Prinzessin Mymra, Novellen und Träume

Alexej Remisow · Kapitel 8 von 42

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Prinzessin Mymra, Novellen und Träume

Das Opfer

 

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Jeder, der das alte Suchotinsche Gut ›Gottessegen‹ auch nur einmal besucht hat,

wird es mit gutem Gewissen loben können. Nicht zum Spott trug es von alters

her seinen Namen, und einen besseren könnte man, soviel man auch klügelte,

gar nicht finden: es gab zwar in seinen Gärten keine Weintrauben, auch sangen

da keine Paradiesvögel, doch der Segen Gottes ruhte sichtbar auf dem guten

Lande.

Das alte, von Säulen flankierte Herrenhaus, die Ahornallee, der Obstgarten,

die Wiesen, Felder und Wälder, Vieh und Menschen — kurz alles, was es in

Gottessegen gab, rief nicht nur bei den Nachbarn, sondern auch bei jedem

andern Menschen, der auf der Durchreise geschäftlich oder sonst aus

irgendeinem Grunde in die Gegend kam, helles Entzücken hervor; selbst bei dem

blasierten, elegant zurechtgestutzten Petersburger und dem zerzausten,

verwöhnten Moskauer.

Das Haus war reich, wohl bestellt und in musterhafter Ordnung. Bei Gott —

da brauchte man keine Biene zu beneiden!

Der Gutsherr Pjotr Nikolajewitsch Suchotin selbst war durch seine Einfälle

und Witze weit und breit bekannt: wenn er in eine beliebige Gesellschaft kam

und bloß den Mund öffnete, so verstummte für keinen Augenblick das Lachen.

Alle lachten mit — Bekannte und Unbekannte. Ganz ohne Unterschied.

Sonderbar war das Gesicht dieses stark ergrauten, sich immer

gleichbleibenden Herrn. Die Jahre gingen, er hatte die Vierzig längst hinter sich,

und doch lag immer der gleiche Ausdruck auf seinen unveränderlichen,

gleichsam versteinerten Zügen; wenn sich alle in Lachkrämpfen wanden, blieb

das totenblasse Gesicht des Sonderlings ganz regungslos, und niemand sah ihn

lachen oder lächeln. Man sah nur unheimliche Funken in seinen unbeweglichen,

eingefallenen Augen glimmen. Wenn er mit seinen Witzen nur so um sich warf,

mußte man seltsamerweise immer an eine mechanische sprechende Puppe

denken, und als jemand einmal versuchte, das, was er sprach, aufzuschreiben, da

standen auf dem Papier ganz gewöhnliche Worte ohne jede komische Wirkung.

Obwohl also sein seltsames Aussehen sowenig zu seinen Scherzen paßte, fiel

es doch niemandem ein, zu untersuchen, worauf die Wirkung seiner Worte

beruhte und warum sie überall Lachen und Fröhlichkeit hervorriefen. Es gibt aber Menschen, die gern jedem Rätsel auf den Grund kommen — solche Käuze

findet man überall —, und diese gaben eine treffende Erklärung: sie sprachen

von geschicktem Mienenspiel, von fein berechnetem Satzbau, vom

ungewöhnlich scharfen Blick seiner Augen — alles war ihnen klar und

verständlich. Glücklicherweise merkte sich niemand diese abgeschmackten

Erklärungen. Niemand fragte nach den Gründen, alle kugelten sich vor Lachen

— was wollte man noch mehr?

Pjotr Nikolajewitsch bekleidete keinerlei Ämter und zeigte auch gar kein

Interesse für öffentliche Angelegenheiten. Vor Jahren war er einmal zum

Adelsmarschall des Bezirks gewählt worden. Man denkt noch heute mit Grauen

an diese Zeit! Niemand kann zwar behaupten, direkte Unannehmlichkeiten

während Suchotins Amtstätigkeit gehabt zu haben; im Gegenteil: es war die

lustigste Zeit, und alle Amtsgeschäfte wurden von ihm in überaus lustige

Streiche verwandelt; doch im Resultat entstand ein solches Durcheinander, es

kamen solche Ungereimtheiten und noch Gott weiß was für Dinge an den Tag,

daß sich niemand mehr auskannte. Jeder, der Pjotr Nikolajewitsch nicht genauer

kannte, mußte im besten Falle glauben, der Adelsmarschall sei nicht bei Trost.

Ich glaube sogar, daß in Petersburg — in einem Salon oder bei einem Vortrag

beim Minister — sich jemand gerade in diesem Sinne ausgesprochen hat. Zum

Glück hatte das keine weiteren Folgen.

Jeder Mensch hat doch seine Eigenheiten; warum sollte da Pjotr

Nikolajewitsch eine Ausnahme bilden?

Pjotr Nikolajewitsch hatte die Passion, alles zu ordnen und aufzuräumen; er

machte das auf eine so scharfsinnige Weise, daß es nachher sehr schwer und oft

sogar ganz unmöglich war, einen von ihm eingeräumten Gegenstand zu finden:

viele Dinge, und selbst solche, die man dringend brauchte, gingen spurlos

verloren. Dann liebte er es, die Möbel — Tische, Stühle und Etageren —

umzustellen, Bilder umzuhängen und die Bücher in der Bibliothek umzuordnen;

damit füllte er gewöhnlich den ganzen Vormittag aus. Beim Mittagessen

bevorzugte er die süßlichen Fleischspeisen, wie Eingeweide, Hirn und

Kalbsfüße, und da er im Essen unmäßig war, verdarb er sich oft den Magen und

klagte über Leibschmerzen. Eine weitere Liebhaberei von ihm war das Heizen

der Zimmeröfen: es fror ihn beständig, und er ging mit einem langen Schürhaken

von Ofen zu Ofen und rührte die Glut um. Er liebte es, sich mit Dienstboten und

Bauern in Gespräche einzulassen; obwohl solche Gespräche immer mit der

Erörterung ernsthafter Angelegenheiten begannen, endeten sie doch immer mit

irgendeinem Unsinn, was höchst unerwünschte Folgen hatte: nicht nur daß die

Leute vor Pjotr Nikolajewitsch keinen Respekt hatten, sie glaubten — offen

gestanden — kein Wort von dem, was er sagte. Außerdem versprach er ihnen ganz unmögliche Dinge; so schenkte er einem jeden etwas von seinem

Landbesitz, freilich ein nicht sehr großes Stück: nur drei Schritt lang und einen

Schritt breit — so ein närrisches Maß hat er sich ausgedacht! Was noch? Ja, er

hatte die Leidenschaft, eigenhändig Geflügel zu schlachten, und konnte es darin

mit jedem Küchenmeister aufnehmen: niemals entriß sich ihm ein Huhn mit

halbdurchgeschnittenem Hals, oder rannte gar ohne Kopf flügelschlagend umher,

wie es bei minder geschickten Köchen vorkommt. Schließlich sah er sich gern

Leichen an, und je grauenhafter so ein Toter aussah, je fortgeschrittener die

Verwesung war, desto mehr Genuß hatte er von dem Anblick. Sooft im Dorf

jemand starb, mußte es der Dorfpope, P. Iwan, in das Herrenhaus melden; sofort

wurde der Wagen angespannt, und Pjotr Nikolajewitsch ließ alles stehen und

liegen und eilte an den Ort oder nach dem Hause, wo die Leiche lag.

Suchotins Frau — Alexandra Pawlowna — spottete manchmal höchst

gutmütig über die Liebhabereien ihres verwöhnten Mannes, dem sie übrigens in

inniger Liebe zugetan war; man hätte auch alle diese Eigenschaften, die

schließlich Pjotr Nikolajewitschs Privatangelegenheiten waren, kaum beachtet,

wenn nicht ein unsinniges Gerücht aufgetaucht wäre, das die Ehre und den guten

Ruf von ›Gottessegen‹ in Frage stellte.

Vor zwei Jahren kam aufs Gut ein alter Freund Pjotr Nikolajewitschs, der ihn

noch vom Petersburger Lyzeum her kannte und seit jener Zeit nicht mehr

gesehen hatte. Der Grund des plötzlichen Erscheinens dieses Gastes blieb

unbekannt; niemand fragte ihn danach, und sein Kammerdiener schwatzte im

Dienstbotenzimmer höchst verworrenes Zeug darüber: der General sei

gekommen, um den revoltierenden Bauern Schrecken einzujagen oder auch um

das ganze Land unter ihnen aufzuteilen. Das ist übrigens gar nicht so wichtig;

konnte er denn nicht auch aus purer Neugier hergekommen sein?

Der Gast wurde von Alexandra Pawlowna freundlich aufgenommen; sie

bedauerte sehr, daß nicht die ganze Familie in ›Gottessegen‹ versammelt war —

die Kinder waren nämlich verreist — und daß der Gast sich daher etwas

langweilen werde. Der General war aber in bester Stimmung; er erzählte viel

von seinen freundschaftlichen Beziehungen zu Pjotr Nikolajewitsch und schien

kein Verlangen nach anderer Gesellschaft zu haben. Mit Ungeduld erwartete er

seinen Freund, der gerade an diesem Tage vom frühen Morgen an irgendwo auf

dem Dorfe bei einer Leiche steckte und erst gegen Abend nach Hause kam. Als

die Freunde sich gegenüberstanden, geschah etwas sehr Seltsames: der Gast war

sichtlich erschüttert, erschrocken und begann am ganzen Leibe zu zittern. Hatte

er seinen Freund nicht gleich erkannt, oder hatte er ihn erkannt, aber eine solche

Veränderung an ihm wahrgenommen, daß es ihn schwindelte, oder war ihm in

seinem Gesicht, in seinem Gang oder in seiner Sprache etwas ganz Unerwartetes, Unwahrscheinliches und Unmögliches aufgefallen — das weiß

niemand! Der General taumelte einen Schritt zurück, warf die Arme empor und

fiel in Ohnmacht.

In den folgenden Tagen war der Gast schweigsam und traurig; er schielte

argwöhnisch nach allen Seiten, sagte zu allem ja und lächelte so unglücklich wie

einer, der sehr unerwartet in eine ganz gewöhnliche Presse hineingeraten ist, wo

er jeden Augenblick zu einem Brei zerquetscht werden kann. Er blieb noch an

die acht Tage in ›Gottessegen‹ und jagte eines Morgens ganz plötzlich, ohne

Gepäck und nicht ganz angekleidet, auf und davon; vor der Abreise war er wie

verrückt, murmelte etwas ganz Unsinniges vor sich hin und zeigte allen Leuten

irgendwelche Schriftstücke, die er verkehrt in der Hand hielt. Und bald nach

seiner Abreise tauchten alle die Gerüchte bei den Nachbarn und in der Stadt auf.

Man erklärte plötzlich, das berühmte Suchotinsche Gut sei gar nicht so

hervorragend, das Haus sogar etwas schadhaft: der nach dem Brande neu

errichtete Teil falle von den übrigen ab; auch der Garten sei in keiner Weise

bemerkenswert: er sei zwar alt und schattig, doch könne man bei einer Reise

durch Rußland viele solcher Gärten sehen; an den Feldern und Wäldern sei zwar

nichts auszusetzen, aber sie seien durchaus nicht einzig in ihrer Art; und was die

Bauern betreffe, so seien sie gar nichts wert: verarmt und ohne Landbesitz;

einmal seien sie schon ausgewandert, dann wieder zurückgekehrt, und wenn sie

auch bei den letzten Unruhen das Herrenhaus nicht niedergebrannt und den

Pferden nicht die Augen ausgestochen hätten, wie es beim Nachbar Bessonow

geschehen war, so hätten sie doch unzweifelhaft die Absicht gehabt, das Haus

anzuzünden, alles zu verwüsten und sich das Land anzueignen. Und von Pjotr

Nikolajewitsch selbst erzählten sich die Leute, nach Aufzählung aller seiner

Eigenheiten, solch ungereimtes Zeug, daß ich mich schäme, es wiederzugeben.

Schließlich waren alle darin einig, daß man das Haus und die Leute unter allen

Umständen meiden müsse: der Ort sei unrein.

Einer von den guten Freunden riet Alexandra Pawlowna sogar, sich beim

Gouverneur zu beschweren. Sie wollte davon aber nichts wissen: an dem ganzen

Gerede sei kein wahres Wort, und sie wolle nicht noch mehr Staub aufwirbeln.

Und in der Tat: was so ein argwöhnischer Mensch in seinem argwöhnischen

Gehirn nicht alles ausdenken kann!

Übrigens hörte das Gerede nach einiger Zeit ganz von selbst auf: die Leute

sind doch nicht so dumm, wie sie zuweilen scheinen.

Und so blieb alles beim alten: ›Gottessegen‹ ist ein Paradies, die Familie

Suchotin das Muster einer guten Familie, und Pjotr Nikolajewitsch zwar ein

Sonderling, doch von seltener Unterhaltungsgabe.

Alexandra Pawlowna war das eigentliche Haupt des Hauses, und ihrer Begabung wurde auch der Wohlstand und die musterhafte Ordnung der ganzen

Wirtschaft von ›Gottessegen‹ zugeschrieben. Sie war ziemlich wortkarg, hatte

einen festen Willen und verstand, die Leute im Zaume zu halten. Man hatte vor

ihr Respekt und vertraute ihr blind. Sie hatte früh und aus Liebe geheiratet und

schenkte in den vier ersten Ehejahren vier Kindern, drei Töchtern und einem

Sohn, das Leben. Ihr ganzes Leben verging in ununterbrochenen Sorgen um die

Kinder und um die Wirtschaft, und diese Sorgen wuchsen ihr allmählich über

den Kopf, je größer die Kinder wurden und je komplizierter die Wirtschaft. Sie

war aber bereit, jede Last zu tragen, wenn sie damit dem Gatten und den Kindern

das Leben angenehm machen konnte. Und niemand hatte Grund zu klagen:

weder der Gatte noch die Kinder.

Jeden Abend saß sie glücklich und freudestrahlend am Klavier. Ihre kräftigen

Finger griffen sicher in die Tasten, und feierliche Klänge zogen durch die hohen

Räume.

Wenn irgendein heimatloser Landstreicher zufällig in das erleuchtete Fenster

geschaut und die zufriedene Frau am Klavier erblickt hätte, wie würde er da vor

Neid vergehen! Wie würde er sein finsteres Schicksal verfluchen! Wie willig

würde ein Verirrter ihrer Stimme folgen!

Der Konteradmiral Paleolog, der Taufpate der jüngsten Tochter Sonja, dessen

Meinung immer für maßgebend galt und in der Stadt wie auch auf allen

Landsitzen gern zitiert wurde, pflegte Alexandra Pawlowna ›eine verführerische

Brünette‹ zu nennen. Und er hatte wie immer recht. Wer würde glauben, daß

diese verführerische Brünette, die das Hauswesen so gut zu führen verstand und

ein schönes Familienleben lebte, sich einmal für das unglücklichste Geschöpf

auf Gottes Erde gehalten hatte? Freilich waren viele Jahre seitdem vergangen,

und jede Erinnerung an jene Zeit war vom immerwährenden Glück und Erfolg in

allen Dingen vollkommen ausgelöscht. Vor fünfzehn Jahren, bald nach Sonjas

Geburt, wäre ›Gottessegen‹ um ein Haar verlorengegangen: das schöne Haus

war beinahe verbrannt und Pjotr Nikolajewitsch beinahe in den Flammen

umgekommen; Alexandra Pawlowna aber rettete alles.

Im Herbst und im Winter, wenn die Kinder fort waren, verbrachte Alexandra

Pawlowna ihre Tage unter vier Augen mit ihrem Mann; sie sah ihn mit der

gleichen Liebe und Zärtlichkeit an wie vor zwanzig Jahren, und er erschien ihr

ebenso verliebt wie damals; in solchen Augenblicken verschwand die tiefe

Furche, die sonst zwischen ihren Brauen lag. Doch er stand vor ihr, ganz

ausgetrocknet, lang wie eine Hopfenstange, mit ergrautem Haar und

totenblassem Gesicht, starrte sie unverwandt an mit seinen unbeweglichen

Augen und grinste.

»Ich kenne keine Langeweile«, wiederholte er zum tausendsten Mal; »Mir ist es immer leicht ums Herz!« Das klang so wie: ›Mir ist alles gleich, ich brauche