Prinzessin Mymra, Novellen und Träume

Alexej Remisow · Kapitel 1 von 42

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Prinzessin Mymra, Novellen und Träume

Petuschok

 

1

 

Eine Kuh fraß am Eliastage dem Petka ein Fünfzehnkopekenstück auf.

Als die Großmutter von der Abendmesse heimgekommen war, hatte sie vor

dem Schlafengehen dem Knaben eine silberne Münze, ein

Fünfzehnkopekenstück, zum Vernaschen geschenkt.

Am Tage des heiligen Elias schreitet eine Prozession aus dem Kreml zur

Eliaskirche auf dem Woronzow-Felde, eine lange Prozession mit uralten

Kreuzen, von vielen Gendarmen zu Pferde begleitet. Nach der Messe findet im

Garten und auf dem Platz vor der Kirche unter den Kirchenfahnen ein Volksfest

statt; es werden dabei Kwaß, Spielzeug, Stachelbeeren, Birnen und Eis

feilgeboten. Petka war ein großer Liebhaber von Stachelbeeren und aß

leidenschaftlich gern Eis; seine Freude über das Fünfzehnkopekenstück war also

wirklich groß. Während der ganzen Nacht behielt er die Münze in der Hand.

Als die Großmutter aus der Kirche des heiligen Nikola Kobylski heimkehrte,

war Petka schon auf: er hatte den Samowar instand gesetzt, seine Schuhe

gewichst und sich fein herausgeputzt; fertig zum Ausgehen, stand er da. Und wie

oft hatte der unruhige Geist schon in Erwartung der Großmutter die Mütze

aufprobiert! Petka hatte eine Mütze mit lackledernem Schirm; früher hatte er

einen Strohhut getragen, als er aber Schüler einer Städtischen Schule geworden

war, hatte ihm die Großmutter diese Mütze gekauft. Er hat seinen Gürtel, der

ebenfalls aus Lackleder ist, ins letzte Loch geschnallt und sich seine schwarze

Tuchbluse mit den beiden Silberknöpfen am Kragen zurechtgezupft; bloß mit der

Hose ist es nicht weit her: die Drillichhose ist zwar rein gewaschen —

Großmutter selbst hat sie gewaschen und gebügelt —, aber sie ist zu kurz: von

den Waden ist ein etwa zwei Finger breites Stück zu sehen; Petka wächst aber

noch, und die Hose ist in der Wäsche eingelaufen.

»Ich habe dir den Samowar in einem Nu zurechtgemacht, Großmutter!«

begrüßt Petka die Großmutter, auf einem Bein hüpfend.

»Du bist ein gescheiter Junge, Petuschok!« Großmutter ist nach dem

Gottesdienst müde und freut sich auf den Tee.

Wenn die Großmutter selbst den Samowar instand setzte, brauchte sie immer

furchtbar viel Zeit dazu — so kam es Petka wenigstens vor. Sie pflegte erst die

Asche auszuschütten, dann ein wenig Kohle hineinzutun, auf die Kohle einige Holzspäne zu streuen und, wenn die Kohle zu knistern anfing, noch einige

Kohlen nachzulegen; das machte sie wohl zweimal. Petka schüttete aber nie die

Asche aus, sondern stopfte den Samowar gleich mit Kohle voll, zündete einige

Späne an, legte noch etwas Kohle auf, und der Samowar begann sofort, so schien

es ihm wenigstens, zu summen.

»Du bist ein gescheiter Junge!« wiederholte die Großmutter. Sie freute sich,

daß der Samowar auf dem Tisch stand und summte und daß sie jetzt in aller

Ruhe ihren Tee trinken und vor der Prozession noch etwas ausruhen konnte.

Großmutter war gottesfürchtig und eine eifrige Kirchgängerin; sie versäumte

keinen einzigen Gottesdienst, und wenn es beim Nikola Kobylski eine Leiche

gab, so ging sie hin und wohnte auch mit einer Kerze in der Hand der

Totenmesse bei; sie ging auch mit Petka bei allen Prozessionen mit.

Großmutter setzte sich an den Teetisch, aber ehe sie noch ein Stückchen

geweihtes Brot zerkauen konnte, fing Petka schon zu drängen an: sie wollten

sofort aufbrechen, um der Prozession entgegenzugehen.

Aber es sei noch viel zu früh! Die Prozession habe gewiß noch nicht den

Kreml verlassen; die Leute sammelten sich wohl erst; die Hausmeister ständen

noch gar nicht am Morosowschen Gitterzaun, sie säßen wohl noch in der

warmen Stube und tränken Tee.

Großmutter und Petka pflegten die Prozession in der Wedenskaja-Gasse, auf

dem Morosowschen Zaune stehend, zu erwarten. Sie machten es sehr einfach:

zuerst kletterte Petka hinauf und dann die Großmutter; der Alten fiel es zwar

recht schwer, auf den Zaun hinaufzuklettern, aber sie konnte von dort aus besser

sehen und lief auch nicht Gefahr, zertreten zu werden.

»Wenn du nicht gehst, geh ich allein!« Petka setzte seine Mütze mit dem

Lacklederschirm auf und stand schon an der Tür.

Großmutter hatte Angst, Petka allein gehen zu lassen; sie meinte, man könne

ihn im Gedränge leicht zertreten.

»Man wird dich zertreten, Petuschok.«

»Nein, Großmutter, man wird mich nicht zertreten. Mir hat im vorigen Jahr

das Pferd eines Gendarmen mit dem Huf auf eine Zehe getreten, das hat

schrecklich weh getan! Und doch hat es mir nichts geschadet. Großmutter, jetzt

gehe ich!«

Großmutter hat Angst und ist zugleich gekränkt: sie gingen doch jedes Jahr

zusammen hin — Petka voraus und hinter ihm die Großmutter in ihrem alten

Umhang, mit dem Sonnenschirm in der Hand; Großmutter spannte ihren Schirm

niemals in der Sonne auf und hielt ihn nicht am Griff, sondern stets an der

Spitze, so daß der Griff die Erde berührte. Sie will Petka nicht allein gehen

lassen; und sie will noch etwas ausruhen und gemächlich ihren Tee trinken!

Was ist da zu machen? Der Junge läßt sich nicht halten!

Petka geht allein fort.

Der Morgen ist schön kühl, der Tag wird nicht so heiß werden. Ob Petka vom

lieben Gott einen so herrlichen Tag erfleht oder der heilige Prophet Elias, dem

das Fest gilt, seinen Segen gegeben hat — die Leute werden es in der Prozession

gut haben, die goldgestickten Kirchenfahnen werden funkeln, die Priester

werden leichten und trockenen Fußes gehen, und auch die Chorsänger werden es

angenehm haben.

Petka ging, sein Fünfzehnkopekenstück fest in der Faust haltend, auf den Flur

hinaus; viel Stachelbeeren, rote, behaarte Stachelbeeren wollte er sich dafür

kaufen und außerdem für fünf Kopeken Schokoladeneis verspeisen. Petka

lauschte; irgendwo läuteten die Glocken, aber es war noch sehr weit. Die

Prozession hatte wohl eben erst den Kreml verlassen, und man läutete in den

Kirchen, an denen sie vorüberzog.

›Man läutet erst in der Iljinka oder in der Marossejka bei Nikola — es ist ein

schönes Läuten!‹ dachte Petka. Und da erblickte er plötzlich eine Kuh.

Auf dem Hofe spazierte die Kuh des Diakons, eine schöne, wohlgenährte, rote

Kuh.

Petka freute sich jedesmal, wenn er die Milchkuh des Diakons sah, das

›Braunchen‹, wie Großmutter sie zu nennen pflegte.

»Guten Tag, Braunchen!« Petka kam hüpfend näher und streckte seine Hand

aus, um die Kuh zu streicheln . . . Das Geldstück funkelte in der Sonne, das

Fünfzehnkopekenstück fiel ihm aus der Hand, die Kuh leckte es mit der Zunge

auf, stieß einmal auf und verschluckte es.

Kurz und gut — weg war es.

Petka suchte auf dem Rasen und zwischen den Steinchen, ging einige Male

um die Kuh herum, stand einen Augenblick still und wartete, ob die Münze nicht

wieder zum Vorschein käme . . . Nein, verschwunden war sein silbernes

Geldstück, das Braunchen hatte es gefressen, es hatte ihm das

Fünfzehnkopekenstück, das er zum Eliastage bekommen, weggenommen.

Mit leeren Händen ging nun Petka zur Eliaskirche.

Sollte er umkehren und der Großmutter alles erzählen? Großmutter würde

wohl sagen: »Wolltest mir nicht folgen, bist allein gegangen, darum hat es dir die

Kuh gefressen!« Und sie würde ihm nie wieder eine Silbermünze schenken. Sie

würde noch sagen: »Was soll man auch so einem Schlingel Geld schenken? Das

frißt ja doch die Kuh!« Nein, es ist doch besser, der Großmutter nichts zu sagen.

Und die Stachelbeeren und das Schokoladeneis? Nun, er wird sich eben ohne

Stachelbeeren und ohne Eis behelfen müssen. Und wenn Großmutter etwas

merkt? Sie wird eben nichts merken. Er wird der Großmutter sagen, daß er einen ganzen Zentner Stachelbeeren und hundert Portionen Eis gegessen hat . . . Und

wenn Großmutter es nicht glaubt? Sie wird es wohl glauben müssen! Die

Stachelbeeren sind ja billig — spottbillig sind sie, sagt Großmutter selbst. Und

was ist auch dabei? Er hat eben einen ganzen Zentner Stachelbeeren gekauft und

aufgegessen: er hat Geld genug gehabt, es sind ja nicht fünf, sondern fünfzehn

Kopeken gewesen! Aber er hat kein Fünfzehnkopekenstück mehr: die Kuh hat es

aufgefressen!

»Was bist du für eine Kuh!« sagte Petka vorwurfsvoll zu seinem geliebten

Braunchen. »Warum hast du das Geld gefressen? Die Stachelbeeren sind so

schön rot und behaart, und das Schokoladeneis schmeckt so herrlich . . . hundert

Portionen!«

Petka dachte im Gehen immer an sein Fünfzehnkopekenstück, das

unwiederbringlich verloren war. Es gab nur noch eine Möglichkeit: Großmutter

alles zu gestehen. Sie wird ihm dann vielleicht ein neues geben. Aber wo sollte

Großmutter eines hernehmen? Das Geld wächst nicht auf der Straße, pflegt

Großmutter zu sagen. Sie hat ja auch nur ein paar Silbermünzen; Kopekenstücke

hat sie genug . . . Petka ging am Kursker Bahnhof und an dem verwahrlosten

Rjabowschen Hause, wo, wie er glaubte, die goldenen Zimmer immer leer und

unbewohnt standen, vorbei. Er ging zur Eliaskirche auf dem Woronzow-Feld.

Die ganze Wedenskaja-Gasse war mit Gras belegt, das ganze Pflaster mit

frischgemähtem Gras bestreut. Da war Gras von den Chludows dabei, und von

den Naidjonows und von Myslin, und wie alle die reichen Gemeindemitglieder

sonst noch hießen. Die Füße glitten im Grase aus, und Petka brachte es fertig,

sich ein paar grüne Grasflecke auf seine Hose zu machen. Im Gras lagen auch

vereinzelte Blumen, und die Blumen dufteten nach Wiesen und brachten ihm die

Wallfahrten in Erinnerung. Petka unternahm jeden Sommer mit seiner

Großmutter Wallfahrten. Petka dachte nicht mehr an das aufgefressene

Fünfzehnkopekenstück und schloß die Augen: ganz klar, ganz deutlich fühlte er

die Erde und das Gras unter seinen Füßen; er fühlte sich plötzlich in die Gegend

von Swenigorod versetzt, auf einen Feldweg, wo Glockenblumen blühen, auf

einen Waldweg, wo der Kuckuck ruft, zum Sawwa-Kloster zum Nikola-

Ugrjescha, und vom Nikola-Ugrjescha zum Troiza-Sergius-Kloster.

Die Leute eilten schon zur Kirche; andere blieben auf dem Bürgersteig und

suchten sich ein Plätzchen, wo sie bequem stehen und zusehen konnten. Das

Läuten klang immer näher, es schien schon aus der nächsten Nähe, von der

Troiza-Grjasi-Kirche zu kommen. Nein, Petka hatte sich getäuscht, es war noch

sehr weit: man läutete erst bei Kosmas und Damian.

Auf dem Morosowschen Zaun stand noch niemand. Vor dem Tore waren nur

die Hausmeister versammelt, unter ihnen der Morosowsche Kutscher in einer Plüschweste, das schwarze Haar mit Butter eingefettet. Auch Petka wird sich