Prinzessin Mymra, Novellen und Träume
Kapitel 4
meinem Gebete nicht, ich konnte es nicht übers Herz bringen . . . Wie ich nach
Hause komme, erfahre ich, daß bei uns eine Feuersbrunst ausgebrochen war und
dein Vater todkrank darniederlag . . . Um ein Haar wäre er verbrannt . . . Also
hatte der Herr mein Gebet erhört und das Haus und den Vater verschont. Ich war
ganz glücklich, und wir lebten weiter, als ob nichts geschehen wäre . . . Und jetzt
. . . Alles kommt von meinem Gebet. Wußte ich denn, daß ich sie in diesem
Alter verlieren würde?«
Alexandra Pawlowna quälte sich furchtbar und ließ Sonja nicht von ihrer
Seite.
Auch Pjotr Nikolajewitsch war jetzt zerstreut und unruhig: auch ihn quälte
wohl ein Gedanke. Er konnte nicht mehr seinen gewohnten Beschäftigungen
nachgehen. Abends machte er noch den Versuch, den großen Schrank im
Eßzimmer umzustellen; er rückte ihn von seiner alten Stelle weg, hatte aber
nicht mehr die Kraft, ihn bis an die neue Stelle zu schieben. So blieb der Schrank
mitten im Zimmer stehen. Dann griff er nach seinem Schürhaken; doch auch mit
dem Heizen wollte es heute nicht recht gehen. Von Zeit zu Zeit kam er ins
Schlafzimmer, setzte sich für einen Augenblick auf den Bettrand und ging dann
wieder hinaus, seine Frau und Tochter in Verzweiflung zurücklassend.
»Alle waren verlorengegangen — Mischa, Lida, Sina und Sonja, und alle
haben sich wieder eingefunden, bis auf Sonja . . . Sonja fehlt noch . . .«
murmelte er leise vor sich hin. Man wußte nicht, an wen er diese Worte richtete:
an den alten Michej, an den Ofensetzer Kusma oder an die Wirtschafterin Darja
Iwanowna, die jetzt die Hausfrau vertrat.
Erst am späten Abend beruhigte er sich, ging in sein Zimmer und legte sich
schlafen. Der Kammerdiener Michej wich keinen Augenblick von seiner Seite.
So unheimlich und öde wurde es im alten Haus, so kalt in allen Winkeln. Wo
war alles hingekommen — Friede, Lachen, Glück? Drei Särge — drei Tode
ließen das warme Herdfeuer im Hause erkalten.
4
Alle diese Ereignisse, die sich innerhalb nur eines Monats abgespielt hatten,
wurden natürlich in der ganzen Gegend viel besprochen, und das alte Gerede
lebte wieder auf »Da geht es nicht mit rechten Dingen zu!« — erklärte man
sofort nicht nur auf dem nahen Gute Kostomarowka und dem etwas weiter
entfernten Britany, sondern auch in Motowilowka und selbstverständlich auch in
der Stadt. Was? Wieso? Warum? Und es ging los. Die ganze Geschichte von ›Gottessegen‹ und das ganze Leben der Suchotins wurden haarklein untersucht
und kommentiert, alle Großmütter und Großtanten wurden zitiert, und selbst
solche Ereignisse, die sich entweder gar nicht, oder jedenfalls nicht bei den
Suchotins, sondern, sagen wir, bei den Muromzews zugetragen hatten, wurden
erörtert. Und alle Geschichten, jeder Klatsch kam wieder ans Licht: seht nur,
meine Herrschaften, urteilt selbst! Uns war ja alles schon früher bekannt!
Aus irgendeinem Grunde klammerte man sich an jenen geheimnisvollen
General, den Jugendfreund Pjotr Nikolajewitschs, der seinerzeit, Gott weiß
warum, aus ›Gottessegen‹ geflohen war. Und alle waren darin einig, daß der
General alles wisse und jede Aufklärung geben könne. Wie soll man ihn aber
finden? Jemand sagte: den Perewerdejew kennt ja ganz Petersburg. Folglich ist
er in Petersburg? Gewiß! Der Gouverneur fragte also dringend in Petersburg an.
Die Antwort traf, wie ich glaube, noch am gleichen Tage ein: in Petersburg gebe
es General, soviel man wolle, und selbst mit solchen Familiennamen, die man in
Damengesellschaft gar nicht aussprechen könne; ein Perewerdejew sei aber
unbekannt. Sollte vielleicht ein General Perewersew gemeint sein?
Und während man Nachforschungen nach einem General Perewersew
anstellte, verrichtete ein eiserner Jemand gelassen und sicher sein sicheres Werk,
ohne jemandem Rechenschaft darüber abzulegen; ein gnadenloser jemand
näherte sich in Siebenmeilenstiefeln aus weiter Ferne, um Gericht zu halten.
Ohne Alexandra Pawlownas Leitung mußte die Wirtschaft in Unordnung
geraten; sie spannte ihre letzten Kräfte an, um die alte Ordnung
aufrechtzuerhalten und für den Mann und die Tochter zu sorgen: für den Mann,
dem zuliebe sie das große Opfer gebracht hatte, und für die Tochter — der sie
jetzt ihre ganze Ruhe zu opfern bereit war.
Hatte sie sich nicht verrechnet, als sie in ihrem Gebet die drei älteren Kinder
opferte und Sonja vergaß oder vielmehr absichtlich verschwieg? Warum
verschwieg sie Sonja? Hätte sie das nicht getan, so wären vielleicht alle vier
verschont geblieben. Und wenn alle vier gestorben wären? Nein, das könnte
nicht sein: sie hätte ja alles geopfert, und wer alles opfert . . . Warum hatte sie
dennoch nicht alle geopfert? Diese Frage zermarterte ihr Hirn und ließ sie nicht
mehr los.
Und wenn jetzt auch Sonja stirbt? Sie sagte ja eben, daß sie alles opfern
möchte; also auch Sonja? — diese Frage machte sie erschaudern. Sie war wie
von Sinnen.
»Sonja, Sonja! Wo bist du?« Jeden Augenblick sah sie sich unruhig nach ihrer
Tochter um, obwohl diese nicht von ihrer Seite wich.
Zu den quälenden Gewissensbissen und der Sorge um die einzige Tochter
gesellte sich noch die Sorge um den geliebten Mann, dessen Leben mit dem Leben dreier teurer Kinder erkauft war. Pjotr Nikolajewitsch war ganz
heruntergekommen und verließ sein Zimmer nicht mehr; er konnte nur mit Mühe
seine Beine schleppen, sein Gesicht war blau angelaufen, seine Haare klebten
am Schädel, und seine welke, blasse Haut schien ganz lose am Körper zu
hängen.
In allen Zimmern verbreitete sich plötzlich ein übler, dumpfer Geruch.
Das Haus war alt und beherbergte eine Menge Ratten, — ganze Generationen
hausten unter den Dielen. Es kam vor, daß irgendeine uralte Ratte verendete; der
unerträgliche Geruch rührte wohl von einer solchen toten Ratte her. Zu einer
andern Zeit hätte Pjotr Nikolajewitsch sicher die Stelle gefunden, man hätte ein
Dielenbrett aufgebrochen und den Kadaver entfernt; er kümmerte sich aber nicht
mehr darum.
Allen, die jetzt noch nach ›Gottessegen‹ kamen, war es klar, daß es unmöglich
so weitergehen könne, daß früher oder später irgendein Ende, ganz gleich was
für eines, kommen müsse. Und alle warteten gespannt auf das Ende. Drei Tage
und drei Nächte wollte man noch warten. Zwei Tage und zwei Nächte waren
aber schon abgelaufen.
Am Samstag wurde im Hause eine Abendmesse gelesen. P. Iwan sparte nicht
mit dem Weihrauch, und alle gingen mit Kopfschmerzen zu Bett.
»Nachts ließ mich der gnädige Herr kommen«, berichtete später der alte
Michej, »und sagte mir: ›Lieber Michej, hole mir bitte gleich einen jungen Hahn
um Christi willen! Ich werde dir diesen Dienst nie vergessen!‹ — ›Gnädiger
Herr‹, sage ich ihm, ›was wollen Sie mit dem Hahn um diese Stunde? Es ist ja
Nacht!‹ Er sagt darauf nichts, blinzelt mir nur so mit einem Auge zu, als ob er
sagen wollte: Rate mal selbst, wozu ich ihn brauche! — Ich ging in den
Hühnerstall, suchte einen recht schönen, fetten Hahn aus und brachte ihn ihm.
Auch ein Messer brachte ich gleich mit. Der Herr nahm das Messer und begann
den Hahn zu schlachten; er hatte aber nicht mehr die Kraft, es ordentlich zu tun,
und der Hahn zappelte lange in seinen Händen. Endlich war er mit dem Hahn
doch fertig geworden, — eine große Blutlache war auf dem Boden, auch er
selbst war ganz mit Blut beschmiert. Das hatte ihn wohl etwas erleichtert. —
›Weißt du, Michej‹, sagte er mir dann, ›jetzt hätte ich Lust, mir eine Leiche
anzusehen!‹ — ›Gott sei mit Ihnen!‹ sage ich ihm. — ›Wo soll man jetzt eine
Leiche hernehmen?‹ Es überläuft mich ganz kalt, und ich sehe, daß auch der
Herr nur so mit den Zähnen klappert. — ›Und wo ist Sonja?‹ fragt er noch und
sieht mich dabei so an . . . Bis an mein Ende werde ich daran denken, wie er
mich ansah! — ›Im Schlafzimmer‹, sage ich ihm, ›bei der gnädigen Frau.‹ Da
beruhigte er sich ein wenig, und ich ging fort und legte mich hin.«
Die Haushälterin Darja Iwanowna erzählte: »Ich erwachte mitten in der Nacht und höre einen Kater miauen. Und ich denke mir: ›Was mag das für ein Kater
sein?‹ Ich rufe ihn an, doch er faucht nur so.«
»Einen Hahn haben wir wirklich krähen hören«, bestätigten die anderen
Hausbewohner.
Der Hahn brachte Pjotr Nikolajewitsch keine Erleichterung, und es war doch
so ein prächtiger Hahn gewesen! Seine Kräfte gingen zur Neige, es war ihm, als
ob er ersticken müßte. Er richtete sich in seinem Bett auf und keuchte:
»Alle waren verlorengegangen — Mischa, Lida, Sina und Sonja, und alle
haben sich wieder eingefunden, bis auf Sonja! Sonja fehlt noch!«
Das Verlangen, Sonja sofort zu suchen, trieb ihn aus dem Bett und führte ihn
aus dem Zimmer. Das Messer noch immer in der Hand haltend, kroch er auf
allen vieren ins Schlafzimmer seiner Frau.
Die Schlafzimmertür war nur angelehnt. Vor dem Heiligenbild glimmte ein
Öllämpchen. Sonja schlief bei ihrer Mutter, das Gesicht zur Tür gewandt.
»Mein kleines, liebes Hühnchen!« murmelte Pjotr Nikolajewitsch, an das Bett
herankriechend.
Sonja schlug die Augen auf und richtete sich auf. Mit Schrecken sah sie den
zitternden, blutbefleckten Vater und reckte ihren Schwanenhals.
»Du liebes, kleines Hühnchen!« flüsterte er und bemühte sich, vom Boden
aufzustehen.
Und er richtete sich auf.
Der Schwanenhals reckte sich im Schein des Öllämpchens unter dem
blitzenden Messer noch mehr. Einen Augenblick noch — und ein kirschrotes
Halsband hätte den Schwan erwürgt. Pjotr Nikolajewitsch hatte aber nicht mehr
die Kraft. Es gab keine Rettung mehr für ihn. Das Messer entglitt seiner Hand
und fiel zugleich mit der Haut, die sich von seinen Fingern loslöste, zu Boden.
Der Alte fuhr zusammen und setzte sich auf den Teppich. Er begann plötzlich
einzuschrumpfen. Die Nase, der Mund, die Ohren, alles Fleisch sammelte sich
zu dicken Falten, die sich aufblähten und zerplatzten, und ein dünner, klebriger
Brei löste sich von den weißen Knochen und floß zu Boden.
Das Licht des Lämpchens fiel auf einen ganz nackten, blinden Totenkopf; er
war weiß wie Zucker und schien zu grinsen. Im gleichen Augenblick wurde die
Tür von einem Flammenmeer aufgerissen. Die Flamme warf der Mutter, der
besinnungslosen Tochter und dem Totenkopf einen stechenden Blick zu, reckte
sich zur Zimmerdecke empor und flog als roter Hahn knisternd durch die
Räume.
Das Haus stand in Flammen.