Heinrich von Kleist's politische Schriften und andere Nachträge zu seinen Werken

2. Politische Aufrufe und Betrachtungen.

 

1. Einleitung [zur Zeitschrift Germania].

 

Diese Zeitschrift soll der erste Athemzug der deutschen Freiheit sein. Sie soll

Alles aussprechen, was während der drei letzten, unter dem Druck der Franzosen

verseufzten, Jahre in den Brüsten wackerer Deutschen hat verschwiegen bleiben

müssen: alle Besorgniß, alle Hoffnung, alles Elend und alles Glück.

Es bedurfte einer Zeit wie die jetzige, um einem Blatt, wie das vorliegende ist,

das Dasein zu geben. So lange noch keine Handlung des Staats geschehen war,

mußte es jedem Deutschen, der seine Worte zu Rathe hielt, ebenso voreilig als

nutzlos scheinen zu seinen Mitbrüdern zu reden. Eine solche Stimme würde

entweder völlig in der Wüste verhallt sein, oder — welches fast noch schlimmer

gewesen wäre — die Gemüther nur auf die Höhen der Begeisterung erhoben

haben, um sie in dem zunächst darauf folgenden Augenblick in eine desto tiefere

Nacht der Gleichgültigkeit und Hoffnungslosigkeit versinken zu lassen.

Jetzt aber hat der Kaiser von Oesterreich an der Spitze seines tapfern Heeres

den Kampf für seiner Unterthanen Wohl, und den noch großmüthigeren für das

Heil des unterdrückten und bisher noch wenig dankbaren Deutschlands

unternommen. Der kaiserliche Bruder, den er zum Herrn des Heers bestellte, hat

die göttliche Kraft, das Werk an sein Ziel hinauszuführen, auf eine erhabene und

rührende Art dargethan. Das Misgeschick, das ihn traf, trug er mit der

Unbeugsamkeit der Helden, und ward in dem entscheidenden Augenblick, da es

zu siegen oder zu sterben galt, der Bezwinger des Unbezwungenen, — ward es

mit einer Bescheidenheit, die dem Zeitalter, in welchem wir leben, fremd ist.[66]

Jetzt oder niemals ist es Zeit den Deutschen zu sagen, was sie ihrerseits zu

thun haben, um der erhabenen Vormundschafft, die sich über sie eingesetzt hat,

allererst würdig zu werden; und dieses Geschäfft ist es, das wir, von der Lust am

Guten mitzuwirken bewegt, in den Blättern der Germania haben übernehmen

wollen.

Hoch, auf dem Gipfel der Felsen soll sie sich stellen und den Schlachtgesang

herabdonnern ins Thal! Dich, o Vaterland, will sie singen und deine Heiligkeit

und Herrlichkeit, und welch ein Verderben seine Wogen auf dich heranwälzt! Sie

will herabsteigen, wenn die Schlacht braußt,[67] und sich mit hochroth glühenden

Wangen unter die Streitenden mischen und ihren Muth beleben, und ihnen

Unerschrockenheit und Ausdauer und des Todes Verachtung ins Herz gießen; — — und die Jungfrauen des Landes herbeirufen, wenn der Sieg erfochten ist, daß