Prinzessin Mymra, Novellen und Träume

Alexej Remisow · Kapitel 19 von 42

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Prinzessin Mymra, Novellen und Träume

Das Los des Elenden Träume

Das Los des Elenden

 

Träume

Vom Tiger zum Haken

 

Ich bin der Tiger der alten, von Asche verschütteten, steinernen Stadt, auf Gottes

Geheiß geboren und nach dem Zeugnis König Davids zur Geduld verurteilt: Ich

bin vor der Zeit, in die Zeit und für die Zeit.

Ich lag träg und lässig in der Allee des Petersburger Sommergartens und

betrachtete das Publikum. Es gab nur wenig Spaziergänger, und ich hörte gar

kein Lachen, nur hie und da ein widerliches Kichern. Die meisten gingen mit

ernsten Gesichtern ihren Geschäften nach, und die Geschäfte, denen sie

nachgingen, wurden als etwas so ungemein Wichtiges hingestellt, als ob davon

das Heil der Welt abhinge. Ich sah nur die Rücken der Vorbeigehenden und

konnte nur aus ihren Worten und Äußerungen, die an mein Ohr schlugen,

schließen, was für Gesichter und was für Augen sie hatten. Die Empörung ließ

mich auf meine kräftigen Beine springen; ich stürzte voller Wut auf das

Häuschen Peters des Großen zu, ich schlug meine Krallen in das Holz und

begann den Leuten ins Gewissen zu reden und ihnen klarzumachen, daß sie

Betrüger und selbst der einfachsten Sache nicht gewachsen seien, weil ihre

Augen trüb und kurzsichtig, ihre Seelen welk und ihre Gesichter schief seien.

Indem ich die Erlöser anklagte, begann ich solchen Unsinn zu reden, daß auch

meine Augen sich trübten, meine Seele ausfaserte und mein Gesicht schief

wurde. Und plötzlich war ich wie durch ein Wunder in einen Vogel mit lauter

Stimme verwandelt.

Ich sang so laut, daß es wohl auf der ganzen Welt keinen Winkel gab, in dem

mein Gesang nicht zu hören gewesen wäre. Und da alle meinem Gesange

lauschten und an der sonnigen Stelle, wo ich zu singen pflegte, bereits ein Käfig

hing und ich wußte, daß man mich einfangen und in diesen Käfig sperren würde,

empfand ich es als lästig und auch gefährlich, als Vogel weiterzuleben.

Um mich irgendwie zu retten und mir die Freiheit zu erhalten, senkte ich

meine Flügel und schlich mich als diebischer Fuchs in das schmutzige und

gemeine Wirtshaus ›Zu den lustigen Inseln‹ in der Werejskaja-Gasse, drängte

mich irgendwie durch die Masse der betrunkenen Gäste und setzte mich an den

ersten besten Tisch; um keinen Verdacht zu erregen, bestellte ich mir aber eine

Flasche vom stärksten und berauschendsten Weine.

Obwohl das Lokal gesteckt voll war und man sich gar nicht rühren konnte,

brachte es irgendeine Sascha Timofejewa fertig, sich an meinen Tisch zu setzen.

Sie umschlang meinen Hals mit einer Hand und suchte ihr Gesicht dem

meinigen zu nähern.