Prinzessin Mymra, Novellen und Träume
Die Blume
Wir sahen zum Fenster hinaus: die Straßen waren von Flüchtlingen
überschwemmt, und zahlreiche Damen, mit Reisekoffern und gelben
Hutschachteln beladen, zogen über den Bürgersteig wie in einer
Kirchenprozession. Alle sagten, daß die Feuersbrunst entsetzlich sei und nicht so
bald ein Ende nehmen würde. Es roch nach Verbranntem.
Wir beschlossen, gleichfalls abzureisen. Wir nahmen uns eine Droschke und
fuhren zu dritt nach Moskau. Ohne uns in Moskau aufzuhalten, begaben wir uns
direkt nach der Sommerwohnung im Petrowski-Park. In der Sommerwohnung
trafen wir niemanden an. Etwas später erschien ein bekannter Schauspieler, und
wir erzählten ihm, welch ein furchtbarer Brand in Petersburg wüte, wie wir in
den Baracken gesessen hätten, wie es nach Verbranntem gerochen hätte und daß
wir dem Kutscher fünfundsiebzig Kopeken bezahlt hätten.
»Jetzt ist das Pferd hin«, sagte der Dichter. »Wie kann man auch?
Neunundzwanzig Werst von Petersburg nach Moskau, ohne Station zu machen,
und dann gleich wieder nach Petersburg zurück — das hält kein Pferd aus!«
Die Blume
Ich pflanzte meine Lieblingsblume um. Endlich war ich dazu gekommen. Ich
fühlte mich schuldbeladen ihr gegenüber: wenn man soviel andere Geschäfte
hat, kommt man selten dazu, sich um sie zu kümmern und das Gras auszujäten;
nun ist es schon zu einem dichten Gebüsch ausgewachsen! Immer habe ich
etwas zu tun, bald dies, bald jenes. ›Das ist ja eben das Wesen des Lebens, daß
man niemals Zeit hat!‹ hat mir einmal jemand gesagt. Nun, der Herr sei ihm
gnädig; möchte der, der es gesagt hat, auch in Zukunft niemals Zeit haben!
Ich schüttelte die Erde aus dem Blumentopf, ergriff die Blume am Stengel und
bemerkte unten, wo die Wurzeln einen Knoten bilden, einen kleinen Wurm.
Kaum hatte ich die Hand ausgestreckt, um den Wurm zu fassen, als er sich in
eine kleine Schlange verwandelte, und die kleine Schlange verwandelte sich,
ohne mit der Wimper zu zucken, in eine große. Nun begann ich vor Angst zu
zittern. Ich warf die Blume zu Boden und wollte weglaufen, aber die Beine
gehorchten mir nicht; ich wollte aufschreien, brachte aber keinen Ton hervor.
Die riesengroße geringelte Schlange Aspis tat ihren Rachen vor mir auf,
berührte mit ihrem glühenden Stachel meine kalte Nase und verwandelte sich in
einen Fisch mit vielen Zähnen. Mein Gott! Das war ja Echinia selbst! Ohne
lange zu überlegen, sperrte die Echinia (und nicht mehr die Aspis) ihren Rachen
noch weiter auf — ich hatte kaum Zeit, nach meiner Tasche zu greifen, und
stürzte in ihren Bauch. Da war es um mich geschehen.