Prinzessin Mymra, Novellen und Träume
Das Dach
Kleidung herum. ›Sie schämen sich wohl furchtbar, diese Unglücklichen‹, dachte
ich mir, alle diese mageren, dicken, aufgedunsenen, knochigen, häßlichen
Gestalten betrachtend.
»Nein, wir würden uns schämen, wenn wir uns plötzlich ankleideten«, sagte
mir einer der Nackten, der meinen Gedanken offenbar belauscht hatte.
»Schämt man sich denn, wenn man angezogen ist?«
»Das eigentlich nicht . . .«
»Wie häßlich ihr doch alle seid!« unterbrach ich ihn.
»Wenn wir häßlich sind, so mach, daß du fortkommst, solange deine Knochen
ganz sind«, sagte mir wütend ein anderer Nackter.
»Was ist eigentlich die schwerste Sünde?« fragte ich ihn.
»Einst galt es als die schwerste Sünde, ein Feuer auszulöschen. Diese Sünde
haben wir nie begangen: die Feuerwehr nimmt keine Nackten auf.«
»Ich habe auch keine Lust, zur Feuerwehr zu gehen«, stimmte ich ihm zu.
Dann ging ich auf die Seite und zog mir die Stiefel aus.
Das Dach
Mit den Händen am Gesimse gleitend, die Beine in der Luft, bewege ich mich
längs des unendlichen Holzdaches eines unendlichen Holzbaues fort. Grelles
Sonnenlicht fällt mir in die Augen. Morsche Holzstücke fallen mir unter den
Händen ab, meine Hände rutschen — mir stockt der Atem, und ich möchte
abstürzen, damit es doch einmal ein Ende nimmt! Aber ich bewege mich immer
weiter.
Ich sehe unter mir Bäume, Flüsse, Bäche und eine Stadt.
Der Bau
Ich kroch unter das riesenhafte Haus, das noch nicht ganz fertig war, Man baute
es so, daß der ganze Bau in der Luft hing und nicht stürzte, weil ein dickes, an
das Fundament befestigtes Tau ihn mit der Erde verband. Ich kroch mit einem
Beil in der Hand unter den riesenhaften Bau, erreichte den Mittelpunkt, wo das
Tau befestigt war, holte mit dem Beil aus und hieb auf das Tau ein. Und als ich
so weit war, daß das Haus jeden Augenblick einzustürzen drohte, spuckte mir
jemand von oben auf den Kopf.