Heinrich von Kleist's politische Schriften und andere Nachträge zu seinen Werken

4. Aëronautik. S. Haude u. Spenersche Zeitung, den 25. Okt. 1810.[75] (29. 30. October.)

4. Aëronautik.

S. Haude u. Spenersche Zeitung, den 25. Okt. 1810.[75]

(29. 30. October.)

 

Der, gegen die Abendblätter gerichtete, Artikel der Haude und Spenerschen

Zeitung, über die angebliche Direction der Luftbälle ist mit soviel Einsicht, Ernst

und Würdigkeit abgefaßt, daß wir geneigt sind zu glauben, die Wendung am

Schluß, die zu dem Ganzen wenig paßt, beruhe auf einem bloßen

Mißverständniß.

Demnach dient dem unbekannten Hrn. Verfasser hiemit auf seine, in

Anregung gebrachten Einwürfe zur freundschaftlichen Antwort:

1) daß wenn das Abendblatt, des beschränkten Raums wegen, den

unverklausulirten Satz aufgestellt hat: die Direction der Luftbälle sei erfunden;

dasselbe damit keineswegs hat sagen wollen: es sei an dieser Erfindung nichts

mehr hinzuzusetzen; sondern bloß: das Gesetz einer solchen Kunst sei gefunden,

und es sei, nach dem, was in Paris vorgefallen, nicht mehr zweckmäßig, in dem

Bau einer, mit dem Luftball verbundenen, Maschiene eine Kraft zu suchen, die

in dem Luftball selbst, und in dem Element, das ihn trägt, vorhanden ist.

2) Daß die Behauptung, in der Luft seien Strömungen der vielfachsten und

mannigfaltigsten Art enthalten, wenig Befremdendes und Außerordentliches in

sich faßt, indem unseres Wissens, nach den Aufschlüssen der neuesten

Naturwissenschaft, eine der Hauptursachen des Windes, chemische Zersetzung

oder Entwickelung beträchtlicher Luftmassen ist. Diese Zersetzung oder

Entwickelung der Luftmassen aber muß, wie eine ganz geringe Einbildung lehrt,

ein concentrisches oder excentrisches, in allen seinen Richtungen diametral

entgegengesetztes, Strömen der in der Nähe befindlichen Luftmassen

veranlassen; dergestalt, daß an Tagen, wo dieser chemische Prozeß im Luftraum

häufig vor sich geht, gewiß über einem gegebenen, nicht allzubeträchtlichen

Kreis der Erdoberfläche, wenn nicht alle, doch so viele Strömungen, als der

Luftfahrer, um die willkührliche Direction darauf zu gründen, braucht,

vorhanden sein mögen.

3) Daß der Luftballon des Hrn. Claudius selbst (in sofern ein einzelner Fall

hier in Erwägung gezogen zu werden verdient) zu dieser Behauptung

gewissermaßen den Beleg abgiebt, indem ohne Zweifel als derselbe ½5 Uhr

durchaus westlich in der Richtung nach Spandau und Stendal aufstieg, niemand

geahndet hat, daß er, innerhalb zwei Stunden, durchaus südlich, zu Düben in

Sachsen niederkommen würde.

4) Daß die Kunst, den Ballon vertical zu dirigiren, noch einer großen

Entwickelung und Ausbildung bedarf, und derselbe auch wohl, ohne eben große

Schwierigkeiten, fähig ist, indem man ohne Zweifel durch Veränderung nicht

bloß des absoluten, sondern auch specifischen Gewichts (vermittelst der Wärme

und der Expansion) wird steigen und fallen und somit den Luftstrom mit

größerer Leichtigkeit wird aufsuchen lernen, dessen man, zu einer bestimmten

Reise, bedarf.

5) Daß Hr. Claudius zwar wenig gethan hat, die Aufmerksamkeit des

Publikums, die er auf sich gezogen hat, zu rechtfertigen; daß wir aber gleichwohl

dahingestellt sein lassen, in wiefern derselbe, nach dem Gespräche der Stadt, in

der Kunst, von der Erdoberfläche aus die Luftströmungen in den höheren

Regionen zu beurtheilen, erfahren sein mag: indem aus der Richtung, die sein

Ballon anfänglich westwärts gegen Spandau und späterhin südwärts gegen

Düben nahm, mit sonderbarer Wahrscheinlichkeit hervor zu gehen scheint, daß

er, wenn er aufgestiegen wäre, sein Versprechen erfüllt haben, und vermittelst

seiner mechanischen Einwirkung, in der Diagonale zwischen beiden Richtungen,

über der Potsdammer Chaussee, nach dem Luckenwaldischen Kreise,

fortgeschwommen sein würde.

6) Daß wenn gleich das Unternehmen vermittelst einer, im Luftball

angebrachten Maschiene, den Widerstand ganz contrairer Winde aufzuheben,

unübersteiglichen Schwierigkeiten unterworfen ist, es doch vielleicht bei

Winden von geringerer Ungünstigkeit möglich sein dürfte, den Sinus der

Ungünstigkeit, vermittelst mechanischer Kräfte, zu überwinden, und somit, dem

Seefahrer gleich, auch solche Winde, die nicht genau zu dem vorgeschriebenen

Ziel führen, ins Interesse zu ziehen.

Zudem bemerken wir, daß wenn 7) der Luftschifffahrer, aller dieser

Hülfsmittel ungeachtet, Tage und Wochen lang auf den Wind, der ihm passend

ist, warten müßte, derselbe sich mit dem Seefahrer zu trösten hätte, der auch

Wochen, oft Monate lang, auf günstige Winde im Hafen harren muß: wenn er ihn

aber gefunden hat, binnen wenigen Stunden damit weiter kommt, als wenn er

sich, von Anfang herein, während der ganzen verlornen Zeit, zur Axe oder zu

Pferde fortbewegt hätte.

Endlich selbst zugegeben 8) — was wir bei der Möglichkeit, auch selbst in der

wolkigsten Nacht, den Polarstern, wenigstens auf Augenblicke, aufzufinden,

keinesweges thun — dem Luftschiffer fehle es schlechthin an Mittel, sich in der

Nacht im Luftraum zu orientiren: so halten wir den von dem unbekannten Hrn.

R. berechneten Irrthum von 6 Meilen, auf einen Radius von 30 Meilen, für einen

sehr mäßigen und erträglichen. Der Aëronaut würde immer noch, wenn x die

Zeit ist, die er gebraucht haben würde, um den Radius zur Axe zurückzulegen, in x/5 den Radius und die Sehne zurücklegen können. Wenn er dies, gleichviel aus

welchen Gründen, ohne seinen Ballon, nicht wollte, so würde er sich wieder mit

dem Seefahrer trösten müssen, der auch oft, widriger Winde wegen, statt in den

Hafen einzulaufen, auf der Rhede vor Anker gehen, oder gar in einen andern

ganz entlegenen Hafen einlaufen muß, nach dem er gar nicht bei seiner Abreise

gewollt hat.

 

———

 

Was Hr. Garnerin betrift, so werden wir im Stande sein, in Kurzem bestimmtere

Facta, als die im 13ten Abendblatt enthalten waren, zur Erwiderung auf die

gemachten Einwürfe, beizubringen.

 

rm.