Prinzessin Mymra, Novellen und Träume

Alexej Remisow · Kapitel 29 von 42

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Prinzessin Mymra, Novellen und Träume

Der Leichenwagen

hin, ergriff seine Hand, biß mich mit den Zähnen in sie hinein, berauschte mich

am dunklen, dicken Blut, das aus der Wunde emporsprudelte, und blickte ihm in

die Augen, die vor Schmerz trüb geworden waren. Ich blickte ihm lange in die

Augen und wußte es ganz gewiß: gleich wird er seine Hand befreien und mich

mit einem Schlage zermalmen.

Das Blut aber sprudelte unaufhörlich.

 

Der Leichenwagen

 

Wir wateten lange durch den Fluß, nur unsere Köpfe ragten aus dem Wasser.

Mein vor mehreren Jahren verstorbener Freund, der immer betrunken ist und ein

rotes, aufgedunsenes Gesicht hat, geht voraus, und ich gehe ihm nach. Er geht

mit trägen Schritten, den zerzausten grauen Kopf auf die Brust gesenkt, blickt

manchmal zurück und blinzelt mir zu. Endlich erreichen wir ein Haus und

kommen, naß wie wir sind, in den Saal. Im Saale findet gerade ein Ball statt; wir

sehen viele tanzende Paare und hören lustige Musik. Alle bleiben plötzlich

stehen, alle Blicke sind auf uns gerichtet. Wir aber sind patschnaß.

»Tanzen! Tanzen!« schreien plötzlich alle auf, die Musik schmettert von

neuem, und die Töne sind so ansteckend lustig, daß man Lust hat, unaufhörlich,

unermüdlich weiterzutanzen . . .

Ich habe aber keine Lust, noch länger durch den Fluß zu waten; ich steige

darum in den Zug und setze die Reise mit der Eisenbahn fort. Der Zug hält auf

freiem Felde. Ich trete in das Bahnwärterhäuschen und setze mich ans Fenster.

»Sie fahren, sie fahren!« murmelte der Weichensteller im Vorbeigehen, und im

gleichen Augenblick fuhr eine Equipage vorbei. Ich sah ein junges Paar darin

sitzen; sie war im Brautkleide und er im Frack.

Sobald die Equipage mit dem Brautpaar verschwunden war, kam polternd ein

riesengroßer Leichenwagen gefahren, und im Wagen lag ein riesengroßer

Leichnam. Die Pferde liefen Galopp, auf dem Bock saß kein Kutscher, und

niemand lenkte das Gespann.

Ich sprang aus dem Bahnwärterhäuschen und ging quer über das Feld. Das

Feld war staubig, ebenso der Wind.

 

Der Turm

 

Es ist ungemein schwierig, fast unmöglich, diesen sonderbaren turmähnlichen, innen vollkommen hohlen Bau zu besteigen. Die Stufen sind so abgenagt, daß

man stellenweise Schritte von anderthalb Klaftern machen muß. Wir steigen in

großer Gesellschaft hinauf, kennen aber einander nicht, wenn wir auch so tun,

als ob wir einander durch und durch kennten. Hinunterschauen ist verboten; wer

es trotzdem tut — es gab auch solche Helden unter uns —, der ist erledigt: der

fliegt kopfüber in den Keller. Niemand hat den Keller gesehen, aber alle wissen,

daß er tatsächlich existiert und sehr kalt und finster ist. Endlich erreichen wir die

obere Plattform; sie ist fest gebaut, ganz aus Eisen und wird von eisernen Balken

gestützt.

Eine Lehrerin — oder Nonne, die früher einmal Lehrerin gewesen ist — steht

oben und zeigt jedem von uns durch das offene Fenster die Welt. Sie sagt

ausdrücklich:

»Schaut, Kinder, da ist die Welt.«

Wir sehen den Sonnenuntergang, kolossale Häuser, riesenhafte Ziehbrunnen,

Feuerwehrdepots und eine Kirche mit hohem Glockenturm; oben am Kreuze der

Kirche kleben andere Menschen und betrachten gleich uns die Welt. Die Gefahr

ist dort wohl viel größer als bei uns; es ist ganz unverständlich, wie sie sich da

überhaupt festhalten können und nicht herunterfallen!

Es ist aber verboten, allzulange auf die Welt zu schauen. Die Lehrerin gibt

einem jeden von uns ein Stück Talg. Wir schmieren uns damit die rechten Hüften

ein, die Frauen binden ihre Röcke hoch, und nun beginnt der Abstieg: wenn man

richtig eingefettet ist, gleitet man ganz leicht den Strick hinab.

»Hier unten gibt es doch sicher alte Fresken?« frage ich meinen Nachbarn,

einen alten Mann in Aluminiumstiefeln.

»Ja, der Bau ist alt, sehr alt, stammt noch aus Kains Zeiten!«

Ein altes Mütterchen mit Mäusepfoten bekreuzigt sich.

»Es gibt hier allerlei Heiligenbilder«, sagt sie, mit ihrem einzigen Finger auf

die Mauer zeigend, »geweihte und ungeweihte: das ›Waisenkind Jesus‹, die

›Vier Festtage‹ . . .«

Es hängen tatsächlich viele Heiligenbilder an den Wänden, und durch die

kleinen, vergitterten Fenster, an denen wir vorbeigleiten, sind Mönche zu sehen.

Am Keller schleichen wir mit größter Vorsicht vorbei, denn wir fürchten

hinunterzufallen.

»Wenn aber jemand zu Gott beten will?« fragt die Alte mit den Mäusepfoten.

»Alles hängt von Mirax Miraxowitsch ab«, sagt ein gehörnter junger Mann.

Wir drängen uns zusammen und geben uns Mühe, eine einzige kompakte

Masse zu bilden, denn die Rothäute, die in den um den Keller herum gelegenen

Zimmern wohnen, sind erwacht. Da haben sie eben einen Jungen gepackt und

weggeschleppt. Die Hühnerfedern, die ihre roten Hüften verdecken, flimmern nur so. Wir werden unser immer weniger, sie aber bilden eine ganze Armee.