Heinrich von Kleist's politische Schriften und andere Nachträge zu seinen Werken

10. Charité-Vorfall. (13. October.)

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10. Charité-Vorfall.

(13. October.)

 

Der von einem Kutscher kürzlich übergefahrne Mann, Namens Beyer, hat bereits

dreimal in seinem Leben ein ähnliches Schicksal gehabt; dergestalt, daß bei der

Untersuchung, die der Geheimerath Hr. K. in der Charité mit ihm vornahm, die

lächerlichsten Mißverständnisse vorfielen. Der Geheimerath, der zuvörderst

seine beiden Beine, welche krumm und schief und mit Blut bedeckt waren,

bemerkte, fragte ihn: ob er an diesen Gliedern verletzt wäre? worauf der Mann

jedoch erwiederte: nein! die Beine wären ihm schon vor fünf Jahren, durch einen

andern Doktor, abgefahren worden. Hierauf bemerkte ein Arzt, der dem

Geheimenrath zur Seite stand, daß sein linkes Auge geplatzt war; als man ihn

jedoch fragte: ob ihn das Rad hier getroffen hätte? antwortete er: nein! das Auge

hätte ihm ein Doktor bereits vor 14 Jahren ausgefahren. Endlich, zum Erstaunen

aller Anwesenden, fand sich, daß ihm die linke Rippenhälfte, in jämmerlicher

Verstümmelung, ganz auf den Rücken gedreht war; als aber der Geheimerath ihn

fragte: ob ihn des Doktors Wagen hier beschädigt hätte, antwortete er: nein! die

Rippen wären ihm schon vor 7 Jahren durch einen Doktorwagen

zusammengefahren worden. — Bis sich endlich zeigte, daß ihm durch die

letztere Ueberfahrt der linke Ohrknorpel ins Gehörorgan hineingefahren war. —

Der Berichterstatter hat den Mann selbst über diesen Vorfall vernommen, und

selbst die Todtkranken, die in dem Saale auf den Betten herumlagen, mußten,

über die spaßhafte und indolente Weise, wie er dies vorbrachte, lachen. —

Uebrigens bessert er sich; und falls er sich vor den Doktoren, wenn er auf der

Straße geht, in Acht nimmt, kann er noch lange leben.

 

11. Anekdote.

(24. October.)

 

Bach, als seine Frau starb, sollte zum Begräbniß Anstalt machen. Der arme

Mann war aber gewohnt, Alles durch seine Frau besorgen zu lassen; dergestalt

daß da ein alter Bedienter kam, und ihm für Trauerflor, den er einkaufen wollte,

Geld abforderte, er unter stillen Thränen, den Kopf auf einen Tisch gestützt,

antwortete: „sagt’s meiner Frau“. —