Prinzessin Mymra, Novellen und Träume
Am Krankenbett
der Priester mit dem Schultertuch. Der Küster sang. Außer uns war niemand in
der Kirche. Und wir schämten uns, daß wir die einzigen waren.
Die Abendmesse ging zu Ende. Wir gingen auf den Priester zu, um seinen
Segen zu empfangen. Da trat aus der Sakristei der Küster und sagte zu meinem
Bruder:
»Sie haben alles, um zu wachsen; und Sie«, er wandte sich an mich, »Sie
haben nichts.«
Ich sage mir: Mein Bruder hat ja wirklich seine Matrosenjacke an, und wenn
er sie noch weiter trägt, wird er aus ihr herauswachsen; ich aber habe nichts. Und
nun erstarre ich vor Angst: dicht vor mir steht ein Mann, der, ich fühle es, etwas
Böses gegen mich im Schilde führt. Ich stürze sofort ans Fenster und frage mich:
warum verkehrt mein Bruder mit so einem Menschen? In diesem Augenblick
kommt in das Haus, in das ich geraten bin, mein Bekannter, der Lahme, und
reicht mir eine Schusterahle. Mit diesem Werkzeug wollte er mich also
erstechen! Wir stiegen in ein Boot und stießen, wie die Nachtigallen
schmetternd, vom Ufer ab. Ein Knabe sprang zu uns herein, und das Boot
begann langsam zu sinken.
Am Krankenbett
Seit einigen Tagen weiche ich nicht von der kranken alten Frau: sie hat dicke
Beine und eine Vogelnase. Sie liegt im Bett und stöhnt, und ich sitze neben ihr
auf einem Stuhl und erfülle alle ihre Wünsche und Launen. Ich habe Angst, sie
zu verlassen, denn sie ist sehr unruhig. Nun scheint mir, daß sie eingeschlafen
ist. Gott sei Dank, sie ist wirklich eingeschlafen! Ich schleiche mich leise aus
dem Zimmer. Wie ich nach einer Weile hineinschaue, sehe ich, daß aus dem
Ofen nur noch ihre Beine herausragen. Mein Gott, was ist denn das?! Ich stürze
mich zu ihr hin, um sie aus dem Ofen zu ziehen, packe sie an den Beinen, die
Beine sind aber schon tot.
Die Mutter
Ein heiterer Tag des Altweibersommers. Ich bin auf die Terrasse getreten und
schaue in den entlaubten Garten hinaus. Und ich sehe, wie auf dem mit gelbem
Laub bedeckten Wege, der zur Terrasse führt, eine alte Frau geht. Sie ist uralt
und abgerissen, ihr Gesicht ist feucht, voller Runzeln und scheint ganz schwarz zu sein. Ich empfinde eine unheimliche Angst vor der Alten; ich fühle, daß sie
etwas Häßliches im Sinn hat. Ich laufe von der Terrasse ins Haus, rase die
Treppe hinauf und höre, daß auch sie die Treppe hinaufläuft. Ich stürze in eines
der Zimmer, sie mir nach; ich will in ein anderes Zimmer, aber sie ist auch schon
da. Ich verkrieche mich in die Ecke des Bettes und schrumpfe ganz zusammen.
›Mein Gott!‹ denke ich mir, ›laß das Unheil an mir vorüberziehen!‹
»Warum fürchtest du mich?« höre ich die Stimme der Alten: »Ich bin doch
deine Mutter!«
»Meine Mutter sieht ganz anders aus«, sage ich ihr, denke mir aber dabei:
›Wie hat sich meine Mutter so furchtbar verändern können?‹
Die Alte aber beugte sich über mich und packte mich an der Kehle. Ich schrie
auf.
Sie haben Prinzessin Mymra, Novellen und Träume zu Ende gelesen
Alexej Remisow
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