Heinrich von Kleist's politische Schriften und andere Nachträge zu seinen Werken

3. Schreiben aus Berlin. (15. October.)

jemand, falls nur sonst die Vorrichtung dazu getroffen wäre, einen guten Freund,

den er unter den Antipoden hätte, fragen wollte: wie geht’s dir? derselbe, ehe

man noch eine Hand umkehrt, ohngefähr so, als ob er in einem und demselben

Zimmer stünde, antworten könnte: recht gut. So gern wir dem Erfinder dieser

Post, die, auf recht eigentliche Weise, auf Flügeln des Blitzes reitet, die Krone

des Verdienstes zugestehn, so hat doch auch diese Fernschreibekunst noch die

Unvollkommenheit, daß sie nur, dem Interesse des Kaufmanns wenig

ersprießlich, zur Versendung ganz kurzer und lakonischer Nachrichten, nicht

aber zur Uebermachung von Briefen, Berichten, Beilagen und Packeten taugt.

Demnach schlagen wir, um auch diese Lücke zu erfüllen, zur Beschleunigung

und Vervielfachung der Handels-Communikationen, wenigstens innerhalb der

Gränzen der cultivirten Welt, eine Wurf- oder Bombenpost vor; ein Institut, das

sich auf zweckmäßig, innerhalb des Raums einer Schußweite, angelegten

Artillerie-Stationen, aus Mörsern oder Haubitzen, hohle, statt des Pulvers, mit

Briefen und Paketen angefüllte Kugeln, die man ohne alle Schwierigkeit, mit

den Augen verfolgen, und wo sie hinfallen, falls es ein Morastgrund ist, wieder

auffinden kann, zuwürfe; dergestalt, daß die Kugel, auf jeder Station zuvörderst

eröffnet, die respektiven Briefe für jeden Ort herausgenommen, die neuen

hineingelegt, das Ganze wieder verschlossen, in einen neuen Mörser geladen,

und zur nächsten Station weiter spedirt werden könnte. Den Prospectus des

Ganzen und die Beschreibung und Auseinandersetzung der Anlagen und Kosten

behalten wir einer umständlicheren und weitläufigeren Abhandlung bevor. Da

man auf diese Weise, wie eine kurze mathematische Berechnung lehrt, binnen

Zeit eines halben Tages, gegen geringe Kosten von Berlin nach Stettin oder

Breslau würde schreiben oder respondiren können, und mithin, verglichen mit

unseren reitenden Posten, ein zehnfacher Zeitgewinn entsteht, oder es eben

soviel ist, als ob ein Zauberstab diese Orte der Stadt Berlin zehnmal näher

gerückt hätte: so glauben wir für das bürgerliche sowohl als handeltreibende

Publicum, eine Erfindung von dem größesten und entscheidendsten Gewicht,

geschickt, den Verkehr auf den höchsten Gipfel der Vollkommenheit zu treiben,

an den Tag gelegt zu haben.

Berlin d. 10. Oct. 1810.

 

rmz.

 

3. Schreiben aus Berlin.

(15. October.)

10 Uhr Morgens.

 

Der Wachstuchfabrikant Hr. Claudius will, zur Feier des Geburtstages Sr.

Königl. Hoheit, des Kronprinzen, heute um 11 Uhr mit dem Ballon des Prof. J.

[74] in die Luft gehen, und denselben, vermittelst einer Maschine, unabhängig

vom Wind, nach einer bestimmten Richtung hinbewegen. Dies Unternehmen

scheint befremdend, da die Kunst, den Ballon, auf ganz leichte und naturgemäße

Weise, ohne alle Maschienerie, zu bewegen, schon erfunden ist. Denn da in der

Luft alle nur mögliche Strömungen (Winde) übereinander liegen: so braucht der

Aëronaut nur, vermittelst perpendikularer Bewegungen, den Luftstrom

aufzusuchen, der ihn nach seinem Ziele führt: ein Versuch, der bereits mit

vollkommnem Glück, in Paris, von Hrn. Garnerin, angestellt worden ist.

Gleichwohl scheint dieser Mann, der während mehrerer Jahre im Stillen dieser

Erfindung nachgedacht hat, einer besondern Aufmerksamkeit nicht unwerth zu

sein. Einen Gelehrten, mit dem er sich kürzlich in Gesellschaft befand, soll er

gefragt haben: ob er ihm wohl sagen könne, in wieviel Zeit eine Wolke, die eben

an dem Horizont heraufzog, im Zenith der Stadt sein würde? Auf die Antwort

des Gelehrten: „daß seine Kenntniß so weit nicht reiche,“ soll er eine Uhr auf

den Tisch gelegt haben, und die Wolke genau, in der von ihm bestimmten Zeit,

im Zenith der Stadt gewesen sein. Auch soll derselbe, bei der letzten Luftfahrt

des Professor J. im Voraus nach Werneuchen gefahren, und die Leute daselbst

versammelt haben: indem er aus seiner Kenntniß der Atmosphäre mit Gewißheit

folgerte, daß der Ballon diese Richtung nehmen, und der Professor J. in der

Gegend dieser Stadt niederkommen müsse.

Wie nun der Versuch, den er heute, gestützt auf diese Kenntniß, unternehmen

will, ausfallen wird: das soll in Zeit von einer Stunde entschieden sein. Hr.

Claudius will nicht nur bei seiner Abfahrt, den Ort, wo er niederkommen will, in

gedruckten Zetteln bekannt machen: es heißt sogar, daß er schon Briefe an

diesem Ort habe abgeben lassen, um daselbst seine Ankunft anzumelden. — Der

Tag ist in der That, gegen alle Erwartung, seiner Vorherbestimmung gemäß,

ausnehmend schön.

N. S.

 

2 Uhr Nachmittags.

 

Hr. Claudius hatte beim Eingang in den Schützenplatz Zettel austheilen lassen,

auf welchen er, längs der Potsdammer Chaussee, nach dem Luckenwaldschen

Kreis zu gehen, und in einer Stunde vier Meilen zurückzulegen versprach. Der

Wind war aber gegen 12 Uhr so mächtig geworden, daß er noch um 2 Uhr mit

der Füllung des Ballons nicht fertig war; und es verbreitete sich das Gerücht, daß er vor 4 Uhr nicht in die Luft gehen würde.