Heinrich von Kleist's politische Schriften und andere Nachträge zu seinen Werken
5. Gemeinnütziges.
1. Allerneuester Erziehungsplan.
(29-31. October; 9. 10. November.)
Zu welchen abentheuerlichen Unternehmungen, sei es nun das Bedürfniß, sich
auf eine oder die andere Weise zu ernähren, oder auch die bloße Sucht, neu zu
sein, die Menschen verführen, und wie lustig dem zufolge oft die Insinuationen
sind, die an die Redaction dieser Blätter einlaufen: davon möge folgender
Aufsatz, der uns kürzlich zugekommen ist, eine Probe sein.
Allerneuester Erziehungsplan.
Hochgeehrtes Publicum,
Die Experimental-Physik, in dem Capitel von den Eigenschaften elektrischer
Körper, lehrt, daß wenn man in die Nähe dieser Körper, oder, um kunstgerecht
zu reden, in ihre Atmosphäre, einen unelektrischen (neutralen) Körper bringt,
dieser plötzlich gleichfalls elektrisch wird, und zwar die entgegengesetzte
Elektricität annimmt. Es ist als ob die Natur einen Abscheu hätte, gegen Alles,
was, durch eine Verbindung von Umständen, einen überwiegenden und
unförmlichen Werth angenommen hat; und zwischen je zwei Körpern, die sich
berühren, scheint ein Bestreben angeordnet zu sein, das ursprüngliche
Gleichgewicht, das zwischen ihnen aufgehoben ist, wieder herzustellen. Wenn
der elektrische Körper positiv ist: so flieht aus dem unelektrischen Alles, was an
natürlicher Elektricität darin vorhanden ist, in den äußersten und entferntesten
Raum desselben, und bildet, in den, jenem zunächst liegenden Theilen eine Art
von Vacuum, das sich geneigt zeigt, den Elektricitäts-Ueberschuß, woran jener,
auf gewisse Weise, krank ist, in sich aufzunehmen; und ist der elektrische
Körper negativ, so häuft sich, in dem unelektrischen, und zwar in den Theilen,
die dem elektrischen zunächst liegen, die natürliche Elektricität schlagfertig an,
nur auf den Augenblick harrend, den Elektricitäts-Mangel umgekehrt, woran
jener krank ist, damit zu ersetzen. Bringt man den unelektrischen Körper in den
Schlagraum des elektrischen, so fällt, es sei nun von diesem zu jenem, oder von
jenem zu diesem, der Funken: das Gleichgewicht ist hergestellt, und beide
Körper sind einander an Elektricität völlig gleich.
Dieses höchst merkwürdige Gesetz findet sich, auf eine, unseres Wissens, noch wenig beachtete Weise, auch in der moralischen Welt; dergestalt, daß ein
Mensch, dessen Zustand indifferent ist, nicht nur augenblicklich aufhört, es zu
sein, sobald er mit einem Anderen, dessen Eigenschaften, gleichviel auf welche
Weise, bestimmt sind, in Berührung tritt: sein Wesen wird sogar, um mich so
auszudrücken, gänzlich in den entgegengesetzten Pol hinübergespielt; er nimmt
die Bedingung + an, wenn jener von der Bedingung -, und die Bedingung -,
wenn jener von der Bedingung + ist.
Einige Beispiele, hochverehrtes Publicum, werden dies deutlicher machen.
Das gemeine Gesetz des Widerspruchs ist jedermann, aus eigner Erfahrung,
bekannt; das Gesetz, das uns geneigt macht, uns, mit unserer Meinung, immer
auf die entgegengesetzte Seite hinüber zu werfen. Jemand sagt mir, ein Mensch,
der am Fenster vorübergeht, sei so dick, wie eine Tonne. Die Wahrheit zu sagen,
er ist von gewöhnlicher Corpulenz. Ich aber, da ich ans Fenster komme, ich
berichtige diesen Irrthum nicht bloß: ich rufe Gott zum Zeugen an, der Kerl sei
so dünn, als ein Stecken.
Oder eine Frau hat sich, mit ihrem Liebhaber, ein Rendezvous menagirt. Der
Mann, in der Regel, geht des Abends, um Triktrak zu spielen, in die Tabagie;
gleichwohl, um sicher zu gehen, schlingt sie den Arm um ihn, und spricht: mein
lieber Mann! Ich habe die Hammelkeule, von heute Mittag, aufwärmen lassen.
Niemand besucht mich, wir sind ganz allein; laß uns den heutigen Abend einmal
in recht heiterer und vertraulicher Abgeschlossenheit zubringen. Der Mann, der
gestern schweres Geld in der Tabagie verlor, dachte in der That heut, aus
Rücksicht auf seine Casse, zu Hause zu bleiben; doch plötzlich wird ihm die
entsetzliche Langeweile klar, die ihm, seiner Frau gegenüber, im Hause
verwartet. Er spricht: liebe Frau! Ich habe einem Freunde versprochen, ihm im
Triktrak, worin ich gestern gewann, Revange zu geben. Laß mich, auf eine
Stunde, wenn es sein kann, in die Tabagie gehn; morgen von Herzen gern stehe
ich zu deinen Diensten.
Aber das Gesetz, von dem wir sprechen, gilt nicht bloß von Meinungen und
Begehrungen, sondern auf weit allgemeinere Weise, auch von Gefühlen,
Affecten, Eigenschaften und Charakteren.
Ein Portugiesischer Schiffskapitain, der, auf dem Mittelländischen Meer, von
drei Venetianischen Fahrzeugen angegriffen ward, befahl, entschlossen wie er
war, in Gegenwart aller seiner Officiere und Soldaten, einem Feuerwerker, daß
sobald irgend auf dem Verdeck ein Wort von Uebergabe laut werden würde, er,
ohne weiteren Befehl, nach der Pulverkammer gehen, und das Schiff in die Luft
sprengen mögte. Da man sich vergebens, bis gegen Abend, gegen die
Uebermacht herumgeschlagen hatte, und allen Forderungen, die die Ehre an die
Equipage machen konnte, ein Genüge geschehen war: traten die Officiere in vollzähliger Versammlung den Capitain an, und forderten ihn auf, das Schiff zu
übergeben. Der Capitain, ohne zu antworten, kehrte sich um, und fragte, wo der
Feuerwerker sei; seine Absicht, wie er nachher versichert hat, war, ihm
aufzugeben, auf der Stelle den Befehl, den er ihm ertheilt, zu vollstrecken. Als er
aber den Mann schon, die brennende Lunte in der Hand, unter den Fässern, in
Mitten der Pulverkammer fand: ergriff er ihn plötzlich, von Schrecken bleich,
bei der Brust, riß ihn, in Vergessenheit aller anderen Gefahr, aus der Kammer
heraus, trat die Lunte, unter Flüchen und Schimpfwörtern, mit Füßen aus und
warf sie in’s Meer. Den Officieren aber sagte er, daß sie die weiße Fahne
aufstecken mögten, indem er sich übergeben wolle.
Ich selbst, um ein Beispiel aus meiner Erfahrung zu geben, lebte, vor einigen
Jahren, aus gemeinschaftlicher Kasse, in einer kleinen Stadt am Rhein, mit einer
Schwester. Das Mädchen war in der That bloß, was man, im gemeinen Leben,
eine gute Wirthinn nennt; freigebig sogar in manchen Stücken; ich hatte es selbst
erfahren. Doch weil ich locker und lose war, und das Geld auf keine Weise
achtete: so fieng sie an zu knickern und zu knausern; ja, ich bin überzeugt, daß
sie geizig geworden wäre, und mir Rüben in den Caffe und Lichter in die Suppe
gethan hätte. Aber das Schicksal wollte zu ihrem Glücke, daß wir uns trennten.
Wer dies Gesetz recht begreift, dem wird die Erscheinung gar nicht mehr
fremd sein, die den Philosophen so viel zu schaffen giebt: die Erscheinung, daß
große Männer, in der Regel, immer von unbedeutenden und obscuren Eltern
abstammen, und eben so wieder Kinder groß ziehen, die in jeder Rücksicht
untergeordnet und geringartig sind. Und in der That, man kann das Experiment,
wie die moralische Atmosphäre, in dieser Hinsicht, wirkt, alle Tage anstellen.
Man bringe nur einmal Alles, was, in einer Stadt, an Philosophen, Schöngeistern,
Dichtern und Künstlern, vorhanden ist, in einen Saal zusammen: so werden
einige, aus ihrer Mitte, auf der Stelle dumm werden; wobei wir uns, mit völliger
Sicherheit, auf die Erfahrung eines jeden berufen, der solchem Thee oder Punsch
einmal beigewohnt hat.
Wie vielen Einschränkungen ist der Satz unterworfen: daß schlechte
Gesellschaften gute Sitten verderben; da doch schon Männer wie Basedow und
Campe, die doch sonst, in ihrem Erziehungs-Handwerk, wenig gegensätzisch
verfuhren, angerathen haben, jungen Leuten zuweilen den Anblick böser
Beispiele zu verschaffen, um sie von dem Laster abzuschrecken. Und wahrlich,
wenn man die gute Gesellschaft, mit der schlechten, in Hinsicht auf das
Vermögen, die Sitte zu entwickeln, vergleicht, so weiß man nicht, für welche
man sich entscheiden soll, da, in der guten, die Sitte nur nachgeahmt werden
kann, in der schlechten hingegen, durch eine eigenthümliche Kraft des Herzens
erfunden werden muß. Ein Taugenichts mag, in tausend Fällen, ein junges Gemüth, durch sein Beispiel, verführen, sich auf Seiten des Lasters hinüber zu
stellen; tausend andere Fälle aber giebt es, wo es, in natürlicher Reaction, das
Polar-Verhältniß gegen dasselbe annimmt; und dem Laster, zum Kampf gerüstet,
gegenüber tritt. Ja, wenn man, auf irgend einem Platze der Welt, etwa einer
wüsten Insel, Alles was die Erde an Bösewichtern hat, zusammenbrächte: so
würde sich nur ein Thor darüber wundern können, wenn er, in kurzer Zeit, alle,
auch die erhabensten und göttlichsten, Tugenden unter ihnen anträfe.
Wer dies für paradox halten könnte, der besuche nur einmal ein Zuchthaus
oder eine Festung. In den von Frevlern aller Art, oft bis zum Sticken angefüllten
Kasematten, werden, weil keine Strafe mehr, oder doch nur sehr unvollkommen,
bis hierher dringt, Ruchlosigkeiten, die kein Name nennt, verübt. Demnach
würde, in solcher Anarchie, Mord und Todtschlag und zuletzt der Untergang
Aller die unvermeidliche Folge sein, wenn nicht auf der Stelle, aus ihrer Mitte,
welche aufträten, die auf Recht und Sitte halten. Ja, oft setzt sie der
Commendant selbst ein; und Menschen, die vorher aufsätzig waren gegen alle
göttliche und menschliche Ordnung, werden hier, in erstaunenswürdiger
Wendung der Dinge, wieder die öffentlichen geheiligten Handhaber derselben,
wahre Staatsdiener der guten Sache, bekleidet mit der Macht, ihr Gesetz aufrecht
zu erhalten.
Daher kann die Welt mit Recht auf die Entwikkelung der Verbrecher-Kolonie
in Botany-Bay aufmerksam sein. Was aus solchem, dem Boden eines Staats
abgeschlämmten Gesindel werden kann, liegt bereits in den nordamerikanischen
Freistaaten vor Augen; und um uns auf den Gipfel unserer metaphysischen
Ansicht zu schwingen, erinnern wir den Leser bloß an den Ursprung, die
Geschichte, an die Entwikkelung und Größe Roms.
In Erwägung nun1)
1) daß alle Sittenschulen bisher nur auf den Nachahmungstrieb gegründet
waren, und statt das gute Princip, auf eigenthümliche Weise im Herzen
zu entwickeln, nur durch Aufstellung sogenannter guter Beispiele zu
wirken suchten;2)
2) daß diese Schulen, wie die Erfahrung lehrt, nichts eben, für den
Fortschritt der Menschheit Bedeutendes und Erkleckliches
hervorgebracht haben;3)
das Gute aber 3) das sie bewirkt haben, allein von dem Umstand
herzurühren scheint, daß sie schlecht waren, und hin und wieder, gegen
die Verabredung, einige schlechten Beispiele mitunter liefen;
in Erwägung, sagen wir, aller dieser Umstände, sind wir gesonnen, eine
sogenannte Lasterschule, oder vielmehr eine gegensätzische Schule, eine Schule
durch Laster, zu errichten.4)
1) Jetzt rückt dieser merkwürdige Pädagog mit seinem neuesten Erziehungsplan heraus.
(Die Redaction.)
2) So! — Als ob die pädagogischen Institute nicht, nach ihrer natürlichen Anlage, schwache Seiten
genug darböten.
(Die Redaction.)
3) In der That! — Dieser Philosoph könnte das Jahrhundert um seinen ganzen Ruhm bringen.
(Die Redaction.)
4) Risum teneatis, amici!
(Die Redaction.)
Demnach werden für alle, einander entgegenstehende Laster, Lehrer angestellt
werden, die in bestimmten Stunden des Tages, nach der Reihe, auf planmäßige
Art, darin Unterricht ertheilen; in der Religionsspötterei sowohl als in der
Bigotterie, im Trotz sowohl als in der Wegwerfung und Kriecherei, und im Geiz
und in der Furchtsamkeit sowohl, als in der Tollkühnheit und in der
Verschwendung.
Diese Lehrer werden nicht bloß durch Ermahnungen, sondern durch Beispiele,
durch lebendige Handlung, durch unmittelbaren praktischen, geselligen Umgang
und Verkehr zu wirken suchen.
Für Eigennutz, Plattheit, Geringschätzung alles Großen und Erhabenen und
manche anderen Untugenden, die man in Gesellschaften und auf der Straße
lernen kann, wird es nicht nöthig sein, Lehrer anzustellen.
In der Unreinlichkeit und Unordnung, in der Zank- und Streitsucht und
Verläumdung wird meine Frau Unterricht ertheilen.
Lüderlichkeit, Spiel, Trunk, Faulheit und Völlerei, behalte ich mir bevor.
Der Preis ist der sehr mäßige von 300 Rthl.
N. S.
Eltern, die uns ihre Kinder nicht anvertrauen wollten, aus Furcht, sie in
solcher Anstalt, auf unvermeidliche Weise, verderben zu sehen, würden dadurch
an den Tag legen, daß sie ganz übertriebene Begriffe von der Macht der
Erziehung haben. Die Welt, die ganze Masse von Objecten, die auf die Sinne
wirken, hält und regiert, an tausend und wieder tausend Fäden, das junge, die
Erde begrüßende, Kind. Von diesen Fäden, ihm um die Seele gelegt, ist
allerdings die Erziehung Einer, und sogar der wichtigste und stärkste; verglichen
aber mit der ganzen Totalität, mit der ganzen Zusammenfassung der übrigen,
verhält er sich wie ein Zwirnsfaden zu einem Ankertau, eher drüber als drunter.
Und in der That, wie mißlich würde es mit der Sittlichkeit aussehen, wenn sie
kein tieferes Fundament hätte, als das sogenannte gute Beispiel eines Vaters oder einer Mutter, und die platten Ermahnungen eines Hofmeisters oder einer