Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft
III. Der Mensch ist von Natur böse.
Vitiis nemo sine nascitur. Horat.
Der Satz: der Mensch ist böse, kann nach dem Obigen nichts Anders sagen
wollen, als: er ist sich des moralischen Gesetzes bewußt, und hat doch die
(gelegenheitliche) Abweichung von demselben in seine Maxime aufgenommen.
Er ist von Natur böse, heißt so viel, als: dieses gilt von ihm in seiner Gattung
betrachtet; nicht als ob solche Qualität aus seinem Gattungsbegriffe (dem eines
Menschen überhaupt) könne gefolgert werden (denn alsdann wäre sie
nothwendig), sondern er kann nach dem, wie man ihn durch Erfahrung kennt,
nicht anders beurtheilt werden, oder man kann es, als subjectiv nothwendig, in
jedem, auch dem besten Menschen, voraussetzen. Da dieser Hang nun selbst als
moralisch böse, mithin nicht als Naturanlage, sondern als etwas, was dem
Menschen zugerechnet werden kann, betrachtet werden, folglich in
gesetzwidrigen Maximen der Willkühr bestehen muß; diese aber, der Freiheit
wegen, für sich als zufällig angesehen werden müssen, welches mit der
Allgemeinheit dieses Bösen sich wiederum nicht zusammen reimen will, wenn
nicht der subjective oberste Grund aller Maximen mit der Menschheit selbst, es
sei, wodurch es wolle, verwebt und darin gleichsam gewurzelt ist: so werden wir
diesen einen natürlichen Hang zum Bösen, und da er doch immer selbst
verschuldet sein muß, ihn selbst ein radikales, angebornes, (nichts desto weniger
aber uns von uns selbst zugezogenes) Böse in der menschlichen Natur nennen
können.
Daß nun ein solcher verdorbener[27] Hang im Menschen gewurzelt sein
müsse, darüber können wir uns, bei der Menge schreiender Beispiele, welche
uns die Erfahrung an den Thaten der Menschen vor Augen stellt, den förmlichen
Beweis ersparen. Will man sie aus demjenigen Zustande haben, in welchem
manche Philosophen die natürliche Gutartigkeit der menschlichen Natur
vorzüglich anzutreffen hofften, nämlich aus dem sogenannten Naturstande; so
darf man nur die Auftritte von ungereizter Grausamkeit in den Mordscenen auf
Tofoa, Neuseeland, den Navigatorsinseln, und die nie aufhörende in den weiten
Wüsten des nordwestlichen Amerika, (die Kapt. Hearne anführt), wo sogar kein
Mensch den mindesten Vortheil davon hat,[28] mit jener Hypothese vergleichen,
und man hat Laster der Rohigkeit, mehr als nöthig ist, um von dieser Meinung
abzugehen. Ist man aber für die Meinung gestimmt, daß sich die menschliche
Natur im gesitteten Zustande (worin sich ihre Anlagen vollständiger entwickeln können) besser erkennen lasse; so wird man eine lange melancholische Litanei
von Anklagen der Menschheit anhören müssen: von geheimer Falschheit, selbst
bei der innigsten Freundschaft, so daß die Mäßigung des Vertrauens in
wechselseitiger Eröffnung auch der besten Freunde zur allgemeinen Maxime der
Klugheit im Umgange gezählt wird; von einem Hange, denjenigen zu hassen,
dem man verbindlich ist, worauf ein Wohlthäter jederzeit gefaßt sein müsse; von
einem herzlichen Wohlwollen, welches doch die Bemerkung zuläßt, „es sei in
dem Unglück unsrer besten Freunde etwas, das uns nicht ganz mißfällt“; und
von vielen andern unter dem Tugendscheine noch verborgenen, geschweige
derjenigen Laster, die ihrer gar nicht hehl haben, weil uns der schon gut heißt,
der ein böser Mensch von der allgemeinen Classe ist: und er wird an den Lastern
der Cultur und Civilisirung (den kränkendsten unter allen) genug haben, um sein
Auge lieber vom Betragen der Menschen abzuwenden, damit er sich nicht selbst
ein anderes Laster, nämlich den Menschenhaß, zuziehe. Ist er aber damit noch
nicht zufrieden, so darf er nur den aus beiden auf wunderliche Weise
zusammengesetzten, nämlich den äußern Völkerzustand in Betrachtung ziehen,
da civilisirte Völkerschaften gegen einander im Verhältnisse des rohen
Naturstandes (eines Standes der beständigen Kriegsverfassung) stehen, und sich
auch fest in den Kopf gesetzt haben, nie daraus zu gehen; und er wird dem
öffentlichen Vorgeben gerade widersprechende und doch nie abzulegende
Grundsätze der großen Gesellschaften, Staaten genannt,[29] gewahr werden, die
noch kein Philosoph mit der Moral hat in Einstimmung bringen, und doch auch
(welches arg ist) keine bessern, die sich mit der menschlichen Natur vereinigen
ließen, vorschlagen können: so daß der philosophische Chiliasmus, der auf den
Zustand eines ewigen, auf einen Völkerbund als Weltrepublik gegründeten,
Friedens hofft, eben so, wie der theologische, der auf des ganzen
Menschengeschlechts vollendete moralische Besserung harret, als Schwärmerei
allgemein verlacht wird.
Der Grund dieses Bösen kann nun 1) nicht, wie man ihn gemeiniglich
anzugeben pflegt, in der Sinnlichkeit des Menschen, und den daraus
entspringenden natürlichen Neigungen gesetzt werden. Denn nicht allein, daß
diese keine gerade Beziehung aufs Böse haben (vielmehr zu dem, was die
moralische Gesinnung in ihrer Kraft beweisen kann, zur Tugend die Gelegenheit
geben); so dürfen wir ihr Dasein nicht verantworten, (wir können es auch nicht;
weil sie als anerschaffen uns nicht zu Urhebern haben), wohl aber den Hang zum
Bösen, der, indem er die Moralität des Subjects betrifft, mithin in ihm, als einem
frei handelnden Wesen angetroffen wird, als selbst verschuldet ihm muß
zugerechnet werden können: ungeachtet der tiefen Einwurzelung desselben in
die Willkühr, wegen welcher man sagen muß, er sei in dem Menschen von Natur anzutreffen. — Der Grund dieses Bösen kann auch 2) nicht in einer Verderbniß
der moralisch-gesetzgebenden Vernunft gesetzt werden: gleich als ob diese das
Ansehen des Gesetzes selbst in sich vertilgen, und die Verbindlichkeit aus
demselben abläugnen könne; denn das ist schlechterdings unmöglich. Sich als
ein frei handelndes Wesen, und doch von dem, einem solchen angemessenen,
Gesetze (dem moralischen) entbunden denken, wäre so viel, als eine ohne alle
Gesetze wirkende Ursache denken, (denn die Bestimmung nach Naturgesetzen
fällt der Freiheit halber weg): welches sich widerspricht. — Um also einen
Grund des moralisch Bösen im Menschen anzugeben, enthält die Sinnlichkeit zu
wenig; denn sie macht den Menschen, indem sie die Triebfedern, die aus der
Freiheit entspringen können, wegnimmt, zu einem bloß thierischen; eine vom
moralischen Gesetze aber freisprechende, gleichsam boshafte Vernunft, (ein
schlechthin böser Wille), enthält dagegen zu viel, weil dadurch der Widerstreit
gegen das Gesetz selbst zur Triebfeder (denn ohne alle Triebfeder kann die
Willkühr nicht bestimmt werden) erhoben, und so das Subject zu einem
teuflischen Wesen gemacht werden würde. — Keines von Beiden aber ist auf
den Menschen anwendbar.
Wenn nun aber gleich das Dasein dieses Hanges zum Bösen in der
menschlichen Natur, durch Erfahrungsbeweise des in der Zeit wirklichen
Widerstreits der menschlichen Willkühr gegen das Gesetz, dargethan werden
kann, so lehren uns diese doch nicht die eigentliche Beschaffenheit desselben,
und den Grund dieses Widerstreits; sondern diese, weil sie eine Beziehung der
freien Willkühr (also einer solchen, deren Begriff nicht empirisch ist) auf das
moralische Gesetz als Triebfeder (wovon[30] der Begriff gleichfalls rein
intellectuell ist,) betrifft, muß aus dem Begriffe des Bösen, sofern es nach
Gesetzen der Freiheit (der Verbindlichkeit und Zurechnungsfähigkeit) möglich
ist, a priori erkannt werden. Folgendes ist die Entwickelung des Begriffs.
Der Mensch (selbst der ärgste) thut, in welchen Maximen es auch sei, auf das
moralische Gesetz nicht gleichsam rebellischerweise (mit Aufkündigung des
Gehorsams) Verzicht. Dieses dringt sich ihm vielmehr, kraft seiner moralischen
Anlage, unwiderstehlich auf; und, wenn keine andere Triebfeder dagegen wirkte,
so würde er es auch als hinreichenden Bestimmungsgrund der Willkühr in seine
oberste Maxime aufnehmen, d. i. er würde moralisch gut sein. Er hängt aber
doch auch, vermöge seiner gleichfalls schuldlosen Naturanlage, an den
Triebfedern der Sinnlichkeit, und nimmt sie (nach dem subjectiven Princip der
Selbstliebe) auch in seine Maxime auf. Wenn er diese aber, als für sich allein
hinreichend zur Bestimmung der Willkühr, in seine Maxime aufnähme, ohne
sich ans moralische Gesetz (welches er doch in sich hat,) zu kehren; so würde er
moralisch böse sein. Da er nun natürlicherweise beide in dieselbe aufnimmt; da er auch jede für sich, wenn sie allein wäre, zur Willensbestimmung hinreichend
finden würde: so würde er, wenn der Unterschied der Maximen bloß auf den
Unterschied der Triebfedern (der Materie der Maximen) nämlich, ob das Gesetz,
oder der Sinnenantrieb eine solche abgeben, ankäme, moralisch gut und böse
zugleich sein; welches sich (nach der Einleitung) widerspricht. Also muß der
Unterschied, ob der Mensch gut oder böse sei, nicht in dem Unterschiede der
Triebfedern, die er in seine Maximen aufnimmt, (nicht in dieser ihrer Materie),
sondern in der Unterordnung (der Form derselben) liegen: welche von beiden er
zur Bedingung der andern macht. Folglich ist der Mensch, (auch der beste) nur
dadurch böse, daß er die sittliche Ordnung der Triebfedern, in der Aufnehmung
derselben in seine Maximen, umkehrt: das moralische Gesetz zwar neben dem
der Selbstliebe in dieselbe aufnimmt; da er aber inne wird, daß eines neben dem
andern nicht bestehen kann, sondern eines dem andern, als seiner obersten
Bedingung untergeordnet werden müsse, er die Triebfeder der Selbstliebe und
ihrer Neigungen zur Bedingung der Befolgung des moralischen Gesetzes macht,
da das letztere vielmehr als die oberste Bedingung der Befriedigung der ersteren
in die allgemeine Maxime der Willkühr als alleinige Triebfeder aufgenommen
werden sollte.
Bei dieser Umkehrung der Triebfedern durch seine Maxime, wider die
sittliche Ordnung, können die Handlungen dennoch wohl so gesetzmäßig
ausfallen, als ob sie aus ächten Grundsätzen entsprungen wären: wenn die
Vernunft die Einheit der Maximen überhaupt, welche dem moralischen Gesetze
eigen ist, bloß dazu braucht, um in die Triebfedern der Neigung, unter dem
Namen Glückseligkeit, Einheit der Maximen, die ihnen sonst nicht zukommen
kann, hinein zu bringen (z. B. daß die Wahrhaftigkeit, wenn man sie zum
Grundsatze annähme, uns der Aengstlichkeit überhebt, unseren Lügen die
Uebereinstimmung zu erhalten, und uns nicht in den Schlangenwindungen
derselben selbst zu verwickeln); da dann der empirische Charakter gut, der
intelligibile aber immer noch böse ist.
Wenn nun ein Hang dazu in der menschlichen Natur liegt, so ist im Menschen
ein natürlicher Hang zum Bösen; und dieser Hang selber, weil er am Ende doch
in einer freien Willkühr gesucht werden muß, mithin zugerechnet werden kann,
ist moralisch böse. Dieses Böse ist radical, weil es den Grund aller Maximen
verdirbt; zugleich auch, als natürlicher Hang, durch menschliche Kräfte nicht zu
vertilgen, weil dieses nur durch gute Maximen geschehen könnte, welches, wenn
der oberste subjective Grund aller Maximen als verderbt vorausgesetzt wird,
nicht stattfinden kann; gleichwohl aber muß er zu überwiegen möglich sein, weil
er in dem Menschen als frei handelndem Wesen angetroffen wird.
Die Bösartigkeit der menschlichen Natur ist also nicht sowol Bosheit, wenn man dieses Wort in strenger Bedeutung nimmt, nämlich als eine Gesinnung
(subjectives Princip der Maximen), das Böse als Böses zur Triebfeder in seine
Maxime aufzunehmen (denn die ist teuflisch); sondern vielmehr Verkehrtheit des
Herzens, welches nun, der Folge wegen, auch ein böses Herz heißt, zu nennen.
Dieses kann mit einem, im Allgemeinen, guten Willen zusammen bestehen; und
entspringt aus der Gebrechlichkeit der menschlichen Natur, zu Befolgung seiner
genommenen Grundsätze nicht stark genug zu sein, mit der Unlauterkeit
verbunden, die Triebfedern (selbst gut beabsichtigter Handlungen) nicht nach
moralischer Richtschnur von einander abzusondern, und daher zuletzt, wenn es
hoch kömmt, nur auf die Gemäßheit derselben mit dem Gesetz, und nicht auf die
Ableitung von demselben, d. i. auf dieses, als die alleinige Triebfeder, zu sehen.
Wenn hieraus nun gleich nicht eben immer eine gesetzwidrige Handlung und ein
Hang dazu, d. i. das Laster, entspringt; so ist die Denkungsart, sich die
Abwesenheit desselben schon für Angemessenheit der Gesinnung zum Gesetze
der Pflicht (für Tugend) auszulegen (da hiebei auf die Triebfeder in der Maxime
gar nicht, sondern nur auf die Befolgung des Gesetzes dem Buchstaben nach,
gesehen wird), selbst schon eine radicale Verkehrtheit im menschlichen Herzen
zu nennen.
Diese angeborne Schuld (reatus), welche so genannt wird, weil sie sich so
früh, als sich nur immer der Gebrauch der Freiheit im Menschen äußert,
wahrnehmen läßt, und nichts desto weniger doch aus der Freiheit entsprungen
sein muß, und daher zugerechnet werden kann; kann in ihren zwei ersteren
Stufen (der Gebrechlichkeit, und der Unlauterkeit) als unvorsätzlich (culpa), in
der dritten aber als vorsätzliche Schuld (dolus), beurtheilt werden; und hat zu
ihrem Charakter eine gewisse Tücke des menschlichen Herzens (dolus malus),
sich wegen seiner eigenen guten oder bösen Gesinnungen selbst zu betrügen,
und, wenn nur die Handlungen das Böse nicht zur Folge haben, was sie nach
ihren Maximen wohl haben könnten, sich seiner Gesinnung wegen nicht zu
beunruhigen, sondern vielmehr vor dem Gesetze gerechtfertigt zu halten. Daher
rührt die Gewissensruhe so vieler (ihrer Meinung nach gewissenhaften)
Menschen, wenn sie mitten unter Handlungen, bei denen das Gesetz nicht zu
Rathe gezogen ward, wenigstens nicht das Meiste galt, nur den bösen Folgen
glücklich entwischten, und wol gar die Einbildung von Verdienst, keiner solcher
Vergehungen sich schuldig zu fühlen, mit denen sie Andere behaftet sehen: ohne
doch nachzuforschen, ob es nicht bloß etwa Verdienst des Glücks sei, und ob
nach der Denkungsart, die sie in ihrem Innern wohl aufdecken könnten, wenn sie
nur wollten, nicht gleiche Laster von ihnen verübt worden wären, wenn nicht
Unvermögen, Temperament, Erziehung, Umstände der Zeit und des Orts, die in
Versuchung führen, (lauter Dinge, die uns nicht zugerechnet werden können,) davon entfernt gehalten hätten. Diese Unredlichkeit, sich selbst blauen Dunst
vorzumachen, welche die Gründung ächter moralischer Gesinnung in uns abhält,
erweitert sich denn auch äußerlich zur Falschheit und Täuschung Anderer;
welche, wenn sie nicht Bosheit genannt werden soll, doch wenigstens
Nichtswürdigkeit zu heißen verdient; und liegt in dem radicalen Bösen der
menschlichen Natur, welches (indem es die moralische Urtheilskraft in
Ansehung dessen, wofür man einen Menschen halten solle, verstimmt, und die
Zurechnung innerlich und äußerlich ganz ungewiß macht) den faulen Fleck
unserer Gattung ausmacht, der, so lange wir ihn nicht herausbringen, den Keim
des Guten hindert, sich, wie er sonst wohl thun würde, zu entwickeln.
Ein Mitglied des englischen Parlaments stieß in der Hitze die Behauptung aus:
„Ein jeder Mensch hat seinen Preis, für den er sich weggiebt.“ Wenn dieses wahr
ist, (welches dann ein Jeder bei sich ausmachen mag); wenn es überall keine
Tugend giebt, für die nicht ein Grad der Versuchung gefunden werden kann, der
vermögend ist, sie zu stürzen; wenn, ob der böse oder der gute Geist uns für
seine Partei gewinne, es nur darauf ankömmt, wer das Meiste bietet, und die
prompteste Zahlung leistet: so möchte wohl vom Menschen allgemein wahr sein,
was der Apostel sagt: „Es ist hier kein Unterschied, sie sind allzumal Sünder —
es ist Keiner, der Gutes thue (nach dem Geiste des Gesetzes), auch nicht
Einer.“[31]