Heinrich von Kleist's politische Schriften und andere Nachträge zu seinen Werken

Einleitung.

I.

 

Wehe, mein Vaterland, dir! Die Leier zum Ruhm dir zu schlagen, Ist, getreu dir im Schooß, mir, deinem Dichter, verwehrt,

 

schrieb Heinrich von Kleist auf das Titelblatt seines vaterländischen Dramas die

Hermannsschlacht, als er es im Jahre 1808 vollendet hatte. Es war eine

Grabschrift, die er dem Vaterlande, seiner Dichtung, sich selbst setzte, und in

finsterm Haß sich in das Schweigen der Hoffnungslosigkeit zu vergraben, schien

der letzte Trost, den das Leben ihm noch nicht geraubt hatte. Voll Liebe zum

Vaterlande will er ihm zum Ruhme singen, aber in der Gegenwart sieht er es

schmachbedeckt in den Staub getreten; er wendet den Blick rückwärts, der

ruhmvollen Vergangenheit entlehnt er den Stoff seiner Dichtung, im Sturme will

er sein Volk mit sich fortreißen, aber die Hörer verschließen ihm das Ohr. Für die

Enkel ist es gefährlich geworden, dem Heldenliede von den Thaten der Ahnen

zu horchen, der Sänger schließt sein „letztes Lied“, „er wünscht mit ihm zu

enden, und legt die Leier thränend aus den Händen!“[1] Keine Bühne will sich

seinem vaterländischen Schauspiel öffnen. Zurückgewiesen von den Seinen

verschließt er einsam den Schmerz und das Elend des eigenen Lebens, die

Schmach und den Gram Deutschlands in jene Worte, die zur schwer lastenden

Anklage eines selbstvergessenen Volks werden.

Dennoch nennt sich Kleist den Dichter seines Vaterlandes; getreu bleibt er

ihm im Schooß, während viele andere, denen es Macht, Ehre, Ruhm gegeben

hatte, untreu geworden waren, es durch That, Wort oder verzagtes Schweigen

verrathen hatten. Nicht Fürsten und Volksstämme, Generale und Staatsmänner

allein, auch Männer der Wissenschaft und Dichter hatten das gethan. In das

Unendliche hatte sich die Wissenschaft versenkt und die Welt durchmessen, das

Vaterland, in dem sie aufgewachsen war, blieb ihr fast fremd; in Griechenland

und Rom lebte die Dichtung, in Deutschland nicht. Weder die eine noch die

andere ahnte das Verderben, das sich heranwälzte, bestürzt hatten sie

geschwiegen, als es hereinbrach, oder den fremden Gewalthaber als den

Vollzieher des Weltgeschicks wohl gar bewundert und gepriesen. Kleist wollte

nichts als sein Deutschland, sein oft geschmähtes Brandenburg, ob auch hier „die

Künstlerin Natur bei der Arbeit eingeschlummert“, ob es auch gerade jetzt

doppelt arm und öde sein mochte; er wollte es, weil es das Vaterland war.[2] Aus

ihm sprach die Stimme des lang eingeschläferten Gewissens, das laut mahnte, dem Zwiespalt zwischen Weltbürgerthum und Volkssinn, Staat und Vaterland,

Wissenschaft und Leben ein Ende zu machen, und die tiefsten Kräfte zum

Kampfe aufzurufen. Jene Verse, wie sein Drama, waren ein erster erschütternder

Ausdruck der Wiedervereinigung der Dichtung mit dem Vaterlande, und darum

lassen sie selbst in der Hoffnungslosigkeit die Rettung ahnen; es liegt in ihnen

der Wendepunkt des deutschen Lebens. Denn anders mußte es werden, sobald

diese Ueberzeugung allgemein ward; selbst die höchsten Güter der Menschheit,

denen man so lange nachgetrachtet hatte, verloren ihre bildende und heiligende

Kraft, wenn sie durch den volksthümlichen Muth nicht mehr geschirmt wurden.

Es brach die Zeit an, wo Schleiermacher und Fichte Volksredner waren, Arndt

durch Lied und That wirkte und ein jüngeres Dichtergeschlecht heraufwuchs, das

nicht mehr classisch, sondern vaterländisch sein wollte, selbst zum Schwerte

griff und kämpfend fiel, wie Körner, oder das Glück der Sieger beneidend, den

Sieg feierte, wie Schenkendorf und Rückert.

Nicht so glücklich war Kleist; in die Mitte gestellt, zwischen die

schonungslose Uebermacht der Gegenwart und die zweifelhafte Zukunft, hat er

weder den Kampf noch den Sieg erlebt, und gleichgültig haben sich seine

Zeitgenossen von ihm abgewandt. Den Weltklugen zu mystisch, den Frommen

zu ruchlos, den Politikern zu unpraktisch, den Zahmen zu wild, dem Meister der

Kunst zu roh und formlos, fand er bei seinem Leben nur wenige Freunde, und als

der widerwärtige Streit über seinem Grabe verstummt war, ward er im Toben des

Volkskampfes, den er erwecken wollte, fast vergessen, und die Kränze, nach

denen er gegeizt hatte, wurden andern zu Theil.

Gewiß war er als Mensch weder im Leben noch im Tode frei von schwerer

Schuld, aber so oft dies auch gesagt worden ist, dem Dichter ist die folgende Zeit

langer Ruhe kaum gerecht, geschweige denn günstig, geworden. Zehn Jahr

später hat ihn Tieck in das Gedächtniß des genießenden Geschlechtes, dem die

starke, männliche Dichtweise unbequem geworden war, zurückgerufen. Ihm,

seiner reinen Anerkennung verdankt man es, wenn Kleist’s Stelle in der

Litteraturgeschichte gesichert ist. Auch das ist langsam und zögernd geschehen.

In fünfzig Jahren sind nur zwei Gesammtausgaben erschienen, und zwischen

beiden liegt ein Menschenalter. Nicht ohne Mühe haben sich drei seiner Dramen

auf der Bühne eingebürgert, gerade das vollendetste, das vorzugsweise

heimische, mußte, der Gefahr des Unterganges kaum entzogen, am längsten

gegen das Vorurtheil kämpfen, und die Hermannsschlacht, die schon vor einem

halben Jahrhundert zünden sollte, hat ihre Hörer bis heute nicht gefunden.

Auch die Nachlese, so ergiebig bei andern Dichtern, und die Kunde von

seinem Leben ist demselben Mißgeschick verfallen. Einen großen Theil seiner

Schriften hat er in selbstquälerischer Verachtung zerstört; was sonst zu hoffen, war verschollen oder in unbekannten Zeitschriften begraben, und erst Julian

Schmidt’s Ausgabe hat aus dem Phöbus einen Theil des Vergessenen wieder ans

Licht gebracht. Vereinzelt und zufällig sind manche Briefe von ihm zum

Vorschein gekommen und unbeachtet geblieben; die später von E. v. Bülow und

Koberstein herausgegebenen größeren Sammlungen sind, wenn auch die erste,

fast einzige Quelle, doch nicht umfassend genug, um auf sein dunkles Leben ein

überall genügendes Licht zu werfen. Bülow’s freilich nicht erschöpfende doch

verdienstliche Lebensbeschreibung blieb in der politischen Sturmzeit von 1848,

wie vierzig Jahre früher der lebende Dichter, fast unbeachtet. Erst in den letzten

Jahren hat man sich ihm aus dem Gesichtspunkte der allgemeinen

Zeitgeschichte, in der er in so fragwürdiger Gestalt hervortritt, wieder mehr

zugewendet.[3] Dennoch scheint eine Seite seines zerrissenen Lebens der näheren

Besprechung würdig und bedürftig, von allen die erhebendste und reinste, in der

sich die jähen Widersprüche vielleicht am ersten ausgleichen, die vaterländische.

Ich würde es nicht unternehmen, allein auf Grund des schon benutzten Stoffes

darüber zu reden, aber ich bin glücklich genug Neues, bisher Unbekanntes oder

Vergessenes, hinzufügen zu können, und halte es für eine That der Gerechtigkeit,

die folgende nicht geringfügige Nachlese zu Kleist’s Schriften der

Oeffentlichkeit zu übergeben. Eben hier erscheint er vorzugsweise als politischer

Schriftsteller, von dieser Thätigkeit mindestens gewinnt man ein bedeutend

vollständigeres Bild.

Zuerst habe ich Rechenschaft von den Quellen, aus welchen diese Nachträge

geschöpft sind, abzulegen. Theils sind sie handschriftlicher Art, theils gehören

sie vergessenen Drucken an; von jenen spreche ich zuerst.

Nicht alles, was Tieck aus dem Nachlasse Kleist’s besaß, hat er in seine

Ausgabe aufgenommen. „Auch finden sich“, schreibt er, „in seinem Nachlasse

Fragmente aus jener Zeit (1809), die alle das Bestreben aussprechen, die

Deutschen zu begeistern und zu vereinigen, sowie die Machinationen und

Lügenkünste des Feindes in ihrer Blöße hinzustellen: Versuche in vielerlei

Formen, die aber damals vom raschen Drang der Begebenheiten überlaufen,

nicht im Druck erscheinen konnten, und auch jetzt, nach so manchem Jahre und

nach der Veränderung aller Verhältnisse, sich nicht dazu eignen.“[4] Also

Schriftstücke politischen, vaterländischen Inhalts, die ein Aufruf an das Volk

sein sollten, jedoch nie zur Verwendung gekommen sind, waren es, die Tieck im

Jahre 1821 vor sich hatte. Zunächst scheint ihn die Rücksicht auf die Erregung

des eben durchgekämpften Völkerkrieges, die jetzt friedlichern Stimmungen

Platz machen sollte, von der Veröffentlichung abgehalten zu haben, und noch

1826 glaubte er dabei stehen bleiben zu müssen. Auch mochten ihm diese

Fragmente im Vergleiche mit den großen Dichtungen minder bedeutend scheinen. Er sah in Kleist einen befreundeten gleichzeitigen Dichter, dem er aus

den vollendetsten Werken ein Denkmal errichten wollte, von welchem er das

Geringfügigere meinte ausschließen zu können. Ueberhaupt war seine Kritik ein

Ausdruck der Begeisterung für den Gegenstand, mehr ästhetisch, allgemein

anschauend und nachdichtend als historisch philologisch; er konnte zufrieden

sein, den Dichter und dessen Werke der Vergessenheit entrissen und in genialen

Zügen ein groß gehaltenes Bild beider entworfen zu haben. Ganz anders stand

es, als zweiundzwanzig Jahre später Bülow in der Vorrede zum Leben Kleist’s

schrieb:[5] „Die schon von Tieck besprochenen zerstreuten politischen Blätter aus

dem Jahre 1809 habe ich ebenfalls durchgesehen und des Druckes meist unwerth

befunden.“ Diese „Reliquien“, die er damals noch unverkürzt in Händen hatte,

legte er also in demselben Augenblicke als unwichtig bei Seite, wo er den

Untergang oder die absichtliche Zurückhaltung anderer beklagte. Der Umstand

allein hätte den Biographen bestimmen sollen, nicht seinem persönlichen

Geschmacksurtheil über den Werth dieser Blätter, sondern dem historischen

Gesetze zu folgen, das zu retten gebietet, was noch zu retten ist, damit das Bild

des Dichters so getreu als möglich hergestellt werden könne. Das verlangte die

inzwischen zur Wissenschaft herangereifte Litteraturgeschichte, die auch für die

Schriftsteller der nächsten Vergangenheit eine willkürliche Kritik dieser Art

nicht mehr duldete. Nicht ohne ironisches Lächeln über Kleist’s „naive Absicht“

begnügte er sich, einen dieser Aufsätze, überschrieben: „Was gilt es in diesem

Kriege?“ sorglos abdrucken zu lassen. Von Tieck hatte Bülow diese Papiere

erhalten; im Nachlasse des einen oder des andern mußten sie aufbewahrt sein.

Unter den zahlreich angesammelten Handschriften Tieck’s fand sich in der

That eine, die aus dem Nachlasse Kleist’s herstammte, eine Abschrift der

Penthesilea, vom Dichter durchgesehen und nicht ohne bedeutende

Veränderungen einzelner Verse und Worte von seiner Hand. Aus der

Vergleichung mit der Tieckschen Ausgabe, welcher der Druck von 1808 zu

Grunde liegt, und den nicht unerheblich abweichenden Bruchstücken im Phöbus,

ergab sich diese Handschrift als eine dritte noch frühere Bearbeitung

selbständigen Charakters, die auf’s neue beweist, wie sorgfältig Kleist seine

Dichtungen im einzelnen durcharbeitete. Dagegen schien sich die nah liegende

Vermuthung, der Herausgeber der Kleist’schen Schriften werde von seinen

Sammlungen mehr als dieses eine Erinnerungszeichen bewahrt haben, nicht zu

bestätigen, als sich später, bei der Durchsicht eines Restes ungeordneter Papiere,

noch eine Anzahl Blätter nach und nach unerwartet zusammenfanden. Es war ein

Theil des großartigen Bruchstücks Robert Guiskard, das Kriegslied der

Deutschen, das Sonett an die Königin von Preußen und das an den Erzherzog

Karl im März 1809, denen sich einiges Prosaische anschloß; im Ganzen 28 Halbbogen und 6 Blätter in Quart bläulich grauen Streifenpapiers, dessen

höheres Alter nicht bezweifelt werden konnte. Nur freilich waren es nicht

Kleist’s Schriftzüge, sondern die altmodisch steife Hand eines sächsischen

Schreibers, von der alles, nach der Tinte zu urtheilen, fast in einem Zuge

geschrieben worden war. Zwar beginnt die Zählung der Seiten mehr als einmal

von vorn und manche Blätter sind gar nicht bezeichnet, aber offenbar liegt hier

ein Bruchstück einer Handschrift vor, die wenngleich sehr verschiedenartigen

Inhalts, doch äußerlich ein Ganzes bilden sollte.

Bei näherer Untersuchung des prosaischen Theils fanden sich mehrere bisher

unbekannte Aufsätze: fünf Halbbogen, unter der Ueberschrift „Satyrische

Briefe“, deren drei numerirt aufeinander folgen: „1. Brief eines rheinbündischen

Officiers an seinen Freund; 2. Brief eines jungen märkischen Landfräuleins an

ihren Onkel; 3. Schreiben eines Burgemeisters in einer Festung an einen

Unterbeamten“; welchen sich ohne Zahlenbezeichnung ein vierter anschließt

„Brief eines politischen Pescherü (so) über einen Nürnberger Zeitungsartikel.“

Auf einem Quartblatt folgte „die Bedingung des Gärtners, eine Fabel“; dann vier

Halbbogen „Lehrbuch der französischen Journalistik“, sechs Halbbogen und ein

Blatt „Katechismus der Deutschen, abgefaßt nach dem Spanischen zum

Gebrauch für Kinder und Alte“, jedes Stück mit besonderer Seitenzählung;

endlich noch vier nicht paginirte Halbbogen, drei Stücke enthaltend, eines mit

der Aufschrift „Einleitung“, ein anderes ohne Titel beginnend mit der Anrede

„Zeitgenossen“, das dritte mit der Ueberschrift „Was gilt es in diesem Kriege?“

Eben dieses Blatt hatte Bülow herausgegriffen; es war also kein Zweifel mehr,

die politischen Blätter Kleist’s, die er nach Tieck’s Vorgang bei Seite gelegt

hatte, waren noch erhalten. Gewiß ein glücklicher Fund, der durchaus Neues ans

Licht brachte und für manchen andern Verlust entschädigen konnte. Die nächste

Frage, ob er vollständig sei, beantwortete sich leider verneinend. Die

Seitenzahlen des Katechismus ergeben, daß der dritte und sechste Halbbogen

fehle; das Lehrbuch der französischen Journalistik bricht mit Paragraph 25, die

Einleitung mitten im Satze ab; ursprünglich mußten diese Blätter vollzählig

gewesen sein.

Ohne besondere Veranlassung zur Herausgabe und andern Arbeiten

hingegeben, hatte ich mich längere Zeit bei diesem Ergebniß beruhigt, als die

Briefe Kleist’s an seine Schwester mich zu jenen politischen Bruchstücken

zurückführten; denn was etwa noch gefehlt hätte, ein bestimmtes Zeugniß des

Verfassers selbst, fand sich hier. Am 17. Juni 1809 nach der Schlacht von

Wagram und dem Waffenstillstand von Znaym schrieb er von Prag aus, wohin

ihn seine Hoffnungen auf Oesterreich geführt hatten, an seine Schwester:

„Gleichwohl schien sich hier durch B. (Brentano?) und die Bekanntschaften, die er mir verschaffte, ein Wirkungskreis für mich eröffnen zu wollen. Es war die

schöne Zeit nach dem 21. und 22. Mai, und ich fand Gelegenheit meine

Aufsätze, die ich für ein patriotisches Wochenblatt bestimmt hatte, im Hause des

Grafen v. Kollowrat vorzulesen. Man faßte die Idee, dieses Wochenblatt zu

Stande zu bringen, lebhaft auf, Andere übernahmen es, statt meiner den Verleger

herbeizuschaffen, und nichts fehlte als eine höhere Bewilligung, wegen welcher

man geglaubt hatte, einkommen zu müssen. So lange ich lebe, vereinigte sich

noch nicht so viel, um mich eine frohe Zukunft hoffen zu lassen, und nun

vernichten die letzten Vorfälle nicht nur diese Unternehmung, — sie vernichten

meine ganze Thätigkeit überhaupt.“

Also ein Theil der Aufsätze, die Kleist im Frühjahr 1809 für ein patriotisches

Wochenblatt bestimmt hatte, ist in diesen Blättern enthalten, nach allen äußeren

Zeugnissen kann seine Autorschaft keinem Zweifel unterliegen. Heutiges Tages

indeß, wo es darauf ankommt den Stoff der abgeschlossenen Litteraturperiode zu

sammeln und zu sichten, wird man bisher unbekannte Schriften eines

bedeutendern Dichters nicht leicht aus der Hand geben, ohne sie einer allseitigen

Durchforschung unterworfen zu haben, auch wenn ihre Aechtheit feststeht. Es ist

daher gerathen, auch diese Briefe und Aufrufe nach Form und Inhalt näher zu

prüfen; auch schon aus dem Grunde, weil dies zugleich für einige andere Stücke,

deren Kleistischer Ursprung äußerlich weniger verbürgt ist, den erforderlichen

Maßstab gewähren wird. Um die stilistische Gestaltung dieser politischen

Aufsätze zu beurtheilen, wird man zunächst auf eine etwas allgemeinere

Betrachtung der Prosa Kleist’s hingewiesen.

Seine prosaischen Schriften, äußerlich weniger umfassend als die versificirten

Dichtungen, bestehen aus Erzählungen und Briefen. Nur in jenen erscheint er in

voller bewußter Kraft, in ihnen wird man daher den Schriftsteller studieren

können, während diese vom Augenblicke eingegeben, ungleich und

schwankend, bald lehrhaft, bald fieberisch erregt und abspringend den Menschen

und den jähen Wechsel seiner Stimmungen auch in der Form zeigen. In der

darstellenden Prosa ist er Meister, so daß Tieck der Ansicht war, hier entfalte

sich sein Talent vielleicht noch glänzender als im Drama. Könnte man einige

Auswüchse beseitigen, die in seiner Natur wurzeln und von der vollendetern

Handhabung der Form unabhängig sind, man würde von seinen acht

Erzählungen die vier ersten größeren und sorgfältig durchgearbeiteten

mustergültig nennen können. In der Haupttugend aller Erzählung beruhen ihre

Vorzüge, in der durchsichtigsten Gegenständlichkeit. Ueberall treten Personen

und Verhältnisse in festen und kräftigen Umrissen, bis zur sinnlichen

Greifbarkeit deutlich hervor. Alles ist Bewegung, Leben, That, nirgend eine

Stockung, eine todte Beschreibung, die sich abmüht viele einzelne Züge zusammen zu lesen, und es eben darum nie zu einem ganzen Bilde bringt,

während hier die glückliche Einflechtung eines unscheinbaren Zuges auf

einzelne Personen und ganze Gruppen einen hellen Rückstrahl wirft, der das

Ganze in neuem überraschendem Lichte erscheinen läßt. Weil der Dichter diese

Gestalten als ob sie lebten mit seinem Auge sah und darstellte, erweckt er in der

Seele des Lesers, diesem unbewußt, die Kraft des dichterischen Nachschaffens.

Mit der Selbstentäußerung eines Geschichtschreibers oder Dramatikers

verschwindet er hinter seiner Darstellung, nirgend sieht man ihn mit zufahrender

Hand in das Spiel hineingreifen und die Täuschung ungeschickt selbst zerstören,

nirgend sich mit seinen Empfindungen und Betrachtungen aufdrängen; auch

nicht in den Reden und Handlungen der Personen findet man ihn, weil sie

überall ganz eigenthümlich, aus ihrer Stimmung, unter diesen gegebenen

Umständen fühlen und handeln. Nur aus der Gesammtwirkung aller Kräfte, die

er spielen läßt, ist sein letzter Gedanke zu erkennen. Und weil er seinen

Menschen so wenig als sich selbst Abschweifungen philosophierender

Betrachtung oder überschwellenden Gefühls verstattet, haben sie nichts von der

idealistischen Weise anderer Dichtergestalten; sie sind vielmehr von einer

realistischen Derbheit, die in Härte und Schroffheit übergehen kann, aber eben

darum scheinen sie aus Phantasiegeschöpfen zur Höhe historischer Charaktere,

in denen sich ganze Menschengattungen und Zeiten darstellen,

emporzuwachsen.

Er selbst nähert sich dadurch, so weit sich das von dem Dichter sagen läßt, der

Grenze des Geschichtschreibers. Ohne es sein zu wollen, oder auch nur den

Anspruch des historischen Romanstils zu erheben, hat ihn sein historischer

Realismus auf den geschichtlichen Boden geführt. Unmittelbar aus dem Leben,

aus Gegenwart oder Vergangenheit schöpft er den Stoff, wie schon seine

Vorliebe für die Anekdote beweist, die er da und dort aufgegriffen hat, und von

denen er manche bis zur Erzählung ausspinnt. Auf diese lebendige Quelle deutet

er bei der „Marquise von O.“ mit dem wichtigen Zusatze, der sich nur im

Phöbus, nicht aber in den Ausgaben findet, selbst hin: „Nach einer wahren

Begebenheit, deren Schauplatz vom Norden nach dem Süden verlegt worden.“[6]

Wieder aber hat er diese Episode, in der er die ganze Fülle seines Talents

entfaltet, in den Hintergrund des großen gleichzeitigen Revolutionskrieges

eingefügt. Ebenso hat er im „Kohlhaas“, dem „Erdbeben in Chili“, der

„Verlobung in St. Domingo“ sich großen historischen Verhältnissen entweder

angeschlossen, oder deren Natur an einem einzelnen Falle meisterhaft

dargestellt; wie denn die erste Erzählung, sicherlich ohne daß er es beabsichtigte,

zugleich eine ergreifende Darstellung des Ständekampfes geworden ist, der unter

der Nachwirkung der Reformation in ganz Deutschland entbrannte. Selbst die Verirrungen, in denen er unerwartet eine andere Seite seines Innern herauskehrt,

und sich mit vollständiger Verleugnung des historischen Charakters auf das

Gebiet des dunkeln Wahns verlocken läßt, dienen nur dazu, die Kraft seiner

Darstellung in hellerem Lichte erscheinen zu lassen; denn auch die

Traumgebilde seiner Phantasie hat er so mit Fleisch und Blut zu bekleiden

gewußt, daß man sie sieht, ohne an ihre Wahrheit zu glauben. Sein „Kohlhaas“

bleibt trotz des unhistorischen Vornamens Michael und trotz des mythischen

Kurfürsten von Sachsen, bei dem der Historiker von Fach nur mit Haarsträuben

an den standhaften Johann Friedrich denken kann, nach Auffassung und

Darstellung eine fast vollendete historische Erzählung, deren Grundzüge dem

Thatsächlichen entsprechen. Denn die Zurückhaltung der Pferde, die

Rechtsverweigerung und Verschleppung sächsischer Seits, die Niederbrennung

der Vorstadt von Wittenberg, das Gespräch mit Luther sind historisch.[7] Nach

ihrer Kunstform könnte sie ohne Uebertreibung ein in Prosa ausgelöstes Epos

genannt werden.

Auch sind seine Erzählungen von der modernen Novelle, dem historischen

Roman und dem, was heute dafür gelten will, sehr verschieden. Die

Novellenhelden sind überwiegend Träger der Reflexion, sie kämpfen die

Gegensätze nicht nach außen wirkend, durch die That aus, sondern in

dialectischem Ringen mit sich selbst, sie ziehen die ganze Welt in den Strom

ihrer Betrachtungen hinein, und dessen ungeachtet verblassen sie zu Schatten,

die nach dem Lehrbuche sprechen. Andererseits in den neueren sogenannten

historischen Romanen, die mit der Macht der Geschichte den Zauber der

Dichtung zu verbinden wähnen, werden die historischen Riesen auf das

zwerghafte Maß einer schwächlichen Phantasie herabgedrückt, die eigentlich nur

deshalb ihre Zuflucht zur Geschichte nimmt, weil diese mit der unübersehbaren

Fülle eigenthümlicher Gestalten der dürftigen Erfindung zu Hülfe kommt. Der

falsche Schein historischer Kenntniß soll die Mängel der Dichtung verdecken,

und schließlich verliert jede von beiden den reinen und ursprünglichen Charakter

durch die Verbindung mit der anderen.

So sehr Kleist Dramatiker ist, so vermeidet er doch in der Erzählung in der

Regel den unmittelbaren Dialog, der in neueren Novellen so die Oberhand

gewonnen hat, daß der verkehrte Versuch einer wörtlichen Uebertragung in das

Drama hat gewagt werden können. Dagegen hat er im vollsten Verständnisse

dieser Darstellungsweise die indirecte Rede überwiegend gebraucht. Auch da,

wo seine Personen direct reden müßten, ist er epischer Berichterstatter, er läßt sie

nicht aus dem Rahmen des Ganzen selbständig heraustreten, sondern verwandelt

ihre Rede in ein Handeln, von dem er zu erzählen hat. Es ist bemerkt worden,

sein dramatischer Dialog verrathe in den unruhigen Sprüngen, in dem hastigen Hin- und Wiederfliegen von Frage und Antwort, wodurch die Lebhaftigkeit zwar

gesteigert wird, die innere Erregtheit des Dichters; seiner erzählenden Rede ist

diese Zerrissenheit durchaus fremd. Mit gleichem Wellenschlage fließt sie wie

ein breiter Strom dahin, auf dem der Hörer sich mit stets gleicher Theilnahme

von einer Windung zur andern tragen läßt.

Mit Vorliebe baut Kleist lange Perioden, architectonisch erheben und

schließen sie sich, ohne je zu erstarren; der Belege im einzelnen bedarf es kaum,

jede Seite bietet sie dar. Aus vielen herausgegriffen möge folgende Periode hier

eine Stelle finden:[8] „Der Roßhändler, dessen Wille durch den Vorfall, der sich

auf dem Markt zugetragen, in der That gebrochen war, wartete auch nur, dem

Rath des Großkanzlers gemäß, auf eine Eröffnung von Seiten des Junkers oder

seiner Angehörigen, um ihnen mit völliger Bereitwilligkeit und Vergebung alles

Geschehenen entgegenzukommen: doch eben diese Eröffnung zu thun, war den

stolzen Rittern zu empfindlich, und schwer erbittert über die Antwort, die sie

von dem Großkanzler empfangen hatten, zeigten sie dieselbe dem Kurfürsten,

der am Morgen des nächstfolgenden Tages den Kanzler, krank wie er an seinen

Wunden darniederlag, in seinen Zimmern besucht hatte.“ Der Wendepunkt dieser

Periode liegt in dem doch, durch das sie in zwei gleich wiegende Hälften getheilt

wird; jede hat zwei obere Nebensätze, die einen untern in sich umfassen, in dem

eine nähere Begründung gegeben wird; beide schließen mit der Andeutung des

Zieles ab, das erreicht werden soll. Der thatsächliche wie stilistische Nachdruck

liegt auf den letzten Worten, sie leiten die Bewegung weiter. Umsonst versucht

der Roßhändler seinen Zweck zu erreichen, um so besser erreichen die Ritter, die

keine Versöhnung wollen, den ihren, die Rache. Man gewinnt den vollsten

Ueberblick der Parteien, ihrer Stimmung, ihres Verhältnisses zu einander, ihrer

Erfolge. Kleist’s Perioden sind kunstvoll ohne verwickelt, reich ohne überladen

zu sein, vielgliederig ohne Leben und Bewegung zu verlieren. Es ist ein Beweis

bedeutender Meisterschaft, wenn man sich dem Zuge der deutschen Sprache zu

weitläufigen Satzgefügen überlassen darf, weil die strenge Fassung, die nichts

Ueberflüssiges hinzufügt, die Möglichkeit eines Vorwurfs der Weitläufigkeit

nicht einmal aufkommen läßt.

Noch verschlungener werden sie, wenn sich die mittelbare Rede zu entfalten

beginnt, sei es, daß sie den Dialog einführe, oder über Seelenvorgänge berichte.

Selten nur wird durch steigende Lebendigkeit die mittelbare Rede in die

unmittelbare fortgerissen, wie in folgender Periode, die ebenfalls charakteristisch

ist:[9] „Luther, der unter Schriften und Büchern an seinem Pulte saß, und den

fremden besonderen Mann die Thür öffnen und hinter sich verriegeln sah, fragte

ihn: wer er sei und was er wolle? und der Mann, der seinen Hut ehrerbietig in

der Hand hielt, hatte nicht sobald mit dem schüchternen Vorgefühl des Schreckens, den er verursachen würde, erwiedert: daß er Michael Kohlhaas der

Roßhändler sei; als Luther schon: „weiche fern hinweg!“ ausrief, und indem er

vom Pult erstehend nach einer Klingel eilte, hinzusetzte: „dein Odem ist Pest

und deine Nähe Verderben!“ Häufig dagegen zieht sich die indirecte Rede leicht

und geschickt durch die längsten Wendungen hin, bisweilen freilich, auch über

die Grenze des Erlaubten hinaus. So wird z. B. in der „Marquise von O.“ der

Inhalt einer Rede in einer Reihe von Sätzen, die durch ein fünfzehnmal

wiederholtes daß — daß — verbunden sind, wiedergegeben.[10] Ich weiß nicht,

ob Kleist die Novellen des Cervantes studiert oder auch nur gekannt hat; aber

lebhaft wird man an die hohe Gegenständlichkeit der Darstellung, an den vollen

klaren Fluß der getragenen Perioden des Spaniers erinnert.

Doch auch bei dem Meister ist das wahrhaft Vollendete immer noch nicht das

Gewöhnliche. Jeder Schriftsteller hat Angewohnheiten des Stils, geringfügig

scheinende Eigenthümlichkeiten, die um so häufiger sein können, je leichter sie

sich dem Blick, der auf das Ganze gerichtet ist, entziehen. Aber er kommt

dadurch in Gefahr, aus dem Stil in die Manier zu gerathen, und er wird ihr

verfallen, wenn der freie Ausdruck des Inhalts von der bequemen Gewohnheit

geleitet wird, statt sie zu leiten. Wie Goethe hat auch Kleist dergleichen

Angewohnheiten. Es ist die Vorliebe für gewisse Bindewörter, die er gebraucht,

um die Spannung des Lesers zu steigern oder herabzustimmen. Am

auffallendsten ist das unzählige Mal wiederkehrende „dergestalt daß“, das er als

anschaulichere Redeweise dem nüchtern „so daß“ vorzieht. Durch alle

Erzählungen läßt sie sich verfolgen, im Kohlhaas allein sind ohne große Mühe

ein Paar Dutzend Beispiele dafür aufzufinden. Nicht minder häufig ist der

Gebrauch von „gleichwohl“, wo es eine Bedingung, einen unerwarteten

Gegensatz ankündigen soll, den man mit „dennoch, dessen ungeachtet“ einleiten

würde. Ferner die gleichzeitige Ereignisse oder Erwägungen vorführende

Redensart „nicht sobald — als“, für „kaum, in dem Augenblick als“; ebenso

„inzwischen“, dann das gleichgültige oder ungeduldig abweisende „gleichviel“,

das bedingende „falls“ für „wenn.“ Alle diese Lieblingswendungen sind auch

den Dramen, namentlich dem prosaischen Dialog, nicht fremd.[11] Dagegen hat

sich Kleist von einem andern Fehler, dem auch die Größten verfallen sind, um so

reiner erhalten, von widerlich störender Wortmengerei. Fremdwörter braucht er

in der Regel nur da, wo etwa Kunstausdrücke unvermeidlich sind, überall bietet

sich ihm an der rechten Stelle das rechte deutsche Wort ungesucht dar. Hier

übertrifft er Schiller und den alternden Goethe bei weitem. Es ist der Ausdruck

seiner deutschen Natur; eben darum greift er auch bisweilen selbst im Verse zu

Provinzialismen, die nichts weniger als edel, aber sehr bezeichnend sind.

Faßt man dies Alles zusammen, den künstlerischen Bau der Perioden, seine Vorliebe für die mittelbare Rede, die Reinheit seines Ausdruckes, die

unbewußten stilistischen Gewohnheiten, so gewinnt man eine Anzahl von

Merkmalen, nach denen sich mit ziemlicher Gewißheit feststellen läßt, ob man

es mit Kleist’s Wort und Schrift zu thun habe oder nicht.