Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft

b) Objective Realität dieser Idee.

auszuüben, zugleich auch durch Lehre und Beispiel das Gute in größtmöglichem

Umfange um sich auszubreiten, sondern auch, obgleich durch die größten

Anlockungen versucht, dennoch alle Leiden bis zum schmählichsten Tode um

des Weltbesten willen, und selbst für seine Feinde, zu übernehmen, bereitwillig

wäre. — Denn der Mensch kann sich keinen Begriff von dem Grade und der

Stärke einer Kraft, dergleichen die einer moralischen Gesinnung ist, machen, als

wenn er sie, mit Hindernissen ringend, und unter den größtmöglichen

Anfechtungen, dennoch überwindend sich vorstellt.

Im praktischen Glauben an diesen Sohn Gottes (sofern er vorgestellt wird, als

habe er die menschliche Natur angenommen,) kann nun der Mensch hoffen, Gott

wohlgefällig (dadurch auch selig) zu werden; d. i. der, welcher sich einer solchen

moralischen Gesinnung bewußt ist, daß er glauben und auf sich gegründetes

Vertrauen setzen kann, er würde unter ähnlichen Versuchungen und Leiden (so

wie sie zum Probierstein jener Idee gemacht werden,) dem Urbilde der

Menschheit unwandelbar anhängig, und seinem Beispiele in treuer Nachfolge

ähnlich bleiben, ein solcher Mensch, und auch nur der allein, ist befugt, sich für

denjenigen zu halten, der ein des göttlichen Wohlgefallens nicht unwürdiger

Gegenstand ist.

 

b) Objective Realität dieser Idee.

 

Diese Idee hat ihre Realität in praktischer Beziehung vollständig in sich selbst.

Denn sie liegt in unsrer moralisch gesetzgebenden Vernunft. Wir sollen ihr

gemäß sein, und wir müssen es daher auch können. Müßte man die Möglichkeit,

ein diesem Urbilde gemäßer Mensch zu sein, vorher beweisen, wie es bei

Naturbegriffen unumgänglich nothwendig ist, (damit wir nicht Gefahr laufen,

durch leere Begriffe hingehalten zu werden), so würden wir eben sowohl auch

Bedenken tragen müssen, selbst dem moralischen Gesetze das Ansehen

einzuräumen, unbedingter und doch hinreichender Bestimmungsgrund unsrer

Willkühr zu sein; denn wie es möglich sei, daß die bloße Idee einer

Gesetzmäßigkeit überhaupt eine mächtigere Triebfeder für dieselbe sein könne,

als alle nur erdenkliche, die von Vortheilen hergenommen werden, das kann

weder durch Vernunft eingesehen, noch durch Beispiele der Erfahrung belegt

werden, weil, was das erste betrifft, das Gesetz unbedingt gebietet, und das

zweite anlangend, wenn es auch nie einen Menschen gegeben hätte, der diesem

Gesetze unbedingten Gehorsam geleistet hätte, die objective Nothwendigkeit,

ein solcher zu sein, doch unvermindert und für sich selbst einleuchtet. Es bedarf also keines Beispiels der Erfahrung, um die Idee eines Gott moralisch

wohlgefälligen Menschen für uns zum Vorbilde zu machen; sie liegt als ein

solches schon in unserer Vernunft. — Wer aber, um einen Menschen für ein

solches mit jener Idee übereinstimmendes Beispiel zur Nachfolge anzuerkennen,

noch etwas mehr, als was er sieht, d. i. mehr als einen gänzlich untadelhaften, ja

so viel, als man nur verlangen kann, verdienstvollen Lebenswandel, wer etwa

außerdem noch Wunder, die durch ihn oder für ihn geschehen,[47] zur

Beglaubigung fordert: der bekennt zugleich hierdurch seinen moralischen

Unglauben, nämlich den Mangel des Glaubens an die Tugend; den kein auf

Beweise durch Wunder, gegründeter Glaube (der nur historisch ist), ersetzen

kann; weil nur der Glaube an die praktische Gültigkeit jener Idee, die in unserer

Vernunft liegt, (welche auch allein allenfalls die Wunder als solche, die vom

guten Princip herkommen möchten, bewähren, aber nicht von diesen ihre

Bewährung entlehnen kann) moralischen Werth hat.

Eben darum muß auch eine Erfahrung möglich sein, in der das Beispiel von

einem solchen Menschen gegeben werde, (so weit als man von einer äußeren

Erfahrung überhaupt Beweisthümer der inneren sittlichen Gesinnung erwarten

und verlangen kann); denn, dem Gesetz nach, sollte billig ein jeder Mensch ein

Beispiel zu dieser Idee an sich abgeben; wozu das Urbild immer nur in der

Vernunft bleibt; weil ihr kein Beispiel in der äußern Erfahrung adäquat ist, als

welche das Innere der Gesinnung nicht aufdeckt, sondern darauf, ob zwar nicht

mit strenger Gewißheit, nur schließen läßt; (ja selbst die innere Erfahrung des

Menschen an ihm selbst läßt ihn die Tiefen seines Herzens nicht so

durchschauen, daß er von dem Grunde seiner Maximen, zu denen er sich

bekennt, und von ihrer Lauterkeit und Festigkeit durch Selbstbeobachtung ganz

sichere Kenntniß erlangen könnte).

Wäre nun ein solcher wahrhaftig göttlich gesinnter Mensch zu einer gewissen

Zeit gleichsam vom Himmel auf die Erde herabgekommen, der durch Lehre,

Lebenswandel und Leiden das Beispiel eines Gott wohlgefälligen Menschen an

sich gegeben hätte, so weit als man von äußerer Erfahrung nur verlangen kann,

(indessen, daß das Urbild eines solchen immer doch nirgend anders, als in

unserer Vernunft zu suchen ist), hätte er durch alles dieses ein unabsehlich

großes moralisches Gute in der Welt durch eine Revolution im

Menschengeschlechte hervorgebracht; so würden wir doch nicht Ursache haben,

an ihm etwas Anders, als einen natürlich gezeugten Menschen anzunehmen,

(weil dieser sich doch auch verbunden fühlt, selbst ein solches Beispiel an sich

abzugeben,) ob zwar dadurch eben nicht schlechthin verneinet würde, daß er

nicht auch wohl ein übernatürlich erzeugter Mensch sein könne. Denn in

praktischer Absicht kann die Voraussetzung des Letztern uns doch nichts vortheilen; weil das Urbild, welches wir dieser Erscheinung unterlegen, doch

immer in uns (obwohl natürlichen Menschen) selbst gesucht werden muß,

dessen Dasein in der menschlichen Seele schon für sich selbst unbegreiflich

genug ist, daß man nicht eben nöthig hat, außer seinem übernatürlichen

Ursprunge ihn noch in einem besondern Menschen hypostasiert anzunehmen.

Vielmehr würde die Erhebung eines solchen Heiligen über alle Gebrechlichkeit

der menschlichen Natur der praktischen Anwendung der Idee desselben auf

unsere Nachfolge, nach Allem, was wir einzusehen vermögen, eher im Wege

sein. Denn, wenn gleich jenes Gott wohlgefälligen Menschen Natur in so weit,

als menschlich, gedacht würde; daß er mit eben denselben Bedürfnissen, folglich

auch denselben Leiden, mit eben denselben Naturneigungen, folglich auch eben

solchen Versuchungen zur Uebertretung, wie wir behaftet, aber doch sofern als

übermenschlich gedacht würde, daß nicht etwa errungene, sondern angeborne

unveränderliche Reinigkeit des Willens ihm schlechterdings keine Uebertretung

möglich sein ließe; so würde diese Distanz vom natürlichen Menschen dadurch

wiederum so unendlich groß werden, daß jener göttliche Mensch für diesen nicht

mehr zum Beispiel aufgestellt werden könnte. Der Letztere würde sagen: man

gebe mir einen ganz heiligen Willen, so wird alle Versuchung zum Bösen von

selbst an mir scheitern; man gebe mir die innere vollkommenste Gewißheit, daß,

nach einem kurzen Erdenleben, ich (zufolge jener Heiligkeit) der ganzen ewigen

Herrlichkeit des Himmelreichs sofort theilhaftig werden soll, so werde ich alle

Leiden, so schwer sie auch immer sein mögen, bis zum schmählichsten Tode

nicht allein willig, sondern auch mit Fröhlichkeit übernehmen, da ich den

herrlichen und nahen Ausgang mit Augen vor mir sehe. Zwar würde der

Gedanke: daß jener göttliche Mensch im wirklichen Besitze dieser Hoheit und

Seligkeit von Ewigkeit war, (und sie nicht allererst durch solche Leiden

verdienen durfte): daß er sich derselben für lauter Unwürdige, sogar für seine

Feinde willig entäußerte, um sie vom ewigen Verderben zu erretten, unser

Gemüth zur Bewunderung, Liebe und Dankbarkeit gegen ihn stimmen müssen;

imgleichen würde die Idee eines Verhaltens nach einer so vollkommenen Regel

der Sittlichkeit für uns allerdings auch als Vorschrift zur Befolgung geltend, er

selbst aber nicht als Beispiel der Nachahmung, mithin auch nicht als Beweis der

Thunlichkeit und Erreichbarkeit eines so reinen und hohen moralischen Guts für

uns, uns vorgestellt werden können.[48]

Eben derselbe göttlich gesinnte, aber ganz eigentlich menschliche Lehrer

würde doch nichts desto weniger von sich, als ob das Ideal des Guten in ihm

leibhaftig (in Lehre und Wandel) dargestellt würde, mit Wahrheit reden können.

Denn er würde alsdann nur von der Gesinnung sprechen, die er sich selbst zur

Regel seiner Handlungen macht, die er aber, da er sie als Beispiel für Andre, nicht für sich selbst sichtbar machen kann, nur durch seine Lehren und