Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft
Anmerkung.
ist von Natur böse: so bedeutet dieses nur so viel, als: er enthält einen (uns
unerforschlichen) ersten Grund[19] der Annehmung guter, oder der Annehmung
böser (gesetzwidriger) Maximen; und zwar allgemein als Mensch, mithin so, daß
er durch dieselbe zugleich den Charakter seiner Gattung ausdrückt.
Wir werden also von einem dieser Charaktere (der Unterscheidung des
Menschen von andern möglichen vernünftigen Wesen) sagen: er ist ihm
angeboren; und doch dabei uns immer bescheiden, daß nicht die Natur die
Schuld derselben (wenn er böse ist), oder das Verdienst (wenn er gut ist) trage,
sondern daß der Mensch selbst Urheber desselben sei. Weil aber der erste Grund
der Annehmung unsrer Maximen, der selbst immer wiederum in der freien
Willkühr liegen muß, kein Factum sein kann, das in der Erfahrung gegeben
werden könnte; so heißt das Gute oder Böse im Menschen (als der subjective
erste Grund der Annehmung dieser oder jener Maxime, in Ansehung des
moralischen Gesetzes) bloß in dem Sinne angeboren, als es vor allem in der
Erfahrung gegebenen Gebrauche der Freiheit (in der frühesten Jugend bis zur
Geburt zurück) zum Grunde gelegt wird, und so als mit der Geburt zugleich im
Menschen vorhanden, vorgestellt wird: nicht daß die Geburt eben die Ursache
davon sei.
Anmerkung.
Dem Streite beider oben aufgestellten Hypothesen liegt ein disjunctiver Satz
zum Grunde: der Mensch ist (von Natur) entweder sittlich gut, oder sittlich böse.
Es fällt aber Jedermann leicht bei, zu fragen: ob es auch mit dieser Disjunction
seine Richtigkeit habe; und ob nicht Jemand behaupten könne, der Mensch sei
von Natur keines von beiden; ein Andrer aber: er sei beides zugleich, nämlich in
einigen Stücken gut, in andern böse. Die Erfahrung scheint sogar dieses Mittlere
zwischen beiden Extremen zu bestätigen.
Es liegt aber der Sittenlehre überhaupt viel daran, keine moralischen
Mitteldinge, weder in Handlungen (adiaphora) noch in menschlichen
Charakteren, so lange es möglich ist, einzuräumen: weil bei einer solchen
Doppelsinnigkeit alle Maximen Gefahr laufen, ihre Bestimmtheit und Festigkeit
einzubüßen. Man nennt gemeiniglich die, welche dieser strengen Denkungsart
zugethan sind (mit einem Namen, der einen Tadel in sich fassen soll, in der That
aber Lob ist): Rigoristen; und so kann man ihre Antipoden, Latitudinarier
nennen. Diese sind also entweder Latitudinarier der Neutralität, und mögen
Indifferentisten; oder der Coalition, und können Synkretisten genannt werden.
[20]
Die Beantwortung der gedachten Frage nach der rigoristischen
Entscheidungsart[21] gründet sich auf der für die Moral wichtigen Bemerkung:
die Freiheit der Willkühr ist von der ganz eigenthümlichen Beschaffenheit, daß
sie durch keine Triebfeder zu einer Handlung bestimmt werden kann, als nur
sofern der Mensch sie in seine Maxime aufgenommen hat (es sich zur
allgemeinen Regel gemacht hat, nach der er sich verhalten will); so allein kann
eine Triebfeder, welche sie auch sei, mit der absoluten Spontaneität der Willkühr
(der Freiheit) zusammen bestehen. Allein das moralische Gesetz ist für sich
selbst im Urtheile der Vernunft, Triebfeder; und wer es zu seiner Maxime macht,
ist moralisch gut. Wenn nun das Gesetz Jemandes Willkühr, in Ansehung einer
auf dasselbe sich beziehenden Handlung, doch nicht bestimmt; so muß eine ihm
entgegengesetzte Triebfeder auf die Willkühr desselben Einfluß haben; und, da
dieses vermöge der Voraussetzung nur dadurch geschehen kann, daß der Mensch
diese (mithin auch die Abweichung vom moralischen Gesetze) in seine Maxime
aufnimmt (in welchem Falle er ein böser Mensch ist); so ist seine Gesinnung in
Ansehung des moralischen Gesetzes niemals indifferent (niemals keines von
beiden, weder gut, noch böse).
Er kann aber auch nicht in einigen Stücken sittlich gut, in andern zugleich
böse sein. Denn ist er in einem gut, so hat er das moralische Gesetz in seine
Maxime aufgenommen; sollte er also in einem andern Stücke zugleich böse sein,
so würde, weil das moralische Gesetz der Befolgung der Pflicht überhaupt nur
ein einziges und allgemein ist, die auf dasselbe bezogene Maxime allgemein,
zugleich aber nur eine besondere Maxime sein: welches sich widerspricht.[22]
Die eine oder die andere Gesinnung als angeborne Beschaffenheit von Natur
haben, bedeutet hier auch nicht, daß sie von dem Menschen, der sie hegt, gar
nicht erworben, d. i. er nicht Urheber sei; sondern, daß sie nur nicht in der Zeit
erworben sei (daß er eines oder das andere von Jugend auf sei immerdar). Die
Gesinnung, d. i. der erste subjective Grund der Annehmung der Maximen, kann
nur eine einzige sein, und geht allgemein auf den ganzen Gebrauch der Freiheit.
Sie selbst aber muß auch durch freie Willkühr angenommen worden sein, denn
sonst könnte sie nicht zugerechnet werden. Von dieser Annehmung kann nun
nicht wieder der subjective Grund, oder die Ursache, erkannt werden (obwol
darnach zu fragen unvermeidlich ist; weil sonst wiederum eine Maxime
angeführt werden müßte, in welche diese Gesinnung aufgenommen worden, die
eben so wiederum ihren Grund haben muß). Weil wir also diese Gesinnung, oder
vielmehr ihren obersten Grund nicht von irgend einem ersten Zeit-Actus der
Willkühr ableiten können, so nennen wir sie eine Beschaffenheit der Willkühr,
die ihr (ob sie gleich in der That in der Freiheit gegründet ist) von Natur zukömmt. Daß wir aber unter dem Menschen, von dem wir sagen, er sei von
Natur gut oder böse, nicht jeden einzelnen[23] verstehen (da alsdann einer als
von Natur gut, der andere als böse angenommen werden könnte), sondern die
ganze Gattung zu verstehen befugt sind: kann nur weiterhin bewiesen werden,
wenn es sich in der anthropologischen Nachforschung zeigt, daß die Gründe, die
uns berechtigen, einem Menschen einen von beiden Charaktern als angeboren
beizulegen, so beschaffen sind, daß kein Grund ist, einen Menschen davon
auszunehmen, und er also von der Gattung gelte.