Prinzessin Mymra, Novellen und Träume
Das Kind in den Ähren
mich wie eine Katze am Genick und schleuderte mich ins Wasser. Ich flog durch
alle Schichten des Wassers hindurch: durch die grüne, die trübe, die schwarze
und die tiefschwarze; dann kamen wieder eine trübe und eine grüne Schicht, und
ich saß wieder im Boot. Wir fahren, als ob nichts geschehen wäre, weiter; sobald
wir aber einen gewissen Punkt erreichen, zieht mein Ruderer wieder die Ruder
ein, und die ganze Geschichte beginnt von neuem. Und es ist gar kein Ende
abzusehen.
Das Kind in den Ähren
Ich ging über ein blühendes Kornfeld. Eine Lerche sang, und ein leiser
Windhauch brachte von einer eben gemähten Wiese frischen Heuduft. Mir
begegneten zwei Frauen, die einen Korb mit Feldblumen trugen; zwischen den
Blumen saß ein kleines Mädchen.
»Wo geht ihr hin?« fragte ich sie.
»Blumen pflücken«, antworteten die Frauen mit dem Korbe.
Ich schloß mich ihnen an. Wir gingen schweigend und kamen, ohne ein Wort
gesprochen zu haben, zum See.
»Da sind deine Blumen!« riefen lachend die Frauen, auf den See zeigend.
Ich stand allein am Seeufer und sah gar keine Blumen. Mit leeren Händen
ging ich wieder zurück. Das blühende Kornfeld wogte, und die Lerche sang.
Und plötzlich erblickte ich zwischen den Ähren dasselbe Mädchen, das man
vorhin im Korbe getragen hatte. Es stürzte auf mich zu, umschlang meinen Hals
mit den Ärmchen und sagte mir leise ins Ohr:
»Nimm mich mit!«
Ich setzte mir das Mädchen auf die Schulter, hatte aber noch keinen Schritt
mit dieser Last getan, als es plötzlich ringsum finster wurde, schwere
Gewitterwolken aufzogen und nur unmittelbar über meinem Kopfe ein
trichterförmiger grünlicher Lichtschein schwebte. Vom Boden erhoben sich aber
seltsame Vögel mit Schlangenschwänzen, und alles flog auf dieses Licht zu. Es
waren zahllose Vögel, sie schrien nicht, sondern blökten wie Stumme, und bald
war das Licht von ihren Schwänzen verdunkelt. Das Licht erlosch, und die
Vögel verstummten. In dieser Finsternis vernahm ich plötzlich aus weiter Ferne
die Stimme des kleinen Mädchens:
»Nimm mich mit!«
Ich weiß aber nicht einmal, was ich mit mir selbst anfangen soll.