Heinrich von Kleist's politische Schriften und andere Nachträge zu seinen Werken
7. Katechismus der Deutschen, abgefaßt nach dem Spanischen, zum Gebrauch für Kinder und Alte.[58] In sechzehn Kapiteln.
Verfahren. Nur der Kürze wegen, und weil er von selbst in die Augen springt,
geschah es, daß wir denselben in abstracto nicht haben aufführen wollen.
Corollarium.
§ 25.
Ganz still zu schweigen, wie die Auflösung fordert, ist in vielen Fällen
unmöglich, denn schon das Datum des Bülletins, wenn z. B. eine Schlacht
verloren und das Hauptquartier zurückgegangen wäre, verräth dies Factum. In
diesem Fall antedatire man entweder das Bülletin, oder aber fingire einen
Druckfehler im Datum, oder endlich lasse das Datum ganz weg. Die Schuld
kommt auf den Setzer oder Corrector.
7. Katechismus der Deutschen, abgefaßt nach dem Spanischen, zum
Gebrauch für Kinder und Alte.[58]
In sechzehn Kapiteln.
Erstes Kapitel.
Von Deutschland überhaupt.
Frage. Sprich, Kind, wer bist Du?
Antwort. Ich bin ein Deutscher.
Fr. Ein Deutscher? Du scherzest. Du bist in Meißen gebohren, und das Land,
dem Meißen angehört, heißt Sachsen!
Antw. Ich bin in Meißen gebohren, und das Land, dem Meißen angehört, heißt
Sachsen; aber mein Vaterland, das Land dem Sachsen angehört, ist Deutschland,
und Dein Sohn, mein Vater, ist ein Deutscher.
Fr. Du träumest! Ich kenne kein Land, dem Sachsen angehört, es müßte denn
das rheinische Bundesland sein.[59] Wo find ich es, dies Deutschland, von dem
Du sprichst, und wo liegt es?
Antw. Hier, mein Vater. — Verwirre mich nicht.
Fr. Wo?
Antw. Auf der Karte.
Fr. Ja, auf der Karte! — Diese Karte ist vom Jahr 1805. — Weißt Du nicht,
was geschehn ist im Jahr 1805, da der Friede von Preßburg abgeschlossen war?
Antw. Napoleon, der korsische Kaiser, hat es nach dem Frieden durch eine
Gewaltthat zertrümmert.[60]
Fr. Nun? Und gleichwohl wäre es noch vorhanden?
Antw. Gewiß! — Was fragst Du mich doch!
Fr. Seit wann?
Antw. Seit Franz der Zweite, der alte Kaiser der Deutschen, wieder
aufgestanden ist, um es herzustellen, und der tapfre Feldherr, den er bestellte, das
Volk aufgerufen hat, sich an die Heere, die er anführt, zur Befreiung des Landes
anzuschließen.
Zweites Kapitel.
Von der Liebe zum Vaterlande.
Fr. Du liebst dein Vaterland, nicht wahr, mein Sohn?
Antw. Ja, mein Vater, das thu ich.
Fr. Warum liebst Du es?
Antw. Weil es mein Vaterland ist.
Fr. Du meinst, weil Gott es geseegnet hat mit vielen Früchten, weil viele
schöne Werke der Kunst es schmücken, weil Helden, Staatsmänner und Weise,
deren Namen anzuführen kein Ende ist, es verherrlicht haben?
Antw. Nein, mein Vater; Du verführst mich.
Fr. Ich verführte Dich?
Antw. Denn Rom und das ägyptische Delta sind, wie Du mich gelehrt hast, mit
Früchten und schönen Werken der Kunst und Allem, was groß und herrlich sein
mag, weit mehr geseegnet als Deutschland. Gleichwohl, wenn Deines Sohnes
Schicksal wollte, daß er darin leben sollte, würde er sich traurig fühlen, und es
nimmermehr so lieb haben, wie jetzt Deutschland.
Fr. Warum also liebst Du Deutschland?
Antw. Mein Vater, ich habe es Dir schon gesagt!
Fr. Du hättest es mir schon gesagt?
Antw. Weil es mein Vaterland ist.
Drittes Kapitel.
Von der Zertrümmerung des Vaterlandes.
Fr. Was ist Deinem Vaterlande jüngsthin widerfahren?
Antw. Napoleon, Kaiser der Franzosen, hat es mitten im Frieden zertrümmert,
und mehrere Völker, die es bewohnen, unterjocht.
Fr. Warum hat er dies gethan?
Antw. Das weiß ich nicht.
Fr. Das weißt Du nicht?
Antw. Weil er ein böser Geist ist.
Fr. Ich will Dir sagen, mein Sohn: Napoleon behauptet, er sei von den
Deutschen beleidigt worden.
Antw. Nein, mein Vater, das ist er nicht.
Fr. Warum nicht?
Antw. Die Deutschen haben ihn niemals beleidigt.
Fr. Kennst Du die gantze Streitfrage, die dem Kriege, der entbrannt ist, zum
Grunde liegt?
Antw. Nein, keineswegs.
Fr. Warum nicht?
Antw. Weil sie zu weitläuftig und umfassend ist.
Fr. Woraus also schließest Du, daß die Sache, die die Deutschen führen,
gerecht sei?
Antw. Weil Kaiser Franz von Oesterreich es versichert hat.
Fr. Wo hat er dies versichert?
Antw. In dem von seinem Bruder, dem Erzherzog Carl, an die Nation
erlassenen Aufruf.
Fr. Also wenn zwei Angaben vorhanden sind, die Eine von Napoleon, dem
Korsenkaiser, die Andere von Franz, Kaiser von Oesterreich, welcher glaubst
Du?
Antw. Der Angabe Franzens, Kaisers von Oesterreich.
Fr. Warum?
Antw. Weil er wahrhaftiger ist.
Viertes Kapitel.
Vom Ertzfeind.
Fr. Wer sind Deine Feinde, mein Sohn?
Antw. Napoleon und, so lange er ihr Kaiser ist, die Franzosen.
Fr. Ist sonst niemand, den Du haßest?
Antw. Niemand auf der ganzen Welt.
Fr. Gleichwohl, als Du gestern aus der Schule kamst, hast Du Dich mit
jemand, wenn ich nicht irre, entzweit?
Antw. Ich, mein Vater? Mit wem?
Fr. Mit Deinem Bruder; Du hast es mir selbst erzählt.
Antw. Ja, mit meinem Bruder! Er hatte meinen Vogel nicht, wie ich ihm
aufgetragen hatte, gefüttert.
Fr. Also ist Dein Bruder, wenn er dies gethan hat, Dein Feind, nicht Napoleon
der Korse, noch die Franzosen, die er beherrscht?
Antw. Nicht doch, mein Vater! — Was sprichst Du da?
Fr. Was ich da spreche?
Antw. Ich weiß nicht, was ich darauf antworten soll.[61] — — — —
[Siebentes Kapitel.]
Fr. Das hab ich Dich schon gefragt. Sage es noch einmahl mit den Worten, die
ich Dich gelehrt habe.
Antw. Für einen verabscheuungswürdigen Menschen, für den Anfang alles
Bösen und das Ende alles Guten; für einen Sünder, den anzuklagen die Sprache
der Menschen nicht hinreicht, und den Engeln einst am jüngsten Tage der Odem
vergehen wird.
Fr. Sahst Du ihn je?
Antw. Niemals, mein Vater.
Fr. Wie sollst Du ihn Dir vorstellen?
Antw. Als einen der Hölle entstiegenen Vatermörder, der herumschleicht in
dem Tempel der Natur, und an allen Säulen rüttelt, auf welchen er gebaut ist.
Fr. Wann hast Du dies im Stillen für Dich wiederholt?
Antw. Gestern Abend, als ich zu Bette gieng, und heute Morgen, als ich
aufstand.
Fr. Und wann wirst Du es wieder wiederholen?
Antw. Heute Abend, wenn ich zu Bette gehe, und morgen früh, wann ich
aufstehe.
Fr. Gleichwohl, sagt man, soll er viel Tugenden besitzen. Das Geschäfft der
Unterjochung der Erde soll er mit List, Gewandtheit und Kühnheit vollziehn,
und besonders an dem Tage der Schlacht ein großer Feldherr sein.
Antw. Ja, mein Vater, so sagt man.
Fr. Man sagt es nicht bloß; er ist es.
Antw. Auch gut; er ist es.
Fr. Meinst Du nicht, daß er um dieser Eigenschafften willen Bewunderung
und Verehrung verdiene?
Antw. Du schertzest, mein Vater.
Fr. Warum nicht?
Antw. Das wäre ebenso feig, als ob ich die Geschicklichkeit, die einem Menschen im Ringen beiwohnt, in dem Augenblick bewundern wollte, da er
mich in den Koth wirft und mein Antlitz mit Füßen tritt.
Fr. Wer also unter den Deutschen mag ihn bewundern?
Antw. Die robusten Feldherrn etwa und die Kenner der Kunst.
Fr. Und auch diese, wann mögen sie es erst thun?
Antw. Wenn er vernichtet ist.
Achtes Kapitel.
Von der Erziehung der Deutschen.
Fr. Was mag die Vorsehung wohl damit, mein Sohn, daß sie die Deutschen so
grimmig durch Napoleon, den Korsen, aus ihrer Ruhe aufgeschreckt hat,
bezweckt haben?
Antw. Das weiß ich nicht.
Fr. Das weißt Du nicht?
Antw. Nein, mein Vater.
Fr. Ich auch nicht. Ich schieße nur mit meinem Urtheil ins Blaue hinein. Treffe
ich, so ist es gut; wo nicht, so ist an dem Schuß nichts verloren. — Tadelst Du
dies Unternehmen?
Antw. Keineswegs, mein Vater.
Fr. Vielleicht meinst Du, die Deutschen befanden sich schon, wie die Sachen
stehn, auf dem Gipfel aller Tugend, alles Heils und alles Ruhms?
Antw. Keineswegs, mein Vater.
Fr. Oder waren wenigstens auf guten Wegen, ihn zu erreichen?
Antw. Nein, mein Vater; das auch nicht.
Fr. Von welcher Unart habe ich Dir zuweilen gesprochen?
Antw. Von einer Unart?
Fr. Ja; die dem lebenden Geschlecht anklebt.
Antw. Der Verstand der Deutschen, hast Du mir gesagt, habe durch einige
scharfsinnige Lehrer einen Ueberwitz bekommen; sie reflectirten, wo sie
empfinden oder handeln sollten, meinten Alles durch ihren Witz bewerkstelligen
zu können, und gäben nichts mehr auf die alte geheimnißvolle Kraft der Hertzen.
Fr. Findest Du nicht, daß die Unart, die Du mir beschreibst, zum Theil auch
auf Deinem Vater ruht, indem er Dich catechisirt?
Antw. Ja, mein lieber Vater.
Fr. Woran hiengen sie mit unmäßiger und unedler Liebe?
Antw. An Geld und Gut, trieben Handel und Wandel damit, daß ihnen der
Schweiß ordentlich des Mitleidens würdig von der Stirn triefte, und meinten ein ruhiges, gemächliches und sorgenfreies Leben sei Alles, was sich in der Welt
erringen ließe.
Fr. Warum also mag das Elend wohl, das in der Zeit ist, über sie gekommen,
ihre Hütten zerstört und ihre Felder verheeret worden sein?
Antw. Um ihnen diese Güter völlig verächtlich zu machen, und sie anzuregen
nach den höhern und höchsten, die Gott den Menschen beschert hat,
hinanzustreben.
Fr. Und welches sind die höchsten Güter der Menschen?
Antw. Gott, Vaterland, Kaiser, Freyheit, Liebe und Treue, Schönheit,
Wissenschafft und Kunst.
Neuntes Kapitel.
Eine Nebenfrage.
Fr. Sage mir, mein Sohn, wohin kommt der, welcher liebt? In den Himmel
oder in die Hölle?
Antw. In den Himmel.
Fr. Und der, welcher haßt?
Antw. In die Hölle.
Fr. Aber derjenige, welcher weder liebt noch haßt: wohin kommt der?
Antw. Welcher weder liebt noch haßt?
Fr. Ja! — Hast Du die schöne Fabel vergessen?
Antw. Nein, mein Vater.
Fr. Nun? Wohin kommt der?
Antw. Der kommt in die siebente, tiefste und unterste Hölle.
Zehntes Kapitel.
Von der Verfassung der Deutschen.[62]
— — — —
[Zwölftes Kapitel.]
wo sie sie immer treffen mögen, erschlagen.
Fr. Hat er dies Allen oder den Einzelnen befohlen?
Antw. Allen und den Einzelnen.
Fr. Aber der Einzelne, wenn er zu den Waffen griffe, würde offtmals nur in sein Verderben laufen?
Antw. Allerdings, mein Vater, das wird er.
Fr. Er muß also lieber warten, bis ein Haufen zusammengelaufen ist, um sich
an diesen anzuschließen?
Antw. Nein, mein Vater.
Fr. Warum nicht?
Antw. Du scherzest, wenn Du so fragst.
Fr. So rede!
Antw. Weil, wenn jedweder so dächte, gar kein Haufen zusammenlaufen
würde, an den man sich anschließen könnte.
Fr. Mithin — was ist die Pflicht jedes Einzelnen?
Antw. Unmittelbar auf das Gebot des Kaisers zu den Waffen zu greifen, den
Anderen, wie die hochherzigen Tyroler,[63] ein Beispiel zu geben, und die
Franzosen, wo sie angetroffen werden mögen, zu erschlagen.
Dreizehntes Kapitel.
Von den freiwilligen Beiträgen.
Fr. Wen Gott mit Gütern geseegnet hat, was muß der noch außerdem für den
Fortgang des Kriegs, der geführt wird, thun?
Antw. Er muß, was er entbehren kann, zur Bestreitung seiner Kosten hergeben.
Fr. Was kann der Mensch entbehren?
Antw. Alles bis auf Wasser und Brod, [das] ihn ernährt, und ein Gewand, das
ihn deckt.
Fr. Wie viel Gründe kannst Du anführen, um die Menschen, freiwillige
Beiträge einzuliefern, zu bewegen?
Antw. Zwei. Einen, der nicht viel einbringen wird, und Einen, der die Führer
des Kriegs reich machen muß, falls die Menschen nicht mit Blindheit geschlagen
sind.[64]
Fr. Welcher ist der, der nicht viel einbringen wird?
Antw. Weil Geld und Gut gegen das, was damit errungen werden soll,
nichtswürdig sind.
Fr. Und welcher ist der, der die Führer des Kriegs reich machen muß, falls die
Menschen nicht mit Blindheit geschlagen sind?
Antw. Weil es die Franzosen doch wegnehmen.
Vierzehntes Kapitel.
Von den obersten Staatsbeamten.
Fr. Die Staatsbeamten, die dem Kaiser von Oesterreich und den ächten
deutschen Fürsten treu dienen, findest Du nicht, mein Sohn, daß sie einen
gefährlichen Stand haben?
Antw. Allerdings, mein Vater.
Fr. Warum?
Antw. Weil, wenn der korsische Kaiser ins Land käme, er sie um dieser Treue
willen bitter bestrafen würde.
Fr. Also ist es für jeden, der auf einer wichtigen Landesstelle steht, der
Klugheit gemäß, sich zurückzuhalten, und sich nicht mit Eifer auf heftige
Maasregeln, wenn sie ihm auch von der Regierung anbefohlen sein sollten,
einzulassen?[65]
Antw. Pfui doch, mein Vater; was sprichst Du da!
Fr. Was? — Nicht?
Antw. Das wäre schändlich und niederträchtig.
Fr. Warum?
Antw. Weil ein Solcher nicht mehr Staatsdiener seines Fürsten, sondern schon,
als ob er in seinem Sold stünde, Staatsdiener des Korsenkaisers ist, und für seine
Zwecke arbeitet.
Funfzehntes Kapitel.
Vom Hochverrathe.
Fr. Was begeht derjenige, mein Sohn, der dem Aufgebot, das der Erzherzog
Carl an die Nation erlassen hat, nicht gehorcht, oder wohl gar durch Wort und
That zu widerstreben wagt?
Antw. Einen Hochverrath mein Vater.
Fr. Warum?
Antw. Weil er dem Volk, zu dem er gehört, verderblich ist.
Fr. Was hat derjenige zu thun, den das Unglück unter die verrätherischen
Fahnen geführt hat, die den Franzosen verbunden, der Unterjochung des
Vaterlandes wehen?
Antw. Er muß seine Waffen schaamroth wegwerfen, und zu den Fahnen der
Oesterreicher übergehen.
Fr. Wenn er dies nicht thut, und mit den Waffen in der Hand ergriffen wird,
was hat er verdient?
Antw. Den Tod, mein Vater.
Fr. Und was kann ihn einzig davor schützen?
Antw. Die Gnade Franzens, Kaisers von Oesterreich, des Vormunds, Retters
und Wiederherstellers der Deutschen.
Sechszehntes Kapitel.
Schluß.
Fr. Aber sage mir, mein Sohn, wenn es dem hochherzigen Kaiser von
Oesterreich, der für die Freiheit Deutschlands die Waffen ergriff, nicht gelänge,
das Vaterland zu befreien: würde er nicht den Fluch der Welt auf sich laden, den
Kampf überhaupt unternommen zu haben?
Antw. Nein, mein Vater.
Fr. Warum nicht?
Antw. Weil Gott der oberste Herr der Heer-Schaaren ist, und nicht der Kaiser,
und es weder in seiner noch in seines Bruders, des Erzherzog Carls, Macht steht,
die Schlachten, so wie sie es wohl wünschen mögen, zu gewinnen.
Fr. Gleichwohl ist, wenn der Zweck des Kriegs nicht erreicht wird, das Blut
vieler tausend Menschen nutzlos geflossen, die Städte verwüstet und das Land
verheert worden.
Antw. Wenngleich, mein Vater!
Fr. Was? Wenngleich! — Also auch, wenn Alles untergienge, und kein
Mensch, Weiber und Kinder mit eingerechnet, am Leben bliebe, würdest du den
Kampf noch billigen?
Antw. Allerdings, mein Vater.
Fr. Warum?
Antw. Weil es Gott lieb ist, wenn Menschen ihrer Freiheit wegen sterben.
Fr. Was aber ist ihm ein Gräuel?
Antw. Wenn Sclaven leben!