Heinrich von Kleist's politische Schriften und andere Nachträge zu seinen Werken

4. Theater. Den 2. October: Ton des Tages, Lustspiel von Voß. (4. October.)

4. Theater. Den 2. October: Ton des Tages, Lustspiel von Voß.

(4. October.)

 

Kant sagt irgendwo, in seiner Kritik der Urtheilskraft, daß der menschliche

Verstand und die Hand des Menschen, zwei, auf nothwendige Weise, zu einander

gehörige und auf einander berechnete, Dinge sind. Der Verstand, meint er,

bedürfe, falls er in Wirksamkeit treten solle, ein Werkzeug von so

mannichfaltiger und vielseitiger Vollkommenheit, als die Hand; und

hinwiederum zeige die Struktur der Hand an, daß die Intelligenz, die dieselbe

regiere, der menschliche Verstand sein müsse. Die Wahrheit dieses, dem

Anschein nach paradoxen Satzes, leuchtet uns nie mehr ein, als wenn wir Herrn

Iffland auf der Bühne sehen. Er drückt in der That, auf die erstaunenswürdigste

Art, fast alle Zustände und innerliche Bewegungen des Gemüths damit aus.

Nicht, als ob, bei seinen theatralischen Darstellungen, nicht seine Figur

überhaupt, nach den Forderungen seiner Kunst, zweckmäßig mitwirkte: in

diesem Fall würde das, was wir hier vorgebracht haben, ein Tadel sein. Es wird

ihm, in der Pantomimik überhaupt, besonders in den bürgerlichen Stücken, nicht

leicht ein Schauspieler heutiger Zeit gleichkommen. Aber von allen seinen

Gliedern, behaupten wir, wirkt, in der Regel, keins, zum Ausdruck eines Affekts,

so geschäftig mit, als die Hand; sie zieht die Aufmerksamkeit fast von seinem so

ausdrucksvollen Gesicht ab: und so vortrefflich dies Spiel an und für sich auch

sein mag, so glauben wir doch, daß ein Gebrauch, mäßiger und minder

verschwenderisch, als der, den er davon macht, seinem Spiel (wenn dasselbe

noch etwas zu wünschen übrig läßt) vortheilhaft sein würde.

 

xy.

 

5. Theater. Unmaßgebliche Bemerkung.

(17. October.)

 

Wenn man fragt, warum die Werke Göthe’s so selten auf der Bühne gegeben

werden, so ist die Antwort gemeinhin, daß diese Stücke, so vortrefflich sie auch

sein mögen, der Casse nur, nach einer häufig wiederholten Erfahrung, von

unbedeutendem Vortheil sind. Nun geht zwar, ich gestehe es, eine Theater-

Direction, die, bei der Auswahl ihrer Stücke, auf nichts, als das Mittel sieht, wie

sie besteht, auf gar einfachem und natürlichem Wege, zu dem Ziel, der Nation

ein gutes Theater zu Stande zu bringen. Denn so wie, nach Adam Smith, der

Bäcker, ohne weitere chemische Einsicht in die Ursachen, schließen kann, daß

seine Semmel gut sei, wenn sie fleißig gekauft wird: so kann die Direktion, ohne sich im Mindesten mit der Kritik zu befassen, auf ganz unfehlbare Weise,