Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft
Zweiter Abschnitt. Von dem Rechtsanspruche des bösen Princips auf die Herrschaft über den Menschen, und dem Kampf beider Principien mit einander.
setzen), wenn es noch länger gedauert hätte, verknüpfen. Hier kann er nun nicht
die zuvor erkannte Gesinnung die That vertreten lassen, sondern umgekehrt, er
soll aus der ihm vorgestellten That seine Gesinnung abnehmen. Was meint der
Leser wohl? wird bloß dieser Gedanke, welcher dem Menschen, (der eben nicht
der ärgste sein darf) Vieles in die Erinnerung zurückruft, was er sonst
leichtsinnigerweise längst aus der Acht gelassen hat, wenn man ihm auch nichts
weiter sagte, als, er habe Ursache zu glauben, er werde dereinst vor einem
Richter stehen, von seinem künftigen Schicksal nach seinem bisher geführten
Lebenswandel urtheilen? Wenn man im Menschen den Richter, der in ihm selbst
ist, anfragt; so beurtheilt er sich strenge, denn er kann seine Vernunft nicht
bestechen; stellt man ihm aber einen andern Richter vor, so wie man von ihm aus
anderweitigen Belehrungen Nachricht haben will, so hat er wider seine Strenge
vieles vom Vorwande der menschlichen Gebrechlichkeit Hergenommenes
einzuwenden, und überhaupt denkt er, ihm beizukommen: es sei, daß er durch
reuige, nicht aus wahrer Gesinnung der Besserung entspringende
Selbstpeinigungen, der Bestrafung von ihm zuvorzukommen, oder ihn durch
Bitten und Flehen, auch durch Formeln, und für gläubig ausgegebene
Bekenntnisse zu erweichen denkt; und wenn ihm hiezu Hoffnung gemacht wird
(nach dem Sprüchwort: Ende gut, Alles gut); so macht er darnach schon
frühzeitig seinen Anschlag, um nicht ohne Noth zu viel am vergnügten Leben
einzubüßen, und beim nahen Ende desselben doch in der Geschwindigkeit die
Rechnung zu seinem Vortheile abzuschließen.[55]
Zweiter Abschnitt.
Von dem Rechtsanspruche des bösen Princips auf die Herrschaft
über den Menschen, und dem Kampf beider Principien mit
einander.
Die heilige Schrift (christlichen Antheils) trägt dieses intelligible moralische
Verhältniß in der Form einer Geschichte vor, da zwei, wie Himmel und Hölle
einander entgegengesetzte Principien im Menschen, als Personen außer ihm,
vorgestellt, nicht bloß ihre Macht gegen einander versuchen, sondern auch (der
eine Theil als Ankläger, der andere als Sachwalter des Menschen) ihre
Ansprüche gleichsam vor einem höchsten Richter durchs Recht geltend machen
wollen.
Der Mensch war ursprünglich zum Eigenthümer aller Güter der Erde eingesetzt (I. Mos. I, 28), doch, daß er diese nur als sein Untereigenthum
(dominium utile) unter seinem Schöpfer und Herrn, als Obereigenthümer
(dominus directus) besitzen sollte. Zugleich wird ein böses Wesen, (wie es so
böse geworden, um seinem Herrn untreu zu werden, da es doch uranfänglich gut
war, ist nicht bekannt), aufgestellt, welches durch seinen Abfall alles
Eigenthums, das es im Himmel besessen haben mochte, verlustig geworden, und
sich nun ein anderes auf Erden erwerben will. Da ihm nun als einem Wesen
höherer Art — als einem Geiste — irdische und körperliche Gegenstände keinen
Genuß gewähren können, so sucht er eine Herrschaft über die Gemüther dadurch
zu erwerben, daß er die Stammeltern aller Menschen von ihrem Oberherrn
abtrünnig und ihm anhängig macht, da es ihm dann gelingt, sich so zum
Obereigenthümer aller Güter der Erde, d. i. zum Fürsten dieser Welt,
aufzuwerfen. Nun könnte man hierbei zwar es bedenklich finden: warum sich
Gott gegen diesen Verräther nicht seiner Gewalt bediente,[56] und das Reich,
was er zu stiften zur Absicht hatte, lieber in seinem Anfange vernichtete; aber
die Beherrschung und Regierung der höchsten Weisheit über vernünftige Wesen
verfährt mit ihnen nach dem Princip ihrer Freiheit, und was sie Gutes oder Böses
treffen soll, das sollen sie sich selbst zuzuschreiben haben. Hier war also, dem
guten Princip zum Trotz, ein Reich des Bösen errichtet, welchem alle von Adam
(natürlicherweise) abstammenden Menschen unterwürfig wurden, und zwar mit
ihrer eignen Einwilligung, weil das Blendwerk der Güter dieser Welt ihre Blicke
von dem Abgrunde des Verderbens abzog, für das sie aufgespart wurden. Zwar
verwahrte sich das gute Princip wegen seines Rechtsanspruchs an der Herrschaft
über den Menschen durch die Errichtung der Form einer Regierung, die bloß auf
öffentliche alleinige Verehrung seines Namens angeordnet war (in der jüdischen
Theokratie), da aber die Gemüther der Unterthanen in derselben für keine
anderen Triebfedern, als die Güter dieser Welt, gestimmt blieben, und sie also
auch nicht anders, als durch Belohnungen und Strafen in diesem Leben regiert
sein wollten, dafür aber auch keiner andern Gesetze fähig waren, als solcher,
welche theils lästige Ceremonien und Gebräuche auferlegten, theils zwar
sittliche, aber nur solche, wobei ein äußerer Zwang stattfand, also nur
bürgerliche waren, wobei das Innere der moralischen Gesinnung gar nicht in
Betrachtung kam; so that diese Anordnung dem Reiche der Finsterniß keinen
wesentlichen Abbruch, sondern diente nur dazu, um das unauslöschliche Recht
des ersten Eigenthümers immer im Andenken zu erhalten. — Nun erschien in
eben demselben Volke zu einer Zeit, da es alle Uebel einer hierarchischen
Verfassung im vollen Maße fühlte, und das sowohl dadurch, als vielleicht durch
die den Sklavensinn erschütternden moralischen Freiheitslehren der griechischen
Weltweisen, die auf dasselbe allmählich Einfluß bekommen hatten, großentheils zum Besinnen gebracht, mithin zu einer Revolution reif war, auf einmal eine
Person, deren Weisheit noch reiner, als die der bisherigen Philosophen, wie vom
Himmel herabgekommen war, und die sich auch selbst, was ihre Lehren und
Beispiel betraf, zwar als wahren Menschen, aber doch als einen Gesandten
solchen Ursprungs ankündigte, der in ursprünglicher Unschuld in dem Vertrage,
den das übrige Menschengeschlecht durch seinen Repräsentanten, den ersten
Stammvater, mit dem bösen Princip eingegangen, nicht mitbegriffen war,[57]
und „an dem der Fürst dieser Welt also keinen Theil hatte.“ Hierdurch war des
letztern Herrschaft in Gefahr gesetzt. Denn widerstand dieser Gott wohlgefällige
Mensch seinen Versuchungen, jenem Contract auch beizutreten, nahmen andre
Menschen auch dieselbe Gesinnung gläubig an, so büßte er eben so viel
Unterthanen ein, und sein Reich lief Gefahr, gänzlich zerstört zu werden. Dieser
bot ihm also an, ihn zum Lehnsträger seines ganzen Reichs zu machen, wenn er
ihm nur als Eigenthümer desselben huldigen wollte. Da dieser Versuch nicht
gelang, so entzog er nicht allein diesem Fremdlinge auf seinem Boden Alles,
was ihm sein Erdenleben angenehm machen konnte, (bis zur größten Armuth),
sondern erregte gegen ihn alle Verfolgungen, wodurch böse Menschen es
verbittern können, Leiden, die nur der Wohlgesinnte recht tief fühlt,
Verleumdung der lautern Absicht seiner Lehren, (um ihm allen Anhang zu
entziehen), und verfolgte ihn bis zum schmählichsten Tode, ohne gleichwohl
durch diese Bestürmung seiner Standhaftigkeit und Freimüthigkeit in Lehre und
Beispiel für das Beste von lauter Unwürdigen im mindesten etwas gegen ihn
auszurichten. Und nun der Ausgang dieses Kampfs! Der Ausschlag desselben
kann als ein rechtlicher, oder auch als ein physischer betrachtet werden. Wenn
man den letztern ansieht, (der in die Sinne fällt), so ist das gute Princip der
unterliegende Theil; er mußte in diesem Streite, nach vielen erlittenen Leiden,
sein Leben hingeben,[58] weil er in einer fremden Herrschaft (die Gewalt hat,)
einen Aufstand erregte. Da aber das Reich, in welchem Principien machthabend
sind, (sie mögen nun gut oder böse sein), nicht ein Reich der Natur, sondern der
Freiheit ist, d. i. ein solches, in welchem man über die Sachen nur in sofern
disponiren kann, als man über die Gemüther herrscht, in welchem also Niemand
Sklave (Leibeigener) ist, als der, und so lange er es sein will: so war eben dieser
Tod (die höchste Stufe der Leiden eines Menschen) die Darstellung des guten
Princips, nämlich der Menschheit, in ihrer ganzen[59] moralischen
Vollkommenheit, als Beispiel der Nachfolge für Jedermann. Die Vorstellung
desselben sollte und kann auch für seine, ja für jede Zeit vom größten Einflusse
auf menschliche Gemüther sein; indem es die Freiheit der Kinder des Himmels
und die Knechtschaft eines bloßen Erdensohns in dem allerauffallendsten
Contraste sehen läßt. Das gute Princip aber ist nicht bloß zu einer gewissen Zeit, sondern von dem Ursprunge des menschlichen Geschlechts an unsichtbarerweise
vom Himmel in die Menschheit herabgekommen gewesen, (wie ein Jeder, der
auf seine Heiligkeit und zugleich die Unbegreiflichkeit der Verbindung
derselben mit der sinnlichen Natur des Menschen in der moralischen Anlage
Acht hat, gestehen muß,) und hat in ihr rechtlicherweise seinen ersten Wohnsitz.
Da es also in einem wirklichen Menschen als einem Beispiele für alle anderen
erschien, „so kam er in sein Eigenthum, und die Seinen nahmen ihn nicht auf,
denen aber, die ihn aufnahmen, hat er Macht gegeben, Gottes Kinder zu heißen,
die an seinen Namen glauben;“ d. i. durch das Beispiel desselben (in der
moralischen Idee) eröffnet er die Pforte der Freiheit für Jedermann, die eben so,
wie er, allem dem absterben wollen, was sie zum Nachtheil der Sittlichkeit an
das Erdenleben gefesselt hält, und sammelt sich unter diesen „ein Volk, das
fleißig wäre in guten Werken, zum Eigenthum“ und unter seine Herrschaft,
indessen daß er die, so die moralische Knechtschaft vorziehen, der ihrigen
überläßt.
Also ist der moralische Ausgang dieses Streits auf Seiten des Helden dieser
Geschichte (bis zum Tode desselben) eigentlich nicht die Besiegung des bösen
Princips; denn sein Reich währet noch, und es muß allenfalls noch eine neue
Epoche eintreten, in der es zerstört werden soll, — sondern nur Brechung seiner
Gewalt, die, welche ihm so lange unterthan gewesen sind, nicht wider ihren
Willen zu halten, indem ihnen eine andere moralische Herrschaft (denn unter
irgend einer muß der Mensch stehen,) als Freistatt eröffnet wird, in der sie
Schutz für ihre Moralität finden können, wenn sie die alte verlassen wollen.
Uebrigens wird, das böse Princip noch immer der Fürst dieser Welt genannt, in
welcher die, so dem guten Princip anhängen, sich immer auf physische Leiden,
Aufopferungen, Kränkungen der Selbstliebe, welche hier als Verfolgungen des
bösen Princips vorgestellt werden, gefaßt sein mögen, weil er nur für die, so das
Erdenwohl zu ihrer Endabsicht gemacht haben, Belohnungen in seinem Reiche
hat.
Man sieht leicht: daß wenn man diese lebhafte, und wahrscheinlich für ihre
Zeit auch einzige populäre Vorstellungsart von ihrer mystischen Hülle
entkleidet, sie (ihr Geist und Vernunftsinn) für alle Welt, zu aller Zeit praktisch
gültig und verbindlich gewesen, weil sie jedem Menschen nahe genug liegt, um
hierüber seine Pflicht zu erkennen. Dieser Sinn besteht darin, daß es
schlechterdings kein Heil für die Menschen gebe, als in innigster Aufnehmung
ächter sittlicher Grundsätze in ihre Gesinnung: daß dieser Aufnahme nicht etwa
die so oft beschuldigte Sinnlichkeit, sondern eine gewisse selbst verschuldete
Verkehrtheit, oder wie man diese Bösartigkeit noch sonst nennen will, Betrug
(Fausseté) (Satanslist, wodurch das Böse in die Welt gekommen) entgegen wirket, eine Verderbtheit, welche in allen Menschen liegt, und durch nichts
überwältigt werden kann, als durch die Idee des Sittlichguten in seiner ganzen
Reinigkeit, mit dem Bewußtsein, daß sie wirklich zu unserer ursprünglichen
Anlage gehöre, und man nur beflissen sein müsse, sie von aller unlauteren
Beimischung frei zu erhalten, und sie tief in unsere Gesinnung aufzunehmen, um
durch die Wirkung, die sie allmählich aufs Gemüth thut, überzeugt zu werden,
daß die gefürchteten Mächte des Bösen dagegen nichts ausrichten („die Pforten
der Hölle sie nicht überwältigen“) können, und daß, damit wir nicht etwa den
Mangel dieses Zutrauens, abergläubisch, durch Expiationen, die keine
Sinnesänderung voraussetzen, oder schwärmerisch durch vermeinte (bloß
passive) innere Erleuchtungen ergänzen, und so von dem auf Selbstthätigkeit
gegründeten Guten immer entfernt gehalten werden, wir ihm kein anderes
Merkmal, als das eines wohlgeführten Lebenswandels unterlegen sollen. —
Uebrigens kann eine Bemühung, wie die gegenwärtige, in der Schrift denjenigen
Sinn zu suchen, der mit dem Heiligsten, was die Vernunft lehrt, in Harmonie
steht, nicht allein für erlaubt, sie muß vielmehr für Pflicht gehalten werden,[60]
und man kann sich dabei desjenigen erinnern, was der weise Lehrer seinen
Jüngern von Jemandem sagte, der seinen besondern Weg gieng, wobei er am
Ende doch auf eben dasselbe Ziel hinaus kommen mußte: „wehret ihm nicht;
denn wer nicht wider uns ist, der ist für uns.“