Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft

IV. Vom Ursprunge des Bösen in der menschlichen Natur.

 

Ursprung (der erste) ist die Abstammung einer Wirkung von ihrer ersten, d. i.

derjenigen Ursache, welche nicht wiederum Wirkung einer andern Ursache von

derselben Art ist. Er kann entweder als Vernunft- oder als Zeitursprung in

Betrachtung gezogen werden. In der ersten Bedeutung wird bloß das Dasein der

Wirkung betrachtet; in der zweiten, das Geschehen derselben, mithin sie als

Begebenheit auf ihre Ursache in der Zeit bezogen. Wenn die Wirkung auf eine

Ursache, die mit ihr doch nach Freiheitsgesetzen verbunden ist, bezogen wird,

wie das mit dem moralisch Bösen der Fall ist; so wird die Bestimmung der

Willkühr zu ihrer Hervorbringung nicht als mit ihrem Bestimmungsgrunde in der

Zeit, sondern bloß in der Vernunftvorstellung, verbunden gedacht, und kann

nicht als von irgend einem vorhergehenden Zustande abgeleitet werden; welches

dagegen allemal geschehen muß, wenn die böse Handlung als Begebenheit in der

Welt auf ihre Naturursache bezogen wird. Von den freien Handlungen, als

solchen, den Zeitursprung (gleich als von Naturwirkungen) zu suchen, ist also

ein Widerspruch; mithin auch von der moralischen Beschaffenheit des

Menschen, sofern sie als zufällig betrachtet wird, weil diese den Grund des

Gebrauchs der Freiheit bedeutet, welcher (so wie der Bestimmungsgrund der

freien Willkühr überhaupt) lediglich in Vernunftvorstellungen gesucht werden

muß.

Wie nun aber auch der Ursprung des moralischen Bösen im Menschen immer

beschaffen sein mag, so ist doch unter allen Vorstellungsarten, von der

Verbreitung und Fortsetzung desselben durch alle Glieder unserer Gattung und in

allen Zeugungen, die unschicklichste: es sich, als durch Anerbung von den ersten

Eltern auf uns gekommen, vorzustellen; denn man kann vom moralisch Bösen

eben das sagen, was der Dichter vom Guten sagt: — Genus, et proavos, et quae

non fecimus ipsi, Vix ea nostra puto.[32] — Noch ist zu merken: daß, wenn wir

dem Ursprunge des Bösen nachforschen, wir anfänglich noch nicht den Hang

dazu (als peccatum in potentia) in Anschlag bringen, sondern nur das wirkliche

Böse gegebener Handlungen, nach seiner innern Möglichkeit, und dem, was zur

Ausübung derselben in der Willkühr zusammenkommen muß, in Betrachtung

ziehen.

Eine jede böse Handlung muß, wenn man den Vernunftursprung derselben

sucht, so betrachtet werden, als ob der Mensch unmittelbar aus dem Stande der

Unschuld in sie gerathen wäre. Denn: wie auch sein voriges Verhalten gewesen

sein mag, und welcherlei auch die auf ihn einfließenden Naturursachen sein mögen, ingleichen ob sie in oder außer ihm anzutreffen seien; so ist seine

Handlung doch frei, und durch keine dieser Ursachen bestimmt, kann also und

muß immer als ein ursprünglicher Gebrauch seiner Willkühr beurtheilt werden.

Er sollte sie unterlassen haben, in welchen Zeitumständen und Verbindungen er

auch immer gewesen sein mag; denn durch keine Ursache in der Welt kann er

aufhören, ein frei handelndes Wesen zu sein. Man sagt zwar mit Recht: dem

Menschen werden auch die aus seinen ehemaligen freien, aber gesetzwidrigen

Handlungen entspringenden Folgen zugerechnet; dadurch aber will man nur

sagen: man habe nicht nöthig, sich auf diese Ausflucht einzulassen, und

auszumachen, ob die letztern frei sein mögen, oder nicht, weil schon in der

geständlich freien Handlung, die ihre Ursache war, hinreichender Grund der

Zurechnung vorhanden ist. Wenn aber Jemand bis zu einer unmittelbar

bevorstehenden freien Handlung auch noch so böse gewesen wäre (bis zur

Gewohnheit als anderer Natur): so ist es nicht allein seine Pflicht gewesen,

besser zu sein; sondern es ist jetzt noch seine Pflicht, sich zu bessern: er muß es

also auch können, und ist, wenn er es nicht thut, der Zurechnung in dem

Augenblicke der Handlung eben so fähig und unterworfen, als ob er, mit der

natürlichen Anlage zum Guten (die von der Freiheit unzertrennlich ist) begabt,

aus dem Stande der Unschuld zum Bösen übergeschritten wäre. — Wir können

also nicht nach dem Zeitursprunge, sondern müssen bloß nach dem

Vernunftursprunge dieser That fragen, um darnach den Hang, d. i. den

subjectiven allgemeinen Grund der Aufnehmung einer Uebertretung in unsere

Maxime, wenn ein solcher ist, zu bestimmen, und wo möglich zu erklären.

Hiermit stimmt nun die Vorstellungsart, deren sich die Schrift bedient, den

Ursprung des Bösen als einen Anfang desselben in der Menschengattung zu

schildern, ganz wohl zusammen: indem sie ihn in einer Geschichte vorstellig

macht, wo, was der Natur der Sache nach (ohne auf Zeitbedingung Rücksicht zu

nehmen) als das Erste gedacht werden muß, als ein solches der Zeit nach

erscheint. Nach ihr fängt das Böse nicht von einem zum Grunde liegenden

Hange zu demselben an, (weil sonst der Anfang desselben nicht aus der Freiheit

entspringen würde;) sondern von der Sünde, (worunter die Uebertretung des

moralischen Gesetzes als göttlichen Gebots verstanden wird); der Zustand des

Menschen aber, vor allem Hange zum Bösen, heißt der Stand der Unschuld. Das

moralische Gesetz gieng, wie es auch beim Menschen, als einem nicht reinen,

sondern von Neigungen versuchten, Wesen sein muß, als Verbot voraus (I. Mose

II, 16. 17.). Anstatt nun diesem Gesetze, als hinreichender Triebfeder (die allein

unbedingt gut ist, wobei auch weiter kein Bedenken stattfindet), gerade zu

folgen; sah sich der Mensch doch noch nach andern Triebfedern um (III, 6.), die

nur bedingterweise (nämlich, sofern dem Gesetze dadurch nicht Eintrag geschieht,) gut sein können, und machte es sich, wenn man die Handlung als mit

Bewußtsein aus Freiheit entspringend denkt, zur Maxime, dem Gesetze der

Pflicht nicht aus Pflicht, sondern auch allenfalls aus Rücksicht auf andere

Absichten zu folgen. Mithin fieng er damit an, die Strenge des Gebots, welches

den Einfluß jeder andern Triebfeder ausschließt, zu bezweifeln, hernach den

Gehorsam gegen dasselbe zu einem bloß (unter dem Princip der Selbstliebe)

bedingten eines Mittels herab zu vernünfteln;[33] woraus dann endlich das

Uebergewicht der sinnlichen Antriebe über die Triebfeder aus dem Gesetz, in die

Maxime zu handeln, aufgenommen, und so gesündigt ward (III, 6.). Mutato

nomine de te fabula narratur. Daß wir es täglich eben so machen, mithin „in

Adam Alle gesündiget haben“ und noch sündigen, ist aus dem Obigen klar; nur

daß bei uns schon ein angeborner Hang zur Uebertretung, in dem ersten

Menschen aber kein solcher, sondern Unschuld, der Zeit nach vorausgesetzt

wird, mithin die Uebertretung bei diesem ein Sündenfall heißt: statt daß sie bei

uns, als aus der schon angebornen Bösartigkeit unserer Natur erfolgend,

vorgestellt wird. Dieser Hang aber bedeutet nichts weiter, als daß, wenn wir uns

auf die Erklärung des Bösen, seinem Zeitanfange nach, einlassen wollen, wir bei

jeder vorsätzlichen Uebertretung die Ursachen in einer vorigen Zeit unsers

Lebens bis zurück in diejenige, wo der Vernunftgebrauch noch nicht entwickelt

war, mithin bis zu einem Hange (als natürliche Grundlage) zum Bösen, welcher

darum angeboren heißt, die Quelle des Bösen verfolgen müßten: welches bei

dem ersten Menschen, der schon mit völligem Vermögen seines

Vernunftgebrauchs vorgestellt wird, nicht nöthig, auch nicht thunlich ist; weil

sonst jene Grundlage (der böse Hang) gar anerschaffen gewesen sein müßte;

daher seine Sünde, unmittelbar als aus der Unschuld erzeugt, aufgeführt wird. —

Wir müssen aber von einer moralischen Beschaffenheit, die uns soll zugerechnet

werden, keinen Zeitursprung suchen; so unvermeidlich dieses auch ist, wenn wir

ihr zufälliges Dasein erklären wollen, (daher ihn auch die Schrift, dieser unserer

Schwäche gemäß, so vorstellig gemacht haben mag).

Der Vernunftursprung aber dieser Verstimmung unserer Willkühr in Ansehung

der Art, subordinirte Triebfedern zu oberst in ihre Maximen aufzunehmen, d. i.

dieses Hanges zum Bösen, bleibt uns unerforschlich, weil er selbst uns

zugerechnet werden muß, folglich jener oberste Grund aller Maximen wiederum

die Annehmung einer bösen Maxime erfordern würde. Das Böse hat nur aus dem

moralisch Bösen (nicht den bloßen Schranken unserer Natur) entspringen

können; und doch ist die ursprüngliche Anlage (die auch kein Anderer als der

Mensch selbst verderben konnte, wenn diese Corruption ihm soll zugerechnet

werden) eine Anlage zum Guten; für uns ist also kein begreiflicher Grund da,

woher das moralische Böse in uns zuerst gekommen sein könne. — Diese Unbegreiflichkeit, zusammt der näheren Bestimmung der Bösartigkeit unserer

Gattung drückt die Schrift in jener Geschichtserzählung[34] dadurch aus, daß sie

das Böse, zwar im Weltanfange, doch noch nicht im Menschen, sondern in

einem Geiste von ursprünglich erhabnerer[35] Bestimmung voranschickt:

wodurch also der erste Anfang alles Bösen überhaupt als für uns unbegreiflich

(denn woher bei jenem Geiste das Böse?), der Mensch aber nur als durch

Verführung ins Böse gefallen, also nicht von Grund aus (selbst der ersten Anlage

zum Guten nach) verderbt, sondern als noch einer Besserung fähig, im

Gegensatze mit einem verführenden Geiste, d. i. einem solchen Wesen, dem die

Versuchung des Fleisches nicht zur Milderung seiner Schuld angerechnet werden

kann, vorgestellt, und so dem ersteren, der bei einem verderbten Herzen doch

immer noch einen guten Willen hat, Hoffnung einer Wiederkehr zu dem Guten,

von dem er abgewichen ist, übrig gelassen wird.