Prinzessin Mymra, Novellen und Träume

Alexej Remisow · Kapitel 42 von 42

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Prinzessin Mymra, Novellen und Träume

Am Krankenbett

der Priester mit dem Schultertuch. Der Küster sang. Außer uns war niemand in

der Kirche. Und wir schämten uns, daß wir die einzigen waren.

Die Abendmesse ging zu Ende. Wir gingen auf den Priester zu, um seinen

Segen zu empfangen. Da trat aus der Sakristei der Küster und sagte zu meinem

Bruder:

»Sie haben alles, um zu wachsen; und Sie«, er wandte sich an mich, »Sie

haben nichts.«

Ich sage mir: Mein Bruder hat ja wirklich seine Matrosenjacke an, und wenn

er sie noch weiter trägt, wird er aus ihr herauswachsen; ich aber habe nichts. Und

nun erstarre ich vor Angst: dicht vor mir steht ein Mann, der, ich fühle es, etwas

Böses gegen mich im Schilde führt. Ich stürze sofort ans Fenster und frage mich:

warum verkehrt mein Bruder mit so einem Menschen? In diesem Augenblick

kommt in das Haus, in das ich geraten bin, mein Bekannter, der Lahme, und

reicht mir eine Schusterahle. Mit diesem Werkzeug wollte er mich also

erstechen! Wir stiegen in ein Boot und stießen, wie die Nachtigallen

schmetternd, vom Ufer ab. Ein Knabe sprang zu uns herein, und das Boot

begann langsam zu sinken.

 

Am Krankenbett

 

Seit einigen Tagen weiche ich nicht von der kranken alten Frau: sie hat dicke

Beine und eine Vogelnase. Sie liegt im Bett und stöhnt, und ich sitze neben ihr

auf einem Stuhl und erfülle alle ihre Wünsche und Launen. Ich habe Angst, sie

zu verlassen, denn sie ist sehr unruhig. Nun scheint mir, daß sie eingeschlafen

ist. Gott sei Dank, sie ist wirklich eingeschlafen! Ich schleiche mich leise aus

dem Zimmer. Wie ich nach einer Weile hineinschaue, sehe ich, daß aus dem

Ofen nur noch ihre Beine herausragen. Mein Gott, was ist denn das?! Ich stürze

mich zu ihr hin, um sie aus dem Ofen zu ziehen, packe sie an den Beinen, die

Beine sind aber schon tot.

 

Die Mutter

 

Ein heiterer Tag des Altweibersommers. Ich bin auf die Terrasse getreten und

schaue in den entlaubten Garten hinaus. Und ich sehe, wie auf dem mit gelbem

Laub bedeckten Wege, der zur Terrasse führt, eine alte Frau geht. Sie ist uralt

und abgerissen, ihr Gesicht ist feucht, voller Runzeln und scheint ganz schwarz zu sein. Ich empfinde eine unheimliche Angst vor der Alten; ich fühle, daß sie

etwas Häßliches im Sinn hat. Ich laufe von der Terrasse ins Haus, rase die

Treppe hinauf und höre, daß auch sie die Treppe hinaufläuft. Ich stürze in eines

der Zimmer, sie mir nach; ich will in ein anderes Zimmer, aber sie ist auch schon

da. Ich verkrieche mich in die Ecke des Bettes und schrumpfe ganz zusammen.

›Mein Gott!‹ denke ich mir, ›laß das Unheil an mir vorüberziehen!‹

»Warum fürchtest du mich?« höre ich die Stimme der Alten: »Ich bin doch

deine Mutter!«

»Meine Mutter sieht ganz anders aus«, sage ich ihr, denke mir aber dabei:

›Wie hat sich meine Mutter so furchtbar verändern können?‹

Die Alte aber beugte sich über mich und packte mich an der Kehle. Ich schrie

auf.

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Alexej Remisow

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