Heinrich von Kleist's politische Schriften und andere Nachträge zu seinen Werken
4. Kunst und Theater.
1. Empfindungen vor Friedrichs Seelandschaft.
(13. October.)
Herrlich ist es, in einer unendlichen Einsamkeit am Meeresufer, unter trübem
Himmel, auf eine unbegränzte Wasserwüste, hinauszuschauen. Dazu gehört
gleichwohl, daß man dahin gegangen sei, daß man zurück muß, daß man hinüber
mögte, daß man es nicht kann, daß man Alles zum Leben vermißt, und die
Stimme des Lebens dennoch im Rauschen der Fluth, im Wehen der Luft, im
Ziehen der Wolken, dem einsamen Geschrei der Vögel, vernimmt. Dazu gehört
ein Anspruch, den das Herz macht, und ein Abbruch, um mich so auszudrücken,
den Einem die Natur thut. Dies aber ist vor dem Bilde unmöglich, und das, was
ich in dem Bilde selbst finden sollte, fand ich erst zwischen mir und dem Bilde,
nehmlich einen Anspruch, den mein Herz an das Bild machte, und einen
Abbruch, den mir das Bild that; und so ward ich selbst der Kapuziner, das Bild
ward die Düne, das aber, wo hinaus ich mit Sehnsucht blicken sollte, die See,
fehlte ganz. Nichts kann trauriger und unbehaglicher sein, als diese Stellung in
der Welt: der einzige Lebensfunke im weiten Reiche des Todes, der einsame
Mittelpunct im einsamen Kreis. Das Bild liegt, mit seinen zwei oder drei
geheimnißvollen Gegenständen, wie die Apokalypse da, als ob es Joungs
Nachtgedanken hätte, und da es, in seiner Einförmigkeit und Uferlosigkeit,
nichts, als den Rahm, zum Vordergrund hat, so ist es, wenn man es betrachtet, als
ob Einem die Augenlieder weggeschnitten wären. Gleichwohl hat der Mahler
Zweifels ohne eine ganz neue Bahn im Felde seiner Kunst gebrochen; und ich
bin überzeugt, daß sich, mit seinem Geiste, eine Quadratmeile märkischen
Sandes darstellen ließe, mit einem Berberitzenstrauch, worauf sich eine Krähe
einsam plustert, und daß dies Bild eine wahrhafte Ossianische oder
Kosegartensche Wirkung thun müßte. Ja, wenn man diese Landschaft mit ihrer
eignen Kreide und mit ihrem eigenen Wasser mahlte; so, glaube ich, man könnte
die Füchse und Wölfe damit zum Heulen bringen: das Stärkste, was man, ohne
allen Zweifel, zum Lobe für diese Art von Landschaftsmahlerei beibringen kann.
— Doch meine eigenen Empfindungen, über dies wunderbare Gemählde, sind zu
verworren; daher habe ich mir, ehe ich sie ganz auszusprechen wage,
vorgenommen, mich durch die Aeußerungen derer, die paarweise, von Morgen
bis Abend, daran vorübergehen, zu belehren.