Heinrich von Kleist's politische Schriften und andere Nachträge zu seinen Werken

5. Von der Ueberlegung. (Eine Paradoxe.) (7. December.)

und liebreich, mitten unter sie trete, und sie mit Pfeilen, bald schärfer, bald

leiser, aus der wunderlichen Schlafsucht, in welcher sie befangen liegen, wecke.

Auch mich, o Herr, hast du, in deiner Weisheit, mich wenig Würdigen, zu

diesem Geschäft erkoren; und ich schicke mich zu meinem Beruf an.

Durchdringe mich ganz, vom Scheitel zur Sohle, mit dem Gefühl des Elends, in

welchem dies Zeitalter darnieder liegt, und mit der Einsicht in alle

Erbärmlichkeiten, Halbheiten, Unwahrhaftigkeiten und Gleisnereien, von denen

es die Folge ist. Stähle mich mit Kraft, den Bogen des Urtheils rüstig zu

spannen, und, in der Wahl der Geschosse, mit Besonnenheit und Klugheit, auf

daß ich jedem, wie es ihm zukommt, begegne: den Verderblichen und

Unheilbaren, dir zum Ruhm, niederwerfe, den Lasterhaften schrecke, den

Irrenden warne, den Thoren, mit dem bloßen Geräusch der Spitze über sein

Haupt hin, necke. Und einen Kranz auch lehre mich winden, womit ich, auf

meine Weise, den, der dir wohlgefällig ist, kröne! Ueber Alles aber, o Herr,

möge Liebe wachen zu dir, ohne welche nichts, auch das Geringfügigste nicht,

gelingt: auf daß dein Reich verherrlicht und erweitert werde, durch alle Räume

und alle Zeiten, Amen!

 

x.

 

5. Von der Ueberlegung.

(Eine Paradoxe.)

(7. December.)

 

Man rühmt den Nutzen der Ueberlegung in alle Himmel; besonders der

kaltblütigen und langwierigen vor der That. Wenn ich ein Spanier, ein Italiener

oder ein Franzose wäre: so mögte es damit sein Bewenden haben. Da ich aber

ein Deutscher bin, so denke ich meinem Sohn einst, besonders wenn er sich zum

Soldaten bestimmen sollte, folgende Rede zu halten.

„Die Ueberlegung, wisse, findet ihren Zeitpunkt weit schicklicher nach, als

vor der That. Wenn sie vorher, oder in dem Augenblick der Entscheidung selbst,

ins Spiel tritt: so scheint sie nur die zum Handeln nöthige Kraft, die aus dem

herrlichen Gefühl quillt, zu verwirren, zu hemmen und zu unterdrücken; dagegen

sich nachher, wenn die Handlung abgethan ist, der Gebrauch von ihr machen

läßt, zu welchem sie dem Menschen eigentlich gegeben ist, nämlich sich dessen,

was in dem Verfahren fehlerhaft und gebrechlich war, bewußt zu werden, und

das Gefühl für andere künftige Fälle zu reguliren. Das Leben selbst ist ein

Kampf mit dem Schicksal; und es verhält sich auch mit dem Handeln wie mit dem Ringen. Der Athlet kann, in dem Augenblick, da er seinen Gegner umfaßt