Heinrich von Kleist's politische Schriften und andere Nachträge zu seinen Werken

3. Was gilt es in diesem Kriege?

 

Gilt es, was es gegolten hat sonst in den Kriegen, die geführt worden sind auf

dem Gebiete der unermeßlichen Welt? Gilt es den Ruhm eines jungen und

unternehmenden Fürsten, der in dem Duft einer lieblichen Sommernacht von

Lorbeern geträumt hat? Oder die Genugthuung für die Empfindlichkeit einer

Favorite, deren Reitze, vom Beherrscher des Reichs anerkannt, an fremden

Höfen in Zweifel gezogen worden sind? Gilt es einen Feldzug, der, jenem

spanischen Erbfolgestreit gleich, wie ein Schachspiel geführt wird, bei welchem

kein Herz wärmer schlägt, keine Leidenschafft das Gefühl schwellt, kein

Muskel, vom Giftpfeil der Beleidigung getroffen, emporzuckt? Gilt es ins Feld

zu rücken von beiden Seiten, wenn der Lenz kommt, sich zu treffen mit

flatternden Fahnen, und zu schlagen und entweder zu siegen, oder wieder in die

Winterquartiere einzurücken? Gilt es eine Provinz abzutreten, einen Anspruch

auszufechten, oder eine Schuld-Forderung geltend zu machen, oder gilt es sonst

irgend etwas, das nach dem Werth des Geldes auszumessen ist, heut besessen,

morgen aufgegeben, und übermorgen wieder erworben werden kann?

Eine Gemeinschafft gilt es, deren Wurzeln tausendästig,[70] einer Eiche gleich,

in den Boden der Zeit eingreifen; deren Wipfel, Tugend und Sittlichkeit

überschattend, an den silbernen Saum der Wolken rührt, deren Dasein durch das

Drittheil eines Erdalters geheiligt worden ist; eine Gemeinschafft, die, unbekannt

mit dem Geist der Herrschsucht und der Eroberung, des Daseins und der

Duldung so würdig ist, wie irgend eine; die ihren Ruhm nicht einmal denken

kann, sie müßte denn den Ruhm zugleich und das Heil aller Uebrigen denken,

die den Erdkreis bewohnen; deren ausgelassenster und ungeheuerster Gedanke

noch, von Dichtern und Weisen auf Flügeln der Einbildung erschwungen,

Unterwerfung unter eine Weltregierung ist, die in freier Wahl von der

Gesammtheit aller Brüder-Nationen gesetzt wäre. Eine Gemeinschafft gilt es,

deren Wahrhaftigkeit und Offenherzigkeit gegen Freund und Feind gleich

unerschütterlich geübt, bei dem Witz der Nachbarn zum Sprichwort geworden

ist; die über jeden Zweifel erhoben, dem Besitzer jenes ächten Ringes gleich,

diejenige ist, die die Anderen am Meisten lieben; deren Unschuld, selbst in dem

Augenblick noch, da der Fremdling sie belächelt, oder wohl gar verspottet, sein

Gefühl geheimnißvoll erweckt; dergestalt, daß derjenige, der zu ihr gehört, nur

seinen Namen zu nennen braucht, um auch in den entferntesten Theilen der Welt

noch Glauben zu finden. Eine Gemeinschafft, die weit entfernt in ihrem Busen

auch nur eine Regung von Uebermuth zu tragen, vielmehr, einem schönen

Gemüth gleich, bis auf den heutigen Tag an ihre eigne Herrlichkeit nicht

geglaubt hat; die herumgeflattert ist unermüdlich, einer Biene gleich, Alles, was sie Vortreffliches fand, in sich aufzunehmen, gleich als ob nichts von Ursprung