Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft
Der philosophischen Religionslehre zweites Stück. Von dem Kampf des guten Princips mit dem bösen, um die Herrschaft über den Menschen.
Der philosophischen Religionslehre
zweites Stück.
Von dem
Kampf des guten Princips mit dem bösen,
um die
Herrschaft über den Menschen.
Daß, um ein moralisch guter Mensch zu werden, es nicht genug sei, den Keim
des Guten, der in unserer Gattung liegt, sich bloß ungehindert entwickeln zu
lassen, sondern auch eine in uns befindliche entgegenwirkende Ursache des
Bösen zu bekämpfen sei, das haben unter allen alten Moralisten, vornehmlich
die Stoiker durch ihr Losungswort Tugend, welches (sowohl im Griechischen als
Lateinischen) Muth und Tapferkeit bezeichnet, und also einen Feind voraussetzt,
zu erkennen gegeben. In diesem Betracht ist der Name Tugend ein herrlicher
Name, und es kann ihm nicht schaden, daß er oft prahlerisch gemißbraucht, und,
(so wie neuerlich das Wort Aufklärung) bespöttelt worden. — Denn den Muth
auffordern, ist schon zur Hälfte so viel, als ihn einflößen; dagegen die faule sich
selbst gänzlich mißtrauende und auf äußere Hilfe harrende kleinmüthige
Denkungsart (in Moral und Religion) alle Kräfte des Menschen abspannt, und
ihn dieser Hilfe selbst unwürdig macht.
Aber jene wackern Männer verkannten doch ihren Feind, der nicht in den
natürlichen bloß undisciplinirten, sich aber unverhohlen Jedermanns Bewußtsein
offen darstellenden Neigungen zu suchen, sondern ein gleichsam unsichtbarer,
sich hinter Vernunft verbergender Feind, und darum desto gefährlicher ist. Sie
boten die Weisheit gegen die Thorheit auf, die sich von Neigungen bloß
unvorsichtig täuschen läßt, anstatt sie wider die Bosheit (des menschlichen
Herzens) aufzurufen, die mit seelverderbenden Grundsätzen die Gesinnung
insgeheim untergräbt.[42]
Natürliche Neigungen sind an sich selbst betrachtet, gut, d. i. unverwerflich,
und es ist nicht allein vergeblich, sondern es wäre auch schädlich und tadelhaft,
sie ausrotten zu wollen; man muß sie vielmehr nur bezähmen, damit sie sich
untereinander nicht selbst aufreiben, sondern zur Zusammenstimmung in einem
Ganzen, Glückseligkeit genannt, gebracht werden können. Die Vernunft aber, die
dieses ausrichtet, heißt Klugheit. Nur das Moralisch-Gesetzwidrige ist an sich
selbst böse, schlechterdings verwerflich, und muß ausgerottet werden; die Vernunft aber, die das lehret, noch mehr aber, wenn sie es auch ins Werk richtet,