Prinzessin Mymra, Novellen und Träume

Alexej Remisow · Kapitel 11 von 42

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Prinzessin Mymra, Novellen und Träume

Kapitel 4

meinem Gebete nicht, ich konnte es nicht übers Herz bringen . . . Wie ich nach

Hause komme, erfahre ich, daß bei uns eine Feuersbrunst ausgebrochen war und

dein Vater todkrank darniederlag . . . Um ein Haar wäre er verbrannt . . . Also

hatte der Herr mein Gebet erhört und das Haus und den Vater verschont. Ich war

ganz glücklich, und wir lebten weiter, als ob nichts geschehen wäre . . . Und jetzt

. . . Alles kommt von meinem Gebet. Wußte ich denn, daß ich sie in diesem

Alter verlieren würde?«

Alexandra Pawlowna quälte sich furchtbar und ließ Sonja nicht von ihrer

Seite.

Auch Pjotr Nikolajewitsch war jetzt zerstreut und unruhig: auch ihn quälte

wohl ein Gedanke. Er konnte nicht mehr seinen gewohnten Beschäftigungen

nachgehen. Abends machte er noch den Versuch, den großen Schrank im

Eßzimmer umzustellen; er rückte ihn von seiner alten Stelle weg, hatte aber

nicht mehr die Kraft, ihn bis an die neue Stelle zu schieben. So blieb der Schrank

mitten im Zimmer stehen. Dann griff er nach seinem Schürhaken; doch auch mit

dem Heizen wollte es heute nicht recht gehen. Von Zeit zu Zeit kam er ins

Schlafzimmer, setzte sich für einen Augenblick auf den Bettrand und ging dann

wieder hinaus, seine Frau und Tochter in Verzweiflung zurücklassend.

»Alle waren verlorengegangen — Mischa, Lida, Sina und Sonja, und alle

haben sich wieder eingefunden, bis auf Sonja . . . Sonja fehlt noch . . .«

murmelte er leise vor sich hin. Man wußte nicht, an wen er diese Worte richtete:

an den alten Michej, an den Ofensetzer Kusma oder an die Wirtschafterin Darja

Iwanowna, die jetzt die Hausfrau vertrat.

Erst am späten Abend beruhigte er sich, ging in sein Zimmer und legte sich

schlafen. Der Kammerdiener Michej wich keinen Augenblick von seiner Seite.

So unheimlich und öde wurde es im alten Haus, so kalt in allen Winkeln. Wo

war alles hingekommen — Friede, Lachen, Glück? Drei Särge — drei Tode

ließen das warme Herdfeuer im Hause erkalten.

 

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Alle diese Ereignisse, die sich innerhalb nur eines Monats abgespielt hatten,

wurden natürlich in der ganzen Gegend viel besprochen, und das alte Gerede

lebte wieder auf »Da geht es nicht mit rechten Dingen zu!« — erklärte man

sofort nicht nur auf dem nahen Gute Kostomarowka und dem etwas weiter

entfernten Britany, sondern auch in Motowilowka und selbstverständlich auch in

der Stadt. Was? Wieso? Warum? Und es ging los. Die ganze Geschichte von ›Gottessegen‹ und das ganze Leben der Suchotins wurden haarklein untersucht

und kommentiert, alle Großmütter und Großtanten wurden zitiert, und selbst

solche Ereignisse, die sich entweder gar nicht, oder jedenfalls nicht bei den

Suchotins, sondern, sagen wir, bei den Muromzews zugetragen hatten, wurden

erörtert. Und alle Geschichten, jeder Klatsch kam wieder ans Licht: seht nur,

meine Herrschaften, urteilt selbst! Uns war ja alles schon früher bekannt!

Aus irgendeinem Grunde klammerte man sich an jenen geheimnisvollen

General, den Jugendfreund Pjotr Nikolajewitschs, der seinerzeit, Gott weiß

warum, aus ›Gottessegen‹ geflohen war. Und alle waren darin einig, daß der

General alles wisse und jede Aufklärung geben könne. Wie soll man ihn aber

finden? Jemand sagte: den Perewerdejew kennt ja ganz Petersburg. Folglich ist

er in Petersburg? Gewiß! Der Gouverneur fragte also dringend in Petersburg an.

Die Antwort traf, wie ich glaube, noch am gleichen Tage ein: in Petersburg gebe

es General, soviel man wolle, und selbst mit solchen Familiennamen, die man in

Damengesellschaft gar nicht aussprechen könne; ein Perewerdejew sei aber

unbekannt. Sollte vielleicht ein General Perewersew gemeint sein?

Und während man Nachforschungen nach einem General Perewersew

anstellte, verrichtete ein eiserner Jemand gelassen und sicher sein sicheres Werk,

ohne jemandem Rechenschaft darüber abzulegen; ein gnadenloser jemand

näherte sich in Siebenmeilenstiefeln aus weiter Ferne, um Gericht zu halten.

Ohne Alexandra Pawlownas Leitung mußte die Wirtschaft in Unordnung

geraten; sie spannte ihre letzten Kräfte an, um die alte Ordnung

aufrechtzuerhalten und für den Mann und die Tochter zu sorgen: für den Mann,

dem zuliebe sie das große Opfer gebracht hatte, und für die Tochter — der sie

jetzt ihre ganze Ruhe zu opfern bereit war.

Hatte sie sich nicht verrechnet, als sie in ihrem Gebet die drei älteren Kinder

opferte und Sonja vergaß oder vielmehr absichtlich verschwieg? Warum

verschwieg sie Sonja? Hätte sie das nicht getan, so wären vielleicht alle vier

verschont geblieben. Und wenn alle vier gestorben wären? Nein, das könnte

nicht sein: sie hätte ja alles geopfert, und wer alles opfert . . . Warum hatte sie

dennoch nicht alle geopfert? Diese Frage zermarterte ihr Hirn und ließ sie nicht

mehr los.

Und wenn jetzt auch Sonja stirbt? Sie sagte ja eben, daß sie alles opfern

möchte; also auch Sonja? — diese Frage machte sie erschaudern. Sie war wie

von Sinnen.

»Sonja, Sonja! Wo bist du?« Jeden Augenblick sah sie sich unruhig nach ihrer

Tochter um, obwohl diese nicht von ihrer Seite wich.

Zu den quälenden Gewissensbissen und der Sorge um die einzige Tochter

gesellte sich noch die Sorge um den geliebten Mann, dessen Leben mit dem Leben dreier teurer Kinder erkauft war. Pjotr Nikolajewitsch war ganz

heruntergekommen und verließ sein Zimmer nicht mehr; er konnte nur mit Mühe

seine Beine schleppen, sein Gesicht war blau angelaufen, seine Haare klebten

am Schädel, und seine welke, blasse Haut schien ganz lose am Körper zu

hängen.

In allen Zimmern verbreitete sich plötzlich ein übler, dumpfer Geruch.

Das Haus war alt und beherbergte eine Menge Ratten, — ganze Generationen

hausten unter den Dielen. Es kam vor, daß irgendeine uralte Ratte verendete; der

unerträgliche Geruch rührte wohl von einer solchen toten Ratte her. Zu einer

andern Zeit hätte Pjotr Nikolajewitsch sicher die Stelle gefunden, man hätte ein

Dielenbrett aufgebrochen und den Kadaver entfernt; er kümmerte sich aber nicht

mehr darum.

Allen, die jetzt noch nach ›Gottessegen‹ kamen, war es klar, daß es unmöglich

so weitergehen könne, daß früher oder später irgendein Ende, ganz gleich was

für eines, kommen müsse. Und alle warteten gespannt auf das Ende. Drei Tage

und drei Nächte wollte man noch warten. Zwei Tage und zwei Nächte waren

aber schon abgelaufen.

Am Samstag wurde im Hause eine Abendmesse gelesen. P. Iwan sparte nicht

mit dem Weihrauch, und alle gingen mit Kopfschmerzen zu Bett.

»Nachts ließ mich der gnädige Herr kommen«, berichtete später der alte

Michej, »und sagte mir: ›Lieber Michej, hole mir bitte gleich einen jungen Hahn

um Christi willen! Ich werde dir diesen Dienst nie vergessen!‹ — ›Gnädiger

Herr‹, sage ich ihm, ›was wollen Sie mit dem Hahn um diese Stunde? Es ist ja

Nacht!‹ Er sagt darauf nichts, blinzelt mir nur so mit einem Auge zu, als ob er

sagen wollte: Rate mal selbst, wozu ich ihn brauche! — Ich ging in den

Hühnerstall, suchte einen recht schönen, fetten Hahn aus und brachte ihn ihm.

Auch ein Messer brachte ich gleich mit. Der Herr nahm das Messer und begann

den Hahn zu schlachten; er hatte aber nicht mehr die Kraft, es ordentlich zu tun,

und der Hahn zappelte lange in seinen Händen. Endlich war er mit dem Hahn

doch fertig geworden, — eine große Blutlache war auf dem Boden, auch er

selbst war ganz mit Blut beschmiert. Das hatte ihn wohl etwas erleichtert. —

›Weißt du, Michej‹, sagte er mir dann, ›jetzt hätte ich Lust, mir eine Leiche

anzusehen!‹ — ›Gott sei mit Ihnen!‹ sage ich ihm. — ›Wo soll man jetzt eine

Leiche hernehmen?‹ Es überläuft mich ganz kalt, und ich sehe, daß auch der

Herr nur so mit den Zähnen klappert. — ›Und wo ist Sonja?‹ fragt er noch und

sieht mich dabei so an . . . Bis an mein Ende werde ich daran denken, wie er

mich ansah! — ›Im Schlafzimmer‹, sage ich ihm, ›bei der gnädigen Frau.‹ Da

beruhigte er sich ein wenig, und ich ging fort und legte mich hin.«

Die Haushälterin Darja Iwanowna erzählte: »Ich erwachte mitten in der Nacht und höre einen Kater miauen. Und ich denke mir: ›Was mag das für ein Kater

sein?‹ Ich rufe ihn an, doch er faucht nur so.«

»Einen Hahn haben wir wirklich krähen hören«, bestätigten die anderen

Hausbewohner.

Der Hahn brachte Pjotr Nikolajewitsch keine Erleichterung, und es war doch

so ein prächtiger Hahn gewesen! Seine Kräfte gingen zur Neige, es war ihm, als

ob er ersticken müßte. Er richtete sich in seinem Bett auf und keuchte:

»Alle waren verlorengegangen — Mischa, Lida, Sina und Sonja, und alle

haben sich wieder eingefunden, bis auf Sonja! Sonja fehlt noch!«

Das Verlangen, Sonja sofort zu suchen, trieb ihn aus dem Bett und führte ihn

aus dem Zimmer. Das Messer noch immer in der Hand haltend, kroch er auf

allen vieren ins Schlafzimmer seiner Frau.

Die Schlafzimmertür war nur angelehnt. Vor dem Heiligenbild glimmte ein

Öllämpchen. Sonja schlief bei ihrer Mutter, das Gesicht zur Tür gewandt.

»Mein kleines, liebes Hühnchen!« murmelte Pjotr Nikolajewitsch, an das Bett

herankriechend.

Sonja schlug die Augen auf und richtete sich auf. Mit Schrecken sah sie den

zitternden, blutbefleckten Vater und reckte ihren Schwanenhals.

»Du liebes, kleines Hühnchen!« flüsterte er und bemühte sich, vom Boden

aufzustehen.

Und er richtete sich auf.

Der Schwanenhals reckte sich im Schein des Öllämpchens unter dem

blitzenden Messer noch mehr. Einen Augenblick noch — und ein kirschrotes

Halsband hätte den Schwan erwürgt. Pjotr Nikolajewitsch hatte aber nicht mehr

die Kraft. Es gab keine Rettung mehr für ihn. Das Messer entglitt seiner Hand

und fiel zugleich mit der Haut, die sich von seinen Fingern loslöste, zu Boden.

Der Alte fuhr zusammen und setzte sich auf den Teppich. Er begann plötzlich

einzuschrumpfen. Die Nase, der Mund, die Ohren, alles Fleisch sammelte sich

zu dicken Falten, die sich aufblähten und zerplatzten, und ein dünner, klebriger

Brei löste sich von den weißen Knochen und floß zu Boden.

Das Licht des Lämpchens fiel auf einen ganz nackten, blinden Totenkopf; er

war weiß wie Zucker und schien zu grinsen. Im gleichen Augenblick wurde die

Tür von einem Flammenmeer aufgerissen. Die Flamme warf der Mutter, der

besinnungslosen Tochter und dem Totenkopf einen stechenden Blick zu, reckte

sich zur Zimmerdecke empor und flog als roter Hahn knisternd durch die

Räume.

Das Haus stand in Flammen.