Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft

Zweite Abtheilung. Historische Vorstellung der allmählichen Gründung der Herrschaft des guten Princips auf Erden.

Man kann aber mit Grunde sagen: „daß das Reich Gottes zu uns gekommen

sei,“ wenn auch nur das Princip des allmähligen Ueberganges des

Kirchenglaubens zur allgemeinen Vernunftreligion, und so zu einem (göttlichen)

ethischen Staat auf Erden, allgemein, und irgendwo auch öffentlich Wurzel

gefaßt hat: obgleich die wirkliche Errichtung desselben noch in unendlicher

Weite von uns entfernt liegt. Denn, weil dieses Princip den Grund einer

continuirlichen Annäherung zu dieser Vollkommenheit enthält, so liegt in ihm

als in einem sich entwickelnden, und in der Folge wiederum besamendem Keime

das Ganze (unsichtbarer Weise), welches dereinst die Welt erleuchten und

beherrschen soll. Das Wahre und Gute aber, wozu in der Naturanlage jedes

Menschen der Grund, sowohl der Einsicht als des Herzensantheils liegt,

ermangelt nicht, wenn es einmal öffentlich geworden, vermöge der natürlichen

Affinität, darin[95] es mit der moralischen Anlage vernünftiger Wesen

überhaupt steht, sich durchgängig mitzutheilen. Die Hemmung durch politische

bürgerliche Ursachen, die seiner Ausbreitung von Zeit zu Zeit zustoßen mögen,

dienen eher dazu, die Vereinigung der Gemüther zum Guten (was, nachdem sie

es einmal ins Auge gefaßt haben, ihre Gedanken nie verläßt), noch desto

inniglicher zu machen.[96]

 

Das ist also die, menschlichen Augen unbemerkte, aber beständig fortgehende

Bearbeitung des guten Princips, sich im menschlichen Geschlecht, als einem

gemeinen Wesen nach Tugendgesetzen, eine Macht und ein Reich zu errichten,

welches den Sieg über das Böse behauptet, und unter seiner Herrschaft der Welt

einen ewigen Frieden zusichert.

 

Zweite Abtheilung.

Historische Vorstellung der allmählichen Gründung der

Herrschaft des guten Princips auf Erden.

 

Von der Religion auf Erden (in der engsten Bedeutung des Worts) kann man

keine Universalhistorie des menschlichen Geschlechts verlangen; denn die ist,

als auf dem reinen moralischen Glauben gegründet, kein öffentlicher Zustand,

sondern Jeder kann sich der Fortschritte, die er in demselben gemacht hat, nur

für sich selbst bewußt sein. Der Kirchenglaube ist es daher allein, von dem man

eine allgemeine historische Darstellung erwarten kann; indem man ihn nach

seiner verschiedenen und veränderlichen Form mit dem alleinigen, unveränderlichen, reinen Religionsglauben vergleicht. Von da an, wo der erstere

seine Abhängigkeit von den einschränkenden Bedingungen des letztern, und der

Nothwendigkeit der Zusammenstimmung mit ihm öffentlich anerkennt, fängt die

allgemeine Kirche an, sich zu einem ethischen Staat Gottes zu bilden, und nach

einem feststehenden Princip, welches für alle Menschen und Zeiten ein und

dasselbe ist, zur Vollendung desselben fortzuschreiten. — Man kann

voraussehen, daß diese Geschichte nichts, als die Erzählung von dem

beständigen Kampf zwischen dem gottesdienstlichen und dem moralischen

Religionsglauben sein werde, deren ersteren, als Geschichtsglauben, der Mensch

beständig geneigt ist oben anzusetzen, anstatt daß der letztere seinen Anspruch

auf den Vorzug, der ihm als allein seelenbessernden Glauben zukommt, nie

aufgegeben hat, und ihn endlich gewiß behaupten wird.

Diese Geschichte kann aber nur Einheit haben, wenn sie bloß auf denjenigen

Theil des menschlichen Geschlechts eingeschränkt wird, bei welchem jetzt die

Anlage zur Einheit der allgemeinen Kirche schon ihrer Entwickelung nahe

gebracht ist, indem durch sie wenigstens die Frage, wegen des Unterschieds des

Vernunft- und Geschichtsglaubens schon öffentlich aufgestellt, und ihre

Entscheidung zur größten moralischen Angelegenheit gemacht ist; denn die

Geschichte verschiedener Völker, deren Glaube in keiner Verbindung

untereinander steht, gewährt sonst keine Einheit der Kirche. Zu dieser Einheit

aber kann nicht gerechnet werden: daß in einem und demselben Volk ein

gewisser neuer Glaube einmal entsprungen ist, der sich von dem vorher

herrschenden namhaft unterschied; wenn gleich dieser die veranlassenden

Ursachen zu des neuen Erzeugung bei sich führte. Denn es muß Einheit des

Princips sein, wenn man die Folge verschiedener Glaubensarten nach einander

zu den Modificationen einer und derselben Kirche rechnen soll, und die

Geschichte der letztern ist es eigentlich, womit wir uns jetzt beschäftigen.

Wir können also in dieser Absicht nur die Geschichte derjenigen Kirche, die

von ihrem ersten Anfange an den Keim und die Principien zur objectiven Einheit

des wahren und allgemeinen Religionsglaubens bei sich führte, dem sie

allmählig näher gebracht wird, abhandeln. — Da zeigt sich nun zuerst: daß der

jüdische Glaube mit diesem Kirchenglauben, dessen Geschichte wir betrachten

wollen, in ganz und gar keiner wesentlichen Verbindung, d. i. in keiner Einheit

nach Begriffen steht, ob zwar jener unmittelbar vorhergegangen, und zur

Gründung dieser, (der christlichen) Kirche die physische Veranlassung gab.

Der jüdische Glaube ist, seiner ursprünglichen Einrichtung nach, ein Inbegriff

bloß statutarischer Gesetze, auf welchem eine Staatsverfassung gegründet war;

denn welche moralische Zusätze entweder damals schon, oder auch in der Folge

ihm angehängt worden sind, die sind schlechterdings nicht zum Judenthum, als einem solchen, gehörig. Das letztere ist eigentlich gar keine Religion, sondern

bloß Vereinigung einer Menge Menschen, die, da sie zu einem besondern Stamm

gehörten, sich zu einem gemeinen Wesen unter bloß politischen Gesetzen,

mithin nicht zu einer Kirche formten; vielmehr sollte es ein bloß weltlicher Staat

sein, so daß, wenn dieser etwa durch widrige Zufälle zerrissen worden, ihm noch

immer der (wesentlich zu ihm gehörige) politische Glaube übrig bleibt, ihn (bei

Ankunft des Messias) wohl einmal wiederherzustellen. Daß diese

Staatsverfassung Theokratie zur Grundlage hat, (sichtbarlich eine Aristokratie

der Priester, oder Anführer, die sich unmittelbar von Gott ertheilter Instructionen

rühmten), mithin der Name von Gott, der doch hier bloß als weltlicher Regent,

der über und an das Gewissen gar keinen Anspruch thut, verehrt wird, macht sie

nicht zu einer Religionsverfassung. Der Beweis, daß sie das letztere nicht hat

sein sollen, ist klar. Erstlich sind alle Gebote von der Art, daß auch eine

politische Verfassung darauf halten, und sie als Zwangsgesetze auferlegen kann,

weil sie bloß äußere Handlungen betreffen, und ob zwar die zehn Gebote auch,

ohne daß sie öffentlich gegeben sein möchten, schon als ethische vor der

Vernunft gelten, so sind sie in jener Gesetzgebung gar nicht mit der Forderung

an die moralische Gesinnung in Befolgung derselben (worin nachher das

Christenthum das Hauptwerk setzte), gegeben, sondern schlechterdings nur auf

die äußere Beobachtung gerichtet worden; welches auch daraus erhellt, daß:

zweitens alle Folgen aus der Erfüllung oder Uebertretung dieser Gebote, alle

Belohnung oder Bestrafung nur auf solche eingeschränkt werden, welche in

dieser Welt Jedermann zugetheilt werden können, und selbst diese auch nicht

einmal nach ethischen Begriffen; indem beide auch die Nachkommenschaft, die

an jenen Thaten oder Unthaten keinen praktischen Antheil genommen, treffen

sollten, welches in einer politischen Verfassung allerdings wohl ein

Klugheitsmittel sein kann, sich Folgsamkeit zu verschaffen, in einer ethischen

aber aller Billigkeit zuwider sein würde. Da nun ohne Glauben an ein künftiges

Leben gar keine Religion gedacht werden kann, so enthält das Judenthum als ein

solches in seiner Reinigkeit genommen, gar keinen Religionsglauben. Dieses

wird durch folgende Bemerkung noch mehr bestärkt. Es ist nämlich kaum zu

zweifeln: daß nicht die Juden eben sowohl, wie andre, selbst die rohesten

Völker, nicht auch einen Glauben an ein künftiges Leben, mithin ihren Himmel

und ihre Hölle sollten gehabt haben; denn dieser Glaube dringt sich, kraft der

allgemeinen moralischen Anlage in der menschlichen Natur, Jedermann von

selbst auf. Es ist also gewiß absichtlich geschehen, daß der Gesetzgeber dieses

Volks, ob er gleich als Gott selbst vorgestellt wird, doch nicht die mindeste

Rücksicht auf das künftige Leben habe nehmen wollen, welches anzeigt: daß er

nur ein politisches, nicht ein ethisches gemeines Wesen habe gründen wollen; in dem erstern aber von Belohnungen und Strafen zu reden, die hier im Leben nicht

sichtbar werden können, wäre unter jener Voraussetzung ein ganz

inconsequentes und unschickliches Verfahren gewesen. Ob nun gleich auch nicht

zu zweifeln ist, daß die Juden sich nicht in der Folge, ein jeder für sich selbst,

einen gewissen Religionsglauben werden gemacht haben, der den Artikeln ihres

statutarischen beigemengt war, so hat jener doch nie ein zur Gesetzgebung des

Judenthums gehöriges Stück ausgemacht. Drittens ist es so weit gefehlt, daß das

Judenthum eine zum Zustande der allgemeinen Kirche gehörige Epoche, oder

diese allgemeine Kirche wohl gar selbst zu seiner Zeit ausgemacht habe, daß es

vielmehr das ganze menschliche Geschlecht von seiner Gemeinschaft ausschloß,

als ein besonders vom Jehovah für sich auserwähltes Volk, welches alle anderen

Völker anfeindete, und dafür von jedem angefeindet wurde. Hierbei ist es auch

nicht so hoch anzuschlagen, daß dieses Volk sich einen einigen durch kein

sichtbares Bild vorzustellenden Gott zum allgemeinen Weltherrscher setzte.

Denn man findet bei den meisten andern Völkern, daß ihre Glaubenslehre darauf

gleichfalls hinausgieng, und sich nur durch die Verehrung gewisser jenem

untergeordneten mächtigen Untergötter des Polytheismus verdächtig machte.

Denn ein Gott, der bloß die Befolgung solcher Gebote will, dazu gar keine

gebesserte moralische Gesinnung erfordert wird, ist doch eigentlich nicht

dasjenige moralische Wesen, dessen Begriff wir zu einer Religion nöthig haben.

Diese würde noch eher bei einem Glauben an viele solche mächtige unsichtbare

Wesen stattfinden, wenn ein Volk sich diese etwa so dächte, daß sie, bei der

Verschiedenheit ihrer Departements, doch alle darin übereinkämen, daß sie ihres

Wohlgefallens nur den würdigten, der mit ganzem Herzen der Tugend anhienge,

als wenn der Glaube nur einem einzigen Wesen gewidmet ist, das aber aus einem

mechanischen Cultus das Hauptwerk machte.[97]

Wir können also die allgemeine Kirchengeschichte, sofern sie ein System

ausmachen soll, nicht anders, als vom Ursprunge des Christenthums anfangen,

das, als eine völlige Verlassung des Judenthums, worin es entsprang, auf einem

ganz neuen Princip gegründet, eine gänzliche Revolution in Glaubenslehren

bewirkte. Die Mühe, welche sich die Lehrer des erstern geben, oder gleich zu

Anfange gegeben haben mögen, aus beiden einen zusammenhängenden

Leitfaden zu knüpfen, indem sie den neuen Glauben nur für eine Fortsetzung des

alten, der alle Ereignisse desselben in Vorbildern enthalten habe, gehalten wissen

wollen, zeigen gar zu deutlich, daß es ihnen hiebei nur um die schicklichsten

Mittel zu thun sei, oder war, eine reine moralische Religion statt eines alten

Cultus, woran das Volk gar zu stark gewöhnt war, zu introduciren, ohne doch

wider seine Vorurtheile gerade zu verstoßen. Schon die nachfolgende

Abschaffung des körperlichen Abzeichens, welches jenes Volk von andern gänzlich abzusondern diente, läßt urtheilen, daß der neue, nicht an die Statuten

des alten, ja an keine Statuten überhaupt gebundene Glaube eine für die Welt,

nicht für ein einziges Volk, gültige Religion habe enthalten sollen.

Aus dem Judenthum also, aber aus dem nicht mehr altväterlichen und

unvermengten, bloß auf eigene politische Verfassung, (die auch schon sehr

zerrüttet war), gestellten, sondern aus dem schon durch allmählig darin

öffentlich gewordene moralische Lehren mit einem Religionsglauben

vermischten Judenthum, in einem Zustande, wo diesem sonst unwissenden Volke

schon viel fremde (griechische) Weisheit zugekommen war, welche vermuthlich

auch dazu beitrug, es durch Tugendbegriffe aufzuklären, und bei der drückenden

Last ihres Satzungsglaubens zu Revolutionen zuzubereiten, bei Gelegenheit der

Verminderung der Macht der Priester, durch ihre Unterwerfung unter die

Oberherrschaft eines Volks, das allen fremden Volksglauben mit Gleichgültigkeit

ansah, aus einem solchen Judenthum erhob sich nun plötzlich, ob zwar nicht

unvorbereitet, das Christenthum. Der Lehrer des Evangeliums kündigte sich als

einen vom Himmel gesandten, indem er zugleich als einer solchen Sendung

würdig, den Frohnglauben (an gottesdienstliche Tage, Bekenntnisse und

Gebräuche) für an sich nichtig, den moralischen dagegen, der allein die

Menschen heiligt, „wie ihr Vater im Himmel heilig ist,“ und durch den guten

Lebenswandel seine Aechtheit beweist, für den alleinseligmachenden erklärte,

nachdem er aber durch Lehre und Leiden bis zum unverschuldeten und zugleich

verdienstlichen Tode[98] an seiner Person ein dem Urbilde der allein Gott

wohlgefälligen Menschheit gemäßes Beispiel gegeben hatte, als zum Himmel,

aus dem er gekommen war, wieder zurückkehrend vorgestellt wird, indem er

seinen letzten Willen (gleich als in einem Testamente) mündlich zurückließ, und

was die Kraft der Erinnerung an sein Verdienst, Lehre und Beispiel betrifft, doch

sagen konnte, „er (das Ideal der Gott wohlgefälligen Menschheit) bleibe nichts

desto weniger bei seinen Lehrjüngern bis an der Welt Ende.“ — Dieser Lehre,

die, wenn es etwa um einen Geschichtsglauben wegen der Abkunft und des

vielleicht überirdischen Ranges seiner Person zu thun wäre, wohl der

Bestätigung durch Wunder bedurfte, die aber als bloß zum moralischen

seelenbessernden Glauben gehörig, aller solcher Beweisthümer ihrer Wahrheit

entbehren kann, werden in einem heiligen Buche noch Wunder und Geheimnisse

beigesellt, deren Bekanntmachung selbst wiederum ein Wunder ist, und das

einen Geschichtsglauben erfordert, der nicht anders, als durch Gelehrsamkeit,

sowohl beurkundet, als auch der Bedeutung und dem Sinne nach gesichert

werden kann.

Aller Glaube aber, der sich als Geschichtsglaube auf Bücher gründet, hat zu

seiner Gewährleistung ein gelehrtes Publikum nöthig, in welchem er durch Schriftsteller als Zeitgenossen, die in keinem Verdacht einer besondern

Verabredung mit den ersten Verbreitern desselben stehen, und deren

Zusammenhang mit unserer jetzigen Schriftstellerei sich ununterbrochen

erhalten hat, gleichsam controllirt werden könne. Der reine Vernunftglaube

dagegen bedarf einer solchen Beurkundung nicht, sondern beweist sich selbst.

Nun war zu den Zeiten jener Revolution in dem Volke, welches die Juden

beherrschte, und in dieser ihrem Sitze selbst verbreitet war, (im römischen

Volke) schon ein gelehrtes Publikum, von welchem uns auch die Geschichte der

damaligen Zeit, was die Ereignisse in der politischen Verfassung betrifft, durch

die ununterbrochne Reihe von Schriftstellern überliefert worden; auch war

dieses Volk, wenn es sich gleich um den Religionsglauben ihrer nicht römischen

Unterthanen wenig bekümmerte, doch in Ansehung der unter ihnen öffentlich

geschehen sein sollenden Wunder keinesweges ungläubig; allein sie erwähnten

als Zeitgenossen nichts weder von diesen noch von der, gleichwohl öffentlich

vorgegangenen Revolution, die sie in dem ihnen unterworfenen Volke (in

Absicht auf die Religion) hervorbrachten. Nur spät, nach mehr als einem

Menschenalter, stellten sie Nachforschung wegen der Beschaffenheit dieser

ihnen bis dahin unbekannt gebliebenen Glaubensveränderung (die nicht ohne

öffentliche Bewegung vorgegangen war), keine aber wegen der Geschichte ihres

ersten Anfangs an, um sie in ihren eigenen Annalen aufzusuchen. Von diesem

an, bis auf die Zeit, da das Christenthum für sich selbst ein gelehrtes Publikum

ausmachte, ist daher die Geschichte desselben dunkel, und also bleibt uns

unbekannt, welche Wirkung die Lehre desselben auf die Moralität seiner

Religionsgenossen that, ob die ersten Christen wirklich moralisch gebesserte

Menschen, oder aber Leute von gewöhnlichem Schlage gewesen. Seitdem aber

das Christenthum selbst ein gelehrtes Publikum wurde, oder doch in das

allgemeine eintrat, gereicht die Geschichte desselben, was die wohlthätige

Wirkung betrifft, die man von einer moralischen Religion mit Recht erwarten

kann, ihm keinesweges zur Empfehlung. — Wie mystische Schwärmereien im

Eremiten- und Mönchsleben und Hochpreisung der Heiligkeit des ehelosen

Standes eine große Menschenzahl für die Welt unnütz machten; wie damit

zusammenhängende vorgebliche Wunder das Volk unter einem blinden

Aberglauben mit schweren Fesseln drückte; wie mit einer sich freien Menschen

aufdringenden Hierarchie sich die schreckliche Stimme der Rechtgläubigkeit aus

dem Munde anmaßender alleiniger berufener Schriftausleger erhob, und die

christliche Welt wegen Glaubensmeinungen (in die, wenn man nicht die reine

Vernunft zum Ausleger aufruft, schlechterdings keine allgemeine Einstimmung

zu bringen ist), in erbitterte Parteien trennte; wie im Orient, wo der Staat sich auf

eine lächerliche Art selbst mit Glaubensstatuten der Priester und dem Pfaffenthum befaßte, anstatt sie in den engen Schranken eines bloßen

Lehrstandes (aus dem sie jederzeit in einen regierenden überzugehen geneigt

sind), zu halten, wie, sage ich, dieser Staat endlich auswärtigen Feinden, die

zuletzt seinem herrschenden Glauben ein Ende machten, unvermeidlicher Weise

zur Beute werden mußte; wie im Occident, wo der Glaube seinen eigenen, von

der weltlichen Macht unabhängigen Thron errichtet hat, von einem angemaßten

Statthalter Gottes die bürgerliche Ordnung sammt den Wissenschaften, (welche

jene erhalten), zerrüttet und kraftlos gemacht wurden; wie beide christliche

Welttheile, gleich den Gewächsen und Thieren, die durch eine Krankheit ihrer

Auflösung nahe, zerstörende Insekten herbeilocken, diese zu vollenden, von

Barbaren befallen wurden; wie in dem letztern jenes geistliche Oberhaupt

Könige, wie Kinder, durch die Zauberruthe seines angedrohten Bannes

beherrschte, und züchtigte, sie zu einen andern Welttheil entvölkernden

auswärtigen Kriegen (den Kreuzzügen) zur Befehdung untereinander, zur

Empörung der Unterthanen gegen ihre Obrigkeit, und zum blutdürstigen Haß

gegen ihre anders denkenden Mitgenossen eines und desselben allgemeinen so

genannten Christenthums aufreizte; wie zu diesem Unfrieden, der auch jetzt nur

noch durch das politische Interesse von gewaltthätigen Ausbrüchen abgehalten

wird, die Wurzel in dem Grundsatze eines despotisch gebietenden

Kirchenglaubens verborgen liegt, und jenen Auftritten ähnliche noch immer

besorgen läßt: — diese Geschichte des Christenthums, (welche, sofern es auf

einem Geschichtsglauben errichtet werden sollte, auch nicht anders ausfallen

konnte) wenn man sie als ein Gemälde unter einem Blick faßt, könnte wohl den

Ausruf rechtfertigen: tantum religio potuit suadere malorum! wenn nicht aus der

Stiftung desselben immer noch deutlich genug hervorleuchtete, daß seine wahre

erste Absicht keine andre, als die gewesen sei, einen reinen Religionsglauben,

über welchen es keine streitenden Meinungen geben kann, einzuführen, alles

jenes Gewühl aber, wodurch das menschliche Geschlecht zerrüttet ward, und

noch entzweiet wird, bloß davon herrührt, daß durch einen schlimmen Hang der

menschlichen Natur, was beim Anfange zur Introduction des letztern dienen

sollte, nämlich die an den alten Geschichtsglauben gewöhnte Nation durch ihre

eigenen Vorurtheile für die neue zu gewinnen, in der Folge zum Fundament einer

allgemeinen Weltreligion gemacht worden.

Fragt man nun: welche Zeit der ganzen bisher bekannten Kirchengeschichte

die beste sei, so trage ich kein Bedenken, zu sagen: es ist die jetzige, und zwar

so, daß man den Keim des wahren Religionsglaubens, so wie er jetzt in der

Christenheit zwar nur von einigen, aber doch öffentlich gelegt worden, nur

ungehindert sich mehr und mehr darf entwickeln lassen, um davon eine

continuirliche Annäherung zu derjenigen, alle Menschen auf immer vereinigenden Kirche zu erwarten, die die sichtbare Vorstellung (das Schema)

eines unsichtbaren Reichs Gottes auf Erden ausmacht. — Die in Dingen, welche

ihrer Natur nach moralisch und seelenbessernd sein sollen, sich von der Last

eines der Willkühr der Ausleger beständig ausgesetzten Glaubens loswindende

Vernunft hat in allen Ländern unsers Welttheils unter wahren Religionsverehrern

allgemein, (wenn gleich nicht allenthalben öffentlich), erstlich den Grundsatz

der billigen Bescheidenheit in Aussprüchen über Alles, was Offenbarung heißt,

angenommen: daß, da Niemand einer Schrift, die ihrem praktischen Inhalte nach

lauter Göttliches enthält, nicht die Möglichkeit abstreiten kann, sie könne

(nämlich in Ansehung dessen, was darin historisch ist), auch wohl wirklich als

göttliche Offenbarung angesehen werden, imgleichen die Verbindung der

Menschen zu einer Religion nicht füglich ohne ein heiliges Buch und auf

dasselbe gegründeten Kirchenglauben zu Stande gebracht, und beharrlich

gemacht werden kann; da auch, wie der gegenwärtige Zustand menschlicher

Einsicht beschaffen ist, wohl schwerlich Jemand eine neue Offenbarung durch

neue Wunder eingeführt, erwarten wird, es das Vernünftigste und Billigste sei,

das[99] Buch, was einmal da ist, fernerhin zur Grundlage des Kirchenunterrichts

zu brauchen, und seinen Werth nicht durch unnütze oder muthwillige Angriffe zu

schwächen, dabei aber auch keinem Menschen den Glauben daran als zur

Seligkeit erforderlich aufzudringen. Der zweite Grundsatz ist: daß, da die heilige

Geschichte, die bloß zum Behuf des Kirchenglaubens angelegt ist, für sich allein

auf die Annehmung moralischer Maximen schlechterdings keinen Einfluß haben

kann und soll, sondern diesem nur zur lebendigen Darstellung ihres wahren

Objects (der zur Heiligkeit hinstrebenden Tugend) gegeben ist, sie jederzeit als

auf das moralische abzweckend gelehrt und erklärt werden, hierbei aber auch

sorgfältig, und (weil vornehmlich der gemeine Mensch einen beständigen Hang

in sich hat, zum passiven[100] Glauben überzuschreiten), wiederholentlich

eingeschärft werden müsse, daß die wahre Religion nicht im Wissen oder

Bekennen dessen, was Gott zu unserer Seligwerdung thue oder gethan habe,

sondern in dem, was wir thun müssen, um dessen würdig zu werden, zu setzen

sei, welches niemals etwas Anders sein kann, als was für sich selbst einen

unbezweifelten unbedingten Werth hat, mithin uns allein Gott wohlgefällig

machen, und von dessen Nothwendigkeit zugleich jeder Mensch ohne alle

Schriftgelehrsamkeit völlig gewiß werden kann. — Diese Grundsätze nun nicht

zu hindern, damit sie öffentlich werden, ist Regentenpflicht; dagegen sehr viel

dabei gewagt und auf eigene Verantwortung unternommen wird, hiebei in den

Gang der göttlichen Vorsehung einzugreifen, und gewissen historischen

Kirchenlehren zu gefallen, die doch höchstens nur eine durch Gelehrte

auszumachende Wahrscheinlichkeit für sich haben, die Gewissenhaftigkeit der Unterthanen durch Anbietung oder Versagung gewisser bürgerlichen, sonst

Jedem offen stehenden Vortheile in Versuchung zu bringen,[101] welches den

Abbruch, der hierdurch einer in diesem Falle heiligen Freiheit geschieht,

ungerechnet, dem Staate schwerlich gute Bürger verschaffen kann. Wer von

denen, die sich zur Verhinderung einer solchen freien Entwickelung göttlicher

Anlagen zum Weltbesten anbieten, oder sie gar vorschlagen, würde, wenn er mit

Zuratheziehung des Gewissens darüber nachdenkt, sich wohl für alle das Böse

verbürgen wollen, was aus solchen gewaltthätigen Eingriffen entspringen kann;

wodurch der von der Weltregierung beabsichtigte Fortgang im Guten vielleicht

auf lange Zeit gehemmt, ja wohl in einen Rückgang gebracht werden dürfte;

wenn er gleich durch keine menschliche Macht und Anstalt jemals gänzlich

aufgehoben werden kann.

Das Himmelreich wird zuletzt auch, was die Leitung der Vorsehung betrifft, in

dieser Geschichte nicht allein als in einer zwar zu gewissen Zeiten verweilten,

aber nie ganz unterbrochenen Annäherung, sondern auch in seinem Eintritte

vorgestellt. Man kann es nun als eine bloß zur größern Belebung der Hoffnung

und des Muths und Nachstrebung zu demselben abgezweckte symbolische

Vorstellung auslegen; wenn dieser Geschichtserzählung noch eine Weissagung

(gleich als in sybillinischen Büchern) von der Vollendung dieser großen

Weltveränderung in dem Gemälde eines sichtbaren Reichs Gottes auf Erden

(unter der Regierung seines wieder herabgekommenen Stellvertreters und

Statthalters) und der Glückseligkeit, die unter ihm nach Absonderung und

Ausstoßung der Rebellen, die ihren Widerstand noch einmal versuchen, hier auf

Erden genossen werden soll, sammt der gänzlichen Vertilgung derselben und

ihres Anführers (in der Apocalypse) beigefügt wird, und so das Ende der Welt

den Beschluß der Geschichte macht. Der Lehrer des Evangeliums hatte seinen

Jüngern das Reich Gottes auf Erden, nur von der herrlichen, seelenerhebenden,

moralischen Seite, nämlich der Würdigkeit, Bürger eines göttlichen Staats zu

sein, gezeigt, und sie dahin angewiesen, was sie zu thun hätten, nicht allein, um

selbst dazu zu gelangen, sondern sich mit andern Gleichgesinnten, und wo

möglich, mit dem ganzen menschlichen Geschlecht dahin zu vereinigen. Was

aber die Glückseligkeit betrifft, die den andren Theil der unvermeidlichen

menschlichen Wünsche ausmacht, so sagte er ihnen voraus: daß sie auf diese

sich in ihrem Erdenleben keine Rechnung machen möchten. Er bereitete sie

vielmehr vor, auf die größten Trübsale und Aufopferungen gefaßt zu sein; doch

setzte er (weil eine gänzliche Verzichtthuung auf das Physische der

Glückseligkeit dem Menschen, so lange er existirt, nicht zugemuthet werden

kann,) hinzu: „seid fröhlich und getrost, es wird euch im Himmel wohl vergolten

werden.“ Der angeführte Zusatz zur Geschichte der Kirche, der das künftige und letzte Schicksal derselben betrifft, stellt diese nun endlich als triumphirend, d. i.