Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft

Zweiter Theil. Vom Afterdienst Gottes in einer statutarischen Religion.

dadurch dem Glauben noch bevorstehen; welches nicht zu vermeiden ist, so

lange wir die Religion nicht in uns, sondern außer uns suchen.

 

Zweiter Theil.

Vom Afterdienst Gottes in einer statutarischen Religion.

 

Die wahre alleinige Religion enthält nichts als Gesetze, d. i. solche praktische

Principien, deren unbedingter Nothwendigkeit wir uns bewußt werden können,

die wir also, als durch reine Vernunft (nicht empirisch) offenbart, anerkennen.

Nur zum Behuf einer Kirche, deren es verschiedene gleich gute Formen geben

kann, kann es Statuten, d. i. für göttlich gehaltene Verordnungen geben, die für

unsere reine moralische Beurtheilung willkührlich und zufällig sind. Diesen

statutarischen Glauben nun, der allenfalls auf ein Volk eingeschränkt ist, und

nicht die allgemeine Weltreligion enthalten kann), für wesentlich zum Dienste

Gottes überhaupt zu halten, und ihn zur obersten Bedingung des göttlichen

Wohlgefallens am Menschen zu machen, ist ein Religionswahn,[132] dessen

Befolgung ein Afterdienst, d. i. eine solche vermeintliche Verehrung Gottes ist,

wodurch dem wahren, von ihm selbst geforderten Dienste gerade entgegen

gehandelt wird.

 

§ 1. Vom allgemeinen subjectiven Grunde des Religionswahnes.

 

Der Anthropomorphismus, der in der theoretischen Vorstellung von Gott und

seinem Wesen, den Menschen kaum zu vermeiden, übrigens aber doch (wenn er

nur nicht auf Pflichtbegriffe einfließt), auch unschuldig genug ist, der ist in

Ansehung unseres praktischen Verhältnisses zu seinem Willen und für unsere

Moralität selbst höchst gefährlich; denn da machen wir uns einen Gott,[133] wie

wir ihn am leichtesten zu unserem Vortheil gewinnen zu können, und der

beschwerlichen ununterbrochenen Bemühung, auf das Innerste unsrer

moralischen Gesinnung zu wirken, überhoben zu werden glauben. Der

Grundsatz den der Mensch sich für dieses Verhältniß gewöhnlich macht, ist: daß

durch Alles, was wir lediglich darum thun, um der Gottheit wohl zu gefallen,

(wenn es nur nicht eben der Moralität geradezu widerstreitet, ob es gleich dazu

auch nicht das Mindeste beiträgt), wir Gott unsere Dienstwilligkeit als

gehorsame und eben darum wohlgefällige Unterthanen beweisen, also auch Gott

(in potentia) dienen. — Es dürfen nicht immer Aufopferungen sein, dadurch der Mensch diesen Dienst Gottes zu verrichten glaubt: auch Feierlichkeiten, selbst