sag’ mir an: gedacht’ man mein?“

„Herr, ob man dein gedacht? — Die Wahrheit dir zu sagen,

Als ich durch eine Hauptstadt kam,

Fand ich, zur Zeit der Mitternacht,

Vom Altarkerzenglanz, durch die Portäle strahlend,

Dir alle Märkt’ und Straßen hell;

Die Glöckner zogen, daß die Stränge rissen;

Hoch an den Säulen hiengen Knaben,

Und hielten ihre Mützen in der Hand.

Kein Mensch, versichr’ ich dich, im Weichbild rings zu sehn,

Als Einer nur, der eine Schaar

Lastträger keuchend von dem Hafen führte:

Der aber war ein Wucherer,

Und häufte Korn auf lächelnd, fern erkauft,

Um von des Landes Hunger sich zu mästen.“

„Nun denn, o Petre,“ spricht der Herr,

Erschaust du jetzo doch den Lauf der Welt!

Jetzt siehst du doch was du jüngsthin nicht glauben wolltest,

Daß Güter nicht das Gut des Menschen sind;

Daß mir ihr Heil am Herzen liegt wie dir:

Und daß ich, wenn ich sie mit Noth zuweilen plage,

Mich, meiner Liebe treu und meiner Sendung,

Nur ihrer höh’ren Noth erbarme.