Prinzessin Mymra, Novellen und Träume
Prinzessin Mymra
1
Schön hat es Atja in Kljutschi gehabt: so schön, daß er, wenn die Erinnerung
daran auch nur in einem winzigen Stückchen durch sein Gedächtnis huscht,
sofort alles übrige, alles, was ihn jetzt umgibt, vergißt; der Alte Newski, wo er
mit seinen Eltern wohnt, das Gymnasium mit den Aufgaben, Zensuren und
Pausen, alle Lehrer — vom ›Deutschen‹ Iwan Martynytsch bis zum
Schönschreiblehrer Iwan Jewsejitsch, alle Schüler der ersten Klasse und sogar
seine Busenfreunde — Romaschka und Charpik —, alles versinkt und
verschwindet, als wäre es nie gewesen, als hätte es überhaupt niemals etwas
anderes in der Welt gegeben als das Dorf Kljutschi.
»Die Arbeit ist kein Wolf und rennt mir nicht davon«, sagt sich Atja. Er legt
das verhaßte Lehrbuch weg und gibt sich ganz den Erinnerungen hin.
Oder er erwacht mitten in der Nacht — es genügt auch das leiseste Geräusch:
jemand schnarcht in der Küche, oder sein Bett knarrt —, und dann ist ihm sofort,
als liege er nicht in seinem Bett, sondern auf dem grünen Rasen, als sei er nicht
in Petersburg, sondern fern von hier, im geliebten Kljutschi, wo er aufgewachsen
war und bis zu seinem Eintritt ins Gymnasium bei seinem Großvater, dem
Landgeistlichen P. Anissim, gelebt hatte. Und dann liegt er die ganze Nacht da
und sucht sich das Rauschen des Windes und der Ähren vorzustellen, um endlich
wieder einschlafen zu können. Der Schlaf will aber nicht kommen. Hätte er nur
Flügel oder den fliegenden Zauberteppich, so würde er sofort allem ade sagen
und nach Kljutschi fortfliegen.
Das Kirchdorf liegt auf einer Anhöhe. Unten steht die weiße Kirche. Der
Kirche gegenüber liegt das Haus des Großvaters mit dem Garten und den
Bienenstöcken. Gleich hinter dem Zaun fließt der Fluß vorbei. Kossa heißt der
Fluß. Und hinter dem Flusse sind Felder; auch hinter der Kirche sind Felder.
Und dann kommt wieder eine Anhöhe, und dann zieht sich viele Werst weit ein
Wald hin. Es ist ein dichter, nach Honig duftender, noch von keiner Axt
berührter Wald. Ein Tier kann da noch einigermaßen durchkommen, aber der
Mensch muß schon gut aufpassen. Die Ameisenhaufen sind hier wie
Heuschober. Wenn man im Herbst in den Wald geht, um Pfifferlinge oder
Reizker zu suchen, so zündet man die Ameisenhaufen an: die Wölfe können den
Ameisengeruch nicht leiden; es ist ein gutes Mittel gegen die Wölfe.
Auf dem weißen Kirchturm wohnen die Schwalben; es sind ihrer unzählige.
Sobald die Sonne untergegangen ist, beginnen sie herumzujagen und beim
Fliegen in ihrer Sprache zu reden. Die Schwalben sind alt: jedes Frühjahr
kommen sie wieder auf den Kirchturm von Kljutschi. Was lockt sie her? Das
Läuten der ausgeläuteten kleinen Kirchenglocken? Oder hängen sie so am alten
Großvater? Die Schwalben wissen viel und können sich wohl an vieles erinnern:
wie der Großvater noch jung war, wie seine Frau starb, wie Atjas Mutter zur
Welt kam . . . Und jetzt:
»Atja ist wieder da«, rufen die Schwalben. »Wie furchtbar groß ist er über den
Winter geworden!«
Ziegen und Schafe, Kühe und Kälber, Schweine und Pferde, Gänse und
Truthühner — alle wissen sofort, daß Atja wieder da ist. Tiere und Vögel sind ja
verständig und empfinden mit ihren Haaren und Federn alles.
Von der Bahnstation Medwedki kann man, wenn man schnell fährt, in einem
Tag nach Kljutschi kommen. Atja setzt sich in den Korbwagen, Fjodor-Kostyl
tut einen Pfiff und die kräftigen braunen Pferde ziehen an und rasen ohne Weg
und Steg von Berg zu Berg, von Wald zu Wald, von Dorf zu Dorf, daß man
kaum Zeit hat, die Tore zu öffnen. Der Staub steigt wie Rauch empor; an den
Straßen stehen aber statt der langweiligen Werstpfähle Wotjakenmädchen in
seidengestickten weißen Kleidern und silberverziertem Kopfschmuck.
Wotjakische Lieder, wild wie das Rauschen des Waldes, tief wie das Tosen des
Hochwassers, klangvoller als der Gesang des Schilfes und heller als die Töne der
Schalmei schweben grüßend über den Köpfen dahin; und der Wind, der aus den
Bergen kommt, singt dazu bald wehmütig und bald lustig. Klinge, Glöckchen!
Das Glöckchen ist aber schon müde wie die Pferde und kann nur noch dumpf
bimmeln. Schon ist man an der Mühle vorbeigefahren, der Mühlendamm
erdröhnt unter den Rädern; da ist der Hegeforst, der heilige Hain des
Wotjakengottes Keremet. Lebt dieser stolze Gott noch, der trotzige Bruder
Inmars, des Schöpfers von Himmel, Erde und Sonne? »Er lebt!« flüstert der
Hain . . . Und da ist schon Schaimy — der alte wotjakische Friedhof. Wenn man
im Dorf das Glöckchen hört, rennen alle hinaus: Panja und Sascha kommen aus
der Küche gestürzt, die Patin, die vor Freude plötzlich lahm geworden ist, hinkt
Atja entgegen, und das Hündchen Griwna beginnt zu winseln. Großvater ist
nicht dabei: er ist in der Kirche.
Atja begibt sich sofort zu den Hühnern. Bei den Hühnern wohnt aber ein
Hase; es ist eigentlich nur ein Kaninchen, aber man nennt es einen Hasen. Seht
doch nur: sonst fürchtet das Tier alle Menschen, vor Atja aber hat es gar keine
Scheu.
»Guten Tag, Häschen! Gib schön die Pfote!«
Das Häschen hat ihn schon erkannt und miaut.
Da ist auch schon der Großvater: er konnte es nicht länger aushalten, hat die
Kirchenbücher liegenlassen und kommt gegangen.
Am frühen Morgen, sobald das Morgenrot sich über Berg und Wald ergießt
und die Sonne aufsteht, steht auch Atja auf und läuft zum Fluß baden. Und dann
beginnt sein Arbeitstag: er muß den Dünger hinausfahren. Erst wenn der Abend
anbricht und die untergehende Sonne der lockigen Linde einen goldenen Kranz
aufsetzt, geht Atja, über und über mit Ackererde beschmiert, nach Hause. Dann
sieht er wirklich nett aus! Der Großvater sagt aber:
»Das ist mir ein tüchtiger Landwirt!«
»Zehn Fuhren habe ich hinausgefahren, Großvater!« sagt darauf Atja lachend.
Wenn Atja lacht, zeigt er seine gesunden, breiten, weißen Zähne, und man
möchte ihn immer lachen sehen.
Der Alte und der Junge halten treu zusammen: niemals wird sich der eine
ohne den anderen zu Tisch setzen. Beim Abendtee liest Atja vor, was am
betreffenden Tage auf dem Abreißkalender steht. Bauernregeln und
Wetterprophezeiungen; manchmal liest er auch aus einem Buche vor, meistens
arabische Märchen aus Tausendundeine Nacht. Großvater hört gern zu.
»Da hast du fünf Kopeken für deine Arbeit, aber vernasche sie nicht.«
»Was ich im vorigen Jahr zusammengearbeitet habe, das habe ich alles in
Petersburg vernascht, Großvater! Ich habe mir für das Geld auch ein Nilpferd
angesehen«, sagt Atja lachend. Und wenn er lacht, so leuchten seine Augen auf
wie Glühwürmchen, und allen wird so lustig zumute.
Und so vergeht ein Tag nach dem andern, und die Zeit fließt dahin wie der
Fluß.
Nun ist auch schon der ›Neunte Freitag‹ angebrochen. Das Volk strömt in
Scharen herbei. In der Prozession um das Dorf geht Atja mit dem Kreuz voran.
Hinter den Heiligenbildern kommt das Volk, und hinter dem Volk das Vieh:
Ziegen, Schafe, Hammel, Kühe und Pferde; sie müssen ja unbedingt dabei sein!
Auch der Hase nimmt an der Prozession teil; er geht natürlich nicht wie eine
Kuh auf den eigenen Beinen, sondern wird von der Patin auf den Armen
getragen: sonst würde er ja gleich in den Wald weglaufen.
Man erwartet den Onkel Arkadi. Man spricht nur von ihm. Die Patin hat ihn
im Traume gesehen: er kam weiß gekleidet aus der Speisekammer heraus und
sprang mit einem Satz auf den Dachboden hinauf. Sie traute dem Traum und buk
zum Tee Pastetchen. Die Pastetchen waren gebuttert und so schmackhaft, daß sie
von selbst im Munde zerschmolzen. Atja aß auch die Portion des Onkels Arkadi
auf. Wann kommt er denn endlich? Die Petrifasten stehen vor der Tür: da muß
man Gründlinge haben. Ach, wenn man doch endlich mit dem Angeln beginnen könnte!
Atja ist ein tapferer Junge: er reitet auf jedem Pferd und schwimmt im Fluß
bei jedem Wetter; aber vor den Leichen hat er Angst. Wenn sie vor der
Einsegnung unter dem Glockenturm stehen, fürchtet er sich, abends aus dem
Fenster auf die Kirche zu schauen, und will um nichts in der Welt allein zu Bett
gehen: er sieht überall Gespenster. Panja oder die Patin oder der alte Wotjake
Kusmitsch mit der abgehackten Hand müssen ihn auf den Dachboden begleiten
und ihm vor dem Einschlafen Märchen oder sonst etwas erzählen; dann schläft
er ruhig ein. Wenn man aber die Toten in die Kirche bringt oder den Sarg auf den
Friedhof hinausträgt, läuft Atja jedesmal hinaus und lauscht dem Trauergeläute.
Der Kirchenwächter Kostja schaufelt die Gräber und läutet die Glocken. Es sind
zehn dumpfe, langsame Glockenschläge; die ersten klingen dünn und hoch, die
folgenden immer tiefer, trauriger und unheimlicher; der zehnte dröhnt aber so,
als ob alle Glocken vom Turm herabstürzten.
Heiliger Gott, Heiliger Starker,
Heiliger Unsterblicher,
Sei uns gnädig!
Atja nimmt an jedem Gottesdienst teil. Er steht im Chor und singt mit, es kommt
dabei aber nichts Gescheites heraus: er kann sich unmöglich den Küstern
anpassen; die Küster sind ja einer älter als der andere!
»Mein junger Psalmleser«, sagt Großvater anerkennend, »morgen müssen wir
nach Polom zu einem Dankgottesdienst.«
Und Atja begleitet seinen Großvater in die Dörfer und Kirchdörfer, hält mit
ihm Gottesdienste ab und ißt Ochsenfleisch mit Brei. Atja kommt sich selbst wie
ein echter Hilfsgeistlicher vor; wenn er älter wird, so wird er auch Geistlicher
sein wie der Großvater; Onkel Arkadi wird ihm nicht mehr das Haar scheren
dürfen: er wird langes Haar tragen, bis zum Gürtel wird es ihm reichen; und er
wird es nicht in zwei Zöpfe flechten wie der Großvater, sondern in
zweiundzwanzig.
Onkel Arkadi! Endlich ist er angekommen und hat eine Menge Netze und
Angeln mitgebracht; die Angelhaken allein füllten beinahe den großen
Reisekorb. Atja angelt. Die Fische lassen sich gern von ihm fangen: einmal hat
er einen so großen Brachsen gefangen, daß keine Pfanne groß genug war, um ihn
zu braten; man könnte ihn wirklich wieder schwimmen lassen. Und Atja lacht.
An den Abenden gibt es eine neue Zerstreuung: die Dohlen. Die Dohlen
haben die Angewohnheit, jeden Abend vom Felde in den Garten zu kommen und
im Gartenhause ihr Nachtquartier aufzuschlagen. Nach ihrem Besuch sieht es
aber im Gartenhaus gar nicht schön aus. Aber man kann doch nicht wegen der Dohlen den Tee im Zimmer trinken! Der Tee will doch mit Behagen getrunken
werden: man liebt in Kljutschi das Teetrinken über alles, besonders aber im
Freien. Onkel Arkadi pflegt die Dohlen zu verscheuchen: er schüttelt die Bäume
und schreit so durchdringend auf, daß nicht nur die Dohlen davonfliegen,
sondern auch der Zaun wackelt, die Fenster in der Kirche klirren und selbst die
noch nicht eingesegneten Toten unter dem Glockenturm sich irgendwohin
verkriechen möchten, zum Beispiel in das alte Badehaus. Atja kann es absolut
nicht lernen, die Dohlen zu verscheuchen und wie der Onkel zu schreien.
»Großvater, die Bienen singen!« meldet Atja.
Nun läßt man alles stehen und liegen; niemand denkt mehr an Essen und
Trinken. Das ganze Haus ist auf den Beinen. Großvater, Onkel Arkadi, die Patin,
Panja, Sascha, Kusmitsch und natürlich auch Atja binden sich Siebe vor die
Gesichter, kauern den ganzen Tag vor dem Bienenstock und warten, bis die
Königin ausfliegt. Sobald die Königin heraus ist, rennen sie alle wie ein
Bienenschwarm über Beete und Sträucher, springen über Zäune und laufen übers
Feld, bis sie sie irgendwo im Walde einfangen. Gott sei Dank, nun wird es einen
neuen Bienenstock geben, und der Honig wird über den ganzen Winter bis zum
Frühjahr reichen.
Das Winterkorn ist reif, der Hafer ist gewachsen. Bald ist das Fest der
Muttergottes von Kasan. In Kljutschi ist Jahrmarkt. Der ›Seher‹ Syssojuschka
kommt zu jedem Jahrmarkt ins Dorf Auch viele Gäste kommen. Die Patin bäckt
einen Fleischkuchen; der ist so gut, daß man für ihn alles hingeben möchte.
Furchtbar lustig ist es dann! Warum dauert das Fest der Muttergottes von Kasan
nicht das ganze Jahr?
Auf der Dorfstraße tanzen die Wotjakenmädchen einen Reigen. Sie stellen
sich im Kreise auf und drehen sich langsam, mit den Absätzen im Takte
stampfend, zu den eintönigen Klängen der Balalaika. So geht es lange langsam
im Kreise herum; plötzlich schwingen sie die Arme, flattern wie Vögel auf und
wechseln die Plätze. Und dann gehen sie wieder lange und langsam unermüdlich
im Kreise herum; die Silberschnüre an ihrem Kopfputz rascheln ohne Wind, ihre
Fingerringe funkeln ohne Licht.
Onkel Arkadi nimmt Atja mit, um dem Reigen zuzusehen. Sie stehen abseits
bei den Burschen. Die Burschen stehen schweigend da und rühren kein Glied.
Atja ist es etwas unheimlich zumute; bald will er mitten in den Reigen
hineinspringen, sich mit den Mädchen im Kreise drehen und, wenn sie
aufflattern, um die Plätze zu wechseln, sich wie ein Vogel in die Luft schwingen;
bald denkt er wieder an die zehn dumpfen Glockenschläge, und da krampft sich
sein Herz zusammen: sind es nicht die Toten, die aus der Kirche gekommen sind
und sich hier im Reigen drehen? Dunkle Nebel umschweben sie, und am Himmel leuchten blasse Sterne.