Heinrich von Kleist's politische Schriften und andere Nachträge zu seinen Werken

2. Brief eines Mahlers an seinen Sohn. (22. October.)

cb.

 

2. Brief eines Mahlers an seinen Sohn.

(22. October.)

 

Mein lieber Sohn,

Du schreibst mir, daß du eine Madonna mahlst, und daß dein Gefühl dir, für

die Vollendung dieses Werks, so unrein und körperlich dünkt, daß du jedesmal,

bevor du zum Pinsel greifst, das Abendmal nehmen mögtest, um es zu heiligen.

Laß dir von deinem alten Vater sagen, daß dies eine falsche, dir von der Schule,

aus der du herstammst, anklebende Begeisterung ist, und daß es, nach Anleitung

unserer würdigen alten Meister, mit einer gemeinen, aber übrigens

rechtschaffenen Lust an dem Spiel, deine Einbildungen auf die Leinwand zu

bringen, völlig abgemacht ist. Die Welt ist eine wunderliche Einrichtung; und die

göttlichsten Wirkungen, mein lieber Sohn, gehen aus den niedrigsten und

unscheinbarsten Ursachen hervor. Der Mensch, um dir ein Beispiel zu geben, das

in die Augen springt, gewiß, er ist ein erhabenes Geschöpf; und gleichwohl, in

dem Augenblick, da man ihn macht, ist es nicht nöthig, daß man dieß, mit vieler

Heiligkeit, bedenke. Ja, derjenige, der das Abendmahl darauf nähme, und mit

dem bloßen Vorsatz ans Werk gienge, seinen Begriff davon in der Sinnenwelt zu

construiren, würde ohnfehlbar ein ärmliches und gebrechliches Wesen

hervorbringen; dagegen derjenige, der, in einer heitern Sommernacht, ein

Mädchen, ohne weiteren Gedanken, küßt, zweifelsohne einen Jungen zur Welt

bringt, der nachher, auf rüstige Weise, zwischen Erde und Himmel herumklettert,

und den Philosophen zu schaffen giebt. Und hiermit Gott befohlen.

 

y.

 

3. Brief eines jungen Dichters an einen jungen Mahler.

(6. November.)

 

Uns Dichtern ist es unbegreiflich, wie ihr euch entschließen könnt, ihr lieben

Mahler, deren Kunst etwas so Unendliches ist, Jahre lang zuzubringen mit dem

Geschäft, die Werke eurer großen Meister zu copiren. Die Lehrer, bei denen ihr

in die Schule geht, sagt ihr, leiden nicht, daß ihr eure Einbildungen, ehe die Zeit

gekommen ist, auf die Leinewand bringt; wären wir aber, wir Dichter, in eurem

Fall gewesen, so meine ich, wir würden unsern Rücken lieber unendlichen

Schlägen ausgesetzt haben, als diesem grausamen Verbot ein Genüge zu thun. Die Einbildungskraft würde sich, auf ganz unüberwindliche Weise, in unseren

Brüsten geregt haben, und wir, unseren unmenschlichen Lehrern zum Trotz,

gleich, sobald wir nur gewußt hätten, daß man mit dem Büschel, und nicht mit

dem Stock am Pinsel mahlen müsse, heimlich zur Nachtzeit die Thüren

verschlossen haben, um uns in der Erfindung, diesem Spiel der Seeligen, zu

versuchen. Da, wo sich die Phantasie in euren jungen Gemüthern vorfindet,

scheint uns, müsse sie, unerbittlich und unrettbar, durch die endlose

Unterthänigkeit, zu welcher ihr euch beim Copiren in Gallerieen und Sälen

verdammt, zu Grund und Boden gehen. Wir wissen, in unsrer Ansicht schlecht

und recht von der Sache nicht, was es mehr bedarf, als das Bild, das euch rührt,

und dessen Vortrefflichkeit ihr euch anzueignen wünscht, mit Innigkeit und

Liebe, durch Stunden, Tage, Wochen, Monden, oder meinethalben Jahre,

anzuschauen. Wenigstens dünkt uns, läßt sich ein doppelter Gebrauch von einem

Bilde machen; einmal der, den ihr davon macht, nämlich die Züge desselben

nachzuschreiben, um euch die Fertigkeit der mahlerischen Schrift einzulernen;

und dann in seinem Geist, gleich vom Anfang herein, nachzuerfinden. Und auch

diese Fertigkeit müßte, sobald als nur irgend möglich, gegen die Kunst selbst,

deren wesentlichstes Stück die Erfindung nach eigenthümlichen Gesetzen ist, an

den Nagel gehängt werden. Denn die Aufgabe, Himmel und Erde! ist ja nicht,

ein Anderer, sondern ihr selbst zu sein, und euch selbst, euer Eigenstes und

Innerstes, durch Umriß und Farben, zur Anschauung zu bringen! Wie mögt ihr

euch nur in dem Maaße verachten, daß ihr willigen könnt, ganz und gar auf

Erden nicht vorhanden gewesen zu sein; da eben das Dasein so herrlicher

Geister, als die sind, welche ihr bewundert, weit entfernt, euch zu vernichten,

vielmehr allererst die rechte Lust in euch erwecken und mit der Kraft, heiter und

tapfer, ausrüsten soll, auf eure eigne Weise gleichfalls zu sein? Aber ihr Leute,

ihr bildet euch ein, ihr müßtet durch euren Meister, den Raphael oder Corregge,

oder wen ihr euch sonst zum Vorbild gesetzt habt, hindurch; da ihr euch doch

ganz und gar umkehren, mit dem Rücken gegen ihn stellen, und, in diametral-

entgegengesetzter Richtung, den Gipfel der Kunst, den ihr im Auge habt,

auffinden und ersteigen könntet. — So! sagt ihr und seht mich an: was der Herr

uns da Neues sagt! und lächelt und zuckt die Achseln. Demnach, ihr Herren,

Gott befohlen! Denn da Copernicus schon vor dreihundert Jahren gesagt hat, daß

die Erde rund sei, so sehe ich nicht ein, was es helfen könnte, wenn ich es hier

wiederholte. Lebet wohl!

 

y.