Heinrich von Kleist's politische Schriften und andere Nachträge zu seinen Werken

7. Die sieben kleinen Kinder. (8. November.)

Die Oper Cendrillon, welche sich Mad. Bethmann zum Benefiz gewählt hat,

und Herr Herclots bereits, zu diesem Zweck, übersetzt, soll, wie man sagt, der

zum Grunde liegenden französischen Musik wegen, welche ein dreisilbiges Wort

erfordert, Ascherlich, Ascherling oder Ascherlein u. s. w. nicht Aschenbrödel

genannt werden. Brödel, von Brod oder, altdeutsch Brühe (brode im

Französischen) heißt eine mit Fett und Schmutz bedeckte Frau; eine Bedeutung,

in der sich das Wort, durch eben das, in Rede stehende, Mährchen, in welchem

es, mit dem Muthwillen freundlicher Ironie, einem zarten und lieben Kinde von

überaus schimmernder Reinheit an Leib und Seele, gegeben wird, allgemein

beim Volk erhalten hat. Warum, ehe man diesem Mährchen dergestalt, durch

Unterschiebung eines, an sich gut gewählten, aber gleichwohl willkührlichen

und bedeutungslosen Namens, an das Leben greift, zieht man nicht lieber, der

Musik zu Gefallen, das „del“ in „d’l“ zusammen, oder elidirt das d ganz und

gar? Ein österreichischer Dichter würde ohne Zweifel keinen Anstand nehmen,

zu sagen: Aschenbröd’l oder Aschenbröl.

Ascherlich oder Aschenbröd’l selbst wird Mademois. Maas; Mad. Bethmann,

wie es heißt, die Rolle einer der eifersüchtigen Schwestern übernehmen. Mlle.

Maas ist ohne Zweifel durch mehr, als die bloße Jugend, zu dieser Rolle berufen;

von Mad. Bethmann aber sollte es uns leid thun, wenn sie glauben sollte, daß sie,

ihres Alters wegen, davon ausgeschlossen wäre. Diese Resignation käme (wir

meinen, wenn nicht den größesten, doch den verständigsten Theil des

Publicums, auf unserer Seite zu haben) noch um viele Jahre zu früh. Es ist, mit

dem Spiel dieser Künstlerin, wie mit dem Gesang manchen alten Musikmeisters

am Fortepiano. Er hat eine, von manchen Seiten mangelhafte, Stimme und kann

sich, was den Vortrag betrift, mit keinem jungen, rüstigen Sänger messen.

Gleichwohl, durch den Verstand und die ungemein zarte Empfindung, mit

welcher er zu Werke geht, führt er, alle Verletzungen vermeidend, die

Einbildung, in einzelnen Momenten, auf so richtige Wege, daß jeder sich mit

Leichtigkeit das Fehlende ergänzt, und ein in der That höheres Vergnügen

genießt, als ihm eine bessere Stimme, aber von einem geringern Genius regiert,

gewährt haben würde. — Mad. Bethmanns größester Ruhm, meinen wir, nimmt

allererst, wenn sie sich anders auf ihre Kräfte versteht, in einigen Jahren (in dem

Alter, wo Andere ihn verlieren) seinen Anfang.

 

y.

 

7. Die sieben kleinen Kinder.

(8. November.)