Heinrich von Kleist's politische Schriften und andere Nachträge zu seinen Werken

12. Räthsel. (1. November.)

12. Räthsel.

(1. November.)

 

Ein junger Doktor der Rechte und eine Stiftsdame, von denen kein Mensch

wußte, daß sie mit einander in Verhältniß standen, befanden sich einst bei dem

Commendanten der Stadt, in einer zahlreichen und ansehnlichen Gesellschaft.

Die Dame, jung und schön, trug, wie es zu derselben Zeit Mode war, ein kleines

schwarzes Schönpflästerchen im Gesicht, und zwar dicht über der Lippe, auf der

rechten Seite des Mundes. Irgend ein Zufall veranlaßte, daß die Gesellschaft sich

auf einen Augenblick aus dem Zimmer entfernte, dergestalt, daß nur der Doktor

und die besagte Dame darin zurückblieben. Als die Gesellschaft zurückkehrte,

fand sich, zum allgemeinen Befremden derselben, daß der Doctor das

Schönpflästerchen im Gesichte trug, und zwar gleichfalls über der Lippe, aber

auf der linken Seite des Mundes. —

 

13. Anekdote.

(22. November.)

 

Zwei berühmte Englische Baxer, der Eine aus Portsmouth gebürtig, der Andere

aus Plymouth, die seit vielen Jahren von einander gehört hatten, ohne sich zu

sehen, beschlossen, da sie in London zusammentrafen, zur Entscheidung der

Frage, wem von ihnen der Siegerruhm gebühre, einen öffentlichen Wettkampf zu

halten. Demnach stellten sich beide, im Angesicht des Volks, mit geballten

Fäusten, im Garten einer Kneipe, gegeneinander, und als der Plymouther den

Portsmouther, in wenig Augenblicken, dergestalt auf die Brust traf, daß er Blut

spie, rief dieser, indem er sich den Mund abwischte: brav! — Als aber bald

darauf, da sie sich wieder gestellt hatten, der Portsmouther den Plymouther, mit

der Faust der geballten Rechten, dergestalt auf den Leib traf, daß dieser, indem

er die Augen verkehrte, umfiel, rief der Letztere: das ist auch nicht übel —!

Worauf das Volk, das im Kreise herumstand, laut aufjauchzte, und, während der

Plymouther, der an den Gedärmen verletzt worden war, todt weggetragen ward,

dem Portsmouther den Siegesruhm zuerkannte. — Der Portsmouther soll aber

auch Tags darauf am Blutsturz gestorben sein.

 

14. Anekdote.

(27. November.)

 

Der Czar Iwan Basilowitz, mit dem Beinamen der Tyrann, ließ einem fremden Gesandten, der, nach der damaligen Europäischen Etikette, mit bedecktem

Haupte vor ihm erschien, den Hut auf den Kopf nageln. Diese Grausamkeit

vermogte nicht den Botschafter der Königin Elisabeth von England, Sir Jeremias

Bowes abzuschrecken. Er hatte die Kühnheit den Hut auf dem Kopfe, vor dem

Czaar zu erscheinen. Dieser fragte ihn, ob er nicht von der Strafe gehört hätte,

die einem andern Gesandten widerfahren wäre, welcher sich eine solche Freiheit

herausgenommen? „Ja, Herr, erwiderte Bowes, aber ich bin der Botschafter der

Königin von England, die nie, vor irgend einem Fürsten in der Welt, anders, wie

mit bedecktem Haupte erschienen ist. Ich bin ihr Repräsentant, und wenn mir die

geringste Beleidigung widerfährt, so wird sie mich zu rächen wissen.“ „Das ist

ein braver Mann, sagte der Czaar, indem er sich zu seinen Hofleuten wandte, der

für die Ehre seiner Monarchin zu handeln und zu reden versteht: wer von Euch

hätte das nämliche für mich gethan?“

Hierauf wurde der Bothschafter der Favorit des Czars. Diese Gunst zog ihm

den Neid des Adels zu. Einer der Großen, der zuweilen den vertrauten Ton mit

dem Monarchen annehmen durfte, beredete ihn, die Geschicklichkeit des

Bothschafters auf die Probe zu stellen. Man sagte nämlich, daß er ein sehr

geschickter Reuter wäre. Nun wurde ihm, um den Beweis davon zu führen, ein

ungebändigtes sehr wildes Pferd vor dem Czar zu reiten gegeben, und man

hoffte, daß Bowes zum wenigsten mit einer derben Lähmung das Kunststück

bezahlen würde. Indessen widerfuhr der neidischen Eifersucht der Verdruß, sich

betrogen zu sehn. Der brave Engländer bändigte nicht nur das Pferd, sondern er

jagte es dermaßen zusammen, daß es kraftlos wieder heimgeführt wurde, und

wenige Tage nachher crepirte. Dieses Abentheuer vermehrte den Credit des

Bothschafters bei dem Czar, der ihm jederzeit nachher die ausgezeichnetsten

Beweise seiner Huld widerfahren ließ.

 

(Barrow’s Sammlung von Reisebeschreibungen nach der französischen Uebersetzung von Targe.

1766.)