Heinrich von Kleist's politische Schriften und andere Nachträge zu seinen Werken

Vorwort

Nur Wenigen ist es beschieden, den Lebenstag zu sehen, der Ihnen,

hochverehrter Herr, heute festlich anbricht. Den Zeitraum eines halben

Jahrhunderts in demselben Kreise durchschritten zu haben, ist kein alltäglicher

Ruhm unter Menschen, dasselbe Zeitmaß in verschiedenen Kreisen des Wirkens

zu erfüllen, ist dem Einzelnen noch seltener vergönnt; doch wo fünf reichen

Jahrzehnten ein sechstes hinzugelegt wird, ist es unter den seltenen Festen das

seltenste.

Ihnen hat das gegenwärtige Jahr nicht einen, sondern eine Reihe von

Festtagen gebracht, die ein halbes Jahrhundert Ihres Wirkens in Wissenschaft

und Lehramt abschließen, und vor wenigen Wochen noch mit dem goldenen

Kranze des häuslichen Glücks gekrönt worden sind. Der heutige Tag vollendet

Ihr sechszigstes Jahr im Dienste des Vaterlandes. Wer das in ungeschwächter

Kraft des Geistes und Körpers erlebt, den möchte man versucht sein jenen

Männern des Alterthums beizuzählen, die der hellenische Weise vor allen

glücklich pries. Denn Glück ist die reine Entfaltung der eigenen Natur nach

ihrem Gesetze, im Einklange zugleich mit dem großen Ganzen, dessen

dienendes Glied zu sein der Einzelne bestimmt ist. Eine solche harmonische

Verbindung ist das freie Geschenk höherer Macht, darum ist ein Tag wie der

heutige ein Tag des Glückwunsches, das heißt der dankbaren Anerkennung

menschlicher Lebens- und Entwicklungsfülle.

Sechszig Jahre, mehr als ein Drittheil unserer Preußischen Geschichte,

überschauen Sie als Staatsmann, als Lehrer und Geschichtschreiber. Von sieben

Königen haben Sie fünf erlebt und dreien treu gedient. Das Preußen Friedrichs

des Großen, den tiefen Fall der alten Staatsformen haben Sie gesehen, und dem

reformatorischen Gesetzgeber thatkräftig zur Seite gestanden, als er die

Grundlagen des neuen Staates vorbereitete; Sie sind Zeuge gewesen der großen

volksthümlichen Erhebung, haben Ihren Theil gehabt an den Zeiten innerer Ruhe

und wissenschaftlichen Ruhms, und eine zweite tiefe Erschütterung überwinden

helfen, um nochmals in eine neue Umgestaltung des öffentlichen Lebens

einzutreten. Zu allen Zeiten haben Sie für Gesetz und volksthümliche Freiheit,

für den König wie für das Vaterland, für Preußen wie für Deutschland als untrennbare Mächte, mit den Besten im Bunde, unermüdet und maßvoll

gestritten, und die Unabhängigkeit des Urtheils und Charakters frei bewahrt.

Als Forscher und Geschichtschreiber haben Sie die Vergangenheit des

deutschen Vaterlandes in umfassender Weise zuerst erschlossen, und die

verschiedenen Zeitalter des menschlichen Geschlechts durchmessen. So möchte

ich Ihnen nachrühmen, was ein alter Schriftsteller von einem Geschichtschreiber

seiner Zeit sagt, das schönste Loos sei es Schreibenswürdiges gethan,

Lesenswürdiges geschrieben zu haben. Mögen Sie mir verstatten das

auszusprechen, da Sie, obgleich nicht selten verkannt, dennoch stets ein

Verkleinerer Ihrer selbst gewesen sind.

Als einen öffentlichen Ausdruck dieser Gesinnung, die ich Ihnen längst im

Herzen bewahre, bitte ich Sie die folgenden Blätter betrachten und annehmen zu

wollen. Ein Zeichen sollen sie sein wissenschaftlicher Anerkennung, das ein

jüngerer Fachgenosse Ihnen darzubringen wünscht, rein menschlicher

Hochachtung und aufrichtiger Uebereinstimmung in den großen Fragen des

Lebens, und endlich des Dankes für die freundschaftliche Theilnahme, die Sie

mir stets bewiesen haben.

Für diesen Zweck schienen mir diese Blätter vornehmlich geeignet. Denn sie

sind ein Erbstück aus dem Nachlasse des großen Dichters, in dessen Verehrung

und Liebe, wir, wie verschieden an Lebensalter und Stellung, einander zuerst

freundschaftlich begegnet sind; ein bisher unbekannter Beitrag zu unserer

nationalen Litteratur, der Sie, wie der Kunst, auch unter historischen Studien und

politischen Kämpfen eine jugendfrische Neigung gewahrt haben; der

Gesinnungsausdruck eines ebenso hochbegabten als unglücklichen Dichters, der

wie Sie für die Wiedergeburt des Vaterlandes gestritten, den Sie selbst noch von

Angesicht gekannt haben. Es irrt mich nicht, daß die Berührungen zwischen

Ihnen, dem Staatsmanne, und dem Dichter nicht freundlicher Art gewesen sind.

Persönlich unangenehme Erfahrungen haben Sie niemals gehindert gerecht zu

sein, und Sie haben darum weder dem Menschen Ihre Theilnahme noch dem

Dichter Ihre Anerkennung versagt. Die damals ausgesprochene Versöhnung wird

heute zur historischen Sühne. Der Dichter ist nach schwerer Verirrung

eingegangen in die Ehrenhalle unserer Litteratur; Sie haben seitdem fünfzig

Jahre des reichsten Wirkens durchlebt, und stehen heute als gefeierter Greis voll

seltener Jugendfrische und Theilnahme für Alles was die menschliche Brust

bewegt, am Grabe des Dichters, der am Widerstreit des Lebens zu Grunde ging.

Und so wüßte ich Ihnen nur Eines noch zu wünschen, daß Ihnen die Fülle der

Lebensgüter, die Sie besitzen, noch lange erhalten, und mir Ihre Freundschaft

bewahrt bleiben möge.

Berlin, den 8. December 1861.

Rudolf Köpke.