Heinrich von Kleist's politische Schriften und andere Nachträge zu seinen Werken
2. Brief eines jungen märkischen Landfräuleins an ihren Onkel.
[39] — Ein verwünschtes Schicksal! Ich wollte schon zur Armee abgehn. Herr
von Montesquiou, hat, wie ich höre, das Bülletin nunmehr anhero gebracht, und
ist dafür von Sr. Majestät mit einer Tabatiere, schlecht gerechnet 2000 Ducaten
an Werth beschenkt worden.
2. Brief eines jungen märkischen Landfräuleins an ihren Onkel.
Theuerster Herr Onkel,
Die Regungen der kindlichen Pflicht, die mein Hertz gegen Sie empfindet,
bewegen mich, Ihnen die Meldung zu thun, daß ich mich am 8ten d. von
Verhältnissen, die ich nicht nennen kann, gedrängt, mit dem jungen Hrn. Lefat,
Capitain bei dem 9. französischen Dragonerregiment, der in unserm Hause zu
P... einquartiert war, verlobt habe.[40]
Ich weiß, gnädigster Onkel, wie Sie über diesen Schritt denken. Sie haben sich
gegen die Verbindungen, die die Töchter des Landes, so lange der Krieg
fortwährt, mit den Individuen des französischen Heers vollziehn, oftmals mit
Heftigkeit und Bitterkeit erklärt. Ich will Ihnen hierin nicht ganz Unrecht geben.
Man braucht keine Römerinn oder Spartanerinn zu sein, um das Verletzende, das
allgemeine betrachtet darin liegen mag, zu empfinden. Diese Männer sind unsere
Feinde; das Blut unserer Brüder und Verwandten klebt, um mich so
auszudrücken, an ihren Röcken, und es heißt sich gewissermaßen, wie Sie sehr
richtig bemerken, von den Seinigen lossagen, wenn man sich auf die Parthei
derjenigen herüber stellt, deren Bemühen ist sie zu zertreten, und auf alle
ersinnliche Weise zu verderben und zu vernichten.
Aber sind diese Männer, ich beschwöre Sie, sind sie die Urheber des
unseeligen Kriegs, der in diesem Augenblick zwischen Franzosen und
Deutschen entbrannt ist? Folgen sie nicht, der Bestimmung eines Soldaten
getreu, einem blinden Gesetz der Nothwendigkeit, ohne selbst oft die Ursach des
Streits, für den sie die Waffen ergreifen, zu kennen? Ja, giebt es nicht Einzelne
unter ihnen, die den rasenden Heereszug, mit welchem Napoleon von Neuem
das deutsche Reich überschwemmt, verabscheuen, und die das arme Volk, auf
dessen Ausplünderung und Unterjochung es angesehen ist, aufs Innigste
bedauern und bemitleiden?
Vergeben Sie, mein theuerster und beßter Oheim! Ich sehe die Röthe des
Unwillens auf Ihre Wangen treten! Sie glauben, ich weiß, Sie glauben an diese
Gefühle nicht; Sie halten sie für die Erfindung einer satanischen List, um das
Wohlwollen der armen Schlachtopfer, die sie zur Bank führen, gefangen zu
nehmen. Ja, diese Regung, selbst wenn sie vorhanden wäre, versöhnt Sie nicht, Sie halten den Ihrer doppelten Rache für würdig, der das Gesetz des göttlichen
Willens anerkennt und gleichwol auf eine so lästerliche und höhnische Weise zu
verletzen wagt.
Allein, wenn die Ansicht, die ich aufstellte, allerdings nicht gemacht ist, die
Männer, die das Vaterland eben[41] vertheidigen, zu entwaffnen, indem sie
unmöglich, wenn es zum Handgemenge kömmt, sich auf die Frage einlassen
können, wer von denen, die auf sie anrücken, schuldig ist oder nicht: so verhält
es sich doch, mein gnädigster Onkel, mit einem Mädchen anders; mit einem
armen schwachen Mädchen, auf dessen leicht bethörte Sinne, in der Ruhe eines
monatlangen Umgangs, alle Liebenswürdigkeiten der Geburt und der Erziehung
einzuwirken Zeit finden, und das, wie man leider weiß, auf die Vernunft nicht
mehr hört, wenn das Herz sich bereits für einen Gegenstand entschieden hat.
Hier lege ich Ihnen ein Zeugniß bei, das Hr. v. Lefat sich auf die Forderung
meiner Mutter von seinem Regimentschef zu verschaffen gewußt hat. Sie
werden daraus ersehen, daß das, was uns ein Feldwebel von seinem Regiment
von ihm sagte, nämlich daß er schon verheiratet sei, eine schändliche und
niederträchtige Verläumdung war. Hr. v. Lefat ist selbst vor einigen Tagen in B.
— gewesen, um das Attest, das die Declaration vom Gegentheil enthält,
formaliter von seinem Obristen ausfertigen zu lassen. Ueberhaupt muß ich Ihnen
sagen, daß die niedrige Meinung, die man hier in der ganzen Gegend von diesem
jungen Manne hegt, mein Herz auf das Empfindlichste kränkt. Der Leidenschaft,
die er für mich fühlt, und die ich als wahrhaft zu erkennen, die entscheidendsten
Gründe habe, wagt man die schändlichsten Absichten unterzulegen. Ja, mein
voreiliger Bruder geht soweit mich zu versichern, daß der Obrist, sein
Regimentschef, gar nicht mehr in B.— sei —, und ich bitte Sie, der Sie sich in
B.— aufhalten, dem Ersteren darüber nach angestellter Untersuchung die
Zurechtweisung zu geben. Ich leugne nicht, daß der Vorfall, der sich vor einiger
Zeit zwischen ihm und der Kammerjungfer meiner Mutter zutrug, einige Unruhe
über seine sittliche Denkungsart zu erwecken geschickt war. Abwesend, wie ich
an diesem Tage von P.— war, bin ich gänzlich außer Stand über die Berichte
dieses albernen und eingebildeten Geschöpfs zu urtheilen. Aber die Beweise, die
er mir, als ich zurückkam und in Thränen auf mein Bette sank, von seiner
ungetheilten Liebe gab, waren so eindringlich, daß ich die ganze Erzählung als
eine elende Vision verwarf, und von der innigsten Reue bewegt, das Band der
Ehe, von dem bis dahin noch nicht die Rede gewesen war, jetzt allererst knüpfen
zu müssen glaubte. — Wären sie es weniger gewesen, und Ihre Laura noch frei
und ruhig wie zuvor!
Kurz, mein theuerster und beßter Onkel, retten Sie mich!
In 8 Tagen soll, wenn es nach meinen Wünschen geht, die Vermählung sein.