Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft
Der philosophischen Religionslehre erstes Stück. Von der Einwohnung des bösen Princips neben dem guten: oder über das radicale Böse in der menschlichen Natur.
Der philosophischen Religionslehre
erstes Stück.
Von der
Einwohnung des bösen Princips neben dem guten:
oder
über das radicale Böse in der menschlichen Natur.
Daß die Welt im Argen liege: ist eine Klage, die so alt ist, als die Geschichte,
selbst als die noch ältere Dichtkunst, ja gleich alt mit der ältesten unter allen
Dichtungen, der Priesterreligion. Alle lassen gleichwohl die Welt vom Guten
anfangen: vom goldenen Zeitalter, vom Leben im Paradiese, oder von einem
noch glücklichern, in Gemeinschaft mit himmlischen Wesen. Aber dieses Glück
lassen sie bald wie einen Traum verschwinden; und nun den Verfall ins Böse
(das Moralische, mit welchem das Physische immer zu gleichen Paaren gieng)
zum Aergern mit accelerirtem Falle eilen:[18] so daß wir jetzt (dieses Jetzt aber
ist so alt, als die Geschichte) in der letzten Zeit leben, der jüngste Tag und der
Welt Untergang vor der Thür ist, und in einigen Gegenden von Hindostan der
Weltrichter und Zerstörer Ruttren (sonst auch Siba oder Siwen genannt) schon
als der jetzt machthabende Gott verehrt wird, nachdem der Welterhalter
Wischnu, seines Amts, das er vom Weltschöpfer Brama übernahm, müde, es
schon seit Jahrhunderten niedergelegt hat.
Neuer, aber weit weniger ausgebreitet, ist die entgegengesetzte heroische
Meinung, die wol allein unter Philosophen, und in unsern Zeiten vornehmlich
unter Pädagogen, Platz gefunden hat: daß die Welt gerade in umgekehrter
Richtung, nämlich vom Schlechten zum Bessern, unaufhörlich (obgleich kaum
merklich) fortrücke, wenigstens die Anlage dazu in der menschlichen Natur
anzutreffen sei. Diese Meinung aber haben sie sicherlich nicht aus der Erfahrung
geschöpft, wenn vom Moralisch-Guten oder Bösen (nicht von der Civilisirung)
die Rede ist: denn da spricht die Geschichte aller Zeiten gar zu mächtig gegen
sie; sondern es ist vermuthlich bloß eine gutmüthige Voraussetzung der
Moralisten von Seneca bis zu Rousseau, um zum unverdrossenen Anbau des
vielleicht in uns liegenden Keimes zum Guten anzutreiben, wenn man nur auf
eine natürliche Grundlage dazu im Menschen rechnen könne. Hiezu kömmt
noch: daß, da man doch den Menschen von Natur (d. i. wie er gewöhnlich
geboren wird) als, dem Körper nach, gesund annehmen muß, keine Ursache sei, ihn nicht auch der Seele nach eben so wohl von Natur für gesund und gut
anzunehmen. Diese sittliche Anlage zum Guten in uns auszubilden, sei uns also
die Natur selbst beförderlich. Sanabilibus aegrotamus malis, nosque in rectum
genitos natura, si sanari velimus, adjuvat: sagt Seneca.
Weil es aber doch wohl geschehen sein könnte, daß man sich in beider
angeblichen Erfahrung geirret hätte; so ist die Frage: ob nicht ein Mittleres
wenigstens möglich sei, nämlich: daß der Mensch in seiner Gattung weder gut
noch böse; oder allenfalls auch eines sowohl als das andere, zum Theil gut, zum
Theil böse sein könne? — Man nennt aber einen Menschen böse, nicht darum,
weil er Handlungen ausübt, welche böse (gesetzwidrig) sind; sondern weil diese
so beschaffen sind, daß sie auf böse Maximen in ihm schließen lassen. Nun kann
man zwar gesetzwidrige Handlungen durch Erfahrung bemerken, auch
(wenigstens an sich selbst,) daß sie mit Bewußtsein gesetzwidrig sind; aber die
Maximen kann man nicht beobachten, sogar nicht allemal in sich selbst, mithin
das Urtheil, daß der Thäter ein böser Mensch sei, nicht mit Sicherheit auf
Erfahrung gründen. Also müßte sich aus einigen, ja aus einer einzigen mit
Bewußtsein bösen Handlung, a priori auf eine böse zum Grunde liegende
Maxime, und aus dieser auf einen in dem Subject allgemein liegenden Grund
aller besondern moralisch-bösen Maximen, der selbst wiederum Maxime ist,
schließen lassen, um einen Menschen böse zu nennen.
Damit man sich aber nicht sofort am Ausdrucke Natur stoße, welcher, wenn er
(wie gewöhnlich) das Gegentheil des Grundes der Handlungen aus Freiheit
bedeuten sollte, mit den Prädicaten moralisch-gut oder böse, in geradem
Widerspruch stehen würde; so ist zu merken: daß hier unter der Natur des
Menschen nur der subjective Grund des Gebrauchs seiner Freiheit überhaupt
(unter objectiven moralischen Gesetzen), der vor aller in die Sinne fallenden
That vorhergeht, verstanden werde; dieser Grund mag nun liegen, worin er
wolle. Dieser subjective Grund muß aber immer wiederum selbst ein Actus der
Freiheit sein (denn sonst könnte der Gebrauch, oder Mißbrauch der Willkühr des
Menschen in Ansehung des sittlichen Gesetzes, ihm nicht zugerechnet werden,
und das Gute oder Böse in ihm nicht moralisch heißen). Mithin kann in keinem
die Willkühr durch Neigung bestimmenden Objecte, in keinem Naturtriebe,
sondern nur in einer Regel, die die Willkühr sich selbst für den Gebrauch ihrer
Freiheit macht, d. i. in einer Maxime, der Grund des Bösen liegen. Von dieser
muß nun nicht weiter gefragt werden können, was der subjective Grund ihrer
Annehmung, und nicht vielmehr der entgegengesetzten Maxime, im Menschen
sei. Denn wenn dieser Grund zuletzt selbst keine Maxime mehr, sondern ein
bloßer Naturtrieb wäre; so würde der Gebrauch der Freiheit ganz auf
Bestimmung durch Naturursachen zurückgeführt werden können: welches ihr aber widerspricht. Wenn wir also sagen: der Mensch ist von Natur gut, oder, er