Heinrich von Kleist's politische Schriften und andere Nachträge zu seinen Werken

3. Das Grab der Väter. (5. Dezember.)

Kraft des Wahnsinns, mit ihrem, aus den Kreisen gewichenen blitzenden

Augenstern, gerad’ in sein Antlitz hineinstarrt, während ihr reiches, nun so

gräßliches, schwarzes Haar, wie ein Mantel von Rabenfittigen, über ihr hinweht,

und die dennoch nicht so entstellt ist, daß er nicht auf den ersten Blick die einst

so geliebte Gestalt, die von ihm selber zur Furie umgezauberte Gestalt, hätte

erkennen sollen. — Da wirrte auch um ihn der Wahnsinn seine grause Schlingen,

oder vielmehr der Blödsinn, denn der plötzliche Geistesschlag zerrüttete ihn

dergestalt, daß er besinnungslos in den Abgrund hinunter taumeln wollte. Aber

die arme Manon lud ihn, plötzlich still geworden, auf ihren Rücken, und trug ihn

sorgsam nach der Gegend des Schlosses zurück. Man kann sich das Entsetzen

der Bedienten denken, als sie ihrem Herren auf diese Weise und in der Gewalt

der furchtbaren Kranken begegneten. Aber bald erstaunten sie noch mehr, die

Rollen hier vollkommen gewechselt zu finden. Manon war die verständige,

sittige Retterin und Pflegerin des blödsinnigen Marquis geworden, und ließ

fürderhin nicht Tag nicht Nacht auch nur auf eine Stunde von ihm. Bald gaben

die herbeigerufnen Aerzte jede Hoffnung zu seiner Heilung auf, nicht aber

Manon. Diese pflegte mit unerhörter Geduld und mit einer Fähigkeit, welche

man für Inspiration zu halten versucht war, den armen verwilderten Funken in

ihres Geliebten Haupt, und lange Jahre nachher, schon als sich beider Locken

bleichten, genoß sie des unaussprechlichen Glückes, den ihr über Alles theuren

Geist wieder zu seiner ehemaligen Blüthe und Kraft herauferzogen zu haben. Da

gab der Marquis seiner Helferin am Altare die Hand, und in dieser Entfernung

der Hauptstadt wußten alle Theilhaber des Festes von keinen andern Gefühlen,

als denen der tiefsten Ehrfurcht und der andächtigsten Freude.

 

M. F.

 

3. Das Grab der Väter.

(5. Dezember.)

 

Einem jungen Bauersmann in Norwegen soll einmal folgende Geschichte

begegnet sein. Er liebte ein schönes Mädchen, die einzige Tochter eines reichen

Nachbarn, und ward von ihr geliebt, aber die Armuth des Werbers machte alle

Hoffnung auf nähere Verbindung zu nichte. Denn der Brautvater wollte seine

Tochter nur einem solchen geben, der schuldenfreien Hof und Heerde

aufzuweisen habe, und weil der arme junge Mensch weit davon entfernt war,

half es ihm zu nichts, daß er von einem der uralten Heldenväter des Landes abstammte, ob zwar Niemand einen Zweifel an dieser rühmlichen uralten

Geschlechtstafel hegte. Seiner Ahnen Erster und Größter sollte auch in einem

Hügel begraben sein, den alle Landleute unfern der Küste zu zeigen wußten. Auf

diesen Hügel pflegte sich denn der betrübte Jüngling oftmals in seinem Leide zu

sezzen, und dem begrabnen Altvordern vorzuklagen, wie schlecht es ihm gehe,

ohne daß der Bewohner des Hügels auf diesen kleinen Jammer Rücksicht zu

nehmen schien. Meist hatten auch die zwei Liebenden ihre verstohlenen

Zusammenkünfte dort, und so geschah es, daß einstmals der Vater des Mädchens

den einzig gangbaren steilen Pfad zum Hügel von ohngefähr herauf gegangen

kam, indeß die beiden oben saßen. Eine tödtliche Angst befiel die Jungfrau, ihr

Liebhaber faßte sie in seine starken Arme, und versuchte, von der andern Seite

das Gestein herabzuklimmen. Da standen sie aber plötzlich, auf glattem Rasen

am schroffen Hange, fest, sie hörten schon die Tritte des Vaters über sich, der sie

auf diese Weise unfehlbar erblicken mußte, schon fühlten sich beide von Angst

und Schwindel versucht, die jähe Tiefe und den Standkreis hinab zu stürzen, —

da gewahrten sie nahe bei sich einer kleinen Oeffnung, und schlüpften hinein,

und schlüpften immer tiefer in die Dunkelheit, immer noch voll Angst vor dem

Bemerktwerden, bis endlich das Mädchen erschrocken aufschrie: „mein Gott wir

sind ja in einem Grabe!“ — Da sahe auch der junge Normann erst um sich, und

bemerkte, daß sie in einer länglichen Kammer von gemauerten Steinen standen,

wo sich inmitten etwas erhub, wie ein großer Sarg. Jemehr aber die Finsterniß

vor den sich gewöhnenden Augen abnahm, je deutlicher konnte man auch sehn,

daß die Masse in der Mitte kein Sarg war, sondern ein uralter Nachen, wie man

sie mit Seehelden an den nordischen Küsten vor Zeiten einzugraben pflegte. Auf

dem Nachen saß, dicht am Steuer, in aufrechter Stellung, eine hohe Gestalt, die

sie erst für ein geschnitztes Bild ansahen. Als aber der junge Mensch, dreist

geworden, hinaufstieg, nahm er wahr, daß es eine Rüstung von riesenmäßiger

Größe sei. Der Helm war geschlossen, in den rechten Panzerhandschuh war ein

gewaltiges bloßes Schwert mit dem goldenen Griffe hineingeklemmt. Die Braut

rief wohl ihrem Liebhaber ängstlich zu, herab zu kommen, aber in einer seltsam

wachsenden Zuversicht riß er das Schwert aus der beerzten Hand. Da rasselten

die mürben Knochen, auf denen die Waffen sich noch erhielten, zusammen, der

Harnisch schlug auf den Boden des Nachens lang hin, der entsetzte Jüngling den

Bord hinunter zu den Füßen seiner Braut. Beide flüchteten, uneingedenk jeder

andern Gefahr, aus der Höle, den Hügel mit Anstrengung aller Kräfte wieder

hinauf, und oben wurden sie erst gewahr, daß ein ungeheurer Regenguß wüthete,

welcher den Vater von da vertrieben hatte, und zugleich mit solcher Gewalt,

Steine und Sand nach der schaurigen Oeffnung hinabzuwälzen begann, daß

solche vor ihren Augen verschüttet ward, und man auch nachher nie wieder hat da hineinfinden können. Der junge Mensch aber hatte das Schwerdt seines