Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft
I. Von der ursprünglichen Anlage zum Guten in der menschlichen Natur.
I. Von der ursprünglichen Anlage zum Guten in der menschlichen
Natur.
Wir können sie, in Beziehung auf ihren Zweck, füglich auf drei Classen, als
Elemente der Bestimmung des Menschen, bringen:
1. Die Anlage für die Thierheit des Menschen, als eines lebenden;
2. Für die Menschheit desselben, als eines lebenden und zugleich vernünftigen;
3. Für seine Persönlichkeit, als eines vernünftigen, und zugleich der Zurechnung
fähigen Wesens.[24]
1. Die Anlage für die Thierheit im Menschen, kann man unter den
allgemeinen Titel der physischen und bloß mechanischen Selbstliebe, d. i. einer
solchen, bringen, wozu nicht Vernunft erfordert wird. Sie ist dreifach: erstlich,
zur Erhaltung seiner selbst; zweitens, zur Fortpflanzung seiner Art, durch den
Trieb zum Geschlecht, und zur Erhaltung dessen, was durch Vermischung mit
demselben erzeugt wird; drittens, zur Gemeinschaft mit andern Menschen, d. i.
der Trieb zur Gesellschaft. — Auf sie können allerlei Laster gepfropft werden,
(die aber nicht aus jener Anlage, als Wurzel, von selbst entsprießen). Sie können
Laster der Rohigkeit der Natur heißen; und werden in ihrer höchsten
Abweichung vom Naturzwecke, viehische Laster: der Völlerei, der Wollust, und
der wilden Gesetzlosigkeit (im Verhältnisse zu andern Menschen) genannt.
2. Die Anlagen für die Menschheit können auf den allgemeinen Titel der zwar
physischen, aber doch vergleichenden Selbstliebe (wozu Vernunft erfordert wird)
gebracht werden; sich nämlich nur in Vergleichung mit Andern als glücklich
oder unglücklich zu beurtheilen. Von ihr rührt die Neigung her, sich in der
Meinung Anderer einen Werth zu verschaffen; und zwar ursprünglich bloß den
der Gleichheit: keinem über sich Ueberlegenheit zu verstatten, mit einer
beständigen Besorgniß verbunden, daß Andere darnach streben möchten; woraus
nachgerade eine ungerechte Begierde entspringt, sie sich über Andere zu
erwerben. — Hierauf, nämlich auf Eifersucht und Nebenbuhlerei, können die
größten Laster, geheimer und offenbarer Feindseligkeiten gegen Alle, die wir als
für uns fremde ansehen, gepfropft werden: die eigentlich doch nicht aus der
Natur als ihrer Wurzel, von selbst entsprießen; sondern, bei der besorgten
Bewerbung Anderer zu einer uns verhaßten Ueberlegenheit über uns, Neigungen
sind, sich der Sicherheit halber diese über Andere als Vorbauungsmittel selbst zu
verschaffen: da die Natur doch die Idee eines solchen Wetteifers (der an sich die Wechselliebe nicht ausschließt) nur als Triebfeder zur Cultur brauchen wollte.
Die Laster, die auf diese Neigung gepfropft werden, können daher auch Laster
der Cultur heißen; und werden im höchsten Grade ihrer Bösartigkeit (da sie
alsdann bloß die Idee eines Maximum des Bösen sind, welches die Menschheit
übersteigt) z. B. im Neide, in der Undankbarkeit, der Schadenfreude, u. s. w.
teuflische Laster genannt.
3. Die Anlage für die Persönlichkeit ist die Empfänglichkeit der Achtung für
das moralische Gesetz, als einer für sich hinreichenden Triebfeder der Willkühr.
Die Empfänglichkeit der bloßen Achtung für das moralische Gesetz in uns wäre
das moralische Gefühl, welches für sich noch nicht einen Zweck der Naturanlage
ausmacht, sondern nur sofern es Triebfeder der Willkühr ist. Da dieses nun
lediglich dadurch möglich wird, daß die freie Willkühr es in seine Maxime
aufnimmt; so ist Beschaffenheit einer solchen Willkühr der gute Charakter;
welcher, wie überhaupt jeder Charakter der freien Willkühr, etwas ist, das nur
erworben werden kann, zu dessen Möglichkeit aber dennoch eine Anlage in
unserer Natur vorhanden sein muß, worauf schlechterdings nichts Böses
gepfropft werden kann. Die Idee des moralischen Gesetzes allein, mit der davon
unzertrennlichen Achtung, kann man nicht füglich eine Anlage für die
Persönlichkeit nennen; sie ist die Persönlichkeit selbst (die Idee der Menschheit
ganz intellectuell betrachtet). Aber, daß wir diese Achtung zur Triebfeder in
unsere Maximen aufnehmen, der subjective Grund hierzu scheint ein Zusatz zur
Persönlichkeit zu sein, und daher den Namen einer Anlage zum Behuf derselben
zu verdienen.
Wenn wir die genannten drei Anlagen nach den Bedingungen ihrer
Möglichkeit betrachten, so finden wir, daß die erste keine Vernunft, die zweite
zwar praktische, aber nur andern Triebfedern dienstbare, die dritte aber allein für
sich selbst praktische, d. i. unbedingt gesetzgebende Vernunft zur Wurzel habe:
Alle diese Anlagen im Menschen sind nicht allein (negativ) gut, (sie
widerstreiten nicht dem moralischen Gesetze), sondern sind auch Anlagen zum
Guten (sie befördern die Befolgung desselben). Sie sind ursprünglich; denn sie
gehören zur Möglichkeit der menschlichen Natur. Der Mensch kann die zwei
ersteren zwar zweckwidrig brauchen, aber keine derselben vertilgen. Unter
Anlagen eines Wesens verstehen wir sowol die Bestandstücke, die dazu
erforderlich sind, als auch die Formen ihrer Verbindung, um ein solches Wesen
zu sein. Sie sind ursprünglich, wenn sie zu der Möglichkeit eines solchen
Wesens nothwendig gehören; zufällig aber, wenn das Wesen auch ohne dieselben
an sich möglich wäre. Noch ist zu merken, daß hier von keinen andern Anlagen
die Rede ist, als denen, die sich unmittelbar auf das Begehrungsvermögen und
den Gebrauch der Willkühr beziehen.