Heinrich von Kleist's politische Schriften und andere Nachträge zu seinen Werken
8. Von einem Kinde, das kindlicher Weise ein anderes Kind umbringt. (13. November.)
Was mag aus einer Bande kleiner Sänger geworden sein, die im vorigen Jahre
sich sehr häufig in vielen Straßen Berlins mit wenigen Liedern hören ließen, die
aber so wunderbar auf einzelne Töne eingesungen waren, daß sie am ersten
einen Begriff von der Russischen Hörnermusik geben konnten? Sie wurden,
nach dem einen ihrer bekanntesten Lieder, meist die sieben kleinen Kinder
genannt. Das Lied erzählte von Kindern, denen zu spät Brod gereicht worden,
nachdem sie lange geschrieen und endlich aus Hunger gestorben waren. — Ist es
diesen armen Schelmen, die wir immer mit besonderem Vergnügen gehört, etwa
auch so ergangen?
Diese Kinder waren jedermann so bekannt, alle Kinder sangen ihnen nach,
daß wir es kaum begreifen können, daß sie nicht in irgend ein lustiges Stück z.
B. Rochus Pumpernickel, auf der Straße eingeführt worden, wo sie gewiß die
allgemeinste Wirkung hervorgebracht hätten. Leider aber begnügen sich unsre
Theater-Dichter die Späße fremder Städte, besonders Wiens, zu wiederholen;
was aber bey uns lustig und erfreulich, dafür haben sie keine Fassung. So finden
sich manche auf unserer Bühne, die den Wiener oder Schwäbischen Dialekt
recht gut nachsprechen, aber keiner, der z. B. gut pommersch-plattdeutsch
redete, was in der Rolle des Rochus Pumpernickel sicher recht eigenthümliche
Wirkung bei uns thäte.
ava.
8. Von einem Kinde, das kindlicher Weise ein anderes Kind umbringt.
(13. November.)
„In einer Stadt Franecker genannt, gelegen in Westfriesland, da ist es geschehen,
daß junge Kinder, fünf- sechsjährige, Mägdlein und Knaben mit einander
spielten. Und sie ordneten ein Büblein an, das solle der Metzger sein, ein anderes
Büblein, das solle Koch sein, und ein drittes Büblein, das solle eine Sau sein. Ein
Mägdlein, ordneten sie, solle Köchin sein, wieder ein anderes, das solle
Unterköchin sein; und die Unterköchin solle in einem Geschirrlein das Blut von
der Sau empfahen, daß man Würste könne machen. Der Metzger gerieth nun
verabredetermaßen an das Büblein, das die Sau sollte sein, riß es nieder und
schnitt ihm mit einem Messerlein die Gurgel auf; und die Unterköchinn empfing
das Blut in ihrem Geschirrlein. Ein Rathsherr, der von ungefähr vorübergeht,
sieht dies Elend; er nimmt von Stund’ an den Metzger mit sich, und führt ihn in
des Obersten Haus, welcher sogleich den ganzen Rath versammeln ließ. Sie
saßen all’ über diesen Handel, und wußten nicht, wie sie ihm thun sollten, denn sie sahen wohl, daß es kindlicher Weise geschehen war. Einer unter ihnen, ein
alter weiser Mann, gab den Rath, der oberste Richter solle einen schönen rothen
Apfel in die eine Hand nehmen, in die andere einen rheinischen Gulden, solle
das Kind zu sich rufen, und beide Hände gleich gegen dasselbe ausstrecken;
nehme es den Apfel, so solle es ledig erkannt werden, nehme es aber den
Gulden, so solle man es auch tödten. Dem wird gefolgt; das Kind aber ergreift
den Apfel lachend, wird also aller Strafe ledig erkannt.“
Diese rührende Geschichte aus einem alten Buche gewinnt ein neues Interesse
durch das letzte kleine Trauerspiel Werners, der vier und zwanzigste Februar
genannt, welches in Weimar und Lauchstädt schon oft, und mit einem so
lebhaften Antheil gesehen worden ist, als vielleicht kein Werk eines modernen
Dichters. Das unselige Mordmesser, welches in jener Tragödie der unruhige
Dolch des Schicksals ist, (vielleicht derselbe, den Mackbeth vor sich her zur
Schlafkammer des Königs gehen sieht) ist dasselbe Messer, womit der eine
Knabe den anderen getödtet, und er empfängt in jener That seine erste blutige
Weihe. Wir wissen nicht, ob Werner die obige Geschichte ganz gekannt oder
erzählt hat, denn jenes treflichste und darstellbarste Werk Werners, zu dem nur
drei Personen, Vater und Mutter und Sohn, nur eine doppelte durchgeschlagene
Schweizer Bauerstube, ein Schrank, ein Messer und etwas Schnee, den der
Winter gewiß bald bringen wird, die nöthigen Requisite sind, ist auf unserer
Bühne noch nicht aufgeführt worden. Gleichwohl besitzen wir mehr, als die
Weimaraner, um es zu geben, einen Iffland, eine Bethmann und Schauspieler, um
den Sohn darzustellen, im Ueberfluß. Möge diese kleine Mittheilung den Sinn
und den guten Willen dazu anregen.