Prinzessin Mymra, Novellen und Träume

Alexej Remisow · Kapitel 23 von 42

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Prinzessin Mymra, Novellen und Träume

Die Blume

Wir sahen zum Fenster hinaus: die Straßen waren von Flüchtlingen

überschwemmt, und zahlreiche Damen, mit Reisekoffern und gelben

Hutschachteln beladen, zogen über den Bürgersteig wie in einer

Kirchenprozession. Alle sagten, daß die Feuersbrunst entsetzlich sei und nicht so

bald ein Ende nehmen würde. Es roch nach Verbranntem.

Wir beschlossen, gleichfalls abzureisen. Wir nahmen uns eine Droschke und

fuhren zu dritt nach Moskau. Ohne uns in Moskau aufzuhalten, begaben wir uns

direkt nach der Sommerwohnung im Petrowski-Park. In der Sommerwohnung

trafen wir niemanden an. Etwas später erschien ein bekannter Schauspieler, und

wir erzählten ihm, welch ein furchtbarer Brand in Petersburg wüte, wie wir in

den Baracken gesessen hätten, wie es nach Verbranntem gerochen hätte und daß

wir dem Kutscher fünfundsiebzig Kopeken bezahlt hätten.

»Jetzt ist das Pferd hin«, sagte der Dichter. »Wie kann man auch?

Neunundzwanzig Werst von Petersburg nach Moskau, ohne Station zu machen,

und dann gleich wieder nach Petersburg zurück — das hält kein Pferd aus!«

 

Die Blume

 

Ich pflanzte meine Lieblingsblume um. Endlich war ich dazu gekommen. Ich

fühlte mich schuldbeladen ihr gegenüber: wenn man soviel andere Geschäfte

hat, kommt man selten dazu, sich um sie zu kümmern und das Gras auszujäten;

nun ist es schon zu einem dichten Gebüsch ausgewachsen! Immer habe ich

etwas zu tun, bald dies, bald jenes. ›Das ist ja eben das Wesen des Lebens, daß

man niemals Zeit hat!‹ hat mir einmal jemand gesagt. Nun, der Herr sei ihm

gnädig; möchte der, der es gesagt hat, auch in Zukunft niemals Zeit haben!

Ich schüttelte die Erde aus dem Blumentopf, ergriff die Blume am Stengel und

bemerkte unten, wo die Wurzeln einen Knoten bilden, einen kleinen Wurm.

Kaum hatte ich die Hand ausgestreckt, um den Wurm zu fassen, als er sich in

eine kleine Schlange verwandelte, und die kleine Schlange verwandelte sich,

ohne mit der Wimper zu zucken, in eine große. Nun begann ich vor Angst zu

zittern. Ich warf die Blume zu Boden und wollte weglaufen, aber die Beine

gehorchten mir nicht; ich wollte aufschreien, brachte aber keinen Ton hervor.

Die riesengroße geringelte Schlange Aspis tat ihren Rachen vor mir auf,

berührte mit ihrem glühenden Stachel meine kalte Nase und verwandelte sich in

einen Fisch mit vielen Zähnen. Mein Gott! Das war ja Echinia selbst! Ohne

lange zu überlegen, sperrte die Echinia (und nicht mehr die Aspis) ihren Rachen

noch weiter auf — ich hatte kaum Zeit, nach meiner Tasche zu greifen, und

stürzte in ihren Bauch. Da war es um mich geschehen.