Prinzessin Mymra, Novellen und Träume
Das Los des Elenden Träume
Das Los des Elenden
Träume
Vom Tiger zum Haken
Ich bin der Tiger der alten, von Asche verschütteten, steinernen Stadt, auf Gottes
Geheiß geboren und nach dem Zeugnis König Davids zur Geduld verurteilt: Ich
bin vor der Zeit, in die Zeit und für die Zeit.
Ich lag träg und lässig in der Allee des Petersburger Sommergartens und
betrachtete das Publikum. Es gab nur wenig Spaziergänger, und ich hörte gar
kein Lachen, nur hie und da ein widerliches Kichern. Die meisten gingen mit
ernsten Gesichtern ihren Geschäften nach, und die Geschäfte, denen sie
nachgingen, wurden als etwas so ungemein Wichtiges hingestellt, als ob davon
das Heil der Welt abhinge. Ich sah nur die Rücken der Vorbeigehenden und
konnte nur aus ihren Worten und Äußerungen, die an mein Ohr schlugen,
schließen, was für Gesichter und was für Augen sie hatten. Die Empörung ließ
mich auf meine kräftigen Beine springen; ich stürzte voller Wut auf das
Häuschen Peters des Großen zu, ich schlug meine Krallen in das Holz und
begann den Leuten ins Gewissen zu reden und ihnen klarzumachen, daß sie
Betrüger und selbst der einfachsten Sache nicht gewachsen seien, weil ihre
Augen trüb und kurzsichtig, ihre Seelen welk und ihre Gesichter schief seien.
Indem ich die Erlöser anklagte, begann ich solchen Unsinn zu reden, daß auch
meine Augen sich trübten, meine Seele ausfaserte und mein Gesicht schief
wurde. Und plötzlich war ich wie durch ein Wunder in einen Vogel mit lauter
Stimme verwandelt.
Ich sang so laut, daß es wohl auf der ganzen Welt keinen Winkel gab, in dem
mein Gesang nicht zu hören gewesen wäre. Und da alle meinem Gesange
lauschten und an der sonnigen Stelle, wo ich zu singen pflegte, bereits ein Käfig
hing und ich wußte, daß man mich einfangen und in diesen Käfig sperren würde,
empfand ich es als lästig und auch gefährlich, als Vogel weiterzuleben.
Um mich irgendwie zu retten und mir die Freiheit zu erhalten, senkte ich
meine Flügel und schlich mich als diebischer Fuchs in das schmutzige und
gemeine Wirtshaus ›Zu den lustigen Inseln‹ in der Werejskaja-Gasse, drängte
mich irgendwie durch die Masse der betrunkenen Gäste und setzte mich an den
ersten besten Tisch; um keinen Verdacht zu erregen, bestellte ich mir aber eine
Flasche vom stärksten und berauschendsten Weine.
Obwohl das Lokal gesteckt voll war und man sich gar nicht rühren konnte,
brachte es irgendeine Sascha Timofejewa fertig, sich an meinen Tisch zu setzen.
Sie umschlang meinen Hals mit einer Hand und suchte ihr Gesicht dem
meinigen zu nähern.